Verschworene Gemeinschaft

Veschwörungstheoretiker beim zehnjährigen Gedenken an den 11. September

Haben Sie’s schon gehört? Hillary Clinton wollte Wikileaks-Gründer Julian Assange mit einer Drohne kaltmachen. Weil sie Angst vor seinen Enthüllungen hat! Ja, wirklich! Das habe ich von einer sehr gut informierten Quelle: nämlich Julian Assange höchstpersönlich, zumindest hat er das diese Woche auf seinem Twitter-Account verbreitet!

Dass die Reporter der Süddeutschen Zeitung darüber nicht groß auf der Titelseite berichtet haben, liegt daran, dass sie mit Hillary Clinton unter einer Decke stecken. Dafür wurde der Mordversuch auf verlässlichen Internet-Seiten wie »Antimedia« und dem »True Pundit« Report als Tatsache berichtet, und wer True, also »wahr« schon im Namen führt, lügt bekanntlich nicht.

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Wer sich die Mühe macht, genau hinzusehen, erfährt, dass die Quelle ein anonymer »Mitarbeiter des State Department« ist, sprich: Man kann sie nicht überprüfen. Es hat aber trotzdem gereicht, den Mordversuch aus den obskuren Webseiten auf die Titelseiten prominenter, viel gelesener Medien zu heben, unter anderem Politico und Daily Mail. Wer nur die Überschriften liest, bei dem bleibt hängen: Clinton wollte Assange auslöschen. (Und wer weiß, was sie sonst noch alles zu verbergen hat!)

Schon haben wir sie: eine wunderbare, betörend funkelnde Verschwörungstheorie. Viel zu verführerisch, da nicht zuzugreifen!

Darin sind die Amis spitze. Meine Schwägerin glaubt bis heute, dass Barack Obama in Kenia geboren wurde und Moslem ist. Wäre das nur eine Aussenseiteransicht, wäre mir das keine Zeile wert, aber diese Meinung teilt sie mit unglaublichen 41 Prozent der Republikaner. Beweis: Warum sonst würde er Hussein heißen? Sehen Sie? Eben! Wo Rauch ist, ist auch Feuer. Wo ein Hussein ist, ist auch ein Islamist nicht weit. Logisch. Aber die Lamestream-Medien berichten einfach nicht darüber!

Gott sei Dank gibt es Wahrheitssuchende wie Donald Trump (und mich), die ihre Karriere eben darauf gründen, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu enthüllen. Während sich alle Leichtgläubigen damit zufrieden gaben, dass Barack Obama vor fünf Jahren seine Geburtsurkunde aus Hawaii vorlegte, wusste Trump, dass Obama trotzdem kein amerikanischer Staatsbürger ist (und damit auch nicht rechtmäßig Präsident). Das wiederholte er so lange und so eindrücklich, dass seine Anhänger nun nicht mehr davon abzubringen sind. Eine Teilnehmerin einer Trump Rallye ging gar so weit zu sagen, nur die Anwesenheit unabhängiger Beobachter bei Barack Obamas Geburt könnte sie eventuell davon überzeugen, er sei tatsächlich auf Hawaii geboren. Die Frau, die dabei war – seine Mutter – sei natürlich keine glaubwürdige Zeugin, denn »sie ist ja nicht objektiv. Sie hat ein Eigeninteresse.«

Das Wichtigste bei einer Verschwörungstheorie ist, sie unbeirrt zu wiederholen. Wissenschaftliche Studien haben nachgewiesen: Je öfter eine Lüge wiederholt wird, desto mehr bleibt davon hängen. Der Kern-Satz der »Truther«, also der Menschen, die andere Wahrheiten als der Rest der Welt aufdecken: »Oh, da stimmt was nicht! Was haben sie zu verbergen?« Als Trump im September zugab, Obama sei doch ein Amerikaner, verbreitete er fast im gleichen Atemzug die neue These, Obama und Hillary Clinton hätten die islamistische Terrorgruppe ISIS gegründet. Die entstand zwar, bevor Obama und Clinton ins Amt kamen, aber hey, wir wollen uns hier nicht mit kleinlichen Details aufhalten.

Auch in Deutschland gibt es Menschen, die bezweifeln, die Amis hätten den ersten Mann auf den Mond geschickt und Prinzessin Diana sei wirklich tot. Womöglich lebt sie heute noch an einem geheimen Ort, wer weiß das schon? Aber nur in Amerika glauben mehr als zwölf Millionen Menschen, die Regierung werde von Reptilienwesen kontrolliert, 22 Millionen Menschen sind davon überzeugt, Außerirdische seien in der Wüste von New Mexiko gelandet (siehe Public Policy Polling Umfrage), und 116 Millionen Amerikaner schwören wie Donald Trump, der Klimawandel sei ein Hoax. Trump hat die Verschwörungstheorie zur Kunstform erhoben, aber den fruchtbaren Boden dafür haben vor ihm schon andere bereitet.

Bereits vor 50 Jahren schrieb der Historiker Richard Hofstadter in seinem legendären Essay über »den paranoiden Stil in der amerikanischen Politik«. Verschwörungstheorien gab es schon immer, aber neu ist, wie sehr sie in diesem Jahr den amerikanischen Wahlkampf beherrschen. Die Zündler lösen damit Flächenbrände aus, die völlig außer Kontrolle lodern. Psychologen wissen, dass die Neigung zu Verschwörungstheorien wächst, je weiter Menschen sich auf die extremen Ränder der Politik zu bewegen. Bei Konservativen lässt sich sogar physiologisch nachweisen, dass sie mehr von Angst regiert werden: Ihr Mandelkern im Gehirn ist größer und sie reagieren heftiger auf Bedrohungen, ob echte oder eingebildete.

Ihre häufigste Klage: Die Medien seien alle gleichgeschaltet und würden wichtige Informationen einfach unterdrücken. Deshalb diese Kolumne: Hier berichte ich Ihnen unerschrocken die Wahrheiten, die alle anderen verschweigen. Als investigative Journalistin muss man nur auf eine Trump Rally gehen, um die erschütterndsten Skandale aufzudecken: Hillary Clinton hat Parkinson, Multiple Sklerose, Aids, oder vielleicht auch alles zusammen. Möglicherweise ist sie sogar schon tot, und eine professionelle Schauspielerin verdingt sich derzeit als Doppelgängerin in der Rolle der Präsidentschaftsbewerberin. Unglaublich, aber wahr! Als Daily-Show Reporter Jordan Klepper Trump-Anhängern zwei Fotos von Clinton unter die Nase hielt, fiel es vielen leicht, die Doppelgängerin zu entlarven: Narben am Hals und ein verräterisches Mal an der Wange. Der Haken: Die beiden Fotos waren absolut identisch.

Über die wilden Gerüchte könnte man sich lustig machen, wäre es nicht erschreckend, wie viele Menschen gar keine Tatsachen brauchen, um sich ihre Meinungen zu bilden. Besonders erhellend sind derzeit die amerikanischen Late Night Shows, die gerne ihre Reporter auf die Straße schicken, um die Amerikaner zu den jüngsten Ereignissen zu befragen: »Haben Sie die First Lady Debatte zwischen Bill Clinton und Melania Trump gesehen?« fragte etwa die Daily Show auf den Straßen New Yorks. Die New Yorker äußern dazu klare Meinungen: »Habe ich gesehen! Melania war für eine First Lady zu offenherzig angezogen, und Bill Clinton kannte sich bei der Außenpolitik besser aus.« (Die Debatte hat natürlich nie stattgefunden.)

Comedian Jimmy Kimmel hat den »Lie Witness News«, also den »Lügenzeugen-Nachrichten« gar ein eigenes Segment gewidmet. Darin geben seine Reporter vor, Meinungen zu den aktuellen Enthüllungen über Hillary Clintons Emails einzuholen. Es ist überraschend, wie viele Menschen die Räuberpistolen nicht hinterfragen, und so spielen sich großartige Dialoge ab wie diese:
»War es präsidentiell, dass Hillary Clinton Wladimir Putin um Oben-Ohne Fotos gebeten hat?« –
»Nein, meiner Meinung nach war das gar nicht präsidentiell!« empört sich ein Grauhaariger. »Was lesen Sie daraus, dass Hillary Clinton die LinkedIn-Einladung von Osama Bin Laden akzeptiert hat?« Eine aufgebrachte Passantin hat die Antwort: »Ehrlich, das zeigt, dass sie keine wahre Amerikanerin ist. Sie ist eine Landesverräterin.«

In einer »Donald Trump Edition« konfrontierte Kimmels Show Spaziergänger mit völlig erfundenen Details aus Trumps aktueller Steuererklärung, die er bekanntlich nie veröffentlicht hat: »Was sagen Sie dazu, dass Trump seine Frau als »Entertainment« von der Steuer absetzt?« – Ein junger Trump-Anhänger: »Das ist legitim, denn für ihn ist sie ja unterhaltsam.« »Ändert es Ihre Meinung über Trump, dass er statt 10 Milliarden nur 42000 Dollar besitzt?« – »Das ändert meine Meinung über ihn überhaupt nicht«, sagt eine junge Frau mit einer wegwerfenden Handbewegung. »Wir schwindeln doch alle ein bisschen.«

Mein Lieblingszeuge ist der Mann mit der roten »Make America Great Again!«-Kappe und »Make America Great Again!«-T-Shirt, der Barack Obama verdächtigt, hinter den Terroranschlägen des 11. September zu stecken. Beweise? »Na, Facebook, Twitter, es steht doch überall!« Der Mann verfügt über überzeugende Argumente, dass Obama bei dem Attentat auf das World Trade Center eine große Rolle spielte. »Warum war Barack Obama am 11. September 2001 nicht im Weißen Haus? Das«, sagt der Trump-Fan düster, »würde ich gerne herausfinden. Da muss man tief graben.«

Oder auch einfach nur gelegentlich Zeitung lesen: Der Grund, dass Obama im September 2001 nicht im Weissen Haus war, mag darin liegen, dass er erst 2009 Präsident wurde.

Aber wahrscheinlich war das Teil seiner Verschleierungstaktik, damit er für 2001 ein Alibi hatte. Ganz wichtig: Lassen Sie sich bei Verschwörungstheorien nicht von Tatsachen beirren. Wo kämen wir hin, wenn wir nur noch an Fakten glauben könnten? Amerika ist zwar verrückt, aber ganz so verrückt dann doch wieder nicht.

Foto: Getty Images/ James Leynse, AP

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