Good morning, Iraq (Teil 2)

Es heißt, dieser Krieg könnte Amerikas zweites Vietnam werden. Das ist falsch: Er wird schlimmer.

Schüsse aus dem Hinterhalt

Hier gilt es, Präsenz zu zeigen, das Terrain nicht dem Gegner zu überlassen. Es soll keine No-go-Zone für die Amerikaner geben. Ich beobachte einige Personen auf den flachen Dächern der Häuser. Eine Familie, wie mir scheint. Ein älterer Mann in traditioneller Kleidung, Kinder, zwei junge Frauen. Plötzlich höre ich ein trockenes Knallen. Kugeln schlagen in die Hauswände ein. Jemand brüllt einen Befehl. Arabische und englische Stimmen. Die Iraker hinter mir schießen in die Richtung, aus der die Schüsse kommen. Ich knie mich auf den Boden, eng an die Hauswand, mehr Deckung kann ich nicht finden. Die Schüsse kommen nun von vorn. Ein US-Soldat wenige Meter von mir wird getroffen. Ich versuche ein paar Schritte nach vorn zu gelangen, dann knie ich mich wieder auf den Boden. Einige Schüsse sind von den Dächern gekommen. Die Familie auf dem Dach zeigt sich mit erhobenen Händen. Sie fürchtet, in den Schusswechsel zu geraten. Der alte Mann hebt ein kleines Mädchen hoch und hält es nach vorn. Die Soldaten hören auf zu schießen, ebenso die Heckenschützen. Die Humvees sind zurückgekommen und stellen sich zwischen die Soldaten und die Richtung, aus der die Schüsse kommen. Der kommandierende Offizier fordert Verstärkung an. Der verwundete Soldat und ich werden ins Camp zurückgefahren, es gibt, wie ich später erfahre, keine Verhaftungen. Das Ganze hat kaum eine Viertelstunde gedauert.

Am Tag darauf haben wir »Blackout«. Der Bataillonskommandeur hat die Internet- und Telefonzentrale schließen lassen. Das ist immer dann der Fall, wenn ein Soldat der Einheit verwundet oder getötet wird. Niemand soll eine Nachricht darüber verbreiten, bevor die Angehörigen vom Militär informiert sind. Je nachdem, wer sie sind und wo sie leben, kann ein solcher Blackout mehrere Tage dauern.

Strategie des Scheiterns

Zeit, um über den Sinn solcher Patrouillen nachzudenken. Die Amerikaner sind willens und fähig, Stützpunkte und Rückzugsgebiete der sunnitischen Aufständischen oder der verschiedenen, meist schiitischen Milizen zu erobern und die Gegner zu vertreiben. Aber die Stärke der amerikanischen Verbände reicht – trotz angekündigter Aufstockung der Truppen – nicht aus, um diese Erfolge militärisch dauerhaft abzusichern und mit dem Wiederaufbau von zivilen Einrichtungen zu beginnen.

Die Strategie des »clear, hold, and build« zeitigt somit bisher kaum Erfolge. Daher haben sich die amerikanischen Streitkräfte – von einzelnen Aktionen und Patrouillen abgesehen – in ihre Camps und gesicherten Zonen zurückgezogen; die gesamte Logistik der Besatzungsarmee basiert auf Lufttransporten oder schwer bewaffneten Konvois – meist bei Nacht. Dieser Zustand lässt sich, bei gleichbleibenden Verlusten, sicherlich eine lange Zeit aufrechterhalten. Eine Befriedung des Landes wird dadurch nicht erreicht.

Auch der zweite Teil der amerikanischen Strategie erweist sich als wirkungslos: Die irakische Armee und Polizei ist nicht in der Lage, die Amerikaner groß zu unterstützen. Nahezu die Hälfte der rund 138 000 Soldaten ist lediglich dazu bereit, in ihrer Heimatregion Dienst zu tun. Ihre Loyalität gilt nur zu einem sehr geringen Teil dem irakischen Gesamtstaat. Die Soldaten erhalten zudem eine Woche Urlaub im Monat, um sich um ihre Familien zu kümmern. Selten stehen die Einheiten in voller Stärke zur Verfügung. Es fehlt an einer effizienten Führungsstruktur auf Brigade- und Divisionsebene. Eine grundlegende Verbesserung des Zustands der Armee, die einen nationalen Versöhnungsprozess und die Überwindung der religiösen und ethnischen Differenzen voraussetzen würde, ist nicht in Sicht.
Der Jahreswechsel ist wieder eine Zeit des Wartens. Für 72 Stunden darf niemand das Camp verlassen. Damit soll verhindert werden, dass in dieser Zeit noch jemand verwundet oder gar getötet wird. Zum anderen werden solche »Ruhephasen« immer wieder angeordnet, um den Soldaten etwas Entspannung zu ermöglichen. Im soldatischen Alltag bleibt dafür oft nur wenig Zeit. Zwischen den einzelnen Missionen und Kontrollfahrten liegen häufig nur ein paar Stunden. Daher sind längere Pausen nötig. Feiertage bieten sich für solche Ruhephasen natürlich besonders an. Die Soldaten schlafen, solange sie können, machen ihre Wäsche, telefonieren, sehen Videos, trainieren im Fitnessraum des Camps.

Am 31. Dezember wird mir etwas überraschend mitgeteilt, dass ich nach Tikrit kommen kann. Kurz vor Mitternacht fliege ich in einem Black Hawk von Camp Brassfield nach Camp Speicher. Den Jahreswechsel verbringe ich frierend in einem Hubschrauber über dem Irak.

Cappuccino und Kugelhagel

Die amerikanische Besatzung im Irak, so habe ich mittlerweile gelernt, zerfällt in zwei Welten. Einmal in die autarke, abgeschlossene Welt der Camps. Camp Speicher nahe Tikrit, wo ich die ersten Tage des neuen Jahres verbringe, ist um einen früheren Luftwaffenstützpunkt der irakischen Armee erbaut. Eine Stadt für sich, mit Busverbindungen zwischen den einzelnen Teilen des Camps, Zeltstätten, Häusern und Bungalows, Geschäften und Fast-Food-Läden.

Jeden Tag hole ich mir einen Cappuccino von Green Beans Coffee. Stets bedienen dort freundliche Filipinos oder Pakistanis, die in dem zum Café umfunktionierten Trailer laute lateinamerikanische Musik spielen. Die Kette Green Beans Coffee, die US-Soldaten auf Auslandseinsatz in aller Welt Kaffee bietet, ist so erfolgreich, dass sie sich nun auch im zivilen Geschäft in den USA versuchen will.

Die andere Welt ist die der Patrouillen und Einsätze außerhalb der Camps. Es sind die Momente der Gefahr, des Krieges. Die Trennung ist nahezu vollständig, der Rückweg nach jedem Einsatz in die Sicherheit des Camps verleiht allen Bemühungen etwas Vorläufiges. General Petraeus, der neue Ober-befehlshaber im Irak, fordert, diese Trennung aufzuheben. Nur eine permanente Präsenz der US-Soldaten im Irak, außerhalb der amerikanischen Welt – die Camps sind nicht Teil der irakischen Lebenswelt – könnte eine Veränderung herbeiführen.

Gespannte Lage in Tikrit

Ich will mich in Tikrit über den politischen und materiellen Wiederaufbau informieren. Daher nehme ich an einigen Missionen teil, deren Aufgabe es ist, Kontakte zu irakischen Behörden und Einrichtungen aufzubauen und zu erweitern.

In Tikrit, Saddam Husseins Heimatstadt, herrscht am 3. Januar ein vollständiges Fahrverbot. Vor einigen Tagen wurde der frühere Präsident hingerichtet. Die Lage in der Stadt ist gespannt, vereinzelt war es zu Demonstrationen gekommen, zahlreiche Explosionen waren registriert worden. Immer wieder sind Schüsse zu hören. Schüsse in die Luft können im Irak Freude ausdrücken, aber auch Trauer und Wut. Manchmal regelt ein Verkehrspolizist damit auch den Verkehr an einer un-übersichtlichen Kreuzung. Die Unterscheidung ist nicht immer einfach.

Bevor unser Konvoi – vier mit Maschinen-gewehren ausgerüstete Humvees – in die Stadt aufbricht, werden die Soldaten mit der Mission und der Sicherheitslage vertraut gemacht. Wir stellen uns in die Sonne, um die morgendliche Kühle zu mildern. Ein junger Captain erklärt die Lage. Er wirkt sympathisch, lacht viel. Die Marschordnung der Humvees verdeutlicht er mit Hilfe von kleinen Spielzeugautos. Dann verliest er die eindrucksvolle Liste der gestrigen Zwischenfälle.

Mit den Fahrern übt er, wie die Fahrzeuge einander zu sichern hätten, wie auf Zivilfahrzeuge zu reagieren sei, was im Falle eines Angriffs zu tun sei, falls ein Soldat verletzt oder getötet werde. Er verwendet die von Akronymen durchsetzte militärische Sprache, die dem Bevorstehendem etwas Abstraktes verleiht: »casualty« für Verwundung oder Tod, »contact« für Kampfhandlungen, »I.E.D.« (improvised explosive device) für Mine. Die Soldaten scheinen das oft gehört zu haben, nicht alle hören zu. Einige trinken Kaffee, ein junger Gefreiter will wissen, ob wir rechtzeitig zum Lunch ins Camp zurückkommen.

Die verletzte Würde des Diktators

Die Soldaten sind bei der Ankunft am ersten Einsatzort nervös. Wir besuchen den lokalen Fernsehsender. Unruhige Blicke suchen die Dächer der umliegenden Häuser ab. Vorsichtig, gleichfalls nervös und nach möglicher Deckung suchend, gehe ich mit einem amerikanischen Offizier über den Hof. Mit Erleichterung erreichen wir den Eingang, zwei Iraker in Zivilkleidung, mit AK-47 bewaffnet, öffnen uns die Tür.

Wir gehen durch eine Anzahl Räume, Unterkünfte und improvisierte Fernsehstudios. Dann sitzen wir im Büro mit dem Chef des Senders zusammen. Er wirkt bedrückt, wechselt zwischen Arabisch und Englisch. Der Wunsch des Majors, ein Interview mit dem Kommandeur der Brigade zu senden, scheint ihn in Verlegenheit zu bringen. »Ja, machen wir, aber vielleicht doch erst in ein paar Wochen. Die Menschen sind wütend und traurig.« Wegen Saddam. Ich frage ihn nach seiner Reaktion auf die Hinrichtung Saddams. Er weicht aus. Der Sender immerhin habe sein Programm geändert und das Thema behandelt. Er sendet Trauermusik.

Es ist nicht die Hinrichtung des Diktators, die die Menschen aufbringt. Dass Sieger keine Gnade üben, ist akzeptiert. Es war die Art und Weise der Tötung. Saddam war – unabhängig von seinem Amt und seinen Verbrechen – einer von ihnen. Er hatte das Recht, in Würde zu sterben. Die Muktada-Rufe während der Exekution, die seinen Erzfeind Muktada al-Sadr feierten, die verächtlichen Bemerkungen der Henker und Umstehenden, die Verbreitung all dessen per Video – darin sehen viele eine bewusste Kränkung der Sunniten als Religionsgemeinschaft, der sunnitischen Stämme, die den Strömungen der Baath-Bewegung nahe stehen.

Die Art und Weise der Tötung Saddams legen sie den Amerikanern zur Last. Nicht unbedingt, weil sie eine direkte Verantwortung der USA unterstellen, sondern weil sie die USA als Verbündeten einer Regierung betrachten, in der sie ihren Feind sehen.

Realismus statt Demokratie

Während des Jahreswechsels schien in den USA endlich ein Umdenken zu beginnen, das sich bereits im Herbst angedeutet hatte. Erstmals reagierte der Präsident auf seine Kritiker. Die Fehlschläge im Irak zogen personelle Änderungen nach sich: Nach dem Rücktritt von Donald Rumsfeld nominierte Präsident Bush am 8. November 2006 Robert Gates als Verteidigungsminister. Gates hatte zuvor für einen baldigen Abzug der amerikanischen Truppen im Irak gestimmt. Nach einer Anhörung im Kongress, in der Gates auf die Frage, ob die USA im Irak gewinnen werden, mit »Nein« antwortete, bestätigte der Kongress Gates am 6. Dezember 2006 als neuen Verteidigungsminister – mit 95:2 Stimmen bei drei Enthaltungen.

Gates arbeitete 26 Jahre für die CIA und war von 1991 bis 1993 deren Direktor. Bush bereitete durch diese personellen Veränderungen eine ideologische Kehrtwende vor: Leitmotive sind – wie während der Administration seines Vaters, dessen Vertrauten er neue Aufgaben zuwies – Stabilität und Realismus anstelle der Schaffung eines demokratischen Nahen und Mittleren Ostens.

Auch andere Ernennungen deuten in diese Richtung: Am 10. Februar löst General David Petraeus William Casey als Oberbefehlshaber der Koalitionstruppen ab. Petraeus hat sich für eine maßvolle Truppenerhöhung ausgesprochen und gilt als Verfechter einer völlig neuen Strategie. Die großen isolierten Camps sollen zugunsten kleinerer Einrichtungen teilweise aufgelöst werden. Die Amerikaner sollen mit den irakischen Soldaten auch »vor Ort« präsent sein. Damit soll sich die Sicherheitslage in den großen Städten, vor allem in Bagdad, verbessern.

In der Provinz Salah al-Din beobachten die Soldaten und ihre Offiziere diese Ver-änderung mit skeptischer Hoffnung. »Wenn wir abziehen müssen«, sagt mir ein Offizier, »dann werden wir gehen. Dann war aber alles umsonst. Wenn wir bleiben sollen, werden wir bleiben, aber dann brauchen wir die Mittel, um unsere Aufgabe zu erfüllen. Ich vertraue auf das amerikanische Volk.« In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod, besagt ein Sprichwort, zugleich Titel eines Films von Alexander Kluge. Im Irak ist der Status quo der Mittelweg.

Die Müllberge von Bagdad

In einem großen Chinook-Transporthubschrauber fliege ich zurück nach Bagdad, wo ich die letzten zehn Tage meiner Reise in Camp Prosperity bei einer Brigade der 1st Cavalry Division verbringen werde. Mit derzeit 16700 Soldaten ist die Division der größte militärische Verband der USA.

Ich habe mich in den letzten Wochen sehr oft gefragt, wie der Irak wieder aufgebaut werden könnte. In Samarra war es die Kooperation zwischen den Sicherheitskräften der Koalition und den Irakern gewesen, die als wichtiges Element erschien. In Bagdad war es der komplizierte Zusammenhang zwischen zivilem Wiederaufbau, Sicherheit und Übertragung von Souveränitätsrechten und damit verbundenen Aufgaben an die Iraker, der mich interessierte. Immer wieder denke ich an Adolphe Thiers’ Vorwort zu seiner Geschichte der Französischen Revolution. Man muss nicht die Strategie gutheißen, aber den Soldaten, Offizieren und Diplomaten sollte Respekt gezollt werden. Sie versuchen, ihre Aufgabe zu erfüllen, in schier aussichtsloser Lage.

Ich fahre am Nachmittag des zweiten Tages in Camp Prosperity mit einer Patrouille durch eine sunnitische Gegend Bagdads. Die größte Straße des Viertels ist vom Regen der letzten Tage noch überschwemmt, an den Straßenrändern türmt sich Müll – nicht der von Tagen und Wochen, sondern der von Monaten, ja Jahren. Ihn abzuholen ist zu gefährlich, auf städtische Arbeiter wird oft geschossen, von Aufständischen, Milizen und Banden – der Unterschied ist schwer auszumachen. Die Gegend gehört zu den gefährlichsten in der Stadt. Aber was heißt das schon in Bagdad? Die Häuserfront entlang der Straße ist voller Einschusslöcher, viele Häuser sind völlig zerstört. Ruinen, die an die deutschen Städte am Ende des Zweiten Weltkriegs erinnern.

Der schwierige Wiederaufbau

Auf der Straße sind viele Menschen; spielende Kinder, junge Frauen mit Kopftuch, die oft Aktentaschen oder Mappen bei sich tragen und aussehen, als gingen sie nach einem Tag im Büro nach Hause. Auch Frauen im Tschador und Männer, die in Gruppen beieinanderstehen. Die Arbeitslosigkeit in diesem Viertel beträgt 90 Prozent. Manche der Männer trinken Tee, andere verkaufen irgendetwas – Obst, Autoersatzteile, Kerosin.

Es ist schönes Wetter, später Nachmittag, die untergehende Sonne taucht die Straße in ein mildes rötliches Licht. Der Blick aus dem Fenster des gepanzerten Fahrzeugs offenbart eine geradezu irreale Idylle; die Fahrzeuggeräusche übertönen jeden Straßenlärm, sodass diese Szene völlig stumm bleibt.

Wir halten in einer Seitenstraße. Die auf den Humvees befestigten Maschinengewehre werden von den Kanonieren einmal im Kreis gedreht, dann drohend in alle Himmelsrichtungen ausgerichtet; das Kommando springt aus den Humvees und sichert die Straße. In dieser kleinen Seitenstraße wird an der Kanalisation gearbeitet; offensichtlich aber sind die Arbeiten schon vor längerer Zeit stecken geblieben. Die Straße ist fast in ihrer ganzen Länge aufgerissen, es gibt mehrere Stellen mit tiefen Baugruben. Einige davon sind voller Regenwasser.

Zwei zivile Experten steigen aus einem Humvee und untersuchen zwei aus dem Schlamm ragende Röhren. Mit Digitalkameras fotografieren sie die Röhren von allen Seiten. Die Soldaten sind nervös; ihre Blicke suchen die Dächer und Seitenstraßen ab. Der kommandierende Offizier, ein junger Captain, drängt; er will so schnell wie möglich weg. Die beiden Ingenieure wirken in ihre Arbeit vertieft. Sie schenken weder den Soldaten noch der Umgebung große Aufmerksamkeit und laufen weiter in die Straße hinein. Die Soldaten folgen.

Ein Iraker am Straßenrand macht Zeichen mit der Hand – zu gefährlich, wir sollen nicht weitergehen. Neugierige Anwohner sind gekommen und beobachten die beiden Experten bei ihrer Arbeit. Zwei ältere Männer in traditioneller Kleidung scheuchen ein paar Kinder in die Häuser zurück. Endlich scheinen die Ingenieure fertig zu sein. Sie lachen zufrieden. Ja, dies lasse sich mit geringem Aufwand in Ordnung bringen. Von den Soldaten eskortiert, gehen wir zu den Humvees zurück. Einer der Offiziere steckt sich im Humvee eine Zigarette an.

Der Blick aus dem Fenster zeigt wieder die gleiche Szenerie. Überall in Bagdad sieht es im Moment wohl ähnlich aus. Die Unwirklichkeit dieser zerstörten Lebenswelt, die Aussichtslosigkeit des Alltags und die offensichtliche, vielleicht nur scheinbare Gleichgültigkeit all dieser Menschen verunsichern mich. Ich fühle mich unwohl, empfinde meine Arbeit als unbefriedigend. Hier gibt es so viel zu tun.

Der Schlüssel zur Verbesserung der Situation kann nur im Wiederaufbau liegen, der Herstellung einer gewissen Normalität. Darin besteht die meines Erachtens einzige Möglichkeit der USA, den Krieg mit großen Anstrengungen zu ihren Gunsten zu verändern. Dies verlangt eine radikale Verlagerung des Schwerpunkts: Wiederaufbau vor Sicherheit – Sicherheit verstanden als Kooperation zwischen irakischen und amerikanischen Militärs. Eine Kooperation, die keinen Rückzug bedeuten würde, sondern ein langfristiges Engagement.

Die andere Welt ist das rhetorische Konstrukt des amerikanischen Präsidenten, das den Krieg als eine Auseinandersetzung zwischen Gut und Böse begreift, als einen Kampf zweier entgegengesetzter unversöhnlicher Prinzipien. Bushs Rede zum »Strategiewechsel« am 10. Januar 2007 bestärkt noch einmal diese Richtung. Eine kurzzeitige Eskalation – vielleicht sogar unter Einbeziehung von Syrien und des Iran – und dann ein phasenweiser Rückzug, der das Land in einen Somalia-artigen Zustand führt? Es ist der Weg in die Niederlage. Die gesamte Ideologie des Präsidenten ist eine Verkennung der Realität.

Unbeteiligte werden zu Kombattanten

Es ist kein Krieg der Amerikaner gegen »einen« Feind – es sind Kriege, in denen die USA auch eine Rolle spielen. Sie sind der militärisch mächtigste Akteur. Gegen wen kämpfen die Amerikaner? Die meisten Offiziere sagen mir, sie kämpften in erster Linie gegen »Aufständische« – eine vage Bezeichnung für alle möglichen Gruppen, in zweiter Linie gegen radikal-islamische Gruppen. Ein Major fügt in einem solchen Gespräch nachdenklich hinzu: Aber auf welcher Seite steht der Familienvater, der Kontaktleuten der Aufständischen Bescheid gibt, wenn er einen amerikanischen Militärkonvoi sieht und dafür einige Dollar erhält? Geld, das er zum Überleben braucht.

Wo stehen Jugendliche, die sich einer Miliz anschließen, weil nur diese ihre Familien schützen kann, und ihre Loyalität dadurch beweisen müssen, dass sie diejenigen töten, die vielleicht auf der anderen Seite stehen? Fast konnte man Verständnis aus diesen Bemerkungen heraushören. In der Tat: Warlords und organisierte Verbrecher schützen ihre Klientel. Aus Sicht der Gefährdeten sind sie notwendig. In der Unübersichtlichkeit von Bürgerkriegen leiden die Unbeteiligten, schrieb der Philosoph Thomas Hobbes. Ihnen bleibt keine andere Wahl, als sich einer der Parteien anzuschließen. So werden sie zu Kombattanten.

Die von den USA unterstützte Regierung ist korrupt, sie paktiert mit Milizen und Kriminellen. Sie ist in einer ähnlichen Lage wie fast alle Iraker. Sie kann auf politische und militärische Unterstützung von Milizen, religiösen und wirtschaftlichen Gruppen nicht mehr verzichten. Das bittere Versäumnis der US-Regierung war es, sich jahrelang mit diesem Zustand abzufinden und die stetige Verschlechterung der Situation zu leugnen.

Wenig Wissen über den Feind

Der ursprünglichen Mission der Amerikaner liegt das »Axiom des demokratischen Friedens« zugrunde, demzufolge es zwischen demokratischen Nationen keinen Krieg geben kann. Der Krieg zur Errichtung dieser Demokratie wurde ohne Konzept für den Wiederaufbau geführt. Er basierte auf einer vagen ideologischen Annahme – der Präferenz aller Wohlmeinenden für eine formaldemokratische Ordnung – und einem Vertrauen in eine technologische Kriegsführung, die Amerikas Streitkräfte unbesiegbar macht.

Obwohl Militärtheoretiker seit Langem von »wissensbasierten« Kriegen sprechen, führten die USA einen Krieg mit erstaunlich wenig Wissen über den Gegner und die zu erwartende Situation der Nachkriegszeit. Erst in den blutigen Kriegen der letzten vier Jahre begann man, dieses Wissen zu sammeln. Und immer noch verstehen der Präsident und seine Berater nicht, warum immer mehr Iraker die amerikanische Präsenz und das von den USA vertretene System einer politischen Ordnung ablehnen.

Nun gilt General Petraeus als Hoffnungsträger der Armee. Von seiner Intelligenz und Durchsetzungsfähigkeit wird viel abhängen. Bush hat sich durch die personellen Veränderungen in Regierung und Armeeführung ein Gegengewicht zu seinen eigenen ideologischen Vorstellungen geschaffen. Und nicht zuletzt wird der Irakkrieg zu einem innenpolitischen Kampffeld der USA. Die von den Demokraten geführte Legislative wendet sich gegen den republikanischen Präsidenten mit alten »republikanischen« Argumenten: Wir können nicht der Feuerwehrmann der Welt sein, den man anrufen kann, wenn man Hilfe braucht, so ein Vertreter der Demokraten. Ein seltsames Argument: Niemand hatte im März 2003 die Vereinigten Staaten um Hilfe gebeten. Damals wurde aber eine Verantwortung begründet, die der jetzige Präsident und sein Nachfolger berücksichtigen müssen.

Konservative Europäer fürchteten Anfang des 19. Jahrhunderts das revolutionäre Potenzial der USA, den politischen Anspruch, der der Gründung der Republik zugrunde lag. Dieser Anspruch bedrohte die innere Ordnung anderer Staaten. Er war in unterschiedlicher Ausprägung Basis der Politik amerikanischer Präsidenten. Wilsons Anspruch »to make the world safe for democracy«, Kennedys Politik in Vietnam und Südamerika und Bushs »war on terror« und die Idee vom demokratischen Frieden sind Ausprägungen dieser Politik.

Das Todesurteil für viele US-Soldaten

Trotz der Grausamkeiten von Abu Ghraib und trotz der Morde von Haditha versuchen die US-Soldaten ihr Bestes, um Sicherheit zu ermöglichen. Sie werden dabei von der amerikanischen Politik im Stich gelassen. Die Aufrechterhaltung des Status quo durch einen Präsidenten, der auf Zeit spielt, um die Nieder-lage seinem Nachfolger zu überlassen, ist für viele Soldaten ein Todesurteil. Der Irak kann sich aber auch von denen nichts erhoffen, die sich klammheimlich an dem amerikanischen Debakel erfreuen. Es wäre an der Zeit, auch in Europa die Irakpolitik zu überdenken.

Und die Iraker? Zurückversetzt in eine Hobbes’sche Welt wollen sie einfach nur überleben. Ein Familienvater in einem vergleichsweise ruhigen Wohnviertel von Tikrit, umgeben von seinen Kindern, antwortet auf meine Frage, was er von der Regierung und den US-Soldaten erwarte, er wolle Sicherheit – daher sei er, ein Sunnit, von Bagdad nach Tikrit geflohen. Ob er sich hier sicherer fühle, frage ich. Er zuckt resigniert mit den Achseln.

Ein US-Soldat sagt mir, er habe noch neun Monate im Irak abzuleisten. Er hofft, dass der Krieg vorüber ist, bevor er zu einem neuen Einsatz im Irak befohlen wird. »Solange bin ich vorsichtig«, sagt er. »Ich will überleben.«

Besuch von Hillary Clinton

Mein letzter Tag im Camp Prosperity. Ich packe und trinke Kaffee. Am späten Vormittag fahren wir ins CPIC. Ohne große Sicherheitsvorkehrungen – das Camp liegt in der Grünen Zone. Es ist viel los im CPIC an diesem Tag, für die nächsten Tage ist der Besuch von Hillary Clinton und einigen anderen Senatoren und Kongressabgeordneten angekündigt. Am späten Nachmittag werde ich zur Botschaft gebracht. Zwei gepanzerte Busse, eskortiert von Humvees, warten auf Soldaten, die zum Camp Liberty gefahren werden sollen. Innerhalb des weitläufigen Camps liegt der internationale Flughafen.
Als wir dort ankommen, steigen die Soldaten – die meisten treten ihren Heimaturlaub an – in einen anderen Bus. Ich stehe allein auf dem dunklen Parkplatz. Jemand sollte mich abholen, aber hier ist niemand. Ich schleppe mein Gepäck zu einem Kontrollpunkt und rufe in der Presseabteilung des Camps an. Eine Stunde später werde ich abgeholt. Ein junger estnischer Offizier bringt mich zu einem Trailer – acht Betten, sieben davon belegt von einem australischen Fernsehteam. An Schlaf ist nicht zu denken. In der Mitte des Camps, vor einem künstlichen See, steht ein Palast Saddams, jetzt ein Konferenzzentrum der US-Armee. Der vierte Palast des irakischen Diktators, den ich kennenlerne. Ich verbringe die Nacht in einem Ledersessel in der Lobby.

Am Morgen warte ich wieder einige Stunden in der Lobby. Ich habe das Gefühl, der Irak, oder zumindest die amerikanische Armee, will mich nicht gehen lassen oder hat mich mittlerweile vergessen. Erst gegen Mittag kommt mein Begleiter. Wir fahren zum Flughafen. Noch einmal muss ich einige Stunden warten. Und noch einmal sehe ich, was den amerikanischen der irakischen Kriege in den Camps und der Internationalen Zone ausmacht: die ugandischen Söldner einer Sicherheitsfirma, die mich kontrollieren, die Soldaten der kleineren Koalitionsstaaten, die sich nützlich machen und ungefragt die Motive ihres Hierseins erläutern. Das ständige Warten. Am Nachmittag fliege ich mit einer C-17 nach Kuwait. Wir kommen abends an. Ein Bus bringt uns zur Ali al-Salem Base.

Die letzte Nacht verbringe ich mit Soldaten und pakistanischen Helfern in einem Zelt. Sie arbeiten für das Catering-Unternehmen, das das Weihnachtsessen ausgerichtet hatte. Es ist kalt wie am ersten Tag. Gegen Morgen bekomme ich meinen Pass, den ich bei der Ankunft abgegeben hatte. Er hat wieder einen Einreisestempel des Emirats Kuwait. Vom Irak ist in meinem Pass nichts vermerkt – so als hätten die letzten vier Wochen nicht stattgefunden.

Weiterführende Literatur zum Irakkrieg:

»Die Amerikaner im Krieg. Bericht aus dem Irak im 4. Kriegsjahr«, Dietmar Herz, Beck-Verlag, erscheint voraussichtlich im Mai 2007.

»Kleine Geschichte des Irak. Von der Gründung 1921 bis zur Gegenwart«, Henner Fürtig, Beck-Verlag 2003.

»The Fall of Baghdad«, Jon Lee Anderson, Little, Brown Book Group 2006.

»The End of Iraq. How American Incompetence Created a War Without End«, Peter W. Galbraith, Simon + Schuster UK 2007.

Ein ausführlicher Beitrag zur Lage im Irak erscheint auch Ende März im Kursbuch No. 166.

Hier geht es zum ersten Teil der Geschichte.

Fotos: dpa

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