Na dann gute Nacht

Die Mächtigen und Wichtigen der Welt kommen mit wenig Schlaf aus. Behaupten sie. Das kann für uns alle noch im Albtraum enden.

Will man eigentlich von Betrunkenen regiert werden? Eher nicht. Werden wir aber. Ein Promille haben sie alle. Ständig. Die meisten haben mehr.

Der Baseler Chronobiologe Christian Cajochen sagt: »Wer zehn Nächte hintereinander nur sechs Stunden schläft, befindet sich, was Leistungsvermögen, Reaktionsgeschwindigkeit, Gedächtnis und Urteilskraft angeht, in einem Zustand, als hätte er ein Promille Alkohol im Blut.« Die wichtigen Politiker in den Hauptstädten der westlichen Welt schlafen Nacht für Nacht weniger als sechs Stunden, nicht nur für zehn Tage, sondern über Monate, einige machen das jahrelang. Und trinken tun die meisten abends dann außerdem noch ein Gläschen. Sie sind klinisch fahruntauglich, genau genommen, werden aber als politikfähig angesehen.

Es scheint geradezu eine Voraussetzung für einen Alpha-Eins-Politiker zu sein, mit sehr, sehr wenig Schlaf auszukommen oder sich das wenigstens selbst einzureden. Es wird darüber nicht viel geschrieben und viel zu wenig nachgedacht, gilt aber als ein gesetztes Auswahlkriterium dafür, ob ein Mensch in der Politik was werden kann. Schon im Wahlkampf des Jahres 1972 war Rainer Barzels ausgiebiges Schlafbedürfnis eines der wahlentscheidenden Themen.

Es steigert sich ja die gesamte Elite der spätkapitalistischen Staaten immer tiefer in eine Art Dauer-Jetlag. Außer den Politikern geben heutzutage Ärzte, Manager, Börsenmakler und, ja, auch Journalisten damit an, nur vier, fünf Stunden Schlaf zu brauchen. Sie halten das für einen Ausweis von Kompetenz, Kraft und Führungsstärke. Dabei ist das Gegenteil wahr. Aber das weiß man vielleicht noch nicht lange
genug.

Manchmal schlafen sie auch gar nicht. Wenn die deutsche Bundeskanzlerin am Tag nach einer dieser Brüsseler EU-Nächte um 17 Uhr ihre Abschlusspressekonferenz gibt, dann sind alle 28 Staatschefs der Europäischen Union seit 35 Stunden ohne Schlaf. Und sie haben in diesem Zustand über wichtige Angelegenheiten entschieden, von denen mehr als 500 Millionen Menschen betroffen sind.

Angela Merkel fühlt sich als die Großmeisterin solcher Nächte, sie hat das schon als junge Umweltministerin lieben gelernt. Die Physikerin der Macht wird dann zur Königin der Nacht und beobachtet mit großer Faszination, wie die Stimmungen schwanken, wer mit Robustheit bei seiner Position bleibt, wer sich zu früh raustraut, wann es klug ist, zu unterbrechen, wie die einzelnen Faktoren sich entwickeln, und wie sie es schließlich beeinflussen und doch noch drehen kann. Es ist ein Menschenversuch. Geschlossene Gesellschaft. Keiner kann weglaufen. »Ich bin müde« zählt nicht. Und trotzdem gibt es eine Art Deadline, weil jede Nacht auch einmal vorbei sein muss und draußen Tausende von Journalisten auf Ergebnisse warten. Erfahrungsgemäß knicken auch die härtesten Burschen mit ihren angeblich vollkommen unverhandelbaren Positionen zwischen fünf und sechs Uhr morgens ein, vor allem, wenn angekündigt ist: Wir gehen hier erst wieder raus, wenn wir uns geeinigt haben.

In den Morgenstunden in Brüssel kann man junge, gesunde Männer aus den Entouragen der Politiker in ihren teuren Anzügen und handgenähten Schuhen wie Babys zusammengerollt auf dem Fußboden liegen und schlafen sehen. Von wegen Powernap. Zombies im Stand-by-Modus.

Wer in solchen Nächten zwischendurch für zwei, drei Stunden ins Hotel fährt, weil er einfach nicht mehr kann und schlafen muss, macht zwei Erfahrungen: Alle anderen Betten des Hotels »Amigo«, in dem hier immer übernachtet, beziehungsweise wenigstens eingecheckt wird, bleiben unbenutzt. Und wenn man dann zurückkommt in dieses maximal scheußliche EU-Ratsgebäude, sagen die anderen: »Ah, Sie haben ein wenig geschlafen. Wie klug.« Aber ihre Augen sagen: »Was für ein Weichei.« Und dann fahren sie zurück in ihre Regierungspaläste und Staatskanzleien und sagen Sätze wie die deutsche Bundeskanzlerin: »Ich erhole mich beim Arbeiten.«

Christoph Heusgen, der außen- und sicherheitspolitische Berater der Kanzlerin, wird ein paar Tage später mit einiger Bewunderung erzählen, dass er noch nie in seinem Leben einen Menschen kennengelernt hat, der mit so wenig Schlaf auskommt wie Angela Merkel. Sie selbst sagt: »Ich habe eine Art Kamelkapazität, mit Schlaf umzugehen. Das ist eine Fähigkeit, die für dieses Amt nicht ganz unwichtig ist. Ich kann über eine gewisse Zeit, fünf oder sechs Tage lang, mit wirklich sehr wenig Schlaf auskommen. Dann brauche ich aber auch wieder einen Tag, an dem ich ausschlafe, zehn, zwölf Stunden.«

Ganz ähnliche Zitate gibt es von Putin (»Medjedew und ich schlafen abwechselnd«) oder von Obama (»Vier Stunden müssen genügen!«). Man muss, glauben sie, nur bedeutend, mit einer etwas robusteren Gesundheit gesegnet und seelisch im Gleichgewicht sein, ein richtiger Alpha-Typ eben, um so etwas auszuhalten.

Hilfreich in Deutschland ist eine Familie, die nicht noch zusätzlich Du-hast-nie-Zeit-Stress macht, am besten ist die Familie gar nicht in Berlin. Außerdem, so erzählt es der bekennende Kurzschläfer Klaus Wowereit, muss man, wenn man dann schließlich nach Hause kommt, wirklich sofort ins Bett gehen und sofort schlafen.

Was auch und offenbar tatsächlich hilft, ist, wann und wo immer es geht, ein wenig Schlaf einzusammeln, Powernap, wie gesagt. Geht prima im Sitzen, muss man aber auch erst einmal können.

Ursula von der Leyen, die als Mutter von sieben Kindern naturgemäß trainiert ist im klugen Umgang mit Schlafentzug, hat in den langen Nächten der letzten Berliner Koalitionsverhandlungen den Kopf einfach auf den Tisch gelegt und ist eingeschlafen, mit dem Bewusstsein: Ich verlasse mich darauf, dass mich schon jemand weckt, wenn ich gebraucht werde. Johanna Wanka und einige der Staatsekretäre können das auch. Sie alle sehen gesünder aus als die anderen. Sie werden nicht dicker und haben auch nicht diese wächserne Haut und den flackernden Blick von Menschen, die noch die zwölfte Tasse Nachtkaffee in sich gießen und dumme Witze erzählen.

Und Drogen? Einmal nachts während der Koalitionsverhandlungen hieß es plötzlich, Merkel habe zu Seehofer gesagt, er sehe aber fertig aus und ob sie ihm Tabletten anbieten könne. Große Euphorie und Aufregung bei den Journalisten, die auch schon sehr lange nicht mehr richtig geschlafen und also ein Promille hatten. Alle dachten sofort an Speed, Kokain, Ephedrin, solche Sachen. Hat Merkel etwa so was in ihrer Handtasche?

Im Schlaf verwandelt sich unser Gehirn auch tatsächlich in eine Art Waschmaschine.

Es war dann nur Grippostad, das Mittel, mit dem die Bundeskanzlerin ihre Erkältungen wegdrückt, auch etwas öfter, als ein guter Hausarzt raten würde.

»Ich brauche nicht viel Schlaf« ist das Distinktionsmerkmal der Macht- und Erfolgsmenschen. Arianna Huffington, die Gründerin der Online-Zeitung The Huffington Post, war bis vor sechs Jahren so eine bekennende Kurzschläferin. Maggie Thatcher schlief nie mehr als vier Stunden. Edmund Stoiber erzählte gern, dass er mit vier Stunden gut auskommt. Das ist die magische Zahl. Auch dem deutschen Bahnchef Rüdiger Grube und den Karstadt/Quelle-Managern Thomas Middelhoff und Wolfgang Urban reichen »vier Stunden Schlaf locker«. Von Napoleon ist der Satz überliefert: »Vier Stunden schläft der Mann, fünf Stunden die Frau, sechs ein Idiot.« Was Napoleon noch nicht wissen konnte: Schlaf stärkt Immunsystem und Langzeitgedächtnis, mildert Traumata und heilt Wunden.

Man kann sich durch zu wenig Schlafen systematisch selber krank machen. Insgesamt 711 Gene verändern sich nach Schlafmangel, das sind vor allem Gene, die für Entzündungen, Immunantworten und Stressreaktionen verantwortlich sind oder den Stoffwechsel steuern. Die Folgen: Die Glukosetoleranz sinkt, das Diabetesrisiko steigt, Herzschwäche, Übergewicht, Magen-Darm-Krankheiten, Depressionen, Stoffwechselstörungen, geschwächtes Immunsystem.

Totaler Schlafentzug ist eine brutale, alte und leider auch aktuelle Foltermethode, die schon nach wenigen Tagen Psychosen erzeugt und in nur einer Woche die Persönlichkeit eines Menschen ganz zerschmettert. Experiment-Ratten sterben nach zwei bis drei Wochen Schlafentzug. Und die Japaner haben ein Wort für Tod durch Schlafmangel: Karoshi.

Seit die Forscher in die Köpfe von Schlafenden und Zu-wenig-Schlafenden gucken können, weiß man auch noch etwas mehr. Es wird aufgeräumt und geputzt im Schlaf. Tagsüber ist das Gehirn wach und exekutiert alles, nachts schläft es und macht sauber. Lebenswichtige Aufräumarbeiten sind das: Als bedeutend erkannte Verknüpfungen im Gehirn werden verstärkt, überflüssige gelöscht. Und wenn wir träumen, werden die von der Amygdala ausgehenden Emotionen rational eingeordnet.

Und noch etwas: Im Schlaf verwandelt sich unser Gehirn auch tatsächlich in eine Art Waschmaschine. Die Gehirnzellen machen sich klein. Die interstitiellen, also dazwischen liegenden Räume werden zu Kanälen, über die Schadstoffe, unbrauchbare und toxische Moleküle und biochemischer Schrott abtransportiert werden. Wer nicht oder nicht genug schläft, behält die schädlichen Stoffwechselprodukte in seinem Gehirn. Es gibt Forscher, die Zusammenhänge zwischen Schlafmangel und den sogenannten Dirty-Brain-Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson, Epilepsie und Migräne vermuten und untersuchen.

Noch einmal: Schlafmangel, das ist für uns und unsere Politiker ganz wichtig, zieht Glukose aus dem Gehirn, vor allem aus dem Präfrontalkortex, in dem die Selbstkontrolle gesteuert wird. Wer zu wenig schläft, handelt verantwortungsloser, hemmungsloser, unethischer. Forscher haben Menschen wochenlang nur fünf Stunden schlafen lassen und sie dann aufgefordert, zusammen mit ausgeschlafenen Probanden Ballons um die Wette aufzublasen. Der Deal war: Je größer der Ballon wird, desto mehr Geld gibt es. Platzt er, gibt es gar nichts. Die übermüdeten Menschen pusteten die Ballons immer weiter und weiter auf, bis sie explodierten und das schöne Geld ganz weg war. Ausgeschlafenen passierte das nicht. Wahrscheinlich gibt es keine schönere Metapher für Bedeutung und Anteil der Schlaflosigkeit an der Endphase des Spätkapitalismus als dieses Experiment.

Ja, natürlich gibt es auch Menschen, die tatsächlich weniger Schlaf benötigen als andere. Aber nicht so viele, wie das von sich glauben. Die gefährliche Falle ist, dass die Unausgeschlafenen gar nicht merken, was sie sich selbst und den Menschen, über die sie entscheiden, antun. Betrunkene fühlen sich ja auch immer grandios und superstark. »Wer sich mit wenig Schlaf fit und leistungsfähig fühlt«, sagt Schlafforscher Cajochen, »der sollte sich fragen, wie viel fitter und leistungsfähiger er wäre, wenn er ausgeschlafen wäre.«

Es weiß ja niemand, wie die letzten Jahre gelaufen wären, wenn die Lehman-Brüder ausgeschlafen hätten, oder wenigstens Bahnchef Grube, Thomas Middelhoff und Wolfgang Urban, oder noch besser alle Börsenzocker und Politiker. Was man weiß, ist, dass die traurige Wahrheit der meisten Ich-komme-mit-vier-Stunden-Schlaf-aus-Helden etwas anders aussieht als die Selbstwahrnehmung: Napoleon ist immer wieder auf seinem Pferd eingeschlafen, seine Leute waren froh, wenn er nicht runtergefallen ist. Edmund Stoiber nahm seine Powernaps gelegentlich in wichtigen Sitzungen. Wahrscheinlich werden Wissenschaftler eines Tages sogar herausfinden, dass es einen Zusammenhang gab zwischen Maggie Thatchers Alzheimer und ihrem Schlafkonzept.

Arianna Huffington jedenfalls sackte vor sechs Jahren so unglücklich über ihrer Tastatur zusammen, dass sie mit dem Kopf aufschlug und sich das Jochbein brach, auch die Augenbraue musste genäht werden. Seither schläft sie viel, interessiert sich für Schlafforschung und wirbt in ihren Reden und Kampagnen für mehr Schlaf: »Ich habe die schlechtesten Entscheidungen im Leben getroffen, wenn ich zu wenig Schlaf hatte, man stellt dann die falschen Leute ein und heiratet die falsche Person.« Auf Weltkonferenzen von Elite-Frauen rät sie neuerdings: »Schlaft euch nach oben.«

Angela Merkel mit ihrer Kamelkapazität hat es inzwischen auch schon verstanden. Ende Februar, Anfang März sah die deutsche Bundeskanzlerin plötzlich ganz verändert aus, wie runderneuert: schlanker, jünger, entspannt, entschlossen federnd, mit unternehmungslustig funkelnden Augen. Menschen, die sie jeden Tag erleben, sagten: Richtig mit Freude ist sie wieder bei der Sache, hat so viele neue Ideen und ist bestens gelaunt.

Was war passiert? Die Ärzte hatten ihr wegen ihres Beckenringbruchs viel Liegen verordnet. Da kam sie mal zum Ausschlafen.

Fotos: ddp. dpa, Getty, imago

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