Reise ins Ungewisse

Auch eine Corona-Frage: Wie und wo soll man in Zukunft Urlaub machen?

Illustration: Dirk Schmidt

Nun hat der Sommer begonnen. Wie selten ein Sommer zuvor wird er mit gemischten Gefühlen betrachtet. Einerseits ist Sommer ja immer begrüßenswert: Das Wetter ist besser als im November, die Ferien sind groß (größer als zu anderen Jahreszeiten), das Speiseeisangebot umfangreich, und wenn man einen Schrebergarten hätte, könnte man dort an den Rosen schnuppern.

Andererseits sind da die Leute. Mit Entsetzen haben wir Fotos von britischen Stränden gesehen, auch von Ostseeufern: Leute überall. Leute im Sand, Leute in den Wellen. Das Problem ist nur, dass wir bei dem Wort Welle heute weniger an brandende Gischt, ans Sich-hineinwerfen und an Surfen denken, sondern an die zweite Welle, die der ersten angeblich so sicher folgen wird wie der eine Virologe dem anderen im Fernsehen.

Im Prinzip ist gegen Leute nichts zu sagen, außer dass sie einatmen und ausatmen. Was das Ausatmen angeht, so wissen wir seit diesem Frühjahr: Man weiß nie, was ausgeatmet wird. Mancher denkt, wenn er in diesem Sommer Leute dicht gedrängt an Stränden und auf Plätzen sieht, an einen alten Film mit Meryl Streep. Es geht darin um ein Ehepaar, das so entsetzlich genervt voneinander ist, dass sie zu ihm irgendwann im Auto mit gepresster Stimme sagt: Could you just not breathe? Weil Leute immer die anderen sind, beäugen wir Ausatmer uns gegenseitig immer noch ein wenig misstrauisch. Und Misstrauen war bisher kein klassisches Sommergefühl.

Es wird also kein Sommer wie jeder andere.

Ein Grundgefühl, das viele aus dem Frühjahr mitnehmen, ist: Es konnte so nicht weitergehen. Aber womit genau? Zum Beispiel mit den Exzessen der Globalisierung, der Fleischindustrie, des Autoverkehrs, mit dem Fußballkommerz. Wenn es aber eigentlich mit fast allem nicht so weitergehen konnte, warum sollte es mit dem Sommer, den damit verbundenen Ferien und den in diesen Ferien stattfindenden Reisen so weitergehen? Mit den Exzessen des Overtourism? Mit dem ­Herabsinken so einzigartiger Städte wie Venedig, Florenz, Rom zur Destination voll überanstrengter Menschen? Mit den routinemäßigen Urlaubsflügen in fernste Länder? Es ist nicht so, dass man zum ersten Mal überfüllte Strände, Plätze und Autobahnen mit gemischten Empfindungen sähe. Nur: Man hat einen neuen Grund dafür.

Was suchen wir in den Ferien, im Sommer? In der Regel das, was wir in den Nichtferien vermissen, Entspannung, Erholung. Das Andere. Freiheit von der Pflicht. Eine der vielen Erfahrungen (und es gab auch ganz andere, natürlich) in der Abgeschlossenheit der Frühjahrsmonate aber war: Plötzlich konnte man vieles nicht mehr tun, was man sonst getan hätte. Aber es war gar nicht so schlimm. Man erkannte, dass man viele Zerstreuungen unserer Zeit wahrgenommen hatte, weil man es konnte – nicht, weil man es wirklich gewollt hätte. Die plötzliche Leere, das war auch eine Freiheit, oder?

»Freiheit ist die Frage danach, was man selber tun möchte«, hat der in Luzern lehrende Historiker Valentin Groebner (der gerade ein kluges Buch mit dem Titel Ferienmüde ver­öffentlicht hat) in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geschrieben. »Wenn das Wort überhaupt noch einen Sinn hat, dann ist Freiheit die selbst erteilte Erlaubnis, aus dem Sommerferienplan auszusteigen. Veränderung beginnt mit Unterbrechung. Indem ich etwas unterlasse; indem ich erlaube, dass sich eine Lücke auftut.«

Könnte sein, dass mancher das zynisch findet, der sich gerade danach sehnt oder sich darauf freut, endlich mit