Schön war die Zeit

Während Corona das Reisen verhindert, werden Urlaubserinnerungen so präsent wie nie bei ­unserer Autorin. Sie fragt sich: Ist Reisen im Kopf die Zukunft des Reisens?

Die Gedanken an frühere Ausflüge können wie Selbsthypnose sein.

Illustration: Mr Babies

Irgendwann zwischen Welle zwei und drei hatte ich einen Frederick-Moment. Ach was, einen. Unzählige. Frederick ist die Maus aus Leo Lionnis Kinderbuchklassiker, die im Herbst keine Essensvorräte sammelt, sondern auf einer Mauer sitzend Sonnenstrahlen. Als im Winter das Futter aufgebraucht ist, kommt Fredericks große Stunde. Er erzählt der Mäusefamilie von der Wärme und den Farben des Sommers, und seine Geschichten lassen sie die harschen Umstände eine Weile vergessen. Die schönste Seite dieser Fabel über die angeblich so brotlose Kunst zeigt

Inmitten des Nichtstunkönnens erging es mir wie Frederick und den Mäusen: In meiner Corona-Höhle, vor meiner inneren Steinmauer erschienen im Winter plötzlich die Farben, die Lichter und Geschichten meiner Reisen. Als durch Kontaktbeschränkung, Ausgangssperre und Kälte alles immer enger wurde, ging ich im Kopf auf Reisen, ich stöberte wieder in alten Fotos, träumte mich zurück nach Vietnam, Frankreich und Kuba. Island, Italien und Belize.

Besonders diese Reise kam mir in den Sinn, ich verbrachte 2014 ein paar Tage in

Ich reiste auch zurück nach Marokko, der letzten großen ­Reise 2018, bevor unser Kind kam,

Ich sah mir meine Reisetagebuch-Aufzeichnungen durch. Kicherte über den Spaß, den mein Mann und ich

Tatsächlich war mein Bewegungsradius noch nie so klein wie in den vergangenen zwei Jahren gewesen,

Reisen war für mich früher mehr als ein Hobby, es war eine Lebenseinstellung. Prestige. Inspiration.

Natürlich war auch ich in den zurückliegenden Monaten genervt, die immer selben Ecken meines Viertels

Doch warum waren die Erinnerungen überhaupt so lange weg? Warum hielten Inspiration und Dankbarkeit nach

Ich glaube, das Rauschen war zu laut. Auf ein Highlight musste ja immer das nächste

Vor allem hat die Pandemie, besonders der politische Umgang mit ihr, meinen Blick für die

»Kann unser liberales Gesellschaftsmodell existieren, ohne sich mehr Ressourcen zu nehmen als andere und die Erde und die Atmosphäre mehr zu verschmutzen als andere und mehr, als es verantwortbar ist? (…) Ist der Satz ›Ich habe genug‹ einer, der in einem Unternehmen überhaupt laut ausgesprochen werden darf (…)?«, schreibt Bernd Ulrich in seinem Buch über die Klimakrise Alles wird anders. Ich frage mich analog: Kann man »Ich habe genug« in einem SZ-Magazin-Reiseheft schreiben?

Vor ein paar Jahren fühlte ich schon einmal einen Einschnitt in meinem Reiseverhalten, ich hatte

Was man als Tourist ja immer nur mit Verzögerung merkt, ist, dass man diesen Orten

Das Innehalten durch die Pandemie führte auch dazu, dass ich vieles in einem anderen Licht

Meine erste Südostasienreise nach Thailand war toll, die Garküchen, die Tempel, die schwimmenden Märkte. Aber

Genau wie das Elefantenreiten mit anderen rotgesichtigen Weißen, die »mal einen Tag Pause vom Strand

Was also tun? »Das Insistieren auf überkommenen Privilegien ist nicht freiheitlich, es ist feudal«, schreibt

Vor allem: die Erinnerungen an die »großen Reisen« noch haltbarer machen. Nicht nur konservieren, noch

Ich spüre Fernweh, fast täglich, und natürlich werden auch bald die Phantomschmerzen kommen, wenn ich

Und bewusster sehen: Dokumentationen und TV-Beiträge wieder genauer anschauen. In Korrespondentenberichten die Luft flirren sehen,

In Ferien für immer, dem Reisebuch von Christian Kracht und Eckhart Nickel, stammt das Vorwort von Moritz von Uslar. Auch er zumindest bei Erscheinen ein Reiseskeptiker. »Reisen handelt davon«, so schrieb er, »die Unendlichkeit als Endlichkeit akzeptieren zu lernen und andersrum – was nur bedeutet, dass selbstverständlich nirgendwo so viel Platz ist wie in der miesen kleinen Enge unter der eigenen Wohnzimmerlampe.«

Die perfekten Worte für ein Buch, das – noch mal mit dem Abstand von zwanzig

Von Uslar schreibt im Vorwort auch von seinem alten Westermann-Atlas und der Widmung darin, die