"Ich war ein Nimmersatt"

Mit sechzehn zerschnitt Birgit Minichmayr ihre T-Shirts und hätte jede Rolle gespielt. Heute kann sie Kaschmir tragen und sich die Rollen aussuchen. Ein Gespräch über Theater, Vorbilder und ihre Stimme.

Frau Minichmayr, Sie haben ein Foto von 1998 ausgewählt. Wissen Sie noch, wie damals Ihre Stimme klang?
Birgit Minichmayr:
Um einiges heller als heute. Ich habe kurz vor der Schauspielschule 1995 zu rauchen begonnen: Durch die Zigaretten und die Arbeit auf der Bühne wurde meine Stimme immer rauher. Vorher habe ich fast das hohe C geschafft. Davon war ich aber an diesem Abend in Zürich, an dem das Foto entstanden ist, noch nicht so weit entfernt.

Warum ist dieses Bild etwas Besonderes für Sie?
Das Foto entstand bei meinem ersten Job als Schauspielerin, für den ich Geld bekommen habe. Wir spielten unter dem Titel Alles ist zu ertragen, nur nicht Überglücklichkeit Szenen von Robert Walser. Die 12 000 Franken für drei Monate Arbeit habe ich komplett für Weihnachtsgeschenke ausgegeben – für meine Eltern, Freunde und für mich. Welche Erwartungen hatten Sie damals an Ihren Beruf?
Ich war ein Nimmersatt, ich wollte alles spielen. In meiner ersten Zeit am Wiener Burgtheater hatte ich fünf Premieren pro Jahr. Das könnte ich heute nicht mehr. Mittlerweile mache ich den Beruf zehn Jahre und verschwende mich nicht mehr so, dass ich alles mache, machen muss, machen möchte.

Mussten Sie sich derart verausgaben, um heute da zu stehen, wo Sie sind?
Ich glaube nicht, dass Karriere planbar ist. Es hat so viel damit zu tun, dass man zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort die richtigen Leute trifft.

Wer waren diese richtigen Leute bei Ihnen?
Klaus Maria Brandauer gehört dazu oder Monica Bleibtreu. Lebenskluge Menschen, die als Künstler zu Einmaligkeit durchgedrungen sind. Brandauer war mein Lehrer auf der Schauspielschule. Mich hat sehr geprägt, wie er Stücke sieht, wie er über den Beruf spricht, wie er mit Texten umgeht. Er war nicht der tätschelnde Papa, sondern hat mich extrem gefordert. Später war es mir sehr wichtig, mit Regisseuren wie Luc Bondy zu arbeiten, mit Frank Castorf oder René Pollesch. Ich wollte erfolgreich werden – aber nicht um des Erfolges willen, sondern weil ich auf einem hohen Niveau arbeiten wollte. Wäre mir das nicht gelungen, hätte ich die Schauspielerei aufgegeben.

Hat Sie der Beruf verändert?

Ich bin selbstbewusster geworden. Eines aber habe ich mir über die Jahre bewahrt: meine Grundbodenständigkeit, die mir meine Eltern immer vorgelebt haben.

Und Ihr Stil? Hat er sich mit den Jahren gewandelt?
Zum Glück! So wie mit 16 möchte ich nicht mehr herumlaufen. Damals habe ich mit einer Freundin weiße T-Shirts mit der Schere so bearbeitet, dass sie einen extrem weiten Ausschnitt hatten. Später, in meiner WG-Zeit, habe ich mich ständig kostümiert. Dann kam die Existenzialistenphase, in der ich mir die Haare schwarz gepinselt habe, später der Grunge-Look, danach wieder trug ich Arbeiterklamotten. Irgendwann fand ich auch Punk-Mode ganz toll. Heute kleide ich mich eher schlicht, allerdings habe ich eine Vorliebe für schöne Stoffe entwickelt. Ich bin zum Beispiel ein absoluter Kaschmir-Fan.

Respekt, Sie haben viel experimentiert. Färben Rollen auf den persönlichen Stil ab?

Ja, denn das Kostüm ist für mich wie eine zweite Haut. Wenn ich eine neue Rolle probe oder spiele, kann es schon mal passieren, dass ich privat so herumlaufe, aus reiner Lust am Verkleiden. 2009 haben Sie den Silbernen Bären bei der Berlinale gewonnen, den Nestroy-Preis erhalten und wurden zur besten Schauspielerin des Jahres gekürt. Ein einmaliges Jahr. In dieser Form wird sich das nicht wiederholen, es ist ja im Theater und im Film gleichzeitig so gut gelaufen!Was hat Sie dieses Jahr gelehrt? Es hat mich bestätigt, dass ich ein gutes Händchen hatte, was die Auswahl der Rollen betraf.

Was die Schauspielerei angeht, haben Sie inzwischen Maßstäbe gesetzt. Sind Sie nun selbst ein Vorbild?
Ja, ich merke schon, dass mir die jungen Kollegen Komplimente machen für mein Spiel. Mir ist es jedoch wichtiger, sie zu ermutigen – dass sie auf sich selber vertrauen und ihre Leidenschaft ausleben. Ich habe kürzlich in Frankfurt zum ersten Mal Schauspielschüler unterrichtet. Das war großartig. Bei der anschließenden Aufführung war ich furchtbar nervös. Ich stand wie ein Boxtrainer neben der Bühne und habe bei jeder Bewegung und bei jedem Satz mitgefiebert. Ich habe selten so geschwitzt.

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Die Österreicherin Birgit Minichmayr, 32, spielte unter anderem am Wiener Burgtheater. 2009 wurde sie als beste Darstellerin in dem Film "Alle anderen" mit dem silbernen Bären ausgezeichnet.

Peter Rigaud/ Shotview Photographers (Fotos)

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