Pot Bless America

In der »Cannabis Chapel« in Las Vegas kann man sich nun ver-high-raten lassen. Und das ist nur eine der vielen erstaunlichen Nebenwirkungen des Hanf-Booms in den Vereinigten Staaten.

Die Braut trug feuerrote Haare, ein schulterfreies, schwarzes Abendkleid und als Bouquet einen Strauss mit Cannabis-Blättern und -Blüten. »Laugh Live Learn« steht schwarz tättowiert auf ihrem Dekolleté. Statt Hochzeitsglocken läutete Bob Marley die erste Hochzeit in der neuen »Cannabis Chapel« von Las Vegas ein. Standesgemäß schritt das Brautpaar durch ein Spalier aus Hanfpflanzen.

Natalie und Lee Rice reisten für die Zeremonie extra aus Phönix, Arizona, an, weil sie die ersten sein wollten, die sich in der »Higher Power Cannabis Chapel« in Nevada trauen lassen. Das »Higher Power« ist wörtlich zu nehmen: »Natalie hat schlimme Rückenprobleme und Cannabis lindert die Schmerzen«, sagt der stolze Bräutigam, Lee Rice. »Cannabis hat unsere Beziehung verbessert. Wer weiß, ob wir ohne Cannabis noch zusammen wären?« Natalie Rice gibt zu, sie sei oft schlecht gelaunt, wenn die Schmerzen überhandnehmen, das medizinische Marihuana helfe ihr, umgänglicher und fröhlicher zu sein. Lee hat noch einen weiteren Grund für seine Cannabis-Begeisterung: Er betreut epileptische Kinder und sagt, medizinisches Marihuana wirke bei Menschen mit Epilepsie besser als verschreibungspflichtige Medikamente.

Während Deutschland gerade zögerlich die streng reglementierte Freigabe von Marihuana zu bestimmten medizinischen Zwecken umsetzt und die Vereinten Nationen die Legalisierung von Marihuana als Alternative zum erfolglosen Drogenkrieg andenken, ist legales Cannabis in vielen amerikanischen Staaten längst Alltag. Gerade erst hat Pennsylvania als 24. amerikanischer Staat medizinisches Marihuana legalisiert. In vier Bundesstaaten ist Marihuana auch für den Freizeit-Genuss erlaubt, nämlich in Colorado, Washington, Oregon und Alaska. Vermutlich werden sich auch die Kalifornier und ihre Nachbarn in Nevada im November für die völlige Freigabe entscheiden. Pot Bless America.

So viel legale Dröhnung sorgt für viel Umsatz. Bongs bringen Big Business. Fast sechs Milliarden Dollar wurden mit Cannabis-Produkten in Amerika im letzten Jahr umgesetzt, 25 Prozent mehr als noch im Vorjahr, und die kalifornische ArcView Group, die Cannabis-Start-Ups berät, einen berauschenden Jahresumsatz von 23 Milliarden US-Dollar bis zum Jahr 2020.

Immer mehr Anbieter wetteifern um ihre Krümel vom Pot-Kuchen, mit immer ausgefalleneren Ideen werben sie um Kunden. Es gibt inzwischen Marihuana-Maniküre (bei der echtes Gras auf die Nägel gelegt und mit Lack fixiert wird), Bauernmärkte für Hanf, Bong-Designer, sowie Kochkurse, Restaurants und eine TV-Kochshow namens »Cannabis Planet«, die erklärt, wie man das Kraut am besten in Teriyaki-Huhn und Lasagne unterbringt.

Nun eben auch ein »Weeding« statt »Wedding«. Der langhaarige Hohepriester der »Higher Power Cannabis Chapel« in seinem schicken schwarzen Anzug (mit giftgrünem Hanfblätteraufdruck und passender Krawatte) erklärte bei der Eheschließung poetisch, es gebe »so viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Gedeihen von Cannabis und dem Schließen einer Ehe, denn wir betrachten die Verbindung einer männlichen und einer weiblichen Pflanze, um die Cannabis-Blüten zu erzeugen.«

Es wird vielleicht noch eine Weile dauern, bis so etwas wie die »Higher Power Cannabis Church« auch in Deutschland als Kirche anerkannt wird. Die Kirchengemeinde in Las Vegas beschreibt sich als »Gemeinschaft, die Inspiration und Weisheit von allen großen Weltreligionen annimmt. Durch unsere gemeinsame Suche nach Higher Power, sind wir zu dem Glauben gelangt, dass Cannabis eine Wunderpflanze ist, die viele therapeutische und medizinische Vorteile hat.«

Bei der Zeremonie zeigte sich dann aber auch, dass die Higher Power der neuen Kirche noch nicht bis nach ganz oben reicht: Auf Bundesebene ist Marihuana nämlich immer noch illegal und auch in Nevada darf Cannabis eben nur zu medizinischen Zwecken konsumiert werden und nicht zum Hochzeitskuss. Deshalb sind das adrette Cannabis-Bouquet und das dekorative Hanf-Spalier nicht aus echtem Gras, sondern aus Seide und Plastik. Weil das glückliche Brautpaar in der Kirche trotz ärztlichem Rezept nicht rauchen durfte, ging es nach dem Ja-Wort zur Hochzeitsfeier in die Cannabis-Apotheke.

Sobald die legalen Hürden ausgeräumt sind, könnte man die Sakramente auszudehnen: Cannabis-Taufe, Cannabis-Kommunion und Stoner-Bestattung. Es wäre ja vielleicht nicht das schlechteste Ende, sich zum Schluss entspannt in Rauch aufzulösen und Gras über die Sache wachsen zu lassen.

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