Raus aus der Handy-Falle

Glücksspiel, Nikotin, Alkohol – alles durch Gesetze reglementiert, weil es süchtig macht. Warum gilt das Gleiche nicht für Mobiltelefone?

Neuerdings lasse ich mein Handy öfter zu Hause liegen oder im Büro, absichtlich. Ich habe festgestellt, dass ich es zu oft in die Hand nehme, um etwas nachzusehen, auf Facebook oder Twitter, auf meiner Kicker-App, einer Nachrichtenseite oder bei Google. Schnell mal gucken! Es gibt ja immerzu diese kleinen ­Momente der Leere, der Langeweile, gerade ist nichts zu tun, im Bus oder im Restaurant – also nimmt man sein Smartphone. Aber, bevor man sich’s versieht, hat man es viel länger in der Hand, als man ­ursprünglich beabsichtigte, man scrollt und liest, lässt sich treiben, wird auch getrieben.

Auf eine schwer zu beschreibende Art habe ich dabei immer das Gefühl, etwas zu tun, was ich nicht tun will. Aber ich tue es doch, weil … Irgendwas ist offenbar stärker als ich, und ich versuche, mich zu wehren.

Übrigens habe ich nie geraucht. Ich habe es ausprobiert, natürlich, aber es hat mir nicht geschmeckt. Meine Eltern waren beide starke Raucher, vielleicht sind sie auch deswegen zu früh gestorben, das hat mich wohl abgeschreckt. Drogen habe ich nicht mal probiert: zu viel Angst. Alkohol trank ich als junger Mann in größeren Mengen. Heute nehme ich nie mehr als ein Bier oder ein Glas Wein am Tag; alles andere tut mir nicht gut, also lasse ich’s.

Hallo, hier spricht Hacke!

Möchten Sie diesen Text von Axel Hacke lieber hören, als ihn zu lesen? In unserer digitalen Ausgabe kein Problem!

Das Interessante ist, dass es beim Handy ganz offensichtlich um das gleiche Thema geht: Sucht.

Das ist keine neue Erkenntnis, aber gerade das ist das Interessante. Denn wo bleibt eigentlich die Folgerung aus diesem längst Bekannten?

Wir wissen mittlerweile, dass die großen Internetkonzerne, Facebook zum Beispiel, ihre Produkte absichtlich so gestalten, dass sie süchtig machen: Menschen sind angewiesen auf die Beachtung durch an­dere, ihre Zustimmung, ihre Likes. Sie langweilen sich schnell, suchen nach Zerstreuung. Sie brauchen Emotionen und bekommen die in den sozialen Medien fuderweise geliefert. Mit Hilfe ausgefeilter ­Psycho-Techniken sorgt Facebook dafür, dass Nutzer so lange wie möglich auf den Seiten verweilen.

Man will uns abhängig machen: eine Strategie. Und sie hat, wie jede Suchterzeugung, entsprechende Folgen, nur hier vielleicht weniger für den Einzelnen als für die Gesellschaft. »Wir wussten alle in unserem Hinterkopf – auch wenn wir so taten, als wäre es nicht so –, dass etwas Böses damit passieren würde. (…) Kein zivilisierter ­Diskurs mehr. Keine Kooperation. Falschinformationen. Lügen. (…) Es ist übel – es ist richtig, richtig übel.« Das hat Chamath Palihapitiya gesagt, der sieben Jahre lang als hochrangiger Manager bei Facebook für genau dieses Thema zuständig war, nämlich: die Zahl derer, die das Medium nutzen und dort möglichst lange bleiben, in die Höhe zu treiben.

Ich lese gerade ein sehr empfehlenswertes Buch, Change the Game, geschrieben von den österreichischen Autoren Corinna Milborn und Markus Breitenecker, Untertitel: Wie wir uns das Netz von Facebook und Google zurückerobern. Darin wird festgestellt, dass sich ­bisher alle Regeln für den Umgang mit der neuen Suchtform an die Süchtigen richten: Man kann mit Apps den Zugriff auf das eigene Telefon sperren, man macht Digital-Detox-Kuren, man führt Regeln am Esstisch und bei Konferenzen ein.

Man lässt sein Handy daheim oder im Büro.

Aber wenn es um Glücksspiel, Nikotin, Drogen gehe, so die Autoren, habe man gelernt, jene, die andere in die Sucht lockten, umfassenden Gesetzen, Verboten, Vorschriften und entsprechender Verfolgung zu unterwerfen. »Die Süchtigen werden als Opfer gesehen, die Hersteller des Stoffs als Verursacher. Was, wenn man dieses Prinzip auf Smartphones anwendet?«

Ja, was wäre eigentlich, wenn sich eine Gesellschaft endlich wehren würde gegen jene, die – aus keinem anderen Grunde als dem, möglichst viel Geld zu verdienen – an ihrer Zerstörung arbeiten?