Der ganz normale Sommer-Wahnsinn

Die Kinder hängen nachts im berüchtigten Kiffer-Park rum, kassieren Tadel fürs Schwänzen – und dann ruft auch noch die Polizei an. Warum die Zeit vor den großen Ferien für unsere Autorin die anstrengendste Zeit des Jahres ist.

Abendstimmung im Berliner Weinbergspark. Die Idylle trügt allerdings, wenn man als besorgte Mutter dort nach seinem halbwüchsigen Sohn sucht.

Foto: dpa

Alle Jahre wieder kommt es, sicher wie das Amen nach der Christmesse, dieses Stöhnen und Klagen: vom Vorweihnachtsstress, vom Geschenkekaufstress, vom Christbaumwahlstress, vom Gänsebratenstress und, am allerschlimmsten, vom Familienbesuchsstress. Aber Weihnachten, das wird mir gerade klar, da meine Kinder älter werden, ist ein Klacks! Gegen das, was sich abspielt, wenn sie 14 und 16 sind und die Sommerferien vor der Tür stehen. Denn die Zeit kurz vor den Sommerferien – das ist der wahre Advent des Schreckens!

Begonnen hat es im letzten Jahr, und es beginnt selbstverständlich mit der Pubertät und dann immer exakt zweieinhalb Wochen vor den Sommerferien. Einerlei, wann sie wo anfangen. Bei uns in Berlin dieses Jahr schon am 20. Juni. Es wird warm, es wird heiß, die Luft beginnt zu flirren. Nachts schwitzen wir, morgens schlurfen die Kinder müde zur Schule, das Gras im Park vertrocknet, die Schlangen vor den Bädern werden länger und andauernd gibt es »verkürzten Unterricht«. Früher nannte man es hitzefrei, in Zukunft wohl eher: Erderhitzungsfrei.

Aber macht nix, denn es war ja schon Notenschluss. Zweieinhalb Wochen vor den Großen Ferien. Und das ist er, der Startschuss zum Schrecken. Denn ab jetzt ist eh alles egal, ab sofort darf gefeiert werden, Summer in the City, bevor alle abhauen und sich eine schwüle Dauerkaterstimmung über die leere Stadt senkt.

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Dass hitzefrei ist, bekommt man zum Beispiel gar nicht mehr mit. Weil keiner mehr heimkehrt. Und erst recht nicht anruft. Weil wir draußen bleiben, weil wir im Park waren, im Schwimmbad, in der Stadt, bei Jonas, bei Laila, bei Ali, bei Keine-Ahnung-wie-der-heißt. Manchmal kommt einer vorbei, um Geld zu holen, für Eis. Eis am Mittag, Eis am Nachmittag, Eis am Abend und vielleicht ist es gar kein Eis, es gibt ja auch andere leckere Drogen. Im Park, im Schwimmbad, um die Ecke, in Sonstwo, die Stadt ist groß und sie hat, das fällt einem jetzt auf, verdammt viele Parks. Für die sich bislang keiner interessiert hat, jedenfalls nicht nachts. Als Eltern von kleinen Kindern hörte man diese Namen, mit schreckgeweiteten Augen wurden sie geraunt von den Eltern der größeren Kindern: Mauerpark, Weinbergspark, Friedrichshain, Hasenheide, Görli, Tiergarten und anderswo Englischer Garten oder Grünes U. Moppelige Namen, hinter denen sich der Schrecken verbirgt. Büsche, Bäume, Ecken, Horden von Touris, Haufen von Flaschen, Schwaden von Dope.

Letztes Jahr, letzter Schultag, der Große verschwindet ins Schwimmbad und der Kleine, 13 war er da, ruft um 18 Uhr 30 beim Rausgehen: Ich komm noch mal zurück, um den Schlafsack zu holen!

Es gibt Sätze, die klingen nach nichts. Sie erhalten ein Flirren erst, wenn sie allmählich ins Bewusstsein der Mutter vordringen. Denn die Mutter befindet sich natürlich auch im Vorsommerferienstress, keiner ist gegen den immun. Es ist heiß, ihr Hirn überhitzt und die Arbeit läuft auf Hochtouren wie sie es immer tut kurz vor Ferien und erst recht großen. Wenn sich Arbeitstermine, Arzttermine, Amtstermine zu einem dichten Haufen zusammenschieben, den man auch als Erwachsene mal abzischen muss, mit Wasser und Spritz- und Schaumgetränken, denn es ist Summer in the City, die schönste Zeit im Jahr und eine Feier an der anderen und der Erwachsene auch nur ein Mensch. Und der Vater der Kinder ist im Urlaub, seit exakt zweieinhalb Wochen. Morgen Abflug, die Kinderzimmer wie Sau, noch nix gepackt, Haufen überall - und dann, zisch, um zehn vor elf fällt einem plötzlich auf: keiner zu Hause. Wo sind die denn bloß? Der Große schreibt: Im Friedi, bin gleich da. Der Kleine schreibt nicht. Sein Handy liegt im Haufen, der Schlafsack unterm Bett und Kinder unter 16 sollen laut Gesetz - wusstest du das nicht? - ab 22 Uhr nicht mehr draußen rumhängen. Und schon gar nicht im Park.

Die Mutter simst andere Eltern an, von Jonas, Laila und Ali. Doch keiner benutzt sein Handy, heute. Die Mutter simst Menschen an von der Klassenliste, wahllos, Keine-Ahnung-wer-das-ist. Keine Antwort. Das Flirren der Luft verwandelt sich in ein Zittern der Mutter, sie kriegt diesen leicht hysterischen Ton, den kein Mann ertragen kann. Der Große kommt heim. Es plingt, Message: Hallo Mama, das ist das Handy von Mira, wir sind im Mauerpark und schlafen bei Manu.

Freitag, 23 Uhr 30, 14-Jähriger befindet sich nicht im Weinbergspark. Das ist quasi Sodom & Gomorrha

Wo seid ihr? Wer ist das? Du kommst jetzt sofort heim!
Nein!
Du gibst mir jetzt die Nummer von Manus Eltern!
Die Mutter ist in Amerika und der Vater auf dem Land.
Ich komm jetzt und hol dich ab!
Nein! Wir sind doch nur im Park! Ich trinke auch nicht! Und es ist der letzte Schultag! Vor den Ferien! Da darf man doch wohl mal feiern! Alle dürfen das! Nur du machst alles kaputt! Du bist so peinlich! Tschüss!

In diesem Jahr ziehen, exaktemang zum Notenschluss, die Temperaturen an. Es wird heiß, die Luft beginnt zu zittern, die Sonne zu blenden, das Hirn vertrocknet, das Gras qualmt, die Gummischlangen aus dem Schwimmbad kleben an den Badehosen. Der Vater ist, alle Jahre wieder, im Urlaub. Die Arbeit, die Ärzte, die Ämter türmen sich zu Terminen dicht wie die Schotterbunkerberge im Park. Mittwoch: Notenschluss. Donnerstag: verkürzter Unterricht. Freitag: Feiern. Samstag/Sonntag: Pennen bis in die Puppen. Eis essen, Baden, Feiern. Montag: ruft die Polizei an, Kind beim Entwenden einer Tüte Gummibärchen erwischt. Dienstag: Kind erhält Tadel wegen Schwänzens. Mittwoch: Kind will bei Lilli, Hubert oder Wursti übernachten, Keine-Ahnung-wer-so-heißt. Donnerstagmorgen: Mutter fleht Kinder an, heute bitte einmal Ruhetag! Freitag: Yeah, Feiern! Freitag, 23 Uhr 30, 14-Jähriger befindet sich nicht im Mauerpark. Sondern im Weinbergspark. Für Spielverderber-Eltern: Das ist quasi Sodom & Gomorrha.

Ich da hin, heimlich, innere mit äußeren Bildern abgleichen. In Grüppchen hocken Jugendliche unter Bäumen, Schummerbeleuchtung, Händchen haltend, manche auch Tüten haltend, fast hörte man die Gitarren klingen. Ein friedliches Idyll. Für Mütter, die mal keine Kinder von traurigen Eltern waren. Aber natürlich lauert hinter jedem Busch das Böse, immer und überall.

Ja, wir haben’s überlebt. Und dies ist ein Schreiben aus dem Urlaub: Sommer, Sonne, Strand, allen geht’s gut. Und der Vater erhält es hiermit ebenfalls schriftlich: Nächstes Jahr hat er den Advent des Schreckens zu übernehmen. Andere Leute teilen sich Weihnachten ja auch auf, ein Jahr bei dir, ein Jahr bei mir. Nur dass das nix ist im Vergleich mit den letzten Tagen vor den großen Ferien.

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