Good morning, Iraq

Es heißt, dieser Krieg könnte Amerikas zweites Vietnam werden. Das ist falsch: Er wird schlimmer. Eine Reportage aus dem Jahr 2007.

Vor Kurzem erreichte uns die Nachricht, dass unser langjähriger Autor, der Erfurter Politikwissenschaftler Dietmar Herz, nach schwerer Krankheit im Alter von 59 Jahren verstorben ist. Er berichtete fürs SZ-Magazin wiederholt aus den Kriegsgebieten des Nahen und Mittleren Ostens: Irak, Palästina, Afghanistan. Aus Anlasses seines Todes hier noch einmal seine Reportage vom Krieg im Irak, einer Region, die er über den Jahreswechsel 2006/2007 für uns besuchte und die bis heute nicht zur Ruhe gekommen ist – was Herz schon damals voraussah.

Am 20. Dezember ereignete sich im Irak nichts, was der deutschen Presse berichtenswert erschien. Jedenfalls stand am nächsten Tag kaum etwas in den deutschen Zeitungen. Die deutsche Presse kommentierte lediglich die Äußerungen von Präsident Bush zu Veränderungen der Strategie im Irak. Die Toten des 20. Dezember wurden mit keiner Zeile erwähnt.

An diesem Tag reiste ich für einen Monat in den Irak. Während ich von Erfurt nach Frankfurt fuhr und von dort nach Kuwait flog, starb der 21-jährige US-Soldat Robert J. Volker, als eine selbst gebaute Bombe neben seinem Fahrzeug explodierte. Er stammte aus Big Spring, Texas. Sergeant Scott D. Dykman, Fallschirmjäger, 27 Jahre alt, wurde in Bagdad Opfer eines Bombenanschlags. Staff Sergeant Jacob G. McMillan, Fallschirmjäger, 25 Jahre alt, starb in Bagdad, als eine Bombe nahe seinem Fahrzeug explodierte und Heckenschützen auf die Verletzten schossen. Er stammte aus Lafayette, Louisiana. Der 21-jährige Lance Corporal Myles Cody Sebastien fiel am 20. Dezember in der Provinz Anbar. Er kam aus Opelousas, Louisiana.

Das waren nur die amerikanischen Toten dieses Tages. Am 20. Dezember fand die irakische Polizei bei Bagdad 76 Leichen, verstümmelt und durch Schusswunden entstellt. Sie waren vor ihrem Tod gefoltert worden. In Bayji, im Norden des Landes, starben zwei Motorradfahrer, als eine Bombe auf der Straße explodierte. An einer Bushaltestelle im Norden Bagdads töteten Heckenschützen einen Passanten. In Al-Selaikh und Adhamiya, Bagdad, wurden der Universitätsprofessor Muntathar Mohammed Mehdi, sein Bruder und sein Cousin in ihren Autos erschossen. Ein Iraker starb in Al-Yarmuk, Mossul, in einem Schusswechsel. Aus einem vorbeifahrenden Auto wurden zwei Passanten in Al-Zanjali, West-Mossul, erschossen. An einem Polizei-Kontrollpunkt nahe der Universität in Jadriya, Bagdad, starben elf Menschen, als ein Selbstmordattentäter mit seinem Wagen die Absperrung durchbrach. Der palästinensische Lehrer Mahmoud Mohammed Rasheed kam bei einem Feuergefecht im Osten von Bagdad ums Leben. In Kirkuk starben ein Mann und seine Frau an Schussverletzungen. Attentäter erschossen den Polizisten Ahmed Saleh in Al-Mu’allimin, Tikrit.

Während meines vierwöchigen Aufenthalts vom 20. Dezember bis zum 16. Januar starben im Irak 70 Amerikaner und 1566 Iraker. Zunehmend beklagten die US-Medien den Herbst und Winter über die Aussichtslosigkeit des Krieges. An Weihnachten berichtete die amerikanische Presse, dass die Zahl der gefallenen Amerikaner im Irak die der Opfer der Anschläge des 11. September 2001 nunmehr übertroffen habe. Im vierten Kriegsjahr begann man, Bilanz zu ziehen.

Die Schätzungen über die Zahl der Kriegstoten gehen weit auseinander; die britische medizinische Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichte im Herbst 2006 eine Studie, derzufolge zwischen Juni 2005 und Juni 2006 auf tausend Einwohner 20 Todesfälle kamen. Zwei Drittel starben eines gewaltsamen Todes, davon 53 Prozent an Schussverletzungen, 30 Prozent durch Autobomben und andere Explosionen und zwölf Prozent durch Luftangriffe. Insgesamt, so die Schätzung, starben zwischen dem 18. März 2003 und dem Juni 2006 mehr als 600000 Menschen im Irak eines gewaltsamen Todes. Einigkeit besteht über die Zahl der amerikanischen Gefallenen: Sie liegt bei mehr als 3000. Die Koalitionspartner verloren bis zum 22. Februar dieses Jahres 256 Soldaten im Irak.

Ein moderner Krieg eskaliert

In westlichen Staaten sind Menschenleben wertvoll. Moderne Kriege werden so geführt, dass Verluste weitgehend vermieden werden. Im Kosovo-Krieg starben keine Soldaten der NATO, während des Afghanistan-Feldzugs 2001/2002 fiel ein Soldat der Koalitionstruppen. Auch für Präsident George Bush senior war diese Überlegung im Zweiten Golfkrieg von überragender Bedeutung, als er im Frühjahr 1991 vor der Wahl stand, seine Truppen bis nach Bagdad zu schicken, um Saddam Hussein zur Strecke zu bringen. 1999 konstatierte er, verbittert über die Unterstellung, er habe damals die Arbeit nicht zu Ende gebracht: »Wären wir nach Bagdad hineingegangen – wir hätten es gekonnt. Und dann? Welcher Sergeant, welcher Grenadier hätte sich in Lebensgefahr begeben sollen, um in einem städtischen Guerillakrieg in einer vielleicht fruchtlosen Jagd den am besten gesicherten Diktator der Welt zu finden? Sein Leben hätte in meiner Hand als Oberbefehlshaber gelegen, weil ich mich unilateral über internationales Recht hinweggesetzt hätte, über den festgelegten Kampfauftrag, und gesagt hätte, wir zeigen ihnen, was für Machos wir sind?«

Als ich mich entschieden habe, für einen Monat in den Irak zu gehen, rückt der Krieg täglich näher. Eine Schutzweste, die militärischen Anforderungen genügt, ein Helm und entsprechende Kleidung müssen gekauft werden. Freunde und Kollegen erklären mich für verrückt: Forschung und Berichterstattung oder Selbstverwirklichung und Abenteurertum? Rechtfertigen die zu erwartenden Ergebnisse als embedded contemporary historian die Gefahr? Die Konturen des Konflikts, in den ich mich begebe: eine von Tag zu Tag fortschreitende Eskalation sich überschneidender und einander verstärkender gewalttätiger Auseinandersetzungen. Es ist nicht ein Krieg, es sind viele Kriege. In diesen Kriegen kämpft die amerikanische Armee.

Der Feldzug vom Frühjahr 2003 ist Gegenstand einer ausführlichen Berichterstattung. »Teilnehmende Journalisten« haben anschauliche, oft spannende Erlebnisberichte verfasst, meist aus amerikanischer Sicht. Über die Zeit nach dem Feldzug bis heute gibt es unzählige Tagebücher, Aufzeichnungen von Irakern, im Land lebenden Ausländern, Blogs im Internet, aber keine ausgereifte Analyse der amerikanischen Strategie in den irakischen Kriegen. Um den Konflikt zu verstehen und die amerikanische Politik und Strategie zu beurteilen, bedarf es jedoch der persönlichen Anschauung. Der Aufenthalt im Kriegsgebiet ist eine Notwendigkeit. Dabei will ich die Mahnung des polnischen Schriftstellers Ryszard Kapuscinski beherzigen, »sehen« sei nicht dasselbe wie »verstehen«. Einzelne, flüchtige Eindrücke können täuschen.

Auch den Augenzeugen will ich misstrauen. Auf dem fünfstündigen Flug nach Kuwait lese ich in Tolstois Krieg und Frieden. Tolstoi warnt seine Leser in einer Passage über den Soldaten Graf Nikolai Rostow: »Auf Grund seiner Erlebnisse in der Schlacht von Austerlitz und den Kämpfen des Jahres 1807 wusste Rostow aus eigener Erfahrung, dass alle Leute zu lügen pflegen, wenn sie von kriegerischen Aktionen erzählen, wie er selbst, wenn er dergleichen erzählte, ja auch gelogen hatte. Dazu verstand er inzwischen genug von der Sache, um zu wissen, dass sich im Kriege alles immer ganz anders abspielte, als wir es uns vorstellen und schildern können.«

Schutzweste und gepanzerte Busse

In Kuwait werde ich von zwei Soldaten in Zivil in Empfang genommen. Wir treffen uns im Starbucks-Café in der Ankunftshalle. Ein seltsamer Ort, um in einen Krieg aufzubrechen. Wir warten auf zwei Journalisten von Fox News aus New York. Als sie endlich kommen, ist es fast Mitternacht. Wir fahren zur Ali al-Salem Base, einem großen Stützpunkt der Amerikaner in Kuwait. Eine Zeltstadt, die als eine Art Durchgangslager für den Nachschub an Menschen und Material in den Irak dient. Uns wird ein Schlafplatz in einem Zelt zugewiesen und mitgeteilt, dass wir unsere Pässe, die wir abgeben mussten, gegen fünf Uhr morgens wiederbekommen werden. Nach einer schlaflosen Nacht im kalten Zelt hole ich am Morgen meinen Pass. Er ist mit einem kuwaitischen Ausreisestempel versehen.

Abrupte Landung in Bagdad

Am späten Vormittag geht es mit einer Gruppe von Soldaten zum Flugplatz der Basis. Dort stehen mehrere große Transportflugzeuge. Wir werden zu einer C-17 gefahren: Ein Transportflugzeug für große Fracht und Truppen, das Ausrüstungsteile und sogar Panzer befördern kann – oder 102 Fallschirmjäger mit Ausrüstung. Mit 72 Tonnen Fracht kann die C-17 auf einer Strecke von 900 Metern landen. Sie ist damit besonders geeignet für die oft kurzen Landebahnen auf den amerikanischen Stützpunkten im Irak. Ich setze mich auf eine Bank, erstmals mit Schutzweste und Helm. Ich habe keinen Ohrenschutz und muss den Motorenlärm des Flugzeugs zwei Stunden lang ertragen. Wir landen abrupt und ohne Vorankündigung im Militärbereich des internationalen Flughafens in Bagdad. Im Laufschritt geht es zur Wartehalle. Ich stelle fest, dass ich viel zu viel Gepäck habe.

Mit gepanzerten Bussen – »Rhinos« genannt – werden die Soldaten, begleitet von maschinengewehrbestückten Humvees, zu den verschiedenen Camps im Großraum Bagdad gefahren. Die beiden Fox-Reporter und ich werden zu einem Hubschrauberlandeplatz gebracht. Es ist mittlerweile später Nachmittag. Wir warten. Nach einiger Zeit landen zwei Black Hawks. Wir laufen gebückt zu den Helikoptern. Dann fliegen wir über das abendliche Bagdad.

Wir landen nahe der amerikanischen Botschaft in der internationalen Zone der irakischen Hauptstadt. Zwei Soldaten, in Kampfmontur und bewaffnet, holen uns ab und bringen uns zum Combined Press and Information Center (CPIC). Jeder Soldat, der das CPIC verlassen will, muss Helm und Schutzweste tragen und sein automatisches Gewehr bei sich haben. Die beiden Amerikaner werden im Laufe des Abends abgeholt; sie sind bereits akkreditiert und sollen in ein anderes Camp fahren. Mir wird bedeutet, dass ich erst einmal hierbleiben müsse.

Das CPIC ist ein Ensemble von Trailern, Baracken, bunkerähnlichen Anlagen, von hohen Betonplatten umgeben. Martialisch blickende Bewaffnete einer Sicherheitsfirma kontrollieren die Ein- und Ausgänge. In den Trailern sind Büros, ebenso in den Baracken; in der Mitte des Komplexes befindet sich eine Art Aufenthaltsraum für Journalisten. Zwei Schreibtische, Computer mit Internet-anschluss, ein Flachbildschirm, der schwarz-weiß und meist ohne Ton das Programm des American Forces Network (AFN) zeigt, zwei verschlissene Sofas und sieben Feldbetten – müde lege ich mich in eines.

Am zweiten Tag erhalte ich meine Akkreditierung. Jeder Finger wird einzeln von allen Seiten fotografiert, ebenso mein Gesicht und die Augen. Dann geschieht nichts.

Das lange Warten

Krieg ist Logistik. Das Heranführen und der Unterhalt von Truppen, Planung und ständiges Reagieren auf neue Situationen. Diese Logistik erfordert Zeit, die ein Soldat als nervenzehrendes Warten erlebt. Und es geht nicht um Stunden, sondern Tage und manchmal Monate. Ein solches Warten, das ständig durch Ankündigungen von bevorstehenden Veränderungen unterbrochen wird, die dann nicht eintreten, erlaubt kein Entstehen von Routine. Routine macht Warten erträglicher. Ohne Routine wird die Zeit gestaltlos, das Warten hebt die Zeit auf.

Ich habe in Bagdad versucht, mein Warten in einzelne Routineabläufe zu zerlegen. Zu einer gewissen Zeit aufstehen, mindestens 20 Minuten duschen, zu einer festen Zeit Kaffee trinken, lesen und schreiben in einem bestimmten Rhythmus. Meist wird die Routine unterbrochen durch die Ankündigung meiner baldigen Abreise, die sich dann wieder verschiebt. Später in den Camps empfinde ich das Warten nicht als so anstrengend, da es Teil des militärischen Alltags ist, dem ich mich ja unterziehen wollte. Auch die Soldaten scheinen sich zu langweilen. Sie sitzen vor ihren Laptops, spielen Patience. Manche lesen. In den Camps, die ich später besuche, gibt es DVD-Sammlungen mit Hunderten von Filmen und TV-Programmen. Internetcafés, Fitnessräume und Bücher, meist ältere Unterhaltungsliteratur.

Die Grüne Zone von Bagdad

An meinem fünften oder sechsten Tag in der IZ (kurz für International Zone) fahre ich mit zwei amerikanischen Soldaten durch den gesamten Sektor. Er umfasst nur sieben Quadratkilometer und wirkt auf den Besucher surreal: amerikanische Camps, die hinter großen Betonplatten abgesichert sind, unzählige Straßenkontrollen, die Prachtbauten Saddams, die leer stehen – wie die Tribüne, vor der er die Paraden abnahm, oder das Grabmal des unbekannten Soldaten. Die provisorische amerikanische Botschaft ist in einem Palast des ehemaligen irakischen Herrschers untergebracht.

Die Briten haben eine Zone in der Zone errichtet. Dort ist auch ein großes Krankenhaus. Dann natürlich irakische Regierungsgebäude, das Gericht, in dem Saddam in wenigen Tagen sein Todesurteil hören sollte. Es gibt ein Hotel, vor dem Soldaten aus Georgien patrouillierten. Gepanzerte Wagenkolonnen der verschiedenen privaten Sicherheitsdienste fahren durch die Straßen. Einige Iraker verkaufen Saddam-Devotionalien am Straßenrand, auch Dolche, Uniformteile der alten irakischen Armee und alte Geldscheine mit dem Konterfei Saddams.

Alle Zugänge zur Grünen Zone sind schwer bewacht. Von irakischen, amerikanischen oder britischen Soldaten, von Soldaten anderer Koalitionsstaaten, von Sicherheitsleuten privater Firmen. Das Ganze wirkt auf mich nicht amerikanisch, es wirkt in einer seltsamen Weise »globalisiert«: ein Sprachengewirr, in dem sich englische und spanische Laute durchsetzten, Englisch in den verschiedensten Akzentuierungen gesprochen wird. Die vielen Uniformierten, die oft keinen Staat, sondern ein Wirtschaftsunternehmen vertreten, dessen Geschäft Sicherheit ist – die begehrteste und teuerste Ware des ganzen Landes. Viele Besucher des Irak halten sich nur in der Grünen Zone auf, draußen ist »Injun country« – Indianergebiet, wie mir ein Soldat erklärt. Dort gelten andere Gesetze.

Weihnachtsfeier in Saddams Palast

Die Weihnachtsfeiertage verbringe ich im CPIC. Die meiste Zeit bin ich allein, ich erlebe den seltsamsten Heiligen Abend meines Lebens. Der frühe Morgen ist wie jeder Tag im Combined Press and Information Center: Mannschaftsduschraum; irakische Arbeiter, die in den Unterkünften aufräumen; dünner Kaffee. Dann beginnt das Warten. Ich lese und vervollständige meine Aufzeichnungen. Den ganzen Tag gehen Soldaten aus und ein. Alle Büros sind weihnachtlich geschmückt.

Überall werden Weihnachtslieder gespielt. Immer wieder: I’ll Be Home For Christmas. Eine ungewollte und offensichtlich unerkannte Ironie. Geschrieben 1943, interpretiert von Bing Crosby, wurde das Lied in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs zum Hit. Das GI-Magazin Yank schrieb damals, Crosby habe mehr für die Aufrechterhaltung der Moral getan als sonst jemand in dieser Zeit. Heute ist das Lied ein Anachronismus, eine Erinnerung an den »Good War« (Studs Terkel). Ein Offizier bietet mir an, abends zur Weihnachtsfeier in die Botschaft mitzukommen. Danach könnte es einen Flug nach Tikrit geben.

In einer der Eingangshallen der Botschaft sind Tische aufgebaut. Es werden Feigen gereicht, Gebäck, Kaffee und alkoholfreie Getränke, eine Band spielt Weihnachtslieder. Eine freundliche Atmosphäre; die Soldaten – meist Unteroffiziere und Offiziere – wirken entspannt. Wir müssen früh gehen. In der Landezone warte ich auf meinen Flug. Es sind einige Soldaten im überhitzten Warteraum. Auf einem großen Fernsehgerät wird Terminator gezeigt. Schon wegen der Lautstärke ist es unmöglich, sich dem Film zu entziehen.

Gegen 0.45 Uhr erfahre ich, dass es in dieser Nacht keinen Flug mehr nach Camp Speicher bei Tikrit geben wird. Aus Sicherheitsgründen sind alle weiteren Flüge ab-gesagt. Drei Stunden habe ich vergeblich in der Landezone gewartet. Ein Sergeant fährt mich schließlich in meine bisherige Unterkunft im CPIC zurück. Im Büro des Presseoffiziers ist noch Licht. Ich klopfe und frage nach den Chancen, morgen weiterzukommen. Er zuckt mit den Achseln.

Der Erste Weihnachtsfeiertag ist in den USA das eigentliche Weihnachtsfest. Ich bin zum weihnachtlichen Festessen am Mittag in der Botschaft eingeladen. Der ehemalige Stadtpalast Saddams ist ein riesiges Gebäude – stilistisch angesiedelt zwischen pseudoorientalischer Pracht und stalinistischem Zuckerbäckerstil. Umgeben von hohen Mauern aus Betonplatten. Mein Presseausweis wird von peruanischen Sicherheitsleuten kontrolliert, meine beiden Mobiltelefone muss ich abgeben. Mit einem »Feliz Navidad« werde ich freundlich auf das Gelände gelassen. Die Kantine, in der das Essen stattfinden soll (Palace Dining Facility genannt), ist ein großes, provisorisch auf dem Palastgelände errichtetes Barackengebäude. 2500 der Botschaft zugeteilte Soldaten und Zivilpersonal essen hier dreimal täglich.

Die Mission des Mister Lee

Vor dem Eingang steht ein freundlicher Mann. Ein Afroamerikaner, nach amerikanischem Stil weihnachtlich gekleidet: rotes Samtsakko, Weste und Fliege. Mr. Lee stammt aus Virginia, war lange in der Armee und dort als Unteroffizier meist mit Fragen der Verpflegung beschäftigt. Jetzt, 54 Jahre alt, ist er – seit einigen Jahren pensioniert – im Auftrag einer großen Firma für den Catering-Service in den amerikanischen Einrichtungen der Internationalen Zone verantwortlich. Er betont, welcher Segen es für ihn sei, im Irak für die Truppen arbeiten zu dürfen. Ihre gute Ernährung sicherzustellen sei seine Berufung, für deren Erfüllung er Gott dankbar sei. Dies hört sich im amerikanischen Englisch weit weniger pathetisch an als in der deutschen Wiedergabe.

Durch einen kleinen Vorraum mit Waschbecken kommt man in den Speisesaal der Kantine. Entlang der Hälfte des rechteckigen Raumes sind auf beiden Seiten Buffets aufgebaut. Eine Vielzahl von Gerichten: Hummer und Krabben, Steaks, Braten, Salate. Am Eingang ist wie in einem Möbelkaufhaus eine Art Wohnzimmer eingerichtet: offener Kamin, Ledersessel, Couchgarnitur, Teppiche. Ein großer, funkelnder Weihnachtsbaum, unter dem Geschenke liegen, einige unverpackt – mittendrin das Modell eines Kampfpanzers. Ich hole mir ein großes Steak, Brot und ein alkoholfreies Bier. In allen US-Stützpunkten im Bereich des Central Command herrscht strenges Alkoholverbot. Wieder spielt eine kleine Band Weihnachtslieder.

Die Zeichensprache des Krieges

Es gibt bei der Deutung von Politik und ihrer Symbole Momente, in denen sich politische Zusammenhänge erschließen. In denen es möglich ist, Ereignisse, Symbole und Absichten zueinander in Bezug zu setzen. In diesem Speisesaal glaube ich, einen solchen Moment der Erkenntnis zu erleben. Die Decke des Raumes ist mit den Fahnen der Koalitionsstaaten geschmückt und im Eingangsbereich hängen drei große, alle anderen übertreffende Flaggen. Eine ist mit den Namen der Toten des 11. September 2001 versehen, daneben hängen die amerikanische und die irakische Flagge.

Das Arrangement der Flaggen interpretiert »Operation Iraqi Freedom« als Teil jenes Krieges gegen den Terror, den der willige Teil der Weltgemeinschaft unter amerikanischer Führung kämpft. Die amerikanischen Werte sind in dieser Vorstellung längst über die USA hinausgewachsen. Der Krieg ist de-nationalisiert. Gleichzeitig verdeutlicht aber die Unwirklichkeit dieser Feier in dieser vollkommen künstlichen Welt, dass diese Interpretation lediglich ein Selbstbild ist, das der Wirklichkeit längst entrückt ist.

Der Himmel über Samarra

Außerhalb Bagdads soll ich Einheiten der 82nd Airborne Division begleiten. Die im Irak stationierten Einheiten der Division sind vor allem für die Sicherheit in der überwiegend von Sunniten bewohnten Provinz Salah al-Din zuständig. Am Morgen des 28. Dezember fliege ich zu einem Camp in der Nähe der Stadt Samarra. Wir sind sieben Passagiere. Außer mir alles Soldaten, die zu verschiedenen Camps im Norden des Zentraliraks wollen. In einem Black Hawk ist nicht viel Platz.

Wenn sieben Personen, alle in Kampfmontur mit Weste, Helm und Gepäck in einem solchen Hubschrauber sitzen, wird es eng. Da die vorderen Fenster offen sind – dort sind die Geschütze angebracht –, wird es auch ziemlich kalt. Als Einziger habe ich keine Handschuhe. Als wir nach der zweiten Zwischenlandung wieder starten – und schon in einiger Höhe sind –, wird der Hubschrauber beschossen. Man sieht, wie Blasen in der Luft zu platzen scheinen und dann etwas Rauch. Wegen des Lärms kann man die Schüsse nicht hören. Getroffen werden wir nicht. Einmal landen wir, um zu tanken. Wir müssen aussteigen und warten. Es ist sonnig, aber sehr kalt.

Die 82nd Airborne Division ist mit etwa 14000 Soldaten der größte Luftlandeverband der Welt. Sie hat den Auftrag, innerhalb von 18 Stunden nach Alarmierung an jedem Ort der Welt gefechtsbereit zu sein. Die Division wurde 1917 begründet, ursprünglich als 82. Infanteriedivision. Sie zeichnete sich im Zweiten Weltkrieg bei der Landung in der Normandie und der Schlacht in den Ardennen aus. Später kämpften Einheiten der Division in Vietnam. Sie waren 1991 an der Befreiung Kuwaits beteiligt, dienten im Kosovo und in Afghanistan. Die 2. und 3. Brigade der Division machten den Feldzug von 2003 mit, die 1. Brigade war von Januar bis April 2004 im Irak stationiert, die 2. von Dezember 2004 bis Ostern 2005. In dieser Zeit wurden 32 Soldaten der Division getötet und etwa 400 verletzt. Seit Januar 2007 befindet sich die 2. Brigade wieder im Irak.

Ich komme am 28. Dezember im Camp des 2nd Bataillon der 82nd Airborne Division an. Camp Brassfield liegt etwas nördlich von Samarra. Vollständig heißt es Camp Brassfield-Mora, benannt nach den bei Anschlägen im Oktober 2003 umgekommenen US-Soldaten Artimus Brassfield und José Mora. Neben dem Camp liegt eine Basis der irakischen Armee.

Goldene Moschee, blutige Kämpfe

Samarra wurde um 836 erbaut, zur Zeit des achten Kalifen der Abbasiden, al-Mu’tasem Billah. Dieser verlegte seine Residenz von Bagdad in die etwa 125 Kilometer nördlich gelegene Region. Von großer religiöser und kulturhistorischer Bedeutung sind bis heute die beiden schiitischen Heiligtümer, der Al-Askari-Schrein – oft als »Goldene Moschee« bezeichnet – und der Schrein, der die Stelle markiert, wo sich Imam Muhammad al-Mahdi verborgen haben soll.

Die Goldene Moschee, östlich des Tigris gelegen, ist ein bedeutender Ort des Gebets und wichtiger Wallfahrtsort der schiitischen Muslime (neben Nadschaf, Kerbela und dem Bagdader Stadtteil Kadhimija). Die Gräber von vier Mitgliedern der Familie Mohammeds bilden den Kern des Heiligtums: Zwei der zwölf von den Schiiten anerkannten rechtmäßigen Nachfolger Mohammeds besitzen hier einen Schrein. Es handelt sich einer schiitischen Überlieferung nach um den 10. und 11. Imam der Schiiten, Ali al-Hadi (829–868) und seinen Sohn Hassan al-Askari (846–873).

Als im ganzen Land die Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten wuchsen, besetzten im Oktober 2004 sunnitische Aufständische kurzzeitig die Moschee. Die Situation verschlechterte sich danach stetig. Am 22. Februar 2006 wurde ein Anschlag auf die Moschee verübt und die sechs Meter hohe goldene Kuppel völlig zerstört. Vermutlich waren es Mitglieder der Terrorgruppe Al-Qaida, die die Moschee frühmorgens stürmten, die vier Wächter fesselten und mehrere hundert Pfund Sprengstoff unter der Goldkuppel zur Explosion brachten. Die Reaktion folgte unverzüglich: Schiiten überfielen binnen Stunden sunnitische Moscheen in Bagdad. Irakische Polizisten schauten zu oder beteiligten sich an den Überfällen.

In Basra wurden nach der Erstürmung eines Gefängnisses zehn Gefangene erschossen. Am Tag darauf wurden in Bakuba 47 Schiiten aus Bussen gezerrt und ermordet. In Bagdad wurden an diesem Tag 29 Leichen gefunden – Sunniten; man vermutet, dass schiitische Polizisten bei ihrer Erschießung mitwirkten. Die Bilanz, eine Woche nach der Zerstörung der Goldenen Moschee: mehr als tausend Tote und 184 beschädigte oder zerstörte sunnitische Moscheen.

Jeder gegen jeden

Am ersten Abend im Camp werde ich über die Sicherheitslage unterrichtet. Wegen der nummerischen Übermacht der Sunniten – in Samarra leben etwa 160000 Menschen, davon 90 Prozent Sunniten – kommt es mittlerweile in Samarra und der Umgebung nur selten zu interreligiösen Auseinandersetzungen. Aber es gibt regelmäßig Anschläge von sunnitischen Gruppen, die dem alten Regime anhängen und gegen die Amerikaner kämpfen. Auch Al-Qaida ist in der Stadt stark, die meisten ihrer Kämpfer dort sind Iraker. Einige wenige kommen aus Jordanien, Syrien oder von der Arabischen Halbinsel.

Es gibt im Irak etwa 25 größere bewaffnete Gruppen und Organisationen, die sich nicht den staatlichen Institutionen unterordnen. Die Mehrzahl ist erst 2003 oder später entstanden. Die größte Gruppierung sind die »Saddam Fedayeen«, die »Opfermänner Saddams«, mit einer Stärke von 30000 Kämpfern. Die vor allem im Zentralirak und Bagdad operierende schiitische Mahdi-Armee und die ebenfalls schiitische Badr-Organisation werden auf je 10000 Mitglieder geschätzt. Bei vielen der kleineren Gruppierungen fehlen verlässliche Schätzungen.

Unruhe in Samarra verursachen auch die permanenten Kämpfe der drei wichtigsten Stämme der Stadt und ihrer verschiedenen Klans. Es ist ein Krieg von nahezu allen gegen alle, bei dem es vor allem auch um die Verteilung der Ressourcen der Stadt geht. Letztlich werden wie bei Bandenkriegen Claims abgesteckt. Diese unterschiedlichen Auseinandersetzungen gehen ineinander über, Allianzen wechseln schnell und politisch-ideologische Erklärungen verdecken oft nur schlichte Kriminalität. Die lokale Polizei, in vielfacher Weise in diese Strukturen eingebunden, erweist sich als weitgehend wirkungslos.

Ein Bataillon der nationalen Polizei versucht derzeit zusammen mit den Amerikanern, die Ordnung in der Stadt aufrechtzuerhalten. Die Amerikaner bemühen sich um Ausbildung und Training der nationalen Polizei. Sie besteht überwiegend aus Schiiten und wurde anfangs von der Bevölkerung mit großem Misstrauen beobachtet. Einen Vormittag lang beobachte ich das Training: Es ist schwierig, aus dem Stand eine paramilitärische Polizei aufzubauen.

Explosionen in der Nacht

Explosionen in der NachtDas Camp Brassfield ist nicht sehr groß. Ein Bataillon, zirka 800 Soldaten; eine Kompanie des Bataillons ist in einer vorgeschobenen Einheit am Stadtrand von Samarra stationiert. Meine Unterkunft, ein Trailer mit zwei Feldbetten, ist hinter Betonplatten und zusätzlich mit Sandsäcken geschützt – in der Mitte des Camps. In der ersten Nacht werde ich vom Lärm wach. Aufständische beschießen die Basis mit Raketen. Ich höre die Explosionen, Schaden entsteht nicht.

Ein Sergeant, der mich die ersten Tage über betreut, erzählt, dies sei der erste Beschuss seit einigen Wochen, vorher sei das häufiger vorgekommen. Weiter ist Warten ein großer Teil der Tätigkeit. Dies klingt absurd, trifft aber den Kern. Ein Soldat in Bagdad sagte mir einmal, die Devise sei immer »hurry up and wait«. Das ist auch hier so. Am nächsten Tag begleite ich erstmals eine Patrouille in der Altstadt von Samarra.

Die Gesetze der Straße

Die Patrouille hat die Aufgabe, mit vier gepanzerten, mit Maschinengewehren bewaffneten Humvees durch die Stadt zu fahren, Präsenz zu zeigen und dann zum Hauptquartier der nationalen Polizei vorzurücken. Wir fahren einen gut ausgebauten Straßenzug entlang, überqueren den Tigris und erreichen den Stadtrand von Samarra. Entgegenkommende Fahrzeuge müssen am Straßenrand anhalten. Kein Fahrzeug darf sich dem Konvoi nähern. Kommen Fahrzeuge näher, werden sie gestoppt.

Die Soldaten sind angehalten, den Einsatz von Gewalt stufenweise zu steigern: erst Handzeichen, dann erhobene Waffen, dann Warnschüsse, Schüsse auf den Motorblock und schließlich, wenn das Auto weiterfährt, Schüsse auf den Fahrer. Aufgrund der Gefahr von Autobomben wird die Prozedur verkürzt: Waffen hoch, und wenn das Auto nicht hält, werden Fahrer und andere Insassen von Kugeln durchsiebt. Das sind die Gesetze der Straße. Unter den gegebenen Umständen werden sie allgemein als fair empfunden.

Im Hauptquartier der Polizei findet eine Besprechung mit dem Kommandeur der Polizei statt. In seinem Büro zeigt ein Polizist gerade seine Schutzweste. Ein Schuss hat ihn an diesem Morgen in die Brust getroffen. Die Weste hat gehalten. Der Mann stammt aus Basra, stolz nimmt er das Lob des Kommandeurs entgegen. Nicht alle Polizisten tragen Westen, dafür reicht deren Anzahl nicht aus, viele der Westen sind auch kaum mehr gebrauchsfähig. Nach der Besprechung wird die Patrouille gemeinsam fortgesetzt – zwei Trucks mit irakischen Polizisten schließen sich uns an. Wir fahren an einem staubigen, teilweise eingezäunten Fußballplatz vorbei. Einige Kinder und Jugendliche spielen Fußball, sie lassen sich nicht stören. Die Humvees stoppen.

Zu Fuß gehen wir auf einer breiten Straße weiter, links und rechts Häuserzeilen. Einige der Häuser haben kleine, von Mauern begrenzte Gärten. Es gibt Geschäfte, vor denen Männer auf Schemeln sitzen. Kinder laufen durch die Straße, sie lachen und werfen den Soldaten neugierige Blicke zu. Die amerikanischen Soldaten gehen links und rechts entlang der Häuserfront, die irakischen Polizisten meist mitten auf der Straße oder sie wechseln die Straßenseite immer wieder. Die Gegend, so hat mir der kommandierende Offizier erzählt, gilt als schwierig. Häufig gibt es Überfälle, in einigen der Häuser vermutet man Aufständische oder Al-Qaida-Kämpfer.

Schüsse aus dem Hinterhalt

Hier gilt es, Präsenz zu zeigen, das Terrain nicht dem Gegner zu überlassen. Es soll keine No-go-Zone für die Amerikaner geben. Ich beobachte einige Personen auf den flachen Dächern der Häuser. Eine Familie, wie mir scheint. Ein älterer Mann in traditioneller Kleidung, Kinder, zwei junge Frauen. Plötzlich höre ich ein trockenes Knallen. Kugeln schlagen in die Hauswände ein. Jemand brüllt einen Befehl. Arabische und englische Stimmen. Die Iraker hinter mir schießen in die Richtung, aus der die Schüsse kommen. Ich knie mich auf den Boden, eng an die Hauswand, mehr Deckung kann ich nicht finden. Die Schüsse kommen nun von vorn. Ein US-Soldat wenige Meter von mir wird getroffen. Ich versuche ein paar Schritte nach vorn zu gelangen, dann knie ich mich wieder auf den Boden.

Einige Schüsse sind von den Dächern gekommen. Die Familie auf dem Dach zeigt sich mit erhobenen Händen. Sie fürchtet, in den Schusswechsel zu geraten. Der alte Mann hebt ein kleines Mädchen hoch und hält es nach vorn. Die Soldaten hören auf zu schießen, ebenso die Heckenschützen. Die Humvees sind zurückgekommen und stellen sich zwischen die Soldaten und die Richtung, aus der die Schüsse kommen. Der kommandierende Offizier fordert Verstärkung an. Der verwundete Soldat und ich werden ins Camp zurückgefahren, es gibt, wie ich später erfahre, keine Verhaftungen. Das Ganze hat kaum eine Viertelstunde gedauert.

Am Tag darauf haben wir »Blackout«. Der Bataillonskommandeur hat die Internet- und Telefonzentrale schließen lassen. Das ist immer dann der Fall, wenn ein Soldat der Einheit verwundet oder getötet wird. Niemand soll eine Nachricht darüber verbreiten, bevor die Angehörigen vom Militär informiert sind. Je nachdem, wer sie sind und wo sie leben, kann ein solcher Blackout mehrere Tage dauern.

Strategie des Scheiterns

Zeit, um über den Sinn solcher Patrouillen nachzudenken. Die Amerikaner sind willens und fähig, Stützpunkte und Rückzugsgebiete der sunnitischen Aufständischen oder der verschiedenen, meist schiitischen Milizen zu erobern und die Gegner zu vertreiben. Aber die Stärke der amerikanischen Verbände reicht – trotz angekündigter Aufstockung der Truppen – nicht aus, um diese Erfolge militärisch dauerhaft abzusichern und mit dem Wiederaufbau von zivilen Einrichtungen zu beginnen.

Die Strategie des »clear, hold, and build« zeitigt somit bisher kaum Erfolge. Daher haben sich die amerikanischen Streitkräfte – von einzelnen Aktionen und Patrouillen abgesehen – in ihre Camps und gesicherten Zonen zurückgezogen; die gesamte Logistik der Besatzungsarmee basiert auf Lufttransporten oder schwer bewaffneten Konvois – meist bei Nacht. Dieser Zustand lässt sich, bei gleichbleibenden Verlusten, sicherlich eine lange Zeit aufrechterhalten. Eine Befriedung des Landes wird dadurch nicht erreicht.

Auch der zweite Teil der amerikanischen Strategie erweist sich als wirkungslos: Die irakische Armee und Polizei ist nicht in der Lage, die Amerikaner groß zu unterstützen. Nahezu die Hälfte der rund 138 000 Soldaten ist lediglich dazu bereit, in ihrer Heimatregion Dienst zu tun. Ihre Loyalität gilt nur zu einem sehr geringen Teil dem irakischen Gesamtstaat. Die Soldaten erhalten zudem eine Woche Urlaub im Monat, um sich um ihre Familien zu kümmern. Selten stehen die Einheiten in voller Stärke zur Verfügung. Es fehlt an einer effizienten Führungsstruktur auf Brigade- und Divisionsebene. Eine grundlegende Verbesserung des Zustands der Armee, die einen nationalen Versöhnungsprozess und die Überwindung der religiösen und ethnischen Differenzen voraussetzen würde, ist nicht in Sicht.
Der Jahreswechsel ist wieder eine Zeit des Wartens. Für 72 Stunden darf niemand das Camp verlassen. Damit soll verhindert werden, dass in dieser Zeit noch jemand verwundet oder gar getötet wird. Zum anderen werden solche »Ruhephasen« immer wieder angeordnet, um den Soldaten etwas Entspannung zu ermöglichen. Im soldatischen Alltag bleibt dafür oft nur wenig Zeit. Zwischen den einzelnen Missionen und Kontrollfahrten liegen häufig nur ein paar Stunden. Daher sind längere Pausen nötig. Feiertage bieten sich für solche Ruhephasen natürlich besonders an. Die Soldaten schlafen, solange sie können, machen ihre Wäsche, telefonieren, sehen Videos, trainieren im Fitnessraum des Camps.

Am 31. Dezember wird mir etwas überraschend mitgeteilt, dass ich nach Tikrit kommen kann. Kurz vor Mitternacht fliege ich in einem Black Hawk von Camp Brassfield nach Camp Speicher. Den Jahreswechsel verbringe ich frierend in einem Hubschrauber über dem Irak.

Cappuccino und Kugelhagel

Die amerikanische Besatzung im Irak, so habe ich mittlerweile gelernt, zerfällt in zwei Welten. Einmal in die autarke, abgeschlossene Welt der Camps. Camp Speicher nahe Tikrit, wo ich die ersten Tage des neuen Jahres verbringe, ist um einen früheren Luftwaffenstützpunkt der irakischen Armee erbaut. Eine Stadt für sich, mit Busverbindungen zwischen den einzelnen Teilen des Camps, Zeltstätten, Häusern und Bungalows, Geschäften und Fast-Food-Läden.

Jeden Tag hole ich mir einen Cappuccino von Green Beans Coffee. Stets bedienen dort freundliche Filipinos oder Pakistanis, die in dem zum Café umfunktionierten Trailer laute lateinamerikanische Musik spielen. Die Kette Green Beans Coffee, die US-Soldaten auf Auslandseinsatz in aller Welt Kaffee bietet, ist so erfolgreich, dass sie sich nun auch im zivilen Geschäft in den USA versuchen will.

Die andere Welt ist die der Patrouillen und Einsätze außerhalb der Camps. Es sind die Momente der Gefahr, des Krieges. Die Trennung ist nahezu vollständig, der Rückweg nach jedem Einsatz in die Sicherheit des Camps verleiht allen Bemühungen etwas Vorläufiges. General Petraeus, der neue Ober-befehlshaber im Irak, fordert, diese Trennung aufzuheben. Nur eine permanente Präsenz der US-Soldaten im Irak, außerhalb der amerikanischen Welt – die Camps sind nicht Teil der irakischen Lebenswelt – könnte eine Veränderung herbeiführen.

Gespannte Lage in Tikrit

Ich will mich in Tikrit über den politischen und materiellen Wiederaufbau informieren. Daher nehme ich an einigen Missionen teil, deren Aufgabe es ist, Kontakte zu irakischen Behörden und Einrichtungen aufzubauen und zu erweitern.

In Tikrit, Saddam Husseins Heimatstadt, herrscht am 3. Januar ein vollständiges Fahrverbot. Vor einigen Tagen wurde der frühere Präsident hingerichtet. Die Lage in der Stadt ist gespannt, vereinzelt war es zu Demonstrationen gekommen, zahlreiche Explosionen waren registriert worden. Immer wieder sind Schüsse zu hören. Schüsse in die Luft können im Irak Freude ausdrücken, aber auch Trauer und Wut. Manchmal regelt ein Verkehrspolizist damit auch den Verkehr an einer un-übersichtlichen Kreuzung. Die Unterscheidung ist nicht immer einfach.

Bevor unser Konvoi – vier mit Maschinen-gewehren ausgerüstete Humvees – in die Stadt aufbricht, werden die Soldaten mit der Mission und der Sicherheitslage vertraut gemacht. Wir stellen uns in die Sonne, um die morgendliche Kühle zu mildern. Ein junger Captain erklärt die Lage. Er wirkt sympathisch, lacht viel. Die Marschordnung der Humvees verdeutlicht er mit Hilfe von kleinen Spielzeugautos. Dann verliest er die eindrucksvolle Liste der gestrigen Zwischenfälle.

Mit den Fahrern übt er, wie die Fahrzeuge einander zu sichern hätten, wie auf Zivilfahrzeuge zu reagieren sei, was im Falle eines Angriffs zu tun sei, falls ein Soldat verletzt oder getötet werde. Er verwendet die von Akronymen durchsetzte militärische Sprache, die dem Bevorstehendem etwas Abstraktes verleiht: »casualty« für Verwundung oder Tod, »contact« für Kampfhandlungen, »I.E.D.« (improvised explosive device) für Mine. Die Soldaten scheinen das oft gehört zu haben, nicht alle hören zu. Einige trinken Kaffee, ein junger Gefreiter will wissen, ob wir rechtzeitig zum Lunch ins Camp zurückkommen.

Die verletzte Würde des Diktators

Die Soldaten sind bei der Ankunft am ersten Einsatzort nervös. Wir besuchen den lokalen Fernsehsender. Unruhige Blicke suchen die Dächer der umliegenden Häuser ab. Vorsichtig, gleichfalls nervös und nach möglicher Deckung suchend, gehe ich mit einem amerikanischen Offizier über den Hof. Mit Erleichterung erreichen wir den Eingang, zwei Iraker in Zivilkleidung, mit AK-47 bewaffnet, öffnen uns die Tür.

Wir gehen durch eine Anzahl Räume, Unterkünfte und improvisierte Fernsehstudios. Dann sitzen wir im Büro mit dem Chef des Senders zusammen. Er wirkt bedrückt, wechselt zwischen Arabisch und Englisch. Der Wunsch des Majors, ein Interview mit dem Kommandeur der Brigade zu senden, scheint ihn in Verlegenheit zu bringen. »Ja, machen wir, aber vielleicht doch erst in ein paar Wochen. Die Menschen sind wütend und traurig.« Wegen Saddam. Ich frage ihn nach seiner Reaktion auf die Hinrichtung Saddams. Er weicht aus. Der Sender immerhin habe sein Programm geändert und das Thema behandelt. Er sendet Trauermusik.

Es ist nicht die Hinrichtung des Diktators, die die Menschen aufbringt. Dass Sieger keine Gnade üben, ist akzeptiert. Es war die Art und Weise der Tötung. Saddam war – unabhängig von seinem Amt und seinen Verbrechen – einer von ihnen. Er hatte das Recht, in Würde zu sterben. Die Muktada-Rufe während der Exekution, die seinen Erzfeind Muktada al-Sadr feierten, die verächtlichen Bemerkungen der Henker und Umstehenden, die Verbreitung all dessen per Video – darin sehen viele eine bewusste Kränkung der Sunniten als Religionsgemeinschaft, der sunnitischen Stämme, die den Strömungen der Baath-Bewegung nahe stehen.

Die Art und Weise der Tötung Saddams legen sie den Amerikanern zur Last. Nicht unbedingt, weil sie eine direkte Verantwortung der USA unterstellen, sondern weil sie die USA als Verbündeten einer Regierung betrachten, in der sie ihren Feind sehen.

Realismus statt Demokratie

Während des Jahreswechsels schien in den USA endlich ein Umdenken zu beginnen, das sich bereits im Herbst angedeutet hatte. Erstmals reagierte der Präsident auf seine Kritiker. Die Fehlschläge im Irak zogen personelle Änderungen nach sich: Nach dem Rücktritt von Donald Rumsfeld nominierte Präsident Bush am 8. November 2006 Robert Gates als Verteidigungsminister. Gates hatte zuvor für einen baldigen Abzug der amerikanischen Truppen im Irak gestimmt. Nach einer Anhörung im Kongress, in der Gates auf die Frage, ob die USA im Irak gewinnen werden, mit »Nein« antwortete, bestätigte der Kongress Gates am 6. Dezember 2006 als neuen Verteidigungsminister – mit 95:2 Stimmen bei drei Enthaltungen.

Gates arbeitete 26 Jahre für die CIA und war von 1991 bis 1993 deren Direktor. Bush bereitete durch diese personellen Veränderungen eine ideologische Kehrtwende vor: Leitmotive sind – wie während der Administration seines Vaters, dessen Vertrauten er neue Aufgaben zuwies – Stabilität und Realismus anstelle der Schaffung eines demokratischen Nahen und Mittleren Ostens.

Auch andere Ernennungen deuten in diese Richtung: Am 10. Februar löst General David Petraeus William Casey als Oberbefehlshaber der Koalitionstruppen ab. Petraeus hat sich für eine maßvolle Truppenerhöhung ausgesprochen und gilt als Verfechter einer völlig neuen Strategie. Die großen isolierten Camps sollen zugunsten kleinerer Einrichtungen teilweise aufgelöst werden. Die Amerikaner sollen mit den irakischen Soldaten auch »vor Ort« präsent sein. Damit soll sich die Sicherheitslage in den großen Städten, vor allem in Bagdad, verbessern.

In der Provinz Salah al-Din beobachten die Soldaten und ihre Offiziere diese Ver-änderung mit skeptischer Hoffnung. »Wenn wir abziehen müssen«, sagt mir ein Offizier, »dann werden wir gehen. Dann war aber alles umsonst. Wenn wir bleiben sollen, werden wir bleiben, aber dann brauchen wir die Mittel, um unsere Aufgabe zu erfüllen. Ich vertraue auf das amerikanische Volk.« In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod, besagt ein Sprichwort, zugleich Titel eines Films von Alexander Kluge. Im Irak ist der Status quo der Mittelweg.

Die Müllberge von Bagdad

In einem großen Chinook-Transporthubschrauber fliege ich zurück nach Bagdad, wo ich die letzten zehn Tage meiner Reise in Camp Prosperity bei einer Brigade der 1st Cavalry Division verbringen werde. Mit derzeit 16700 Soldaten ist die Division der größte militärische Verband der USA.

Ich habe mich in den letzten Wochen sehr oft gefragt, wie der Irak wieder aufgebaut werden könnte. In Samarra war es die Kooperation zwischen den Sicherheitskräften der Koalition und den Irakern gewesen, die als wichtiges Element erschien. In Bagdad war es der komplizierte Zusammenhang zwischen zivilem Wiederaufbau, Sicherheit und Übertragung von Souveränitätsrechten und damit verbundenen Aufgaben an die Iraker, der mich interessierte. Immer wieder denke ich an Adolphe Thiers’ Vorwort zu seiner Geschichte der Französischen Revolution. Man muss nicht die Strategie gutheißen, aber den Soldaten, Offizieren und Diplomaten sollte Respekt gezollt werden. Sie versuchen, ihre Aufgabe zu erfüllen, in schier aussichtsloser Lage.

Ich fahre am Nachmittag des zweiten Tages in Camp Prosperity mit einer Patrouille durch eine sunnitische Gegend Bagdads. Die größte Straße des Viertels ist vom Regen der letzten Tage noch überschwemmt, an den Straßenrändern türmt sich Müll – nicht der von Tagen und Wochen, sondern der von Monaten, ja Jahren. Ihn abzuholen ist zu gefährlich, auf städtische Arbeiter wird oft geschossen, von Aufständischen, Milizen und Banden – der Unterschied ist schwer auszumachen. Die Gegend gehört zu den gefährlichsten in der Stadt. Aber was heißt das schon in Bagdad? Die Häuserfront entlang der Straße ist voller Einschusslöcher, viele Häuser sind völlig zerstört. Ruinen, die an die deutschen Städte am Ende des Zweiten Weltkriegs erinnern.

Der schwierige Wiederaufbau

Auf der Straße sind viele Menschen; spielende Kinder, junge Frauen mit Kopftuch, die oft Aktentaschen oder Mappen bei sich tragen und aussehen, als gingen sie nach einem Tag im Büro nach Hause. Auch Frauen im Tschador und Männer, die in Gruppen beieinanderstehen. Die Arbeitslosigkeit in diesem Viertel beträgt 90 Prozent. Manche der Männer trinken Tee, andere verkaufen irgendetwas – Obst, Autoersatzteile, Kerosin.

Es ist schönes Wetter, später Nachmittag, die untergehende Sonne taucht die Straße in ein mildes rötliches Licht. Der Blick aus dem Fenster des gepanzerten Fahrzeugs offenbart eine geradezu irreale Idylle; die Fahrzeuggeräusche übertönen jeden Straßenlärm, sodass diese Szene völlig stumm bleibt.

Wir halten in einer Seitenstraße. Die auf den Humvees befestigten Maschinengewehre werden von den Kanonieren einmal im Kreis gedreht, dann drohend in alle Himmelsrichtungen ausgerichtet; das Kommando springt aus den Humvees und sichert die Straße. In dieser kleinen Seitenstraße wird an der Kanalisation gearbeitet; offensichtlich aber sind die Arbeiten schon vor längerer Zeit stecken geblieben. Die Straße ist fast in ihrer ganzen Länge aufgerissen, es gibt mehrere Stellen mit tiefen Baugruben. Einige davon sind voller Regenwasser.

Zwei zivile Experten steigen aus einem Humvee und untersuchen zwei aus dem Schlamm ragende Röhren. Mit Digitalkameras fotografieren sie die Röhren von allen Seiten. Die Soldaten sind nervös; ihre Blicke suchen die Dächer und Seitenstraßen ab. Der kommandierende Offizier, ein junger Captain, drängt; er will so schnell wie möglich weg. Die beiden Ingenieure wirken in ihre Arbeit vertieft. Sie schenken weder den Soldaten noch der Umgebung große Aufmerksamkeit und laufen weiter in die Straße hinein. Die Soldaten folgen.

Ein Iraker am Straßenrand macht Zeichen mit der Hand – zu gefährlich, wir sollen nicht weitergehen. Neugierige Anwohner sind gekommen und beobachten die beiden Experten bei ihrer Arbeit. Zwei ältere Männer in traditioneller Kleidung scheuchen ein paar Kinder in die Häuser zurück. Endlich scheinen die Ingenieure fertig zu sein. Sie lachen zufrieden. Ja, dies lasse sich mit geringem Aufwand in Ordnung bringen. Von den Soldaten eskortiert, gehen wir zu den Humvees zurück. Einer der Offiziere steckt sich im Humvee eine Zigarette an.

Der Blick aus dem Fenster zeigt wieder die gleiche Szenerie. Überall in Bagdad sieht es im Moment wohl ähnlich aus. Die Unwirklichkeit dieser zerstörten Lebenswelt, die Aussichtslosigkeit des Alltags und die offensichtliche, vielleicht nur scheinbare Gleichgültigkeit all dieser Menschen verunsichern mich. Ich fühle mich unwohl, empfinde meine Arbeit als unbefriedigend. Hier gibt es so viel zu tun.

Der Schlüssel zur Verbesserung der Situation kann nur im Wiederaufbau liegen, der Herstellung einer gewissen Normalität. Darin besteht die meines Erachtens einzige Möglichkeit der USA, den Krieg mit großen Anstrengungen zu ihren Gunsten zu verändern. Dies verlangt eine radikale Verlagerung des Schwerpunkts: Wiederaufbau vor Sicherheit – Sicherheit verstanden als Kooperation zwischen irakischen und amerikanischen Militärs. Eine Kooperation, die keinen Rückzug bedeuten würde, sondern ein langfristiges Engagement.

Die andere Welt ist das rhetorische Konstrukt des amerikanischen Präsidenten, das den Krieg als eine Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse begreift, als einen Kampf zweier entgegengesetzter unversöhnlicher Prinzipien. Bushs Rede zum »Strategiewechsel« am 10. Januar 2007 bestärkt noch einmal diese Richtung. Eine kurzzeitige Eskalation – vielleicht sogar unter Einbeziehung von Syrien und des Iran – und dann ein phasenweiser Rückzug, der das Land in einen Somalia-artigen Zustand führt? Es ist der Weg in die Niederlage. Die gesamte Ideologie des Präsidenten ist eine Verkennung der Realität.

Unbeteiligte werden zu Kombattanten

Es ist kein Krieg der Amerikaner gegen »einen« Feind – es sind Kriege, in denen die USA auch eine Rolle spielen. Sie sind der militärisch mächtigste Akteur. Gegen wen kämpfen die Amerikaner? Die meisten Offiziere sagen mir, sie kämpften in erster Linie gegen »Aufständische« – eine vage Bezeichnung für alle möglichen Gruppen, in zweiter Linie gegen radikal-islamische Gruppen. Ein Major fügt in einem solchen Gespräch nachdenklich hinzu: Aber auf welcher Seite steht der Familienvater, der Kontaktleuten der Aufständischen Bescheid gibt, wenn er einen amerikanischen Militärkonvoi sieht und dafür einige Dollar erhält? Geld, das er zum Überleben braucht.

Wo stehen Jugendliche, die sich einer Miliz anschließen, weil nur diese ihre Familien schützen kann, und ihre Loyalität dadurch beweisen müssen, dass sie diejenigen töten, die vielleicht auf der anderen Seite stehen? Fast konnte man Verständnis aus diesen Bemerkungen heraushören. In der Tat: Warlords und organisierte Verbrecher schützen ihre Klientel. Aus Sicht der Gefährdeten sind sie notwendig. In der Unübersichtlichkeit von Bürgerkriegen leiden die Unbeteiligten, schrieb der Philosoph Thomas Hobbes. Ihnen bleibt keine andere Wahl, als sich einer der Parteien anzuschließen. So werden sie zu Kombattanten.

Die von den USA unterstützte Regierung ist korrupt, sie paktiert mit Milizen und Kriminellen. Sie ist in einer ähnlichen Lage wie fast alle Iraker. Sie kann auf politische und militärische Unterstützung von Milizen, religiösen und wirtschaftlichen Gruppen nicht mehr verzichten. Das bittere Versäumnis der US-Regierung war es, sich jahrelang mit diesem Zustand abzufinden und die stetige Verschlechterung der Situation zu leugnen.

Wenig Wissen über den Feind

Der ursprünglichen Mission der Amerikaner liegt das »Axiom des demokratischen Friedens« zugrunde, demzufolge es zwischen demokratischen Nationen keinen Krieg geben kann. Der Krieg zur Errichtung dieser Demokratie wurde ohne Konzept für den Wiederaufbau geführt. Er basierte auf einer vagen ideologischen Annahme – der Präferenz aller Wohlmeinenden für eine formaldemokratische Ordnung – und einem Vertrauen in eine technologische Kriegsführung, die Amerikas Streitkräfte unbesiegbar macht.

Obwohl Militärtheoretiker seit Langem von »wissensbasierten« Kriegen sprechen, führten die USA einen Krieg mit erstaunlich wenig Wissen über den Gegner und die zu erwartende Situation der Nachkriegszeit. Erst in den blutigen Kriegen der letzten vier Jahre begann man, dieses Wissen zu sammeln. Und immer noch verstehen der Präsident und seine Berater nicht, warum immer mehr Iraker die amerikanische Präsenz und das von den USA vertretene System einer politischen Ordnung ablehnen.

Nun gilt General Petraeus als Hoffnungsträger der Armee. Von seiner Intelligenz und Durchsetzungsfähigkeit wird viel abhängen. Bush hat sich durch die personellen Veränderungen in Regierung und Armeeführung ein Gegengewicht zu seinen eigenen ideologischen Vorstellungen geschaffen. Und nicht zuletzt wird der Irakkrieg zu einem innenpolitischen Kampffeld der USA. Die von den Demokraten geführte Legislative wendet sich gegen den republikanischen Präsidenten mit alten »republikanischen« Argumenten: Wir können nicht der Feuerwehrmann der Welt sein, den man anrufen kann, wenn man Hilfe braucht, so ein Vertreter der Demokraten. Ein seltsames Argument: Niemand hatte im März 2003 die Vereinigten Staaten um Hilfe gebeten. Damals wurde aber eine Verantwortung begründet, die der jetzige Präsident und sein Nachfolger berücksichtigen müssen.

Konservative Europäer fürchteten Anfang des 19. Jahrhunderts das revolutionäre Potenzial der USA, den politischen Anspruch, der der Gründung der Republik zugrunde lag. Dieser Anspruch bedrohte die innere Ordnung anderer Staaten. Er war in unterschiedlicher Ausprägung Basis der Politik amerikanischer Präsidenten. Wilsons Anspruch »to make the world safe for democracy«, Kennedys Politik in Vietnam und Südamerika und Bushs »war on terror« und die Idee vom demokratischen Frieden sind Ausprägungen dieser Politik.

Das Todesurteil für viele US-Soldaten

Trotz der Grausamkeiten von Abu Ghraib und trotz der Morde von Haditha versuchen die US-Soldaten ihr Bestes, um Sicherheit zu ermöglichen. Sie werden dabei von der amerikanischen Politik im Stich gelassen. Die Aufrechterhaltung des Status quo durch einen Präsidenten, der auf Zeit spielt, um die Nieder-lage seinem Nachfolger zu überlassen, ist für viele Soldaten ein Todesurteil. Der Irak kann sich aber auch von denen nichts erhoffen, die sich klammheimlich an dem amerikanischen Debakel erfreuen. Es wäre an der Zeit, auch in Europa die Irakpolitik zu überdenken.

Und die Iraker? Zurückversetzt in eine Hobbes’sche Welt wollen sie einfach nur überleben. Ein Familienvater in einem vergleichsweise ruhigen Wohnviertel von Tikrit, umgeben von seinen Kindern, antwortet auf meine Frage, was er von der Regierung und den US-Soldaten erwarte, er wolle Sicherheit – daher sei er, ein Sunnit, von Bagdad nach Tikrit geflohen. Ob er sich hier sicherer fühle, frage ich. Er zuckt resigniert mit den Achseln.

Ein US-Soldat sagt mir, er habe noch neun Monate im Irak abzuleisten. Er hofft, dass der Krieg vorüber ist, bevor er zu einem neuen Einsatz im Irak befohlen wird. »Solange bin ich vorsichtig«, sagt er. »Ich will überleben.«

Besuch von Hillary Clinton

Mein letzter Tag im Camp Prosperity. Ich packe und trinke Kaffee. Am späten Vormittag fahren wir ins CPIC. Ohne große Sicherheitsvorkehrungen – das Camp liegt in der Grünen Zone. Es ist viel los im CPIC an diesem Tag, für die nächsten Tage ist der Besuch von Hillary Clinton und einigen anderen Senatoren und Kongressabgeordneten angekündigt. Am späten Nachmittag werde ich zur Botschaft gebracht. Zwei gepanzerte Busse, eskortiert von Humvees, warten auf Soldaten, die zum Camp Liberty gefahren werden sollen. Innerhalb des weitläufigen Camps liegt der internationale Flughafen.
Als wir dort ankommen, steigen die Soldaten – die meisten treten ihren Heimaturlaub an – in einen anderen Bus. Ich stehe allein auf dem dunklen Parkplatz. Jemand sollte mich abholen, aber hier ist niemand. Ich schleppe mein Gepäck zu einem Kontrollpunkt und rufe in der Presseabteilung des Camps an. Eine Stunde später werde ich abgeholt. Ein junger estnischer Offizier bringt mich zu einem Trailer – acht Betten, sieben davon belegt von einem australischen Fernsehteam. An Schlaf ist nicht zu denken. In der Mitte des Camps, vor einem künstlichen See, steht ein Palast Saddams, jetzt ein Konferenzzentrum der US-Armee. Der vierte Palast des irakischen Diktators, den ich kennenlerne. Ich verbringe die Nacht in einem Ledersessel in der Lobby.

Am Morgen warte ich wieder einige Stunden in der Lobby. Ich habe das Gefühl, der Irak, oder zumindest die amerikanische Armee, will mich nicht gehen lassen oder hat mich mittlerweile vergessen. Erst gegen Mittag kommt mein Begleiter. Wir fahren zum Flughafen. Noch einmal muss ich einige Stunden warten. Und noch einmal sehe ich, was den amerikanischen der irakischen Kriege in den Camps und der Internationalen Zone ausmacht: die ugandischen Söldner einer Sicherheitsfirma, die mich kontrollieren, die Soldaten der kleineren Koalitionsstaaten, die sich nützlich machen und ungefragt die Motive ihres Hierseins erläutern. Das ständige Warten. Am Nachmittag fliege ich mit einer C-17 nach Kuwait. Wir kommen abends an. Ein Bus bringt uns zur Ali al-Salem Base.

Die letzte Nacht verbringe ich mit Soldaten und pakistanischen Helfern in einem Zelt. Sie arbeiten für das Catering-Unternehmen, das das Weihnachtsessen ausgerichtet hatte. Es ist kalt wie am ersten Tag. Gegen Morgen bekomme ich meinen Pass, den ich bei der Ankunft abgegeben hatte. Er hat wieder einen Einreisestempel des Emirats Kuwait. Vom Irak ist in meinem Pass nichts vermerkt – so als hätten die letzten vier Wochen nicht stattgefunden.

Weiterführende Literatur zum Irakkrieg:

»Die Amerikaner im Krieg. Bericht aus dem Irak im 4. Kriegsjahr«, Dietmar Herz, Beck-Verlag, erscheint voraussichtlich im Mai 2007.

»Kleine Geschichte des Irak. Von der Gründung 1921 bis zur Gegenwart«, Henner Fürtig, Beck-Verlag 2003.

»The Fall of Baghdad«, Jon Lee Anderson, Little, Brown Book Group 2006.

»The End of Iraq. How American Incompetence Created a War Without End«, Peter W. Galbraith, Simon + Schuster UK 2007.

Fotos: dpa

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