»Frauen werden immer mit Männern verglichen, aber Männer nie mit Frauen«

Selbst in Dax-Vorständen ­sitzen mehr Frauen als in den Führungs­etagen des deutschen Profi­fußballs. Wird sich daran je etwas ändern? Ein Gespräch mit Frauen, die im Fußball was zu sagen haben.

Drei Frauen, deren Einfluss im Fußballgeschäft vielen immer noch nicht gefällt (von links): Hannelore Ratzeburg, Dunja Hayali und Sandra Schwedler.

Foto: Andy Kania

Die Frauen, die sich an diesem Februarnachmittag im Hinterzimmer eines Cafés in Berlin-Kreuzberg treffen, sind seit einem halben Jahr verabredet. Sie wollen reden. Über Männer, Frauen und Fußball.

Die Idee dazu entstand bereits während der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland. Dort waren aus Deutschland 370 männliche Sportjournalisten akkreditiert, aber nur 49 weibliche. Zu denen gehörte die einzige deutsche Fernsehkommentatorin der WM, Claudia Neumann vom ZDF. Neumann sah sich, kaum dass sie ihr erstes Spiel kommentiert hatte, im Internet einer Massenempörung

Der Fußball ist eine Männerdomäne, nach wie vor. Wir wollen wissen: Wie ist es, als Frau in dieser Branche zu arbeiten? Also luden wir vier Frauen zum Gespräch, die es wissen müssen, weil sie wichtige Positionen in der Welt des Fußballs bekleiden.

Dunja Hayali kennt man, weil sie das prestigeträchtige Aktuelle Sportstudio im ZDF moderiert. Die anderen drei Frauen in der Runde tauchen eher selten in der Öffentlichkeit auf. Die eine, Sami­ra Samii, weil sie im Hintergrund tätig ist, sie managt Profifußballer. Die zweite, obwohl sie DFB-Vizepräsidentin ist, eine der mächtigsten Personen im deutschen Fußball, die einzige Frau von 19 Mitgliedern im Präsidium des größten nationalen Sport­verbands der Welt: Hannelore Ratze­burg. Und die dritte, obwohl sie die einzige Aufsichtsratsvorsitzende eines deutschen Fußball-Profivereins ist, des Zweitligisten FC St. Pauli: Sandra Schwedler.

Diese vier Frauen sind gut im Geschäft. So gut, dass der Interviewtermin mehrfach verschoben werden muss, immer hat eine zu tun. Auch heute: Samira Samii schaltet sich per Telefon aus einer anderen deutschen Stadt zu, sie verhandelt gerade mit einem großen Verein über einen Transfer. Dunja Hayali kommt ein wenig müde auf dem Fahrrad zum Café, das um die Ecke ihrer Wohnung liegt, sie musste für das ZDF-Morgenmagazin um vier Uhr aufstehen. Hannelore Ratzeburg und Sandra Schwedler sind im selben Zug aus Hamburg angereist. Obwohl sie in der Hansestadt, aus der sie beide stammen – und nicht nur dort –, zu den einflussreichsten Frauen im Fußball gehören, sind sie sich beim Ein­steigen am Hauptbahnhof zum ers­ten Mal begegnet. Hannelore Ratzeburg hat Sandra Schwedler gleich erkannt. Sie hatte sie vorher gegoogelt. »Ich muss ja wissen, mit wem ich es zu tun habe, wenn es um so was Ernstes wie Fußball geht«, sagt Ratzeburg.

SZ-Magazin: Wir haben Sie eingeladen, um über Frauen im Fußball zu reden. Oder wollen Sie erst mal über den vergangenen Bundesliga-Spieltag diskutieren? Für Ihre Vereine lief es nicht so gut, Frau Hayali und Frau Schwedler.
Dunja Hayali: Ich gehe sofort nach Hause! War kein guter Auftritt von Mönchengladbach gegen Hertha. Die Wochen zuvor waren jedoch für jeden Fan ein Fest. Umso unverständlicher der Einbruch nach dem 0:1. Aber die Champions League habe ich dennoch eingebucht.

Und Sie, Frau Schwedler? Träumen Sie mit dem FC St. Pauli noch vom Aufstieg in die Bundesliga?
Sandra Schwedler:
Sagen wir es mal so: Es ist nicht verboten aufzusteigen.

In den Talkrunden nach jedem Spieltag kommen fast nur Männer zusammen und analysieren. Wir reden heute über das Frau-Sein in diesem Männergeschäft. Fühlen Sie sich als Außenseiterinnen?
Hannelore Ratzeburg:
Warum so negativ? Warum fragen Sie nicht: Fühlen Sie sich wohl?

Fühlen Sie sich wohl unter 18 Männern im DFB-Präsidium?
Ratzeburg:
Ja. Ich habe nette Kollegen im Präsidium und keine grundsätzlichen Probleme. Jeder im Präsidium hat seine Interessen, die er vertritt, jeder will immer mehr für seinen Bereich. Aber ich fühle mich wohl.

Hätten Sie gern eine Kollegin?
Ratzeburg:
Natürlich. Aber die müsste erst mal diese Ochsentour durch den Verband machen, sich für eine herausragende Position gegen Männer aus anderen Landesverbänden durchsetzen. Ich bin 1977 in den Spielausschuss vom DFB gewählt worden, weil einer der Männer, die sich um Frauenfußball kümmern sollten, keine Lust hatte. Ich bin ohne Konkurrenz zu einem Mann in diese Funktion gekommen.
Hayali: 1977? Da war ich drei.
Schwedler: Ich war noch nicht mal geboren.
Ratzeburg: Und ich habe schon Fußball gespielt!

Das war aber erst seit sieben Jahren erlaubt. Der DFB hatte auf einer Verbandstagung in Travemünde 1970 das Frauenfußballverbot von 1955 aufgehoben.
Ratzeburg:
Das glaubt heute von den jungen Spielerinnen keine, dass ich das noch erlebt habe. Aber man muss das Frauenfußballverbot im Kontext sehen. Männer hatten damals in allen Bereichen unserer Gesellschaft sehr starke Kontrollsysteme, um Frauen klein zu halten. Bis Mitte der Siebzigerjahre mussten Frauen, selbst wenn sie Geld verdient haben, für einen Kredit das Einverständnis des Ehemannes einholen. Als ich überlegte, was ich später werden wollte, fiel rasch auf: Dienende Berufe waren für Frauen vorgesehen, alle tollen Sachen für Männer. Ich fand Innenarchitektin spannend, aber als ich beim Tischler anfragte, hat der mich weggeschickt. Der wollte kein Mädchen. Ich habe über den zweiten Bildungsweg Abitur gemacht, wurde Vorschullehrerin, bin aber nicht gleich in den Schuldienst gekommen – und während ich wartete, schlug das Arbeitsamt vor, dass ich Gesellschafterin eines Fabrikbesitzers werden könne, der von seiner Frau getrennt lebte und drei Kinder an der Backe hatte. Dem sollte ich das Leben organisieren und ihn auf Reisen begleiten. Da habe ich gesagt: Nein danke, es reicht!

Wie war die Stimmung 1971 beim SV West Eimsbüttel in der Kabine, als endlich offizielle Spiele stattfanden?
Ratzeburg:
Wir waren alle schon volljährig oder kurz davor, also unabhängig von Mama und Papa. Am 9. Mai 1971 spielte ich mein erstes Spiel, ausgerechnet am Muttertag, gegen die HSV-Frauen. Wir haben 0:6 verloren, aber hinterher gefeiert, als wären wir Weltmeister geworden. Jeden Sonntag haben wir nach den Spielen mit unseren Gegnerinnen auf jedes Tor angestoßen, wir waren Verbündete. Damals hieß es: Wenn der Ball einer Frau an die Brust springt, kriegt sie Brustkrebs, und vom Fußball bekämen wir O-Beine. Aber für uns gab es nichts Schöneres, als endlich zu spielen.

Frau Hayali, wann begeisterte Sie dieses Spiel?
Hayali:
Mit drei. Der Sohn unserer Haushälterin war Gladbach-Fan, ein paar Jahre älter, ich war verliebt, wie man mit drei halt verliebt ist, und bin auch Gladbach-Fan geworden, weil ich gedacht habe, das funktioniert so. Liebe geht ja nicht nur durch den Magen, sondern auch über den Ball. Er ist aber später Dortmund-Fan geworden. Damit war’s aus.
Ratzeburg: Ich war auch frisch verliebt in einen Fußballer, in dessen Verein haben wir Frauen angefangen. Er und zwei seiner Mannschaftskollegen haben uns trainiert. Erst mal in der Halle, damit uns keiner sieht, manche Frauen kamen mit Gymnastik-Schühchen, es gab viele Karambolagen. Auf unserem ersten Aushang stand: Wir wollen eine Frauenfußballmannschaft gründen – wir können alle nix, aber wir können es ja versuchen!

Frau Schwedler, jetzt sagen Sie nicht auch noch, dass Sie über die Liebe zum Fußball kamen.
Schwedler:
Ganz klassisch, WM 1990, Maradona.
Ratzeburg: Wann sind Sie denn geboren?
Schwedler: 1980. Ich bin mit dem Paradigma groß geworden: Jungs spielen Fußball, Mädchen Handball. Also habe ich mit Handball angefangen. 1994 gingen aus meiner Stufe dann viele zum Fußball ins Stadion. So bin ich da gelandet: Fünfter Spieltag, Mitte September, ein Freitag­abend, FC St. Pauli gegen VfB Leipzig, Millerntor, schlechtes Wetter, 11 000 Zuschauer – und ich war hin und weg. Mein Vater hat uns hinterher eingesammelt, meine große Schwester und mich, und das Erste, was ich sagte, war: Ich will ’ne Dauerkarte!

Und?
Schwedler:
Die gab’s zu Nikolaus. Bald kam die Idee auf: Man kann doch auch zu Auswärtsspielen fahren! Ich habe mich aber nicht getraut, meine Eltern um Erlaubnis zu fragen. Das ers­te Spiel der Rückrunde war in Wolfsburg. Ich erzählte meinen Eltern, dass eine Freundin Geburtstag hätte und sie schon tagsüber feiern würde. Ich bin also zu diesem Spiel gefahren, war alles super. Ich kam nach Hause, und meine Mutter: Ist der Geburtstag schon vorbei? Und ich: Ja, ja. Und sie: Wo warst du?! Ich: Bei Dine! Sie: Papa hat dich im Fernsehen gesehen! Zwei Wochen Hausarrest.

Können Sie beschreiben, in was Sie sich verliebt haben?
Schwedler:
In den Zusammenhalt, die Atmosphäre! In der Nordkurve standen wir mit einer Gruppe von Gleichaltrigen. Mädchen und Jungs.

In der Hinrunde der laufenden Saison haben Fans von Dynamo Dresden im Auswärtsblock Ihres Stadions ein Transparent hochgehalten: »Ihr müsst heute Abend hungern, weil eure Fotzen mit euch im Block rumlungern.« Verdirbt Ihnen das nicht die Laune?
Schwedler:
Dafür gibt es leider immer noch zu viele diskriminierende Botschaften und Handlungen rund um den Fußball, als dass ich mir jedes Mal die Laune verderben lassen könnte. St. Pauli hat den höchsten weiblichen Zuschauerschnitt der ersten beiden Ligen: etwa 35 Prozent, bei den anderen Vereinen sind es etwa 25 Prozent. Aber auch bei uns spiegelt sich dieses Geschlechterverhältnis leider nicht in Führungspositionen wider, da bin ich gemeinsam mit unserer Vize-Präsidentin Christiane Hollander recht einsam.

Frau Samii, Sie können heute nicht bei uns sein, Sie ver­handeln gerade einen Spieler-Transfer und sind uns tele­fonisch aus den Geschäftsräumen eines Bundesligavereins zugeschaltet. Wie sind Sie zum Fußball gekommen?
Samira Samii:
Auch als Fan. Ich habe mit meiner Familie immer viel Fußball geschaut. Ein Schlüsselerlebnis war die WM 2006 in Deutschland, diese Euphorie, die durchs Land ging. Damals lernte ich Rudi Assauer kennen, der mir als junger Managerin wertvolle Tipps gegeben hat. Die Gespräche haben mich so angestachelt, dass ich es unbedingt schaffen wollte. Mir war klar, dass es kaum Frauen in dieser Branche gibt, das hat mich noch ehrgeiziger gemacht.

Ihren ersten Klienten haben Sie auf dem OP-Tisch ge­funden: Ali Daei. Er war Patient in der Augenklinik Ihres Vaters. Wie haben Sie Daei davon überzeugt, seine Karriere in Ihre Hände zu legen?
Samii:
Ali Daei war und ist ein guter Freund unserer Familie, deshalb hat er mir von Anfang an vertraut. Er ist eine Fußballlegende, der Franz Beckenbauer des Iran. Wir haben heute noch eine enge Verbindung, ich hole mir oft Rat von ihm.

Frau Ratzeburg, Sie haben mal gesagt: »Ich habe es immer als ungerecht empfunden, dass Jungs mehr machen dürfen als Mädchen!« Haben Sie daran etwas geändert?
Ratzeburg:
Also, wenn ich an die Anfangsjahre denke, muss ich sagen: Ein bisschen was konnte ich schon ändern! Mein erster Sportverein bot nur Fußball für Männer und Tischtennis an. Ich wollte unbedingt spielen, aber wir hatten nur Bälle, die den Männern zu kaputt waren, und keine Trikots. Ich bin also in die Mitgliederversammlung gegangen, habe die Hand gehoben und gesagt: Wir wollen einen vernünftigen Ball und Trikots! Da hat der stellvertretende Vorsitzende seinen Gehstock genommen, auf den Tisch geknallt und gerufen: Nehmt euch in Acht vor solchen Weibern! Aber der Geschäftsführer wohnte um die Ecke, der ist nach Hause gelaufen, hat ein Eintrittsformular geholt, ich durfte unterschreiben und wechselte aus dem Plenum an den Vorstandstisch, weil alle meinten, ich solle mal sehen, was so ein Verein für Probleme habe. Frauenfußball gehöre nicht dazu. Ich dachte: Na ja, ist ein Ehrenamt, wenn mir das zu doof wird, gehe ich. Aber es war nicht zu doof. Es war eine Herausforderung. So ging es weiter, bis zum DFB. Seitdem war ich unter anderem dabei, als die Frauen-Bundesliga gegründet wurde und die Frauen-Nationalmannschaft – die im Übrigen auf die Kürze der Zeit gesehen erfolgreicher ist als die der Männer.
Hayali: Wegen Frauen wie Ihnen stehen wir heute dort, wo wir stehen. Da kann man auch mal Danke sagen! Ihr habt für viele von uns den Weg bereitet.

Frau Hayali, im Vorfeld Ihrer ersten Moderation des Aktuellen Sportstudios im vergangenen Jahr ging es aber immer noch vor allem darum, dass Sie eine Frau sind. Natürlich wurde auch wieder der olle Versprecher von Carmen Thomas hervorge­kramt, der ersten Fußballjournalistin im deutschen Fernsehen, die im Sportstudio »Schalke 05« gesagt hatte.
Hayali:
Ich habe mich vor allem über die Erwartungshaltung gewundert. Als würde ich das Sportstudio nun völlig auf den Kopf stellen. Der Job ist es, die Spiele anzumoderieren und vernünftige Interviews über den Sport-Tellerrand hinaus zu führen. Zauberkünste gehören nicht dazu. Ich bin halt die, die ihre Nase in die Kamera hält. Eine Nase, die einer Frau mit Migrationsvordergrund gehört und die eine Haltung hat. Es kommen also ein paar Dinge zusammen.

Was ist schwieriger: das Diskutieren über Fußball oder das Diskutieren über Politik?
Hayali:
Ich versuche immer, an der Sache entlang zu diskutieren. Das ist in beiden Feldern manchmal schwierig, auch weil wir alle irgendwie Bundestrainer oder Besserwisser sind. Das liegt auch daran, dass beides, Fußball wie Politik, Emotionen erzeugt. Da ist dann 2 plus 2 gerne mal 7. Solche Rechnungen kann ich mir privat leisten, beruflich aber nicht. Aber diskutieren ist gut, wenn am Ende ein Erkenntnisgewinn steht. Oder das Hinterfragen der eigenen Meinung.

Müssen Frauen in der Fußballwelt mehr leisten als Männer, um akzeptiert zu werden?
Ratzeburg:
Die ganze Welt ist doch so männerdominiert, dass Frauen immer mit Männern verglichen werden, aber Männer nie mit Frauen. Es wird geguckt: Kann sie das? Aber woran orientiert sich das? Das muss ja an irgendwas gemessen sein. Und das ist dann in der Regel: Kann sie das denn … wie ein Mann?

Frau Ratzeburg, Sie sind lizen­zierte Schiedsrichterin, Trainerin, außerdem Sozialpädagogin, und haben selbst Fußball gespielt. Haben Sie mit dieser beeindruckenden Biografie versucht, jeden Zweifel zu eliminieren?
Hayali:
Die Frage ist doch absurd! Würde man sie auch einem Mann stellen?
Ratzeburg: Na ja, da ist schon was dran. Das war die einzige Chance, die ich gesehen habe: So unangreifbar wie möglich sein, sonst hätte es noch mehr Gegenwehr gegeben. Heute ist es normal, dass Mädchen und junge Frauen Fußball spielen. Aber das war es für uns eben nicht. Ein Mann musste nie begründen, warum er im Fußball was werden will. Ich schon.
Hayali: Als ich im Sportstudio anfing, hieß es: Jetzt versaut die Quotenmigrantin uns mit ihrer Haltung auch noch das Sportstudio. Und: Ist die überhaupt qualifiziert? Die Frage finde ich ja zunächst berechtigt: Warum darf jemand aus dem politischen Journalismus plötzlich die heilige Kuh reiten am Samstagabend? Sport war zwar noch nie unpolitisch, aber gut. Einige haben dann gesagt: Die hat immerhin Sport studiert und war Sport­reporterin. Fand ich nett, aber das liegt auch fast 13 Jahre zurück. Ob mich das allein befähigt, diese Sendung zu moderieren? Da gehört schon etwas mehr dazu. Ich hab mich schon gefragt: Würden die das auch bei einem Mann so hartnäckig fragen?

Frau Samii, werden Sie von Klienten oder Vereinsbossen manchmal auf die Abseits­regel geprüft?
Samii:
Ja, das war vor allem am Anfang der Karriere so. Die haben mich von oben bis unten gescannt – ist ja eine Frau, die hat keine Ahnung von Fußball. Einmal habeich zu einem dieser Herrschaften aus dem Management gesagt: »Ich bin mir sicher, dass der Trainer heute ein 4-2-3-1-System spielen lässt.« Da hat der mich mit großen Augen angeguckt und gesagt: »Wow, Sie kennen sich ja aus, wir dachten, Sie seien nur Begleitperson!« Mittlerweile kennen mich die Wichtigen, und die Leute, die mir trotzdem noch solche Fragen stellen, ignoriere ich oder antworte ihnen: »Ich muss so was nicht wissen, darum kümmern sich meine Scouts!«

Frau Schwedler, Sie wurden mal am Spielfeldrand der zweiten Mannschaft gefragt, wessen Freundin Sie seien.
Schwedler:
Ja! Ja! Der Typ meinte: »Schön, dich kennenzulernen! Und du bist die Freundin von wem?« Ich antwortete mit der Gegenfrage: Warum ist das wichtig?, obwohl mein damaliger Freund sogar ein paar Meter daneben stand. Man muss sich als Frau im Fußball immer beweisen. Deshalb habe ich schon als Fan von Anfang an die Schwenkfahnen und anderes schweres Zeug zu den Auswärtsspielen geschleppt und nicht irgendwelche Täschchen, nur weil ich ein Mädchen bin. Ich bin auf Zäune geklettert. Auf dem Boden rumgerobbt. Ich habe alles gemacht, was die Jungs gemacht haben, weil ich keinen Bock hatte, belächelt zu werden. Das hat dazu geführt, dass ich schnell anerkannt wurde.

Hat das die Art verändert, wie die Männer um Sie herum Frauen gesehen haben?
Schwedler:
Nein. Andere Frauen sind deshalb nicht leichter akzeptiert worden. Es hieß immer: Die Sandra ist eine Ausnahme! Es hat mich zu Beginn im Aufsichtsrat auch extrem genervt, wie oft ich darauf angesprochen wurde, dass ich eine Frau bin. Ich dachte nur: Ich wurde nicht in dieses Amt gewählt, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich was kann. Deswegen wollte ich lange nicht über das Frauenthema reden.

Warum jetzt doch?
Schwedler:
Ich habe in den letzten Jahren gemerkt, dass ich darüber reden muss, weil ich eine Vorbildfunktion für andere Frauen habe. Und weil ich im Rückblick einige Dinge anders machen würde. Eine Weile lang war ich davon ausgegangen: Wenn ich es als Frau geschafft habe, kann es doch jede schaffen! Aber das ist totaler Quatsch. Jetzt denke ich darüber nach, was ich tun kann, damit andere Frauen nicht so viele Hürden nehmen müssen wie ich.
Hayali: Gute Einstellung! Früher, also so vor 25 Jahren, als es im Sportjournalismus noch weniger Frauen gab als heute, waren es eher Männer, die mich gefördert haben. Die wenigen Frauen haben sich selten zusammengetan. Im Gegenteil. Es gab ein, zwei Kolleginnen, die mir sogar Steine in den Weg gelegt haben. Nach dem Motto: Ich bin hier oben angekommen, noch eine neben mir will ich nicht!
Ratzeburg: Auch Frauen sind in ihrem Rollenbild verhaftet. Für mich stellt sich oft die Frage: Können Frauen sich auch von sich selbst befreien? In der Anfangszeit im Verein und im Verband waren viele eifersüchtig auf mich: Die ist dauernd mit unseren Männern zusammen, auch noch attraktiv, und sie kann ihr Wort machen! Auch für viele Frauen war Fußball eine Männerheiligkeit, die kamen nur mit, wenn Vereinsfeste waren. Und dann war ich da, so eine Vorlaute. In meinen Schulzeugnissen stand immer, ich könnte viel besser sein, wenn ich mich mehr zurückhalten würde. Aber diese omnipräsente Ungerechtigkeit hat mich dazu gebracht, lauter zu werden und zu fordern und mitzumachen. Und wenn man irgendwann in so einer Position ist wie ich, muss man den Frauen helfen, denen das Lautsein schwerer fällt. Von daher finde ich gut, was Sie sagen, Sandra. Wir haben vor zwei Jahren beim DFB ein Leadership-Programm explizit für Frauen gestartet. Was da für tolle Frauen kommen! Was die alles können! Und wie wenig ihnen oft bewusst ist, was für einen Wert sie haben, gerade für den Fußball!

Was können denn nur Frauen dem Fußball geben?
Ratzeburg:
Einfach ihre Sichtweise auf diesen Sport. Ich weiß nicht, wie ein Mann Dinge wahrnimmt, aber ich glaube, wir ergänzen ihren Blick ganz gut, durch unsere Zurückhaltung manchmal, durch unsere gesunde Skepsis, unseren Enthusiasmus. Was ich auch großartig finde: Diese Frauen, die sich im DFB-Programm kennenlernen, bilden automatisch ein Netzwerk für die Zukunft.
Samii: Ich kann meinen Spielern etwas geben, was sie von männlichen Beratern eher nicht be­kommen: eine mütterliche Seite. Wenn meine jungen Spieler nach Deutschland kommen, helfe ich ihnen, sich hier zu akklimatisieren und die Kultur kennenzulernen. Die meisten haben ihre Familie in der Heimat gelassen und sind plötzlich auf sich allein gestellt. Ich bin dann rund um die Uhr für sie da. Ich weiß, dass einige meiner männlichen Kollegen ihre Aufgaben anders interpretieren. Wenn der Deal abgeschlossen ist, lassen sie die Spieler mit ihren Problemen und Sorgen oft allein.

Hannelore Ratzeburg hat erzählt, dass einige Frauen eifersüchtig gewesen seien, weil sie den Männern durch den Fußball nahekam. Kennen Sie das auch, Frau Samii?
Samii:
Oh ja! Letzte Saison bekam ich mitten in der Nacht eine Mail von der Frau eines Bundesliga-Sportdirektors, den ich im Sommer wegen eines möglichen Transfers getroffen hatte. Er war in Salzburg im Trainingslager und hatte per SMS gefragt, ob ich ihn im Trainingslager besuchen könnte, um über weitere Details zu sprechen. Eine völlig harmlose Konversation. Seine Frau bekam sie irgendwie zu lesen und beschimpfte mich daraufhin als »Prinzessin im Märchenland«. Ich käme aus einer wohlhabenden Familie, warum würde ich überhaupt so tun, als müsste ich arbeiten? Ahnung hätte ich sowieso keine! Ich rief den Sportdirektor an, aber er ging nicht mehr ran. Ich bekam weiter jeden Tag bestimmt zwanzig Nachrichten von seiner Frau. Nach einer juristischen Auseinandersetzung musste sie sich schriftlich bei mir entschuldigen, aber der Transfer kam wegen der Sache nicht zustande. Vier Wochen später rief der Sportdirektor an und erklärte, er wollte erst mal Gras über die Sache wachsen lassen. Da habe ich gesagt: Das war’s mit uns! Und ein Bundesliga-Profi hat mir vor einiger Zeit erzählt: Samira, ich kam vom Training nach Hause, da schrie meine Frau: »Schau dir das Profilbild von diesem Mode-Püppchen an, das kann nicht deine Beraterin sein!« Irgendwann wollte der Spieler, dass ich alle Kommunikation mit ihm nur über sie betreibe. Da musste ich den Vertrag mit ihm leider kündigen.

Vertreten Sie Ihre Spieler anders, als Ihre männlichen Kollegen das tun?
Samii:
Ich habe nicht grundsätzlich eine andere Taktik. Aber manchmal werde ich als Frau zu ein wenig Trickserei gezwungen. Es kommt immer wieder vor, dass ein Vereinsmanager oder Sportdirektor nicht nur Interesse an meinem Spieler, sondern auch an mir hat. Das ist eine Ebene, die das Geschäft gefährden kann. Ich schicke dann einen Mitarbeiter oder Geschäftspartner in die Verhandlungen, sodass mein Name nicht auftaucht, ich ziehe nur die Fäden im Hintergrund. Meistens läuft das Geschäft dann. Am Anfang habe ich nicht gecheckt, warum manche Deals nicht zustande­kamen. Heute ist es mir klar.

So ein unprofessionelles Verhalten gibt es sogar auf Bundesliga-Niveau?
Samii:
Ich arbeite ja nur noch mit der Bundesliga zusammen. Leider kommt es häufig vor, bis hin zu sexuellen Belästigungen.

Können Sie erzählen, was genau Ihnen widerfahren ist?
Samii:
Die Bandbreite reicht von zweideutigen Anspielungen bis zu plumpen und unangenehmen Anmachen. Auf meinem Handy habe ich die eine oder andere Nachricht von Bundesliga-Funktionären, aktuellen und Ex-Profis, die besser nicht an die Öffentlichkeit gelangen sollten.

Haben Sie ein Beispiel?
Samii:
Ich war einmal nach einem erfolgreichen Meeting mit Vertretern eines Bundesliga-Vereins essen. Währenddessen bekam ich vom Sportdirektor eine Nachricht auf mein Handy, er schrieb unter anderem: »Ich möchte Champagner aus deinem Bauchnabel trinken.« Ich bin nicht darauf eingegangen, erhielt kurze Zeit später aber die Mitteilung, dass der Deal mit dem Verein geplatzt sei. Ich war überrascht, weil alles so perfekt gelaufen war, und wollte von dem Sportdirektor wissen, was der Grund für die Absage war. Ich sei selbst schuld, antwortete er, weil ich nicht auf sein Hotelzimmer gekommen sei. Ein Bundesliga-Präsident fragte mich während eines Meetings, in dem es um einen großen Sommertransfer ging: »Kannst du bitte den Knopf deiner Bluse auf­machen?« Ich habe den Termin beendet und meine Anwälte kontaktiert.

Haben Sie wegen solcher Erlebnisse schon darüber nachgedacht, einen Rollkragenpullover anzuziehen?
Samii:
Noch nie. Die schmutzigen Gedanken anderer kann man nicht beeinflussen. Die wären bei manchen auch da, wenn ich im Astronautenanzug käme. Man lernt im Laufe der Jahre und mit wachsender Menschenkenntnis, die Anspielungen zu ignorieren. Ich werde meinen Stil nicht ändern, nur weil es einige Herren gibt, denen die gute Kinderstube fehlt.
Hayali: Das Perfide ist ja, dass du es als Frau nur falsch machen kannst. Bist du zu sexy, kannst du nicht kompetent sein. Kleidest du dich eher burschikos und sportlich, ist es auch nicht richtig. Am besten ziehen wir uns gar nicht an.
Ratzeburg: Das ist dann auch wieder falsch!
Schwedler: Kürzlich bin ich mit Freunden zu einem Auswärtsspiel gefahren. Normalerweise stehe ich in der Kurve, dieses Mal waren wir aber im VIP-Bereich. Als wir dort saßen, kam ein Vertreter des Gegners, er war sehr freundlich, erklärte uns alles und fragte viel. Aber nur meine männlichen Freunde, die mit Fußball beruflich gar nichts am Hut haben. Mich ignorierte der Mann. Wie so viele mich schon ignoriert haben, das gibt es ja auch.
Hayali: Der Fußball ist die letzte Männerdomäne, und jetzt funken sogar da die Frauen mit rein. Und zwar kompetent. »Muss denn das sein? Könnt ihr uns nicht wenigstens dieses eine Feld lassen?« Das schwingt immer so ein bisschen mit.
Schwedler: Als ich das erste Mal gewählt wurde, waren die Online-Kommentarspalten voll: »Kriegen wir jetzt rosa Trikots?!«
Hayali: Was für ein Aufschrei! Wie bei der ersten Schiedsrichterin oder der ersten Kommentatorin! Als wäre immer noch 1970.

Dabei hat sich viel verändert: Bei Übertragungen der Männer-Länderspiele sind heute vierzig Prozent des Fernsehpublikums weiblich.
Hayali:
Und andersrum gucken viele Männer Frauen-Fußball, allerdings nur bei großen Turnieren.

Aber dann sagt im Jahr 2018 ein Nationalspieler wie Emre Can nach einer Roten Karte gegen Cristiano Ronaldo, seinen Mitspieler bei Juventus Turin: »Wir sind doch keine Frauen!« Denkt man sich da nicht: Warum sollte ich solchen Machos nachrennen?
Hayali:
Ach, das kann ich nicht ernst nehmen. Ist halt ein doofer Spruch. Und Emre Can hat den ordentlich um die Ohren ge­hauen bekommen, auch von anderen Fußballern. Das zeigt, dass sich was verändert hat. Nicht nur Frauen dachten: In welchem Jahrhundert lebt der denn?

Frau Ratzeburg, wie finden Sie denn diese Hostessen in den goldenen Kleidern, die nach dem DFB-Pokalfinale der Männer die Siegerehrung zieren müssen?
Ratzeburg:
Tja. Mir fällt dazu nichts ein. Das ist das nächste Fass, das wir aufmachen müssen: Wie werden Frauen in unserer Gesellschaft insgesamt dargestellt? Ich hatte vorhin am Bahnhof ein bisschen Zeit im Zeitschriftenladen. Diese Frauen­magazine! Ich frage mich, warum wir noch immer auf bestimmte Dinge reduziert werden.
Hayali: Wobei sich manche auch selbst darauf reduzieren, ist ja ihr gutes Recht.
Ratzeburg: Ja, aber dass das durch die sozialen Medien schon im jungen Alter so eine Breite erreicht hat! Manche Mädchen wollen gar keinen Beruf mehr erlernen, weil sie denken, es reicht, sich im Jugendzimmer beim Schminken zu filmen. Junge Frauen glauben heute, ihnen stünde die Welt offen. Aber dass sie in der Realität im Durchschnitt immer noch zwanzig Prozent weniger Gehalt bekommen als Männer, ist ein Fakt. Wenn man ihnen das sagt, gucken die einen mit großen Augen an. Was? Es ist doch alles so gleichberechtigt! Nein, noch lange nicht. Im Drogeriemarkt gibt es heute ja sogar getrennte Duschgels für Mädchen und Jungs. Das für die Jungs ist blau, und da ist ein Fußball drauf. Und das für Mädchen ist rosa, und da ist eine Prinzessin drauf.

Diese goldenen Prinzessinnen beim Pokalfinale könnten Sie doch jetzt abschaffen, Frau Ratzeburg.
Hayali:
Wir wollen einfach zur Hälfte auch goldbehangene Männer ins Olympiastadion einlaufen sehen!
Ratzeburg: Es ist nicht die Verantwortung der Frauen, sich um alles zu kümmern. Ich kann nicht die Welt retten, ich kann nur da, wo ich bin, versuchen, mich positiv einzubringen. Mich stören die goldenen Damen nicht besonders, aber natürlich sind sie ein weiterer Beleg dafür, wie Frauen im Fußball immer wieder nur als Frauen gesehen werden. Warum sitze ich denn hier? Doch auch nur, weil Sie mich für etwas Sensationelles halten.

1995 sagten Sie, dass Sie sich nicht als reine Vertreterin des Mädchen- und Frauenfußballs sähen. Heute, 24 Jahre später, sind Sie als einzige Frau im DFB-Präsidium, noch zuständig für Mädchen- und Frauenfußball.
Ratzeburg:
Ja, und damit habe ich eben richtig viel zu tun!

Aber wäre denkbar, dass Sie DFB-Präsidentin würden, die Chefin der Fußballer?
Ratzeburg:
Na, so weit käme das noch! Das ist für mich nicht erstrebenswert.

Also ist es nicht wünschenswert, dass künftig eine Frau DFB-Präsidentin wird und ein Mann sich um den Frauen­fußball kümmert?
Ratzeburg:
Doch! Vielleicht passiert das in ein paar Jahren!
Hayali: Theo Zwanziger, der Vor-Vorgänger von DFB-Präsident Reinhard Grindel, hat sich doch zum Beispiel sehr um den Frauenfußball bemüht.
Ratzeburg: Es ist jedenfalls nicht mein Ziel, DFB-Präsidentin zu werden. Da hätte ich viel weniger Kontakt zu denen, die spielen, und da würde mich so viel von meinem Plan, den Mädchen- und Frauenfußball voranzubringen, abhalten, allein die Zusammenarbeit mit UEFA und FIFA. Die habe ich in meiner Funktion auch, aber da geht es um die Sache der Frauen. Auch international war ich übrigens die einzige Frau. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal bei der FIFA-Frauenfußball-Kommission war. Ich komme in den Raum und denke: Hier bin ich falsch! Nur Männer. Also gehe ich raus und treffe Sepp Blatter. Kommen Sie mit, das ist der richtige Raum, sagt der. Die anderen Frauen, die noch kamen, waren Sekretärinnen.

Haben Sie darauf achten müssen, sich diesem männlichen Umfeld nicht zu sehr anzupassen?
Ratzeburg:
Ich habe in regelmäßigen Abständen Freundinnen oder Freunde gefragt, ob sie Veränderungen an mir feststellen. Ich wollte mich nicht verlieren. Ich will nicht ausschließen, dass ich dadurch, dass ich überproportional mit Männern zu tun hatte, mich als Frau auch verändert habe, dass mein Auftreten anders geworden ist. Aber ich wundere mich immer noch über manches Gebaren von Männern in den Runden.

Haben Sie eine Methode gefunden, damit umzugehen?
Ratzeburg:
Zu Beginn meiner Zeit im DFB-Spielausschuss war ich mit meinem Frauen-Tagesordnungspunkt immer ganz am Ende dran, zu vorgerückter Stunde. Viele guckten auf die Uhr. Manche Herren fingen an Zeitung zu lesen. Ich habe dann sofort aufgehört zu reden. Wenn mich der Vorsitzende fragte, was los sei, sagte ich: »Hier hört ja niemand zu, dann kann ich mir das auch alleine vor dem Spiegel erzählen!«

Bauen Sie eine Nachfolgerin auf?
Ratzeburg:
Natürlich fände ich es gut, wenn eine Frau meine Position übernimmt. Aber sie muss ziemlich viel Zeit investieren. Nebenher, das ist ja immer noch ein Ehrenamt. Frau muss sich gut organisieren. Es muss ja nicht so lang sein wie bei mir, aber zwei Amtsperioden, sechs Jahre, wären ja auch nicht ohne.

Frau Schwedler, im Dezember wurden Sie als Aufsichtsratsvorsitzende des FC St. Pauli bestätigt. Im Anschluss sagten Sie, es sei Zeit für eine Quote für Frauen in Fußball-Führungspositionen. Warum?
Schwedler:
Weil außer mir keine andere Frau bei der Wahl kandidiert hat. Mich beschäftigt das: Warum hadern Frauen damit, solche Positionen zu übernehmen? Warum ist das für Männer so selbstverständlich? Ein Kandidat zum Beispiel ließ sich zur Wahl aufstellen und fragte erst danach: Wie viel Zeit nimmt das Amt überhaupt in Anspruch? Frauen zerdenken vorher alles.

Was kann eine Quote daran ändern?
Schwedler:
Früher habe ich immer gesagt: Quoten find ich blöd, es soll nach Kompetenz gehen. Mittlerweile habe ich erkannt: Ohne Quote werden Posten erst recht nicht nach Kompetenz und Können besetzt. Gerade im Fußball. Da geht es um Buddytum und Seilschaften. Deshalb bin ich heute überzeugt, dass eine Quote Vereine und Verbände dazu zwingt, Frauen besser zu fördern, und zwar dort, wo es wirklich Sinn ergibt. Und falls durch die Quote auch mal eine unqualifizierte Frau in einen Vorstand kommen sollte: Na und? Unqualifizierte Männer sitzen da schon genug!
Ratzeburg: Bei uns in manchen Landesverbänden gibt es das Problem, dass die Positionen, die übernommen werden sollen, oft schwammig definiert sind. Frauen wollen sich darauf nicht einlassen, sie wollen genau wissen, was sie da machen müssen oder wie hoch der Aufwand ist.
Schwedler:
Sie fragen: Wie verträgt sich das mit dem Rest meines Lebens? Diese Gedanken macht sich ein Mann eher selten.
Ratzeburg: Vielen Männern sind die Details egal, Haupt­sache, ein Amt. Wobei jüngere Männer heute auch mehr fragen. Die Väter von heute wollen ihre Kinder aufwachsen sehen.

Liegt es vielleicht nicht nur an der weiblichen Zurück­haltung, sondern auch am Arbeitsklima im Fußball, dass sich qualifizierte Frauen weniger zutrauen?
Hayali:
Das zum einen, ich stelle aber leider auch immer wieder fest, dass einige ihre Chance nicht nutzen, weil sie glauben, ihr Kollege sei besser qualifiziert. Zum anderen haben wir auch keine gute Fehlerkultur. Grundsätzlich nicht. Sagt eine Frau mal was Falsches, Stichwort »Schalke 05«, kriegt es die an­dere noch 30 bis 40 Jahre später vor den Kopf geknallt. Dann bleiben manche lieber in der unsichtbaren dritten Reihe.
Schwedler: Und es braucht eine bessere Lernkultur. Die Fußballwelt ist so komplex, dass sich nicht mehr alles von langer Hand planen lässt. Vieles geht nur über kleine Experimente, mit denen wir uns vortasten. Und das funktioniert nicht, wenn eine einheitliche Gruppe von Menschen – nämlich Männer im gleichen Alter – zusammensitzt und Entscheidungen für alle trifft. Es funktioniert nur, wenn Alt, Jung, Mann, Frau, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam nachdenken. Es fängt schon bei unserer Sprache an: Ich rede nicht mehr von Mannschaften, nur noch von Teams. Und Frauen, finde ich, spielen keinen Frauenfußball, sondern ganz einfach Fußball, wie die Männer auch.

Sehen das alle so, oder müssen Sie zusätzlich zu Ihrer Rolle als Frau auch immer noch als Botschafterin für Diversität auftreten?
Ratzeburg:
In der Theorie unterstützen das alle. Aber wenn es an die Umsetzung geht, hat plötzlich keiner mehr Zeit. Es kann nicht sein, dass die Frauen sich um alles kümmern müssen, was irgendwie unter den Begriff »Soft Skills« fällt.

Zuletzt war öfter zu hören, mit mehr Frauen in entscheidenden Positionen wäre einiges von dem, was den Fußball aktuell so in Verruf bringt – die wahnsinnigen Ablösesummen, die überbordende Kommerzialisierung, die Korruption in den Verbänden –, nicht passiert.
Hayali:
Weil Frauen weniger korrupt sein sollen?
Schwedler:
Frauen können nicht alleine den Weltfrieden herbeiführen. Oder den Fußball gesund machen. Was wir machen können, sind die kleinen Dinge: Erden, Probleme sichtbar machen, immer wieder Salz in die Wunde streuen. Bei St. Pauli haben wir 22 sporttreibende Abteilungen, wir haben Frauen als Abteilungsleiterinnen, im Ehrenrat, im Präsidium, im Aufsichtsrat. Sie alle werden jetzt einmal zusammenkommen und diskutieren: Was fehlt euch? Wie können wir uns gegenseitig schützen und stützen? Weil wir schon beobachtet haben, dass einige mit ihrem Amt hadern und wieder aufhören wollen.

Hat Ihr Fantum durch die Nähe zum Geschäft gelitten?
Hayali:
Nein, wenn ich im Stadion bin, gucke ich Fußball, fiebere mit und denke nicht an die sportpolitischen Baustellen. Privates und Berufliches sollte man trennen, heißt es doch immer. Klar sehe ich die Vermarktung in Teilen kritisch. Und dass viele Spieler sich aus allem raushalten oder total durchgecoacht sind, finde ich schade.Jeder, der Sport macht, weiß doch, wie das ist, wenn man verliert. Da darf man auch mal einen raushauen. Himmel, wie viele Tennisschläger ich aus Frust nach einer Niederlage fast zerschmettert hab. Kaum auszudenken, was ich gesagt hätte, wenn jemand nach einem verloren gegangenen Match dann auch noch eine Analyse von mir gewollt hätte. Aber es gibt sie, die authentischen Spieler, die sich nicht wirklich verbiegen lassen und etwas mehr als nur Fußball im Kopf haben. Danny da Costa von Eintracht Frankfurt ist so ein Typ. Er war vor ein paar Wochen bei mir im Sportstudio. Das sind schöne Momente, in denen ich auch nicht darüber nachdenke, wer nun korrupt ist, wo die nächs­te WM stattfindet oder ­warum die Tickets so viel kosten.
Schwedler: Als ich für den Aufsichtsrat kandidierte, sagte ein ehemaliger Aufsichtsratsvorsitzender von St. Pauli zu mir: »Du wirst Fußball ein Stück weniger lieben.« Jetzt kann ich sagen: Ich liebe ihn nicht weniger, aber ich muss schon manchmal den Kopf schütteln.

Spüren Sie die Begeisterung von 1994 noch manchmal?
Schwedler:
Ja, während der 90 Minuten kann ich meist komplett abschalten. Ich stehe ja immer noch im Fanblock, mit den Freunden, die mich normal behandeln. Gut, manchmal werde ich jetzt nach der Aufstellung oder irgendwelchen Mannschaftsinterna gefragt, aber damit habe ich ja null zu tun.
Hayali: Was mich schon umtreibt, ist die Vermarktung des Fußballs. Frau Ratzeburg, wie finden Sie das eigentlich, dass bald eine WM in Katar stattfindet?
Ratzeburg: Sehr schwieriges Thema.
Hayali: Verstehe. Und Sie, Frau Schwedler?
Schwedler: Als ich das erste Mal davon gelesen habe, dass bei der WM-Vergabe 2006 Geld geflossen sein soll, habe ich nur mit den Schultern gezuckt. Jeder, der sich in den Verbänden ein bisschen auskennt, hat gelacht. Haha, große Überraschung! Wenn man die ganzen Entwicklungen hinter den Kulissen mitbekommen hat, dann wundert einen gar nichts mehr.

Frau Samii, Ihr großes Ziel ist trotzdem, Managerin eines Bundesliga-Vereins zu werden. Sie wären die einzige im deutschen Profifußball. Wann ist es so weit?
Samii:
Daran arbeite ich hart. Aber ich weiß, dass dafür mehr Frauen in diese Fußballwelt kommen müssen, und das passiert nicht von jetzt auf gleich. Wir müssen normal werden. Vor ein paar Jahren hatte ich einen Termin bei 1860 München, es ging um etwas ganz anderes, aber am nächsten Tag stand in der Zeitung, ich würde Sport­direktorin der Löwen. So eine Reaktion habe ich noch nie erlebt. Das war für die Menschen so unvorstellbar wie eine Bundestrainerin für die Männer.
Hayali: So wie es für viele weit weg ist, dass Expertinnen im Fernsehen über Fußball sprechen. Dabei gäbe es ja genug, die mit Sachverstand was zum Männerfußball sagen könnten: Ex-Nationalspielerinnen, Trainerinnen. Die könnten genauso gut analysieren wie Olli Kahn oder Philipp Lahm. Ich habe gerade die wilde Fantasie, zu einer meiner nächsten Moderationen im Sportstudio eine Expertin einzuladen und mit ihr das Topspiel zu analysieren. Viele Zuschauer würden vermutlich einen Herzinfarkt kriegen.