Flucht aufs Wasser

Die meisten Menschen fahren gern ans Meer. Unsere Autorin macht das Meer wütend. Weil es ihr ihren Vater genommen hat. Hier erzählt sie von dem langen Abschied.

Mein Vater hat ein Geheimnis, seit vielen Jahren, länger als ich auf der Welt bin. Ich weiß davon, und er weiß, dass ich es kenne.

Die Geschichte über meinen Vater und mich beginnt in den Achtzigern, ein paar Jahre vor meiner Geburt. Er war Offizier bei der russischen Armee und fragte sich jeden Tag, welchen Sinn ein Leben als Offizier hatte. Er wollte desertieren, traute sich nicht, dann ließ er sich in die Psychiatrie einweisen. Denn er hatte von etwas geträumt, was ihm keine Ruhe ließ. Er träumte vom Meer.

Dann wusste er, was zu tun war. Nach ein paar Monaten durfte er die Streitkräfte verlassen. Er sagte: »Das Meer hat mich gerettet.« Von da an war die See sein Fluchtpunkt: Wenn ihm die Welt zu viel wurde, entkam er aufs Wasser. Dann sprach er nicht mehr davon.

Er heiratete, wurde Vater, mein Vater. Nach meinem achten Geburtstag begann er wieder davon zu sprechen. Er kaufte ein Kajak und fuhr damit in den russischen Norden. Den ganzen Sommer hörten wir kein Wort von ihm. Dann zog er aus.

Mein Zwillingsbruder und ich waren Jugendliche, als er beschloss, uns mit ans Meer zu nehmen. Die Anreise dauerte zwei Tage und endete an einem Ufer irgendwo am russischen Polarkreis. Wir schraubten das Kajak zusammen und ließen es zu Wasser. Danach gossen wir ein Glas Wodka in die Flut, als Opfergabe an Neptun.

Mein Vater hing seinen Gedanken nach. Wenn ich ihn ansprach, reagierte er nicht sofort, so wie es bei einem Ferngespräch etwas länger dauert, bis das Klingeln ertönt.

Die meisten Menschen fahren gern ans Meer. Mich macht das Meer wütend. Und ich weiß genau, woran das liegt.

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Mein alter Mann und das Meer

Der Vater unserer Autorin liebt die See. Immer wenn die Welt ihm zu viel wurde, floh er aufs Boot. Doch inzwischen hat das Meer ihn ganz davongetrieben. Die Geschichte einer Entfremdung.