Die Männer auf den Monden

Manchmal hat unser Kolumnist gewisse ­Vorbehalte gegen den Fortschritt. Etwa bei der Vorstellung, Menschen könnten demnächst von Mond zu Mond hüpfen.


Illustration: Dirk Schmidt

Zu den wenigen Problemen, mit denen ich mich bisher nicht beschäftigt hatte, gehörten die Stromkosten der chinesischen Metropole Chengdu. Damit ist es nun vorbei. Beleuchtete man nämlich die Straßen dieser Stadt nächtens nicht mit Laternen, sondern mit Sonnenlicht, das von künstlichen Monden reflektiert würde, sparte Chengdu, wie ich las, pro Jahr 170 Millionen Dollar an Stromkosten.

Deshalb beabsichtigt man in China, 2020 einen Kunstmond ins All zu schießen, 2022 sollen drei weitere folgen. Die Erde hätte nicht mehr bloß einen, sondern fünf Monde. Das geht mich auch was an, finde ich. Denn anders als Mars, der zwei Monde hat, sowie Jupiter und Saturn, die jeweils über mehr als sechzig verfügen, sind wir Erdenmenschen an einen Mond gewöhnt, unseren guten, stille gehenden Mond.

Dieser Mond gehört uns allen. Zwar soll es Leute geben, die den Mond für hohl halten und glauben, dass sich in seinem Inneren eine Beobachtungsstation Außerirdischer befindet. Sehr viel wahrscheinlicher aber ist, dass unser lieber Freund vor 4,51 Milliarden Jahren entstand, durch Kollision eines marsgroßen Himmelskörpers namens Theia mit der Erde, die damals allerdings noch Gaia hieß.

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Im Rahmen des folgenden Explosions-, Knall-, Herumschleuder- und Schmelzgeschehens bildete sich der Mond, der, so besagt es der Weltraumvertrag von 1967, ein Menschheitseigentum ist, auch wenn der Amerikaner Dennis M. Hope Grundstücke dort verkauft, seit er 1980 beim Grundstücksamt von San Francisco Antrag auf Besitz des Mondes stellte. Man solle ihm Bescheid geben, wenn es rechtliche Probleme gebe, schrieb er. Die Tatsache, dass keine Antwort kam, interpretierte er als Zustimmung. Übrigens handelt Hope auch mit Immobilien auf dem Mars, der Venus, dem Jupitermond Io und dem Merkur. Man wird sehen, wie es mit seinen Ansprüchen aussieht, wenn er es eines Tages nicht mehr mit dem Katasteramt von San Francisco zu tun hat, sondern mit dem Superionenkontaminator eines Aliens an der Schläfe.

Sollte das Chengdu-Projekt klappen, wird es dabei kaum bleiben. Denn man könnte dann doch auch Peking, Schanghai oder Hongkong nächstens bestrahlen. Und warum nicht New York, Moskau, Tokio, am Ende gar: München? Jede größere Stadt der Welt bekäme mehrere Monde, sodass die Erde plötzlich von Tausenden von Monden begleitet würde. Würde dann einer von den einschlägig bekannten Milliardären …

Ist übrigens jemandem aufgefallen, dass alle diese Männer einen Vollmond im Namen tragen? ElOn Musk, Richard BransOn, Jeff BezOs, es kann kein Zufall sein, denn dies gilt auch für den ersten und den letzten Astronauten, die ihre Füße auf den Mond setzten, Neil ArmstrOng und HarrisOn Schmitt. Ein Vollmond im Namen erzeugt eine lebenslange Sehnsucht.

Wo war ich? Würde also ein zum guten alten Mond entsandter Astronaut dort ankommen, könnte er, von Neumond zu Neumond hüpfend, sich durchs All bewegen. Giant steps are what you take, walking on the moon, waren das nicht The Police? Ja, nun: Walking on the MOONS! Falls man diese neuen Monde überhaupt betreten darf.

Übrigens las ich, der Mond sei rund, weil ab einer gewissen Größe Himmelskörper nun mal rund seien, das habe mit der Schwerkraft zu tun, die alle Teile dieses Körpers in Richtung Zentrum zwinge, sodass er sich von selbst runde. Bei minderen Brocken am Himmel aber könne man, weil auf ihnen die Schwerkraft zu klein sei, auch andere Formen beobachten. Müsste es dann nicht auch kleine künstliche Monde geben, die wie ein Ziegelstein aussehen? Oder geformt sind wie die Stadt Chengdu?

Manchmal ist mir der Fortschritt nicht recht, und ich singe, mir selbst zum Troste, ein Lied. Es ist von Matthias Claudius, handelt vom Mond und endet so:

Verschon uns, Gott, mit Strafen
Und lass uns ruhig schlafen
Und unsern kranken Nachbarn auch.