Von reißenden Bestien

Ein Ungetüm treibt in deutschen Gebäuden sein Unwesen. Axel Hacke ist ihm auf der Spur – und erinnert sich an blutige Vorfälle im alten Stammhaus der »Süddeutschen Zeitung«.

Wie der sicherheitsbewusste Mensch nur begrüßen kann, ist am 1. Juni eine neue Betriebssicherheitsverordnung (im Folgenden wie auch im Nichtfolgenden nur BetrSichV genannt) in Kraft getreten, der zufolge ein Arbeitgeber dafür zu sorgen habe, »dass Personenumlaufaufzüge nur von durch ihn eingewiesenen Beschäftigten benutzt werden«.

Ein Personenumlaufaufzug ist ein Paternoster, und ein Paternoster ist unter den Maschinen, was der Velociraptor unter den Dinosauriern war: eine reißende Bestie. Wie konnte man so lange dulden, dass diese Apparate in Betrieb waren?! Ich selbst habe jahrzehntelang in einer Zeitungsfirma in der Münchner Innenstadt gearbeitet. Dort gab es einen Paternoster, er fuhr vom Erdgeschoss in den fünften Stock, dann wieder hinab und gleichzeitig umgekehrt. Nie hielt er an! Man musste in die fahrende Kabine hinein-, aus ihr wieder hinausspringen. Gelang einem der Ausstieg in der obersten oder untersten Etage nicht, wurde man durch ein Zahnräderwerk geschleust, das einem die Redakteursuniform so zerknitterte, die Redakteursknochen dermaßen zerdengelte und das Redakteursfleisch dergestalt zerhäckselte, dass der hauseigene Redakteursreparateur stundenlang mit der Wiederherstellung beschäftigt war.

Diesem Paternoster fielen unsere Besten zum Opfer. Manche vergaßen in einem Stockwerk, nach oben fahrend, auszusteigen, sie sprangen aus einigen Metern Höhe noch hinaus und zerschellten. Andere versuchten, in die Tiefe reisend, eine Etage zu erklettern, an der sie vorbei waren; sie wurden in zwei Teile gerissen, und der eine oder andere Ressortleiter suchte dann tagelang nach seinem geliebten Unterleib. Es war ein Massaker. Pro Tag fraß das Gerät mindestens einen Lokalreporter. Mancher verschwand auf unerklärbare Weise, für immer verschlungen, verdaut in nie erkundeten Aufzugskaldaunen. Unser Flehen um den Erlass einer angemessenen BetrSichV verhallte, es fuhren uneingewiesene Beschäftigte neben unbeschäftigt Eingewiesenen und unbewiesen Geschäftigen in diesem unentwegt mit ihnen allen beschäftigten Unwesen.

Einmal, vor Jahrzehnten, kam die Kunde von einem Verbot. Doch dann setzten sich Leichtsinn und Gleichgültigkeit durch, und wir saßen wieder in unseren Büros und hörten hinten, wo der Aufzug gnadenlos und unaufhörlich und in einer täuschenden Gemütlichkeit umlief, die brillantesten Kollegenhirne zerknacken, die aufrechtesten Kommentatorenrückgrate splittern und die abgebrühtesten Reporter um ihr Leben bitten. Mancher wartete vergeblich auf ein Manuskript, das man ihm persönlich schnell hatte vorbeibringen wollen. Der Moloch fraß gleichgültig vor sich hin.

Meistgelesen diese Woche:

Erst als der Betrieb umzog, weit weg in ein sicheres Gebäude am fernen Stadtrand, war Schluss. Aber es sollte Jahre dauern, bis nun endlich die Abteilung Arbeitsschutz im zuständigen Bundesministerium tätig wurde. Doch entdeckte auch im Juni noch Die Zeit im Hamburger Bezirksamt Eimsbüttel Ununterwiesene in einem Paternoster! Und schon im Herbst soll eine neue Verordnung mit gelockerten Bestimmungen verabschiedet werden, sodass wir uns von der gerade in Kraft getretenen BetrSichV gleich wieder verabschieden müssen.

Wir hatten so gehofft, dass es mit dem Paternosterunwesen ein Ende hätte. Nun erheben wieder Unvorsicht und Leichtfertigkeit ihre Häupter. Dort, wo man voranschreiten müsste! Wo es nötig wäre, den Menschen, die um die Gefahren nicht wissen und oft nicht wissen können, zum Beispiel auch zu sagen: Nehmt nicht zwei Stufen auf einmal auf der Treppe, haltet euch am Handlauf fest, tragt rutschfeste Schuhe! Schaut nach unten, wenn ihr geht! Lest die BetrSichV, in der dies natürlich vorgeschrieben sein müsste!

Was tut man denn den ganzen Tag in den Behörden? Was bekommen wir für unsere Steuern, wenn wir uns nicht einmal einer ordentlichen BetrSichV sicher sein können?
Ja, es ist traurig.

Illustration: Dirk Schmidt

Artikel teilen: