»Legen Sie sich nie mit dem Gitarristen an!«

Kaum eine Partnerschaft im Pop ist erfolgreicher als die der U2-Musiker Bono und The Edge. Aber deswegen gleich Freunde sein? Ein offenes Gespräch.

Bono und The Edge sitzen im Separee eines Restaurants in Toronto und studieren mit Kennermiene die Weinkarte. Am Vorabend hat das Toronto Film Festival mit »From The Sky Down« begonnen, einer melodramatischen Dokumentation über die Entstehung des Albums »Achtung Baby« 1991 in Berlin. U2 standen damals kurz vor der Auflösung, im Film ist nun zu sehen, wie sich die vier Männer wieder zusammenrauften. Dem Regisseur Davis Guggenheim wurde Zugang zum kompletten Archiv der Band gewährt, so entstand ein überraschend offenherziger Film über versiegende Kreativität und die Eitelkeiten junger Männer, die zu schnell zu viel erreichten. Bono und The Edge, bei der Premiere anwesend, bekamen vom Publikum stehende Ovationen.

Was noch wichtig ist: Im Sommer ging ihre zweijährige »360°«-Tour zu Ende, es war wieder einmal die größte aller Zeiten, mit 7,1 Millionen Zuschauern und Einnahmen von über 500 Millionen Euro. Der Wein wird eingeschenkt, Bono und The Edge riechen an ihren Gläsern und warten grinsend auf die Fragen.

SZ-Magazin:
Gute Laune, die Herren?
The Edge: Immer wenn wir eine Tour hinter uns haben, freue ich mich meines Lebens.

Das Publikum war gestern begeistert von dem Film From The Sky Down. Gefällt er Ihnen auch?
The Edge: Sagen wir so: Der Film hat uns überrascht. Der Regisseur Davis Guggenheim hat das Dilemma, in dem wir damals gesteckt haben, zu einer allgemeingültigen Geschichte verarbeitet. Wir hatten ihm während des Schnitts ein paar Ideen und Vorschläge geschickt – er ignorierte sie. Jetzt ist es ein Davis-Guggenheim-Film, kein U2-Film. Umso besser.
Bono: Für mich war es schmerzhaft, im Kino zu sitzen. Ich hasse es, mich zu erinnern. Ich höre unsere alten Alben nie und blicke nicht zurück, weil ich immer zusammenzucke, so schlecht finde ich unsere Musik.
The Edge: Das meint er ernst. Er hasst fast alle Lieder von U2.
Bono: Aber jetzt haben wir die unveröffentlichten Stücke und Versionen von Achtung Baby für eine Jubiläumsedition des Albums gesammelt, und einige Songs gefallen mir geradezu. Heaven And Hell, Blow Your House Down. Sogar Who’s Gonna Ride Your Wild Horses klang besser, als ich es in Erinnerung hatte. Könnte man heute veröffentlichen, und jeder würde es für einen Song von 2011 halten.

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Nach 35 Jahren gemeinsamer Arbeit gefallen Ihnen drei Lieder?
The Edge: Wir schließen unsere Lieder nicht ab, wir veröffentlichen sie irgendwann. Bono hört nur die Pannen.
Bono: Miss Sarajevo ist einer der wenigen Songs, bei denen ich nicht zusammenzucke. The Edge: Am schlimmsten ist es, wenn in der Disco Sunday, Bloody Sunday kommt und sich schlagartig die Tanzfläche leert. Habe ich ein paarmal miterlebt.

Ich glaube, ich verstehe U2 besser, seit ich neulich in Dublin mit meiner anderthalbjährigen Tochter auf einen Spielplatz gegangen bin. Sie hat einen Jungen gekniffen, darauf hat dessen Mutter geschrien: »Nächstes Mal haust du der Schlampe eine rein!«

Bono: Die Geschichte glaube ich sofort. Wir sind in Dublin die längste Zeit unserer Karriere geprügelt worden, bis wir am Boden lagen.
The Edge: Dublin war schon immer ein Ort des Faustrechts. Man muss aufpassen, was man sagt.
Bono: Meine Güte, habe ich oft auf die Fresse bekommen.

Weil Sie eine große Klappe haben?

Bono: Ja, ein paarmal habe ich einfach meinen Mund nicht halten können. In Irland gibt es überall diese Aggressionen, die sich dort aufstauen, wo du eine verfallende Arbeiterkultur hast. Schauen Sie sich John Lennon an oder die Gallagher-Brüder von Oasis, deren Vorfahren kommen aus Irland, also sind die im Grunde auch alle irisch. Das geht so: »Was hast du gesagt?« Und wumms, hast du eine sitzen. Ich bin in einer Straße aufgewachsen, die gar nicht so heruntergekommen war. Aber sie lag zwischen zwei gefährlichen Vierteln. Extreme Wut, überall, jederzeit.

Ist das der Grund für Ihre eigenen Aggressionen?

The Edge: Er hat seine Aggressionen noch nie gerechtfertigt. Wenn er ausrastet, bringen wir uns einfach in Sicherheit und warten, bis er abkühlt.

Wer sorgt in der Band für den Ausgleich?

The Edge: Das bin ich. Aber auch meine Geduld hat Grenzen.
Bono: Das ist doch die Idee von Rock ’n’ Roll: Wut und Zorn in eine Melodie umzuwandeln! The Who waren wütend, The Clash ebenso. Die Beatles bestehen nur aus Zorn: »I saw her standing there – FUCK OFF!«

Sie fühlten sich früher genauso?

Bono: Ende der Achtziger war ich extrem undiszipliniert. Der Erfolg stieg mir zu Kopf. Es ging so weit, dass man für mich hinter der Bühne einen Sandsack aufhängte, den ich nach Konzerten verprügelte; Energie schoss durch meinen Körper, als würde ich mit den Händen in einer Steckdose stecken. Ein Mädchen arbeitete in unserer Garderobe, sie hat versucht, meine verschwitzten Haare zu trocknen, während ich auf dem Stuhl zappelte wie ein Idiot. Da nahm sie den Föhn und schlug ihn mir über den Hinterkopf.
The Edge: Hat das geholfen?
Bono: Sie tat, als wäre nichts passiert, und föhnte einfach weiter.

»Von null bis zehn: Wie hoch war damals die Wahrscheinlichkeit, dass U2 sich trennen würden?« »Neun.«

Der Film macht Ihre Wut nun sichtbar. Eine Szene zeigt, wie Sie sich bei einem Konzert von Ihren drei Kollegen im Stich gelassen fühlen und zu brüllen anfangen.
The Edge: Was Sie im Film sehen, ist total harmlos.

Wirklich? Wie sieht denn dann ein echter Wutausbruch von Bono aus?

The Edge: Er kann sehr laut werden. So, dass wir den Raum verlassen müssen. Zehn Minuten später entschuldigt er sich.
Bono: Solche Anfälle hatte ich seit Jahren nicht mehr.
The Edge: Das stimmt. Wir werden älter und sanfter.

Wann haben Sie beide sich zum letzten Mal geprügelt?

Bono: Lange her.

Wer hat gewonnen?

Bono: Ich sage nur: Legen Sie sich nie mit Gitarristen an. Die haben eine perfekte Auge-Hand-Koordination. Seine Rechte ist wirklich hart. Glauben Sie mir, ich habe Bekanntschaft mit vielen Rechten gemacht.

Schade, dass solche Szenen nicht auch in Ihrem Film zu sehen sind.

Bono: Wir haben Davis unser Archivmaterial aus den späten Achtzigern und frühen Neunzigern überlassen, darunter vieles, das wir selber noch nie gesichtet hatten. Keine Ahnung, was da noch für Schätze versteckt sind.
The Edge: Wir müssen ein paar Geheimnisse bewahren, wir sind schließlich keine Peepshow.

Wann begann die Krise von U2?

The Edge: Als wir Mitte der Achtziger gigantischen Erfolg in Amerika hatten mit unserer Joshua Tree-Tour. Die Organisatoren zwangen uns, von Hallen in die größten Stadien umzuziehen. Das hat uns überfordert. Wir hatten keine Technik, kein Team, keine Erfahrung. Wir waren vier Jungs aus Dublin, eine Club-Band, die plötzlich jeden Abend vor 80 000 Leuten auftrat. Wir haben gespürt, wie es uns zerriss.

Warum haben Sie dann nicht weiter in Clubs gespielt?

The Edge: Weil die Nachfrage so groß war, dass Karten für Konzerte in kleineren Hallen auf dem Schwarzmarkt schon mehrere tausend Dollar kosteten.
Bono: Plötzlich waren wir Superstars in Amerika. Das Schlimmste, was einem in der maoistischen britischen Musikszene passieren konnte.

Was hat denn die britische Musikszene mit dem maoistischen China zu tun?

Dass Ideologien eine große Rolle spielten. Mao hatte Farbe verboten, Vögel, Blumen, Musik. Die britische Musikszene kannte ein Verbot: nach Amerika zu gehen. Und dann kam Prince. Auf einer lila Honda. Boom! Da waren die Musik-Maoisten ratlos, denn Prince war auf eine coole Art amerikanisch.
The Edge: Wir haben uns von allen Ideologien gelöst. Was Vorteile und Nachteile hat. Auf Rattle And Hum haben wir versucht, uns Blues und Folk zu eigen zu machen. Wir haben keine Verbrechen begangen, aber es war ein wenig geschmacklos. Dieses Album hätten wir lieber nicht veröffentlicht.
Bono: Die Fans waren von uns genervt, und wir waren voneinander genervt. Wir waren Kumpels seit unserer Kindheit, hatten uns aber nichts mehr zu sagen.

Von null bis zehn: Wie hoch war damals die Wahrscheinlichkeit, dass U2 sich trennen würden?

Bono: Neun.
The Edge: Wir hätten uns aber nicht mit einem Knall getrennt, sondern uns langsam aus den Augen verloren.
Bono: Wir waren ratlos, uns fiel nichts ein. The Edge trennte sich von seiner Frau, die Teil unserer Band-Familie war. Er saß stumm in der Ecke und daddelte auf der Gitarre. Es war klar, wir brauchen einen Tapetenwechsel.

Warum Berlin?

Warum nicht? Die Stadt war nach dem Fall der Mauer die Hauptstadt des Wandels.

Wie haben Sie dort Ihre Konflikte gelöst? Alkohol? Boxtraining? Gruppentherapie?

Bono: Die Musik hat uns gerettet. Wir wollten ein Album machen, das elektronisch klingt und nach den Einstürzenden Neubauten. Dann kam die Musik zu uns, ich muss es so esoterisch sagen, und hat uns erlöst. Als wir One aufgenommen hatten, wussten wir, dass es mit U2 weitergehen würde.
The Edge: Die beiden anderen, Larry und Adam, beschweren sich manchmal, dass sie nicht genug Anerkennung für Achtung Baby bekommen.
Bono: Sie haben damals genörgelt, unsere Songs seien nicht gut genug.
The Edge: Die Jungs lagen falsch.

U2 leben und arbeiten seit 1976 miteinander. Würden Sie heiraten, wenn eine Ehe zwischen vier Männern in Irland erlaubt wäre?

The Edge: Unsere Beziehung hat nichts von einer Ehe, wir treffen uns nur im Studio oder auf der Bühne.

Gut, aber Ihre Tourneen dauern bis zu drei Jahren, und eine Platte aufzunehmen braucht auch mindestens sechs Monate.

Bono: Wir haben ein normales männliches Problem: Je älter Männer werden, desto weniger Raum lassen sie den Argumenten anderer Männer. Besonders wenn alle diese Männer glauben, etwas erreicht zu haben.
The Edge: Es soll hier aber nicht der Eindruck entstehen, dass wir uns ständig prügeln oder an den Haaren ziehen. Wir hatten ein paar Streits, aber wenn man es klug anstellt, lernt man aus jedem Konflikt. Heute kann bei U2 jeder jedem alles sagen. Bono, was nervt Sie an The Edge?
Bono: Sein Perfektionismus.
The Edge: Ich versuche perfekt zu sein, aber es gelingt mir noch nicht ganz.

The Edge, Sie dürfte an Bono wahrscheinlich seine Nähe zu Typen wie George W. Bush nerven.

The Edge: Er weiß, dass das nicht gut ankommt. Es stimmt aber nicht, dass die Band unter Bonos humanitärer Arbeit leidet. Jeder kann tun, was er will, solange er voll bei der Sache ist, wenn wir arbeiten.
Bono: Bush und ich waren nie Freunde. Wir brauchten seine Hilfe bei unserer Arbeit für den Schuldenerlass in Afrika – und er hat uns geholfen.

Aber als der Microsoft-Milliardär Paul Allen einmal mit seiner Feierabendband im Studio vorbeischaute, war die Band sauer.

The Edge: Stimmt, wenn Bono seine prominenten Freunde zu den Proben einlädt, amüsiert uns das nicht.

Gehen Sie noch ab und zu zusammen einen trinken?

The Edge:Wir haben zusammen eine Villa in Südfrankreich. Da trinken wir auch mal ein Fläschchen Rotwein.

Welchen Fehler werden Sie nicht noch mal machen?

The Edge: Wir haben nur Erfolg, wenn wir Risiken eingehen. Auf Nummer sicher zu gehen bringt uns um.
Bono: Heute sind wir eine bessere Band als früher – darin liegt eine Gefahr. Es besteht ein riesiger Unterschied zwischen sehr gut und brillant. Momentan tendieren wir dahin, sehr gut zu sein. Früher waren wir Müll. Oder wir waren brillant. Sehr gut waren wir selten. Was daran lag, dass wir Dinge getan haben, die wir nicht verstanden.

Sie wollen wieder mehr riskieren?

Bono: U2 kämpfen seit zwanzig Jahren gegen die Irrelevanz. Wir haben uns vor ihr weggeduckt, ihr ins Gesicht geschlagen, ihr ein Bein gestellt. Trotzdem sind wir jetzt kurz davor, irrelevant zu werden. Wir könnten jeden Tag irgendwo auf der Welt ein Stadion füllen. Aber fällt uns noch Musik ein, die den Menschen wirklich etwas bedeutet?

Die Geschichte dieser berühmten Band begann mit einem Zettel, den Larry Mullen Jr. 1976 am Schwarzen Brett seiner Schule in Dublin aushängte. Unter den Jungs, die sich meldeten, waren Bono (eigentlich Paul Hewson), der Gitarrist The Edge (eigentlich David Evans) und der Bassist Adam Clayton. Inzwischen haben U2 150 Millionen Platten verkauft und mit ihrem Breitwand-Rock viele Millionen Konzertbesucher begeistert. Ihre 360°-Tour, gerade zu Ende gegangen, brach alle Rekorde, ihr letztes Album »No Line On The Horizon« (2009) blieb kommerziell allerdings hinter den Erwartungen zurück.

Illustration: Philip Burke

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