»Ich habe deinen Geruch geliebt«

Romina Power und Albano Carrisi waren ein Traumpaar, sie sangen gemeinsam von ihrem Glück. Doch es kamen schlechte Zeiten. Ein Gespräch über den Schah, die Schwiegermutter und die Tochter, die nie zurückkehrte.

Carrisi und Power wirken immer noch eingespielt – obwohl sie seit 19 Jahren getrennt sind.

Foto: Andy Kania

»Hotel Intercontinental«, Berlin. Zuerst ist er da: Albano Carrisi, weißer Strohhut, Seidentuch, fester Händedruck. Dann weht Romina Power im hellen Kleid herein, die Haare lang, nur nicht mehr dunkel, sondern blond. Die Hündin Daisy rollt sich zu ihren Füßen zusammen.

Albano Carrisi und Romina Power, der süditalienische Bauernsohn und die glamouröse Tochter des US-Schauspielers Tyrone Power, waren ein fast unwirkliches Paar. Sie sangen nicht nur vom großen Glück (»Felicità«), sie lebten es, auch auf der Bühne. Sie umtänzelte ihn und lächelte ihn verliebt an, in 25 gemeinsamen Jahren bekamen sie vier Kinder und eroberten die Zuschauer von Südamerika bis nach Russland.

Dann, 1994, verschwand die älteste Tochter in New Orleans. Sie trennten sich und traten nicht mehr zusammen auf. Er bekam mit einer anderen Frau zwei Kinder, kürzlich trennte er sich von ihr. Carrisi verfasst biografische Bücher, Power schreibt Romane. In den vergangenen vier Jahren gaben sie wieder zusammen Konzerte, wieder in vollen Hallen, doch Albano Carrisi kündigte an, seine Gesangskarriere ende mit diesem Jahr.

SZ-Magazin: Frau Power, Herr Carrisi, lesen Sie die Bücher des anderen?
Albano Carrisi: Nein.
Romina Power: Nein.
Carrisi: So etwas lese ich nicht.
Power: Wie?
Carrisi: Na, Romane. Wüstengeschichten.
Power: Was soll denn das heißen, Wüstengeschichten?
Carrisi: Während du einen Roman liest, bist du einsam wie in einer Wüste. Egal wo du bist, im Flugzeug, im Zug, am Strand, zu Hause: Wenn du liest, bist du einsam. Gefangen in einer Wüste. So meine ich das.
Power: Was hat das damit zu tun, dass du noch nie ein Buch von mir gelesen hast?
Carrisi: Na gut. Ich hatte keine Zeit.
Power: Sehen Sie, er schreibt seine Bücher ja gar nicht selbst. Er erzählt jemandem was, und der macht daraus ein Buch. Darum lese ich das nicht.
Carrisi: Das stellst du jetzt sehr verkürzt dar. Ich arbeite viel, wann soll ich da ein Buch schreiben? Außerdem hat es sich von selbst ergeben. Ich saß mit meinem Patensohn zusammen, den ich von Kindesbeinen an kenne, erzählte ihm ein paar Geschichten, da dachte er, es sei eine gute Idee, das alles aufzuschreiben. Was ist daran verwerflich?
Power: Nichts. Ich sage nur, dass du eben schreiben lässt. Das, was ich schreibe, kommt aus mir heraus, ich bringe es selbst aufs Papier, und das ist nicht einfach. Ich sitze jeden Tag nach meinem Frühstückskaffee stundenlang am Schreibtisch und arbeite an meinem Roman. Und dann verkauft er sich zehntausend Mal. Höchstens.

Ist doch gar nicht so schlecht.
Power: Ich könnte nicht davon leben. Ich habe eine Naturkosmetik-Linie.
Carrisi: Du verkaufst deine Bücher nur in Italien. Vielleicht hättest du mehr Erfolg in den USA?
Power: Nein, da bin ich mir sehr sicher. Als mein erstes Baby auf der Welt war, fing ich an, ein Buch über meinen Vater zu schreiben. Damals war er in den USA noch sehr bekannt.

Ihr Vater war der Schauspieler Tyrone Power. Er starb mit 44 Jahren an einem Herzinfarkt, während der Dreharbeiten zum Film Salomon und die Königin von Saba, in dem er die Hauptrolle spielte.
Power: Ich war sieben, als er starb. Damals ging ich schon ins Internat, ich habe kaum Erinnerungen an ihn. Ich hätte ihn so gern gekannt! Deshalb habe ich dann mit allen möglichen Leuten über ihn gesprochen. Mit seinen Kollegen, meinen Geschwistern, mit Menschen, die er geliebt hatte.
Carrisi: Vielleicht hast du das verdrängt, aber das Buch über deinen Vater habe ich sehr wohl gelesen. Ich habe dir sogar ziemlich viel geholfen.
Power: Stimmt, du warst mein Testleser. Ich habe das Buch Searching For My Father genannt. Aber niemand in den USA interessierte sich dafür, niemand wollte es veröffentlichen.

Sie begegneten einander in den Sechzigerjahren in Rom. Erinnern Sie sich daran, was Sie dachten, als sie einander zum ersten Mal sahen?
Carrisi: Das weiß ich noch sehr genau. Wir haben Probeaufnahmen für einen Film gemacht.
Power: Ich war 16, er 24.
Carrisi: Sie fiel mir auf, weil sie meistens abseits saß und strickte.
Power: Klar, irgendwas Nützliches muss man doch tun am Set. Man kommt aus der Maske, total gestylt und ins Kostüm drapiert, und dann wartet man, manchmal stundenlang. Also bat ich die Kostümbildnerinnen, mir zu zeigen, wie man strickt.
Carrisi: Und da saß diese Schönheit und strickte wie ein süditalienisches Weiblein.

Es gibt das Gerücht, dass Sie, Herr Carrisi, sich in einer Szene dieses Films absichtlich dämlich anstellten, um Romina Power immer wieder küssen zu können. Stimmt das?
Carrisi: Ja. Aber wir haben uns schon auch abseits der Dreharbeiten geküsst. Das ging drei Tage lang so. Dann war es erst mal vorbei.
Power: Das Leben am Set beschleunigt Dinge, die im echten Leben länger brauchen.

Frau Power, was dachten Sie damals über Albano Carrisi?
Power: Er unterschied sich von den Männern und Jungs, die ich bis dahin kannte, den Freunden meiner Mutter und den Party-Jungs in Rom. In den Sechzigerjahren war Rom eine einzige große Party. Und Albano war ein Junge vom Land, unverdorben, spontan, natürlich. Das gefiel mir.

Sie lebten mit Ihrer Mutter in Rom?
Power: Mit meiner Mutter und meiner Schwester, ja, aber etwas außerhalb von Rom. Eigentlich war ich in England im Internat, aber die Sommerferien verbrachte ich immer in Italien. Mit 13 tanzte ich mit meiner Schwester jeden Abend am Pool eine kleine Choreografie, die wir uns ausgedacht hatten. Da kam ein Talentscout vorbei und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, in einem Film mitzuspielen.

Das war der Film Ménage all'italiana von Dino De Laurentiis, mit Ugo Tognazzi. Kannte der Scout Ihren Vater?
Power: Nein. Er hatte keine Ahnung, wer ich war, es war wirklich Zufall. Jedenfalls wollten sie mich nach den Probeaufnahmen nicht nur für diesen Film, sondern für sieben Jahre unter Vertrag nehmen. Meine Mutter sagte Nein zu den sieben Jahren, aber Ja zum Film. Die Aufnahmen begannen im Oktober. Nach dem Dreh wollte ich zurück ins Internat, aber die nahmen mich nicht mehr. Sie sagten, der Stundenplan ordne sich nicht dem Terminkalender von Romina Power unter. Dann habe ich doch weitere Filme gedreht und mich selbst unterrichtet. Ich verschlang die Bücher von Aldous Huxley und Hermann Hesse, für Französisch und fürs Tanzen allerdings hatte ich Lehrer. Ich fing an, große Leinwände zu bemalen. Ich habe mir im Grunde von da an alles selber beigebracht.

Herr Carrisi, haben Sie gleich gespürt: Romina ist die Frau meines Lebens?
Carrisi: Nein, ich wusste nur, die Frau gefällt mir. Allerdings war ich mir ziemlich sicher, dass das mit uns nicht lange gut gehen würde. Mir war ja klar, sie ist Amerikanerin, sie hat eine ganz andere Mentalität als ich. Ich dachte, wenn es gut läuft, hält es ein Jahr, höchstens zwei.
Power: Was für ein Pessimist du bist!
Carrisi: Nein, ich bin Realist.

In Deutschland würde man dazu Zweckpessimismus sagen.
Power: Ach, Sie meinen, aus Angst, enttäuscht zu werden, lässt man etwas lieber gleich bleiben?
Carrisi: Das trifft überhaupt nicht auf mich zu. Ich habe zwar nicht daran geglaubt, dass wir auf Dauer zusammenbleiben würden. Aber ich wollte keinen Moment mit diesem unglaublichen Mädchen verpassen. Alles war schön mit ihr: spazieren gehen, wie sie roch, diese langen Haare. Keine Frau konnte neben ihr bestehen.
Power: Dein Geruch! Ich habe deinen Geruch auch geliebt.
Carrisi: Aber du warst unberechenbar. Nach unseren gemeinsamen Tagen am Set musste ich nach Bologna. Ich habe mich beeilt, wollte so schnell wie möglich wieder in Rom sein. Ich rief bei dir an. Du bist ans Telefon gegangen, hast prontogesagt, deine Stimme verstellt und den neapolitanischen Dialekt der Haushälterin imitiert: Romina non c'è, Romina ist nicht zu Hause.
Power: Stimmt. Ich habe gesagt: Ich bin Antonietta, Romina ist nicht da.
Carrisi: Dabei wusste ich genau, dass du es warst.

Warum wollten Sie ihn nicht sehen? Sie fanden ihn doch attraktiv.
Power: Ich war noch so jung. Ich war nicht bereit für eine solche Bindung. Außerdem hatte ich einen Freund, den Sohn eines berühmten Malers. Als ich mit Albano den Film drehte, war er in Indien, aber dann kam er wieder zurück.
Carrisi: Das war ja zu erwarten, dachte ich, sie ist eben Amerikanerin.
Power: Was soll das eigentlich heißen?
Carrisi: Ihr seid eben etwas - wechselhaft.
Power: Ach. Weißt du eigentlich, wie viele Amerikaner italienische Wurzeln haben?

Wo haben Sie einander wiedergesehen?
Carrisi: Erst mal verschwand Romina aus meinem Leben. Eines Tages richtete mir mein Mitbewohner aus, Romina hätte angerufen. Ich sagte, veralbern kann ich mich selber, bitte verschone mein armes Herz. Aber er beteuerte, dass es so war.

Frau Power, wie kam es zu dem Sinneswandel?
Power: Meine mexikanische Patentante war zu Besuch in Rom. Sie konnte die Zukunft aus den Händen lesen. Ich saß mit ihr vor dem Fernseher, wir sahen uns eine Sendung an, in der Albano auftrat und ein Lied sang, Il ragazzo che sorride. Meine Patentante sagte sofort: Ruf ihn an! Das ist der Mann deines Lebens!
Carrisi: Deswegen hast du angerufen?
Power: Ja.
Carrisi: Als ich sie wiedergesehen habe, ist mir das Herz wirklich fast aus der Brust gehüpft. Die nächsten dreißig Jahre bin ich ihr nicht von der Seite gewichen.

Was sagte Ihre Mutter zu Ihrer Wahl?
Carrisi: Als ich es ihr erzählte, sah sie aus, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Sie war außer sich vor Sorge und sagte ständig, was tust du nur, mein Junge?
Power: Na ja, es war ein bisschen anders. Sie sagte, alle Amerikanerinnen sind Huren. Und sie lassen sich scheiden.
Carrisi: In Süditalien war Scheidung eine Todsünde. Das hatte es in meiner Familie nie gegeben.

Frau Power, wie hat Ihre Mutter reagiert?
Power: Nicht ganz so heftig. Sie sagte, ich solle ruhig meine Liebschaft haben. Aber als wir heiraten wollten, war sie gar nicht glücklich. Sie fand, ich sei zu jung. Sie hatte ja recht. Ich war erst 18.
Carrisi: Romina war ein ungeschliffener Diamant. Aber ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass wir heiraten würden. Deine Mutter hat in mir nur den Bauern gesehen. Das blieb zum Glück nicht so. Nach einer Konzertreise in den Iran fing sie an, mich mit anderen Augen zu sehen. Ich sollte vor dem Schah singen und fragte Romina, ob sie mich begleiten würde.
Power: Er sollte vor dem Schah und seiner Frau Farah Diba in Teheran singen. Natürlich kam ich mit.
Carrisi: Und deine Mutter auch. Im Iran war gerade unser Film in den Kinos angelaufen, Nel Sole, bei dem wir uns kennengelernt hatten.
Power: Wir stiegen aus dem Flugzeug und waren sofort von Fotografen und Sicherheitspersonal umringt. Die Leute riefen unsere Namen. Meine Mutter verlor uns und blieb allein in der Menge zurück.
Carrisi: Als wir uns im Hotel wiedersahen, schrie ihre Mutter mich an: Du blöder Bauer!
Power: Sie war erst wieder besänftigt, als wir den Schah trafen.
Carrisi: Und er meine Stimme mochte. Plötzlich fand sie mich auch toll.
Power: Bitte, lass uns nicht mehr schlecht über meine Mutter sprechen.

Haben Sie auch geheiratet, weil alle dagegen waren? Aus Trotz?
Power: Nein.
Carrisi: Wir waren einfach total verliebt.
Power: Ich wurde schwanger. Das hat alles beschleunigt.
Carrisi: Immerhin waren wir da schon zwei Jahre zusammen.
Power: Ich weiß noch, dass wir in Griechenland auf dem Boot von Freunden waren, als ich den Test machte. Wir überlegten, was wir tun könnten. Ein Freund meinte, heiratet doch. Wir sahen uns an und sagten, ja, warum eigentlich nicht? Wir heirateten an dem einzigen Tag, an dem Albano in dem Jahr frei hatte. Es war ein Sonntag. Wir mussten den Pfarrer überreden, denn normalerweise kann man am Sonntag nicht heiraten.

Wer hat bei Ylenia die Windeln gewechselt?
Power: Ich. Aber ich wollte es auch so. Wir zogen weg aus Rom, nach Apulien, aufs Land.
Carrisi: Sie hat mich dazu überredet.
Power: Die Paparazzi in Rom hätten uns nicht in Ruhe gelassen. Damals war es erlaubt, mit Teleobjektiven durch die Fenster ins Haus zu fotografieren. Das ist in Italien inzwischen zum Glück verboten.
Carrisi: Sie hat sich einen Wald gewünscht. Wir haben einen Wald gekauft. Sie wollte ein Haus im Wald. Wir haben ein Haus im Wald gebaut.
Power: Es war wunderschön ruhig dort, in der Nähe gab es zwei Seen, die Strände des Salento waren noch leer.

War es nicht einsam?
Carrisi: Wir bekamen Besuch. Rominas Schwester, Freunde aus dem Ausland.
Power: Aber wir waren damals gar nicht so gesellig. Wir hatten ja auch zu tun. Wir hatten eine kleine Farm. Zur Hochzeit hatten wir ein Pferd geschenkt bekommen. Und eine Kuh, die viel Milch gab.
Carrisi: Und wir hatten ein Pony, Robinson Crusoe.
Power: Und einen Hund, natürlich.

Wie haben Sie Familie und Farm mit dem Bühnenleben vereinbart?
Carrisi: Ich bin noch eine ganze Weile allein aufgetreten.
Power: Und ich war zu Hause. Seine Mutter fing an, mich zu mögen und mir mit dem Baby zu helfen.

Bald waren es zwei Babys. Haben Sie ihnen Ihre Lieder vorgesungen?
Power: Ich habe ihnen Schlaflieder vorgesungen.
Carrisi: Ich auch.
Power: Nein, er hat nicht gesungen. Er hat den Kindern Geschichten erzählt, die er erfunden hat. Unglaubliche Geschichten, die er Abend für Abend weitergesponnen hat.

Wie kam es dazu, dass Sie gemeinsam auftraten?
Carrisi: Mitte der Siebziger haben wir eine Art Dialog für einen Song geschrieben.
Power: Damit traten wir beim Eurovision Song Contest auf.
Carrisi: Die Leute mochten das.

Anfang der Achtzigerjahre wurden Al Bano und Romina Power dann weltweit berühmt. Ihr Song »Felicità« - »Glückseligkeit ist ein belegtes Brötchen mit einem Gläschen Wein, ist das Erwarten der Dämmerung, um es wieder zu tun« - brannte sich in Millionen Herzen. Vierzig Wochen lang hielt »Felicità« sich allein in den deutschen Top Ten.

Wenn man die Aufnahmen von damals auf der Bühne sieht, wirken Sie schwer verliebt.
Carrisi: Das wirkt nicht nur so.

War es für Sie beide klar, dass jeder seinen Nachnamen behält?
Power: Ich heiße Power-Carrisi, immer noch, auch nach der Scheidung. Aber ihm habe ich auch die italienische Staatsbürgerschaft zu verdanken. Was für ein Glück. Man muss sich heutzutage ja schämen, Amerikaner zu sein.

Aber Sie leben jetzt dort.
Power: Ja, in der Wüste, außerhalb von Los Angeles.

Zwei Ihrer Kinder waren schon Teenager, als Sie noch mal zwei Kinder bekamen. Was hat Sie dazu bewogen, mit dem ganzen Programm von vorn anzufangen?
Power: Er wollte eigentlich nur die ersten beiden. Ich wollte mehr. Und wir Frauen entscheiden das ja letztendlich. Ich fand es toll, alles noch mal zu machen. Normalerweise hast du dieses Glück nur einmal im Leben, ich habe es mir zweimal geholt. Es ist ganz anders, Kinder zu haben, wenn man über dreißig ist. Du schätzt die Zeit mit ihnen anders, weil du weißt, wie schnell sie groß werden.

Sie haben sich Ihre Liebe lange erhalten, und nun haben Sie zu einer Freundschaft gefunden. Was kann man von Ihnen lernen?
Power: Wir haben einfach Glück miteinander gehabt.
Carrisi: Wenn man verliebt ist, ist es leicht. Aber letztlich hat sie mich verlassen. Sie hatte die Nase voll von mir.
Power: Das stimmt nicht. Ich konnte unser Leben nicht mehr aushalten.
Carrisi: Wie auch immer. Ich bin Süditaliener, aber ich bin nicht wie die Süditaliener. Wenn eine Frau sagt, ich möchte nicht mehr mit dir zusammensein, muss ich sie nicht aus verletztem Stolz umbringen. Oder nie mehr sehen.
Power: Ich ertrug unsere Routine nicht mehr. Es war zu viel. Wir haben eine Platte aufgenommen, sie beworben, waren auf Tour. Dann die nächste Platte, Promotion, Tour.
Carrisi: Ich hätte gern weitergemacht.
Power: Ich brauchte was anderes. Ich bin dann nach Indien gereist, habe mit meinem Sohn einen Film gedreht, habe Romane geschrieben. Danach zog ich nach Kalifornien zu meiner kranken Mutter in die Wüste. Ich wollte bei ihr sein. Vier Jahre später starb sie.
Carrisi: Erinnerst du dich an unser letztes Konzert? Der 4. Juli 1994. Mailand, San Siro. Das Stadion war rappelvoll. 40.000 Leute.
Power: Ich erinnere mich an das Konzert, ja, aber nicht daran, dass es das letzte war.
Carrisi: Ich hätte nie aufgegeben.

Wer von Ihnen hat entschieden, dass es das letzte Konzert ist?
Carrisi: (sieht Romina an) Sie.
Power: (nickt)
Carrisi: Sie hat ihre Koffer gepackt. Weg war sie.

Mehrmals wiederholt Romina Power, dass sie die Routine nicht mehr ertrug. Dabei spricht sie lauter, gleichzeitig zittert ihre Stimme. Albano Carrisi wird einsilbiger, legt die Hände auf seine Knie, als könnte er jeden Moment aufstehen. 1994 verschwand Ylenia, die älteste gemeinsame Tochter. Sie war damals 23 Jahre alt und auf dem Weg zu ihrer Tante, änderte aber ihre Pläne und reiste nach New Orleans. Dort verliert sich ihre Spur. Anfangs sprachen die Eltern in der Öffentlichkeit viel darüber, hofften auf Hinweise. Carrisi moderierte 2013 »Così lontani, così vicini«, So nah und doch so fern, eine Show im italienischen Fernsehen, in der Adoptierte ihre leiblichen Eltern finden oder verschollene Kinder aufgespürt werden. 2014 ließ Carrisi seine Tochter für tot erklären. Romina Power ist davon überzeugt, dass sie noch lebt. Sie möchten eigentlich nicht über ihre Tochter reden, aber jetzt ist das Thema nicht mehr zu vermeiden.

Entschuldigen Sie, dass wir das Thema jetzt doch ansprechen, aber hat nicht der Tod oder das Verschwinden Ihrer Tochter Ihre Ehe so erschüttert?
Power: Wir wissen nicht, dass sie tot ist. Sie ist verschwunden. Niemand hat eine Vorstellung davon, wie viele Mädchen aus New Orleans verschwinden und nie wieder auftauchen. Jedes Jahr! Und keiner tut etwas dagegen, im Gegenteil, die Polizei vertuscht das. Es gibt viele solcher Orte, auch Ciudad Juárez in Mexiko. Das ist wie ein schwarzes Loch. Wenn das in Europa passieren würde, dann würde etwas unternommen. Aber nicht in den USA. Es ist ein gefährliches, gewalttätiges, korruptes Land.

Sie könnten Ihre Prominenz nutzen, um darauf aufmerksam zu machen.
Power: Was glauben Sie, was ich alles versucht habe! Es gibt niemanden, der sich verantwortlich fühlt. Es ist ein Mysterium.
Carrisi: Du bist Amerikanerin und denkst darüber wie eine Amerikanerin. Ich bin Italiener und Realist.
Power: Ich bin auch Realistin. Ich arbeite mit investigativen Journalisten an dem Thema. Ich suche Ylenia immer noch, und ich werde nie aufgeben. Ich möchte eine Organisation gründen, die all diese vermissten Mädchen sucht. Ich möchte, dass dieses Thema genauso viel Aufmerksamkeit bekommt wie Harvey Weinstein und MeToo. Es reicht. Es sollen keine Mädchen mehr verschwinden. Und ich wünschte, ich hätte das alles vorher gewusst. Dann hätte ich sie warnen können. Sie war neugierig und mutig, sie schrieb an einem Buch und führte Interviews mit Leuten. Du kommst nicht darauf, dass deinem Kind, das sich so gewandt durch die Welt bewegt, etwas zustoßen kann.
Carrisi: Für mich lebt unsere Tochter nicht mehr. Und die Musik ist ein Trost. Ich hätte das nicht aushalten können ohne die Musik.

Bei den letzten gemeinsamen Auftritten in den Neunzigerjahren war das Leuchten, dass Al Bano und Romina Power bisher auf der Bühne umgeben hatte, erloschen. 1999 ließen sie sich scheiden, es folgte ein Rosenkrieg. Al Bano knüpfte an seine Solokarriere an, lernte eine neue Partnerin kennen und bekam mit ihr zwei weitere Kinder.

2013 haben Sie auf Einladung eines russischen Oligarchen wieder gemeinsam Konzerte gegeben. Kostete Sie das Überwindung?
Power: Aber nein! Ich war etwas eingerostet, aber es hat sofort großen Spaß gemacht. Dann kamen Anfragen aus aller Welt. Ich hätte niemals damit gerechnet. Aber anders als Albano bin ich nur hin und wieder aufgetreten. Er arbeitet nonstop.

Wenn Sie einander heute ansehen, was denken Sie?
Carrisi: Ich sehe unsere ganze gemeinsame Geschichte in ihr. Wir haben so viel zusammen erlebt und sie ist mir immer noch sehr sympathisch.
Power: Ich kenne ihn so gut. Da kommt nichts Unerwartetes, keine unschöne Seite, mit der ich nicht gerechnet hätte. Er gibt mir Sicherheit. Überhaupt, das ganze Drumherum, die Band, die Bühne, er an meiner Seite, das ist wie in einen alten Porsche zu steigen, es fühlt sich einfach irre gut an. Unser Gitarrist fing mit uns an, als er 18 Jahre alt war, und er ist immer noch bei uns. Es ist wie eine Familie.

Was haben Ihre Kinder dazu gesagt, dass Sie auf der Bühne wieder zueinander fanden?
Power: Als wir in Russland sangen, 2013, weinten sie vor Freude. Zwei der Mädchen singen manchmal mit uns auf der Bühne.

Was sehen Sie heute anders als in den Jahren Ihrer größten Erfolge?
Power: Ich bin viel selbstsicherer. Ich fühle mich in meiner Haut wohler, seit ich vor einigen Jahren Buddhistin wurde.
Carrisi: Ich war immer Christ. Aber ich respektiere ihre Religion, in gewisser Weise ähneln sich Religionen ja alle. Darin, dass es etwas Größeres gibt als uns.
Power: Aber es verändert deinen Geist, wenn du Buddhist wirst. Die Art, wie die du die Welt betrachtest. Man kann ja im Leben nicht viel kontrollieren. Man hat keinen Einfluss darauf, ob das, was einem passiert, gut ist oder schlecht. Aber man hat einen Einfluss darauf, wie man reagiert. Seit ich der Mahayana-Tradition folge, hat alles, das sich ereignet, einen Sinn für mich.
Carrisi: Ich kenne Romina, seit sie jung und noch Christin war. Und wenn ich sie jetzt sehe, denke ich, sie ist genau dieselbe. Vielleicht verstehe ich etwas nicht, aber für mich bist du immer noch dieselbe.
Power: Früher hingen mein Frieden und mein Glück von dir ab. Jetzt hängt es von mir ab.
Carrisi: Ich habe dafür gelebt, deine Träume wahr werden zu lassen. Du wolltest einen Wald, du hast einen Wald bekommen. Du wolltest ein Haus im Wald, du hast ein Haus im Wald bekommen.
Power: Aber du hast es behalten.
Carrisi: Nein. Du hast es verlassen.
Power: Oh, gleich haben wir einen Streit.

Sie sagen das und lachen.
Power: Das ist wahr. Heute können wir besser übereinander lachen. Oder auch miteinander.
Carrisi: Ich kenne Rominas Art von Humor. Ich kann heute gut damit umgehen.

Wenn alles so gut läuft, warum verabschieden Sie sich dann von der Bühne?
Carrisi: Ich habe Ischias. Probleme mit dem Herzen. Und ich habe sechs Kinder. Ich möchte Zeit für meine Familie haben. Außerdem arbeiten etwa fünfzig Menschen in meinen Weinbergen.
Power: Ich hoffe, er überlegt es sich noch mal anders.
Carrisi: Du machst dich doch sonst nicht von mir abhängig.
Power: Ich kann ja schlecht ohne dich auftreten.