Letzte Hilfe

Die Polin Sophia M. pflegt alte Menschen in Deutschland und wohnt bei ihnen, bis sie sterben. Dann zieht sie weiter. Ein Erfahrungsbericht über Nähe und Einsamkeit, über Liebe und Abschied.

Sophia M. heißt anders und möchte nicht erkannt werden - vor allem aus Diskretion den Familien gegenüber, für die sie arbeitet oder gearbeitet hat.

Ich möchte nach Polen in den Urlaub aufbrechen, als sich eine Familie auf meine Zeitungsannonce meldet. Es ist Juni. Wir verabreden uns zum Kaffee. Die Tochter und der Schwiegersohn wollen eine nette Frau, die sich um die Oma kümmert. Sie soll gut kochen und das Haus in Ordnung halten. Die Oma ist skeptisch, sie will hören, wie gut ich Deutsch verstehe. Ich sitze nur da und denke: Die Möbel glänzen schön. Überall steht feines Porzellan mit Gold und Blumen darauf. Ein Edelhaus. Ich befürchte Probleme, wenn ich die Sachen nicht an ihren ursprünglichen Platz stelle. Aber die Dame will sich selbst ums Aufräumen kümmern. Ich habe also eine neue Arbeitsstelle. Nach Polen werde ich später reisen.

Die Oma ist mein dritter Arbeitsplatz. Sie ist neunzig und hat heftige Schmerzen in der Hüfte. Von den starken Medikamenten wird ihr schlecht, die schwachen Tabletten helfen nicht. Sie kann nicht laufen, nur morgens zwei Runden im Wohnzimmer und dann ins Bad. Wenn sie einen schlechten Tag hat, gebe ich ihr den Arm. Sonst geht sie lieber am Stock. Aber im Kopf ist sie klar, und deshalb denke ich, dass sie noch ein paar Jahre zu leben hat.

Drei Monate später. Ich mache mir Sorgen. Seit Freitag ist die Haut der Oma am Po wund und blutet. Sie kann kaum sitzen und liegen, auch nicht laufen. Wenn sie zur Toilette geht, ist ihr Körper ganz krumm vor Schmerzen. »Ich werde sterben«, sagt sie. Ich fürchte, dass die Wunde wächst. Wenn jemand jeden Tag Schmerzen hat, leidet meine Psyche. Ich bin unruhig. Offene Haut kann bei den alten Leuten vom einen Tag auf den anderen zum Tod führen. Bei meiner Arbeit weiß man nie, was kommt. Vielleicht habe ich morgen keine Arbeitsstelle mehr. Auch keinen Wohnort. Ich lebe dort, wo ich arbeite.

Die Ärztin hat ein Desinfektionsmittel, ein Pflaster und einen Ring zum Sitzen verschrieben. Vielleicht bekommen wir auch noch eine spezielle Matratze. Es ist der Dame unangenehm, dass ich ihren Hintern mit Melkfett einkreme. »Ich bin doch eine Frau. Und du bist selbst Krankenschwester gewesen«, sage ich. »Deine Tochter kann nicht dreimal pro Woche kommen, um nach dem Pflaster zu schauen.« Aber es fällt der Dame schwer, fremde Hilfe anzunehmen. Es ist ihr schon peinlich, wenn ich morgens ihren Rücken und ihre Beine wasche und dafür auf die Knie gehe. »Ich bin eine Last«, sagt sie. »Du bist doch keine Last«, sage ich.

Sonntags habe ich frei. Die Oma besteht darauf, dass ich zu meiner Tochter in der Nähe fahre. Der Blutdruck ist in Ordnung, also bin ich einverstanden. Ich koche am Tag vorher ein bisschen mehr, damit sie sich etwas warm machen kann. Doch beim Mittagessen mit meiner Tochter erfasst mich eine solche Unruhe. Vielleicht ist die Oma hingefallen. Aber wenn ich anrufe und sie schnell zum Telefon läuft, stürzt sie vielleicht. Ich bitte meine Tochter, mich nach Hause zu fahren. Die Oma sitzt zufrieden im Sessel und sagt: »Schön, Sophia, dass du wieder da bist.« Und ich freue mich. Ich gebe den Leuten meine Liebe und bekomme sie zurück.

Es ist 17 Jahre her, dass ich zum ersten Mal nach Deutschland zum Arbeiten gefahren bin. In meinem Dorf in Polen hatte ich Schweine, Hühner, Kühe und ein paar Hektar Land. Wenn die ganze Familie mitarbeitete, reichte es zum Leben. Doch dann fing mein Mann an, immer mehr zu trinken und immer weniger zu arbeiten. Das Geld verschwand für Alkohol und Zigaretten. Am Ende des Monats reichte es nicht mehr für meine beiden Töchter. Nachts kam mein Mann betrunken und polternd die Treppen herauf. Immer, wenn wir uns sahen, stritten wir. Ich rief die Polizei, damit wenigstens die Kinder schlafen können. Eines Morgens war mein Auge blau. Einmal ist genug, dachte ich.

Ich verkaufte alle Tiere und stieg in den Bus nach Deutschland. Meine Schwester hatte mir eine Stelle in der Landwirtschaft besorgt: Um sieben Uhr mussten wir auf der Erntemaschine liegen wie auf den Flügeln eines Flugzeugs. Zehn Leute links, zehn rechts, alle auf dem Bauch. Meine Arme hingen herunter auf die Erde, und ich zupfte kleine Gurken mit den Händen, schnell, schnell. Es waren so viele, weil sie vorher gespritzt hatten, damit alle auf einmal reif werden. Wir arbeiteten 14 Stunden am Tag. Tags darauf konnte ich kaum aufstehen, so tat mir der Rücken weh. Ich bekam sieben D-Mark pro Stunde. Abends im Campingwagen erzählten die anderen Polen, dass man in der Pflege mehr Geld verdient. Aber ich konnte kein Deutsch, nur »Gurke«, »schneller«, »langsamer« und »Arbeit«.

Trotzdem fand ich eine Dame. Gleich am ersten Tag sagt sie zu mir: »Sophia, du musst für mich lesen, ich kann nicht mehr richtig sehen.« Sie zeigt auf die »10« in der Zeitung und sagt »zehn«. Sie ist Weinhändlerin gewesen und sehr beliebt im Ort. Wenn jemand gestorben ist, schreibt sie einen Beileidsbrief. Also lese ich jeden Tag Namen und Wohnort in den Todesanzeigen Buchstabe für Buchstabe vor. So lerne ich Deutsch.

Aber ich vergesse nie, wie es sich anfühlt, wenn man kein Wort versteht. Im Laden schauen einen die Leute sofort an, weil sie merken: Die kapiert nichts. Einmal sollte ich der Dame etwas aus dem Schrank holen. Ich wusste nicht, was sie meint, habe alle Schränke durchsucht und es nicht gefunden. Es hat ewig gedauert. Die Dame hat immer wieder auf mich eingeredet, und ich habe nur verstanden, dass sie möchte, dass dieser Gegenstand auf dem Tisch steht. Bis heute weiß ich nicht, was es war, keine Vase jedenfalls.

»Ich empfand es nicht als Arbeit. Ich hatte das Gefühl, ich wohne und lebe dort.«

Das Arbeitsverhältnis endet mit dem Tod des Menschen, für den Sophia sorgt.

Manchmal steht man am Morgen auf und denkt: Wann wird es Abend, damit ich auf mein Zimmer gehen kann und niemand mehr etwas von mir will? Einmal habe ich eine Polin getroffen, die kein Deutsch verstand. Sie hat mich gesehen, in die Arme genommen und geweint. Sie wollte ihren Koffer packen und nach Polen zurückgehen, aber sie war über eine Firma angestellt und konnte nicht fort. Sie ist dann mit einem Heft gekommen, und ich habe ihr die einfachen Sachen beigebracht: Was möchten Sie essen, was möchten Sie trinken, was soll ich kaufen? Sie hat weitergearbeitet.

Die Weinhändlerin war eine Dame mit Herz. Ich erinnere mich gern an jeden Tag mit ihr. Den Geburtstag haben wir immer mit ihren Kindern gefeiert. Bis heute besuche ich ihre Tochter und gehe mit ihr im Wald Pilze sammeln. Ich habe eine Familie gewonnen. Das ist das Schönste, das bei meiner Arbeit passieren kann. Im Blumengarten stand eine Bank im Schatten, ein Rosenstock auf der einen Seite, eine Kletterrose auf der anderen Seite. Dort haben wir immer gesessen und geredet, über den ersten Kuss und den Krieg. Sie war der perfekte Mensch für die erste Stelle und hat mir so viel Ruhe gegeben in dieser schwierigen Zeit, in der ich mich von meinem Mann getrennt habe. Ich empfand es nicht als Arbeit. Ich hatte das Gefühl, ich wohne und lebe dort. Viereinhalb Jahre.

Jeden Tag gingen wir im Park spazieren. An einem Nachmittag Anfang Dezember 2011 kommen wir nur vier Häuser weit. Sie schnauft und schnauft, und ihr wird schlecht. Der Arzt stellt fest, dass sie Wasser im Körper hat, und gibt ihr eine Spritze. »Wenn Sie einen starken Willen haben, erleben Sie vielleicht Weihnachten«, sagt er. Die Dame packt die blanke Angst. Sie will nicht mehr schlafen und nicht mehr ins Bett gehen. Wie viele Tage sind es noch bis Weihnachten, fragt sie ständig. Ich habe zu Weihnachten jedes Jahr einen Tannenbaum gekauft. Dieses Mal hole ich ihn schon eine Woche früher und schmücke ihn, damit sie auf jeden Fall das Fest erlebt.

Nach Weihnachten kehrt das Wasser zurück. Ihr ganzer Körper ist aufgedunsen. Der Arzt gibt noch eine Spritze. Aber dieses Mal sage ich, dass er schweigen soll. Ich erzähle der Dame, dass er nur Blut abnimmt. Das Herz der Dame ist immer noch stark. Aber sie muss jetzt alle zwanzig Minuten auf die Toilette und klappert dann mit den Bremsen des Rollators, damit ich komme und ihr auf den Nachtstuhl helfe. In die Windeln kann sie nicht machen, es geht vom Kopf her nicht. Später beginnt sie zu fantasieren: »Oh Gott, der Himmel ist so hoch!« Ich frage: »Warum denkst du das?« – »Wie kann ich nach oben kommen?«, will sie wissen. »Wenn die Zeit kommt, bringt dich der Engel nach oben«, sage ich. Aber ihre Angst vor dem Tod wird immer größer. Ich sitze die ganze Zeit bei ihr, halte ihre Hand und höre zu. Sie geht in Gedanken ihr ganzes Leben von den Kindern bis zu den Enkeln durch. Von »der Karin und ihrem Gaul« spricht sie, und ich weiß, dass sie die Enkelin meint, die ein Pferd hat. Ich kenne ihren ganzen Lebensweg. An einem Tag ruft sie nach ihrer Mama, und zufällig ist ihre Tochter gerade bei uns zu Besuch. Ich weiß, dass die Leute immer nach der Mama rufen, wenn der Tod näher kommt. Ich habe geantwortet, die Mama ist zum Bäcker gegangen. »Sophia, was redest du da, die Mama lebt doch nicht mehr«, sagt die Tochter entsetzt. »Ja, aber man muss die Oma einfach beruhigen. Sie hat genug Angst«, habe ich erklärt. Die Tochter war empört über meine Lüge.

Am 19. Januar 2012 hat der Schwiegersohn Geburtstag. Die ganze Familie, die Oma und ich feiern. In der Nacht darauf atmet die Dame so laut. Das Blutdruckgerät zeigt ab und zu gar nichts mehr an. Das Herz arbeitet nicht mehr richtig. Sie ist jetzt 97 Jahre und sechs Monate alt. Irgendwann nicke ich in dieser Nacht ein und träume, dass ich schaue, ob der Dame kalt ist, und sie zudecke. Da wache ich auf und weiß sofort, dass etwas nicht stimmt. Das Atmen ist nicht mehr da. Ich mache mit einem Tuch ihren Mund und ihre Augen zu. Ich kippe das Fenster und drehe die Heizung zu. Um drei Uhr nachts werde ich doch nicht ihre Familie anrufen. Ich sage ihr »Gute Nacht« und lege mich ins Bett. Dann kommen die Tränen. Noch Wochen später höre ich diesen Atem wie einen Zug in der stillen Nacht. Der Tod ist das, was ich am wenigsten mag an meiner Arbeit.

Ich bin immer noch traurig, als ich bei einem Opa anfange zu arbeiten. Die Nichte sagt mir, er brauche jemanden für die Nacht und weil er nicht allein sein kann. Sie hat überlegt, den Opa in eine Einrichtung für betreutes Wohnen zu bringen, aber er will ja nicht von daheim fort. Eine Bekannte erzählt ihr von einer Polin. Das Positive überwiegt. Und vom Geld her läuft es ungefähr auf das Gleiche hinaus wie ein Platz im Heim. 1500 Euro samt Versicherungen.

Sobald ich in der Küche bin, ruft der Opa: »Wieso bin ich alleine?« Sobald ich nicht neben ihm sitze, fühlt er sich einsam. Das macht die Arbeit schwer. Obwohl ich am Sonntag frei habe, bleibe ich oft beim Opa. Viele Polinnen arbeiten lieber mit kranken Menschen, die man pflegen kann. Aber ich arbeite lieber mit Gesunden, mit denen ich reden kann. Der Opa jedoch fängt zu sprechen an und weiß schon nicht mehr das Ende seines Satzes. Er kann nicht bei einem Thema bleiben und sowieso nicht antworten und zuhören.

Sobald er aufsteht, ist ihm schwindelig. Er fällt oft hin, manchmal zwei-, dreimal am Tag. Er ist ein großer Mann, 1,90 Meter. Aber man muss ihn ja irgendwie auf die Beine bringen. Ich nehme ihn von hinten unter den Armen, gehe auf die Zehen und ziehe ihn über das Parkett zum Sofa. »Was machst du mit mir!«, ruft er. Ich steige auf das Sofa und versuche ihn hochzuziehen. Das ist schwer. Manchmal hilft er ein bisschen mit. Aber einmal schaffe ich es einfach nicht. Ich laufe zu den Nachbarn, um Hilfe zu holen. Aber um zwei oder drei Uhr nachts musst du allein klarkommen.

Im Bad auf dem Badstuhl wasche ich den Opa jeden Morgen. Wenn er aufsteht und ganz blass ist, ahne ich schon, was passieren wird, und drücke ihn schnell wieder auf den Stuhl, weil ich ihn nicht allein auf den Beinen halten kann. Wenn ihn der Schwindel im Flur überkommt, presse ich ihn an die Wand, und wenn er nicht rasch genug zu sich kommt, versuche ich ihn langsam auf den Boden herunterzulassen. Wenn ich Glück habe, kann ich ihn auf dem Rollator absetzen. In diesen Momenten probiert man alles, um die Kontrolle zu behalten. Später zittert man, ist verschwitzt und muss duschen.

Wegen der Stürze sage ich dem Opa, dass er im Sessel sitzen bleiben soll. Aber er war früher Polizist und lässt sich nicht gern etwas verbieten. Ich sehe, wie er läuft, wie seine Beine weich wie Gummi werden und er zu Boden geht. Einmal müssen sie ihn im Krankenhaus am Kopf nähen. Ein anderes Mal sind die Ohren, der Hals und der Kopf an der Seite blau, weil er auf die Fernsehkonsole gefallen ist.
Einmal stürzt er mit den Rippen auf den Schrank in der Küche und schlägt sich den Kopf an. Ich habe Angst, dass er sich etwas gebrochen hat, weil er beim Atmen Schmerzen hat. Aber der Arzt findet nichts.

Es ist gut, dass das Personal im Krankenhaus weiß, dass der Opa immer stürzt. Sonst hätten die Leute vielleicht gedacht: Die Polin schlägt ihn. Ich habe der Nichte auch immer am Telefon berichtet, wenn er wieder hingefallen ist, und sie gebeten, ihrem Onkel zu sagen, er soll im Sessel sitzen bleiben. Aber kaum habe ich aufgelegt, läuft er wieder.

Am Anfang kam die Nichte drei-mal am Tag vorbei, später nicht mehr. Sie wohnt dreißig Kilometer weit weg und arbeitet auf einem Bauernhof, auf dem viel zu tun ist. Heute würde ich sagen, dass ich in so einem Fall einen Notfallknopf brauche, damit mir jemand hilft, wenn der Opa gestürzt ist. Jetzt habe ich Schmerzen in der Halswirbelsäule. Ermüdungserscheinungen, sagt der Doktor. Wahrscheinlich von den Gurken und vom Opa.

»Wir sind doch zwei Frauen, wir wollen es schön haben. Die Wurst tun wir auf einen Teller und richten sie mit etwas Fantasie an.«

Sophia ist legal beschäftigt, ihr Einkommen liegt unter 1500 Euro.

Später kann der Opa nicht mehr aufstehen. Ich muss ihn windeln. Davor hat er oft neben das Klo gemacht. Gott sei Dank wissen der Kopf und der Körper immer, wann sie atmen müssen. Manchmal muss ich in dieser Zeit zwölfmal nachts aufstehen. Wenn die Leute Schmerzen haben und Angst vor dem Tod, rufen sie einen, damit sie nicht allein sind. Ich bin so müde. Alle drei Tage kommt jetzt nachts die Nichte. Einen Monat kann ich so durchhalten, ein zweiter geht nicht.

Ich spüre, dass es mit dem Opa zu Ende geht. Das wird meine zweite
Beerdigung in einem Jahr. Ich lebe mit diesem Mann 24 Stunden, und dann ist er einfach nicht mehr da. Es übersteigt meine Kräfte. Und wieder verliere ich meine Arbeit und muss eine neue Stelle suchen. Ich sage mir, ich muss damit zurechtkommen, ich muss ihn akzeptieren. Den Tod. Aber ich habe es einfach noch nicht gelernt.

Der Opa stirbt mit 86 Jahren. Den Darmkrebs hatte keiner der Ärzte
bemerkt, bis die Leber versagte. Die Nichte sagt, ich sei für sie ein Glücksgriff gewesen, er hätte es nicht schöner haben können. Nur übers Putzen gab es Meinungsverschiedenheiten, wie bei einem Ehepaar.

Nun bin ich schon eine ganze Zeit bei meiner bisher letzten Dame. Letztes Jahr zu Weihnachten haben uns alte Bekannte von ihr und die Familie besucht. Das war schön für mich. Für die Dame war es anstrengend, weil sie ein, zwei Stunden sitzen und reden musste.

Jetzt kommt der Alltag. Um viertel vor acht mache ich Frühstück, um zwölf Mittagessen, um 15 Uhr Kaffee und Kuchen, um 19 Uhr Abendbrot und um neun noch mal was Kleines. Freitags putze ich das Wohnzimmer, donnerstags die Küche, das Esszimmer, den Flur und den Ausgang. Wir haben schon über Politik, Religion, Krieg, die Kindheit und das Kochen gesprochen. Wir lesen Zeitung, manchmal vier am Tag. Es klingelt selten an der Tür. Nur die Tochter bringt die Lebensmittel, und die Getränke werden jede Woche geliefert. Wenn ich hingehe, um aufzumachen, regt die Dame sich auf, und ihr Blutdruck steigt gefährlich. Man muss erst am Fenster schauen, wer kommt.

Wenn ich abends den Tisch decke und die Wurst in der Dose auf den Tisch stelle, sagt die Dame: »Wir sind doch zwei Frauen, wir wollen es schön haben. Die Wurst tun wir auf einen Teller und richten sie mit etwas Fantasie an.« Es gibt Geschirr für das Frühstück und andere Teller fürs Abendessen. Der Cappuccino gehört in die handgemalten Tassen aus Ungarn, für Gäste haben wir wieder anderes Porzellan.

Der Abend ist lang. Wir sehen fern, und um zehn Uhr sagen wir gute Nacht. Ich habe eine Etage mit Schlafzimmer, Wohnzimmer und Bad für mich. Aber was soll ich da? Ich sitze nicht gern allein. Ich habe nur einen Koffer, vielleicht sechzig mal vierzig Zentimeter groß, mit ein bisschen Wäsche und meiner Winterjacke. Der Mensch braucht nicht viel zum Leben, habe ich gelernt. Mein Fotoalbum ist in meinem Portemonnaie: meine Tochter, meine Enkelin, mein Freund in Frankreich, mein Bruder. Und ich habe kleine Marienfiguren auf meinem Nachttisch.

Jeden Nachmittag gehe ich die Weinberge steil bergan über die drei Terrassen. Ich schwitze. Meine Lungen müssen richtig pumpen. Ich brauche Abstand, wenigstens ein bis zwei Stunden am Tag. Dort oben hoppeln Rehe und Hasen im Schnee, und unten liegt die Stadt mit den Lichtern. Wenn ich nach Hause komme, fühle ich mich wieder lebendig.

Heute fülle ich noch den Lottoschein im Supermarkt aus. Ich will nicht die Million, aber hunderttausend würden gut tun. Mit dem Geld hätte ich Sicherheit. Ich könnte ein halbes Jahr arbeiten, ein halbes Jahr Urlaub machen, reisen, mehr Zeit für mich haben.

Im Februar möchte ich nach Polen reisen, wo meine Tochter sich um meine kranke Mutter kümmert. Nur man weiß nie, was bis dahin passiert.

Die wunde Stelle der Dame ist verheilt.

Fotos: Tanja Kernweiss

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