»Der Mut von Frauen wird chronisch unterschätzt.«

Manchmal braucht es radikale Schnitte, um Frauen zu befreien. Starfriseur Vidal Sassoon sah das genauso – und griff zur Schere.

Sassoons Durchbruch gelang mit diesem Foto: der Nancy-Kwan-Bob.

SZ-Magazin: Herr Sassoon, haben Sie mit Ihren berühmten geometrischen Frisuren Ihren Teil zur Emanzipation der Frau beigetragen?

Vidal Sassoon: Ich habe die Frauen davon erlöst, ihr Haar zu vergewaltigen: es zu toupieren und mit Spray zu bearbeiten, bis es wie Beton ist. Und ich habe sie vom wöchentlichen Friseurtermin befreit.

Ihre Haarschnitte waren burschikos. Und gefielen den Männern anfangs nicht sonderlich. Der Daily Mirror schrieb damals: »Diese Frisuren sind nicht unbedingt das, was starke Männer schwach und schwache Männer ergeben macht.«
Das haben sie geschrieben? Da haben sie absolut recht gehabt. Das Zitat gefällt mir.

War Ihnen bewusst, dass Sie eine Revolution angezettelt haben? Von Frauen wurde ja eigentlich erwartet, dass sie dem Geschmack der Männer entsprachen.
Ich war eigentlich nur Teil einer großen Bewegung. Da gab es Mary Quant und Rudi Gernreich, die die Mode auf den Kopf stellten.

Mary Quant mit ihren Miniröcken und Rudi Gernreich mit der Unisex-Mode, die für uns heute so selbstverständlich ist.
Diese beiden haben Mode erstmals ganz anders verstanden als alle Designer zuvor. Mary Quant hatte ihr Atelier auf der King’s Road, aber in Wirklichkeit war die ganze Straße ihr Atelier. Am Samstagnachmittag die Mädchen dort herumlaufen zu sehen – dafür war es beinahe wert, ein Fußballspiel zu verpassen.

So stellt man sich die Swinging Sixties vor.
Und dann kam Yves Saint Laurent mit Rive Gauche. Plötzlich konnte sich jeder Mode leisten. Man musste kein 10 000-Dollar-Kleid mehr kaufen, um dabei zu sein. Das war die Essenz der Sechzigerjahre: Die Dinge, die bis dahin der Elite vorbehalten waren, wurden für alle zugänglich. Und so war es auch mit den Frisuren. Vorher brauchte man viel Geld, um jede Woche zum Friseur gehen zu können. Da ließ sich die reiche Lady frisieren, bevor sie ins »Ritz« zum Lunch ging.

Aber ein Haarschnitt von Ihnen war sicher nicht umsonst.
Nein. Aber alle fünf Wochen zum Friseur zu gehen, das konnte sich auch eine normale, arbeitende Frau leisten, wenn sie jede Woche ein paar Schilling zur Seite legte.

Glauben Sie, es hat die Frauen stärker gemacht, ihr Haar so zu tragen? Ihre Schnitte waren kantig, streng.
Streng? Das Haar konnte endlich schwingen! Außerdem habe ich den Schnitt immer dem Typ einer Frau angepasst. Ich habe die Form ihres Gesichts und ihre Wangenknochen betont. Das hat das Besondere an jeder Frau hervorgehoben. Und so hat sie sich dann auch gefühlt: einzigartig. Das mag sie gestärkt haben.

Die Frisuren vorher haben vom Gesicht abgelenkt?
Natürlich. Diese hoch aufgetürmten Haare, diese Haarteile! Ich habe das Funkeln in den Augen der Frauen gesehen, wenn sie sich mit ihrem neuen Schnitt im Spiegel angesehen haben. Und Sie wissen ja, es kommen auch Frauen weinend vom Friseur.

Sie wollen jetzt nicht behaupten, das sei Ihnen nie passiert.
Ist passiert, na klar. Mit der Schauspielerin Georgia Brown zum Beispiel, die die Nancy in Oliver spielte. Das war ein Musical nach dem Roman Oliver Twist von Charles Dickens, ein riesiger Hit in London und später auch in New York. Vor der Premiere kam Georgie in meinen Salon und wollte eine neue Frisur haben. Ich schnitt ihr Haar ziemlich kurz. Sie sagte: »Du hast meine Karriere ruiniert.« Am nächsten Tag rief sie an und entschuldigte sich dafür, so einen Aufstand gemacht zu haben. Denn alle ihre Freundinnen fanden, dass sie toll aussah.

Trotzdem kein guter Moment. Es ist ja auch eine große Verantwortung, eine Frau ganz und gar umzugestalten, ihren Typ so zu verändern.
Aber ich wusste, dass ich konsequent sein musste. Und dass die Richtung stimmte. Es ist ja immer so: Wenn man etwas ganz Neues macht, muss man auf solche Reaktionen gefasst sein. Es dauert Jahre, bis sich das Auge des Menschen an neue Formen gewöhnt. Mies van der Rohes Seagram Building in New York wollte am Anfang auch niemand sehen.

Was machte Sie so sicher, dass Sie richtiglagen?

Ich hatte neun Jahre an dem Look gearbeitet. Neun Jahre harte Arbeit. Experimentieren, nachts und am Wochenende. Ich wusste, dass Veränderung in der Luft lag. Ich hatte ein tolles Team damals. Wir hatten Ideen, Gestaltungswillen. Aber der Durchbruch kam erst an dem Tag, als das Foto von Nancy Kwan um die Welt ging.

Wie kam es, dass gerade dieses Foto so einschlug?
Nancy Kwan war als Schauspielerin auf dem Weg zur Berühmtheit. Und der Produzent ihres nächsten Films wollte sie mit kurzen Haaren haben. Ihr Haar war wunderwunderschön und ganz lang. Ich fragte sie: »Bist du sicher?« Sie sagte: »Ja, fang einfach an.« Aber sie hat nicht hinge-sehen. Sie hat mit ihrem Manager Schach gespielt. Als ich fertig war, sah man ihr herrliches Gesicht. Ich rief einen Freund an, den Fotografen Terence Donovan, und fragte: »Terence, können wir heute Abend arbeiten?« Am Morgen lag das Foto bei der Vogue auf dem Tisch. Und die Frisur mit dem kürzeren Nacken und den langen Spitzen vorn hieß von da an »Nancy-Kwan-Bob«.

Schauspielerinnen sind ja schon aus professionellen Gründen etwas offener neuen Frisuren und Haarfarben gegenüber als viele andere Frauen. Wie gingen Sie damit um, wenn jemand nicht so mutig war?
Die meisten Frauen sind mutig. Der Mut von Frauen wird chronisch unterschätzt. Die Frauen, die zu uns kamen, wollten Veränderung.

Den Bob gab es schon in den Zwanzigerjahren. Wie viele Comebacks des Bobs haben Sie seitdem erlebt?

Der Bob kommt immer wieder. Es ist ja sehr gut, wenn Dinge gelegentlich verschwinden. Denn wenn etwas nichts taugt, kommt es nicht wieder. Der Bob taugt offenbar etwas.

Dann kam Ihr Five-Point-Cut, der auch ziemlich berühmt wurde.
Den machte Grace Coddington bekannt, die heute Creative Director der US-Vogue ist. Sie war damals Topmodel, ganz jung. Sie fuhr mit ihrem Five-Point-Cut nach Paris, wo sie arbeitete. Die Mädchen dort fragten: »Wo bekommen wir diesen Schnitt?« Sie sagte: »Dafür müsst ihr nach London gehen.« Und so veränderte sich das Image des Berufs. Ein Friseur war jemand, für den man eine Reise machte.

Eine Frisur war jemand, für den man eine Reise macht.

Grace Coddington, Model und spätere Vogue-Größe, machte den Five-Point-Cut berühmt.

Stimmt es, dass Roman Polanski Sie 1968 anrief und Ihnen 5000 Dollar plus zwei Tickets nach Los Angeles dafür anbot, Mia Farrow die Haare für Rosemaries Baby zu schneiden?
Wir kannten uns schon vorher, von Partys. Und als Polanski in London Ekel mit Catherine Deneuve drehen wollte, kam er in meinem Salon in der Bond Street vorbei. Ihm gefiel der Balkon so gut, dass er dort drehen wollte, für einen Tag. Er blieb eine Woche. Die Kunden fanden das toll. Ansonsten: Ja, die Geschichte mit Mia Farrow stimmt.

Und dann sagt John Cassavetes im Film, als seine Frau mit den kurzen Haaren nach Hause kommt: »Dafür wirst du ja wohl nichts bezahlt haben!«
Richtig, er hasste den Haarschnitt. Natürlich nur im Film, in Wirklichkeit ist John Cassavetes ein reizender Mensch. Er hat sich bei mir entschuldigt dafür, dass er den Satz sagen musste.

Aber wie haben Sie es empfunden, als Sie den Film sahen? Als guten Witz – oder ist so etwas doch kränkend?
Das muss man vertragen können.

Was geschah, wenn eine Frau in Ihren Salon kam und eine herkömmliche Frisur haben wollte?
Ich hatte mein Team darauf eingeschworen: Wir toupieren nicht, und wir benutzen kein Haarspray. Eines Tages stolzierte eine Dame herein, unglaublich selbstbewusst. Sie warf ihren Nerz dem erstbesten von uns in die Arme, setzte sich hin und bestellte die Frisur von Ann Sheridan, einem amerikanischen Filmstar. Es gibt nichts Schlimmeres als diese Frisur.

Für diese Frau?
Für eine Million Frauen. Ann Sheridan trug damals so eine schreckliche Frisur, damit sah ihr Kopf aus – entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise – wie ein Entenarsch. Ich sagte: »Es tut mir schrecklich leid, aber diese Art von Frisuren mache ich nicht.« Sie sagte: »Junger Mann, Sie tun, was ich Ihnen sage.« Ich blieb ganz ruhig, rief bei einem Kollegen an, der solche Frisuren machte, und bestellte ein Taxi. Sie war außer sich und rief: »Sie wollen mein Geld nicht?«, schnappte sich ihren Nerz und stürmte hinaus. Von da an wusste jeder: Wir machen keine Kompromisse.

Wieso hatten Sie überhaupt eine so große Abneigung gegen die Frisuren jener Zeit?
Ich war mit ein paar Mädchen ausgegangen und konnte mit meinen Händen nicht durch ihre Haare streichen, weil sie so verklebt waren.

Sie haben Ihre Karriere einer kompromisslosen Frau zu verdanken: Ihre Mutter hat Sie damals gezwungen, das Handwerk zu erlernen. Sie wollten nicht, oder?
Meine Mutter hat mich nicht nur gezwungen, sie hat mich am Ärmel gepackt, mich hinter sich her bis in die Whitechapel Road im East End von London geschleppt und in den Laden gezogen. Es war demütigend, denn ich wollte eigentlich Fußballspieler werden. Aber wir waren sehr arm, und so musste ich diese Lehre machen.

Und Sie hassten alles daran?
In den ersten sechs Monaten ja. Einzige Ausnahme: die Tatsache, dass man ständig mit hübschen Mädchen zu tun hatte.

Wären Sie wohl zu einer anderen Zeit auch so berühmt geworden?
Es gibt viele Leute, die genauso viel Talent haben und ihr Handwerk verstehen. Aber man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, sonst hat man nicht viel davon. In der Hinsicht hatte ich großes Glück. Zu einer anderen Zeit hätte ich pleitegehen können. Wer weiß, was passiert wäre, wenn nicht 1957 Mary Quant, obwohl ich ihr ins Ohr geschnitten hatte, zu mir gesagt hätte: »Ich möchte, dass du meinen Models die Haare schneidest.« Und heute gibt es zwei Vidal-Sassoon-Friseurschulen in Shanghai. Unglaublich, oder? Eine war nicht genug.

Was haben Sie über Frauen gelernt in all den Jahren, in denen Sie so viel mit ihnen zu tun hatten?
Ich habe gelernt, dass ich nichts über Frauen weiß. Ich habe vielleicht einzelne Frauen verstanden, wenn ich mit ihnen gelebt habe. Aber ich kann nichts über die große Gruppe der Frauen sagen. Sie möchten doch auch als ein Individuum betrachtet werden und nicht als Teil einer Gruppe, oder nicht?

Wahrscheinlich ja. Trotzdem noch eine Gruppenfrage: Warum sind auch in Ihrem Business so viel mehr Männer als Frauen richtig erfolgreich?
Ich habe mit brillanten Frauen gearbeitet. Plötzlich aber treffen sie einen Mann, verlieben sich und bekommen ein Kind. Nur: Aus dem Modebusiness kannst du nicht für zwei Jahre aussteigen und glauben, du steigst wieder ein. Du musst alle sechs Monate mit etwas Neuem kommen. Du musst mit den Trends leben, im Trend sein. Da kannst du keine Babys bekommen. Natürlich ist das kein Vergleich: Kinder zu bekommen oder Haare zu schneiden. Aber die Familie ist der einzige Grund, warum es nicht mehr Top-Frauen gibt. Frauen müssen sich entscheiden: Entweder sind sie revolutionär oder evolutionär.

Vidal Sassoon wurde 1928 in London geboren und wuchs im damals armen East End mit seiner Mutter auf. Der Friseur wider Willen wurde in den Sechzigerjahren mit seinen Haarschnitten weltberühmt. Er ist in vierter Ehe verheiratet und lebt mit seiner Frau in Kalifornien und London.

Fotos: Getty

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