Natürlich schwul

Viele Menschen halten Homosexualität noch immer für abnormal. Manche glauben sogar, sie sei eine Krankheit. Dabei ist sich die Wissenschaft inzwischen einig: Wie wir lieben, entscheiden Gene und Hormone.

Günter Baum will, kann, darf nicht schwul sein. Er ist in einer streng christlichen Gemeinde und tief religiös. Es gibt einen Ausweg, sagen ihm andere Gläubige. Baum unterzieht sich einem Exorzismus, bei dem der »Dämon Homosexualität« durch Gebete aus seinem Körper verjagt werden soll. Als er hustet, jubeln die anderen: »Der Dämon verlässt ihn!« Günter Baum verlobt sich mit einer Frau: »Gott stellt dir diese Frau zur Seite, damit du geheilt wirst«, sagt sein Priester. Baum geht sogar für ein Jahr nach Kalifornien, um sich von der evangelikalen Sekte »Desert Stream« therapieren zu lassen. Dort vergibt er in endlosen Sitzungen seinem Vater und seiner Mutter, weil man ihm sagt, sie seien schuld. Irgendwann, nach zehn Jahren Therapie, sagt Günter Baum: »Ich bin nicht mehr schwul.« Ein weiterer Erfolg für die sogenannte Ex-Gay-Bewegung, die im Amerika des evangelikalen George W. Bush eine Menge Einfluss und Geld hat. Und wieder der scheinbare Beweis, dass Homosexualität heilbar ist, wie Alkoholsucht.

Zurück in Deutschland versucht Günter Baum, andere Schwule auf den rechten Weg zu führen. »Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mir kein Wort glaube. Und dass ich draufgehe, wenn ich so weitermache«, sagt Baum heute. Als ihn dann in einer Schöneberger Kneipe Frank anspricht, bricht Günter Baums Fassade endgültig in sich zusammen. Aus der Galionsfigur der Ex-Gay-Bewegung wird ein Ex-Ex-Gay. Ein ganz normaler Schwuler. Homo-Ehe hin, Christopher-Street-Day her: Normal ist, wer hetero ist. Homosexuelle Handlungen seien »in sich nicht in Ordnung«, sagt die katholische Kirche und befiehlt Keuschheit. »Schwul« ist immer noch ein Schimpfwort, »schwul« gilt immer noch als unnatürlich, anders, pervers. Man weiß ja nicht, wo das herkommt. Wieso die schwul sind. Die Deutschen wählen zwar schwule Bürgermeister, tragen schwule Mode und hätten mehrheitlich nichts gegen einen schwulen Kanzler. Aber mehr als ein Drittel der Deutschen sagt: »Es ist ekelhaft, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen.« Spätestens beim eigenen Kind wäre eine Hetero-Pille ganz recht. Oder eine Therapie. Besorgte Eltern, die mit ihren schwulen Söhnen zur Sexualberatung laufen, stellen meist zwei Fragen. »Haben wir etwas falsch gemacht?«, lautet die eine. »Kann man da was gegen machen?«, die andere. Beide Fragen haben über viele Jahrzehnte auch die Wissenschaft beschäftigt. Seit Kurzem ist diese Diskussion beendet, mit eindeutigem Ergebnis. »Niemand kann zur Homosexualität oder zur Heterosexualität erzogen oder verführt werden und man kann auch niemanden davon befreien«, sagt Hartmut Bosinski, Professor für Sexualmedizin an der Universität Kiel. Denn: Die sexuelle Orientierung hat biologische Ursachen. Inzwischen glaubt man zu wissen, dass ein kompliziertes Zusammenspiel von Genen und Sexualhormonen die sexuelle Orientierung in unserem Gehirn verankert. Wahrscheinlich schon im Mutterleib, wahrscheinlich bei Männern und Frauen etwas unterschiedlich und in jedem Fall unumkehrbar. Man wird schwul geboren. Oder lesbisch. Oder hetero.

Den vorläufig letzten Beweis dafür lieferte kürzlich der kanadische Sozialpsychologe Anthony Bogaert. Er hatte schon vor zehn Jahren entdeckt, dass bei einem Mann mit jedem älteren Bruder die Wahrscheinlichkeit, homosexuell zu sein, um fast ein Drittel ansteigt. »Ohne Bruder liegt die Chance, schwul zu sein, bei etwa drei Prozent, mit drei Brüdern schon bei mehr als sieben Prozent«, sagt Bogaert. Psychologen erklärten den »fraternal birth effect« damals mit der Nesthäkchen-Rolle des jüngeren Bruders, also der sozialen Umgebung. Das konnte Bogaert nun widerlegen und erregte damit weltweit Aufsehen. Er wies nach, dass der Effekt nur bei leiblichen Brüdern auftritt. Männer, die mit älteren Stiefbrüdern oder älteren adoptierten Brüdern aufwuchsen, waren nicht öfter schwul als Männer ohne Brüder. »Es muss also eine biologische Erklärung dafür geben«, erklärt Bogaert sein Ergebnis. Schon länger weiß man, dass die Gene unsere sexuelle Entwicklung beeinflussen. Der amerikanische Forscher Dean Hamer verkündete 1993 sogar, auf dem X-Chromosom die Anlage zur Homosexualität gefunden zu haben: das »schwule« Gen. Aber seither konnte kein anderer Wissenschaftler Hamers Fund bestätigen, obwohl es unzählige Male versucht wurde. Dafür offenbarten mehrere groß angelegte Zwillingsstudien die Beteiligung der Gene.

Eineiige Zwillinge, egal ob getrennt oder gemeinsam aufgewachsen, entwickeln erstaunlich oft die gleiche sexuelle Orientierung. Wenn ein Zwilling schwul ist, liegt die Wahrscheinlichkeit bei fast 50 Prozent, dass der andere ebenfalls Männer bevorzugt.

Bei weiblichen eineiigen Zwillingen sind es 20 bis 30 Prozent, die einen Partner des gleichen Geschlechts wählen. Zum Vergleich: Man geht von etwa drei bis fünf Prozent schwuler Männer und zwei bis vier Prozent lesbischer Frauen in der Bevölkerung aus. Zwei Dinge gehen aus der Zwillingsforschung klar hervor. Die Gene allein können es nicht sein, sonst müssten eineiige Zwillinge zu hundert Prozent gleich empfinden. Und zugleich: Die Gene spielen eine wichtige Rolle, sonst läge die Übereinstimmung bei männlichen eineiigen Zwillingen nicht bei immerhin 50 Prozent. »Das kann man nicht ignorieren«, meint Hartmut Bosinski.

Die Medizinerin Christl Vonholdt leitet das »Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft«, den deutschen Arm der Ex-Gay-Bewegung. »Menschen mit unerwünschten homosexuellen Neigungen«, sagt sie, Menschen wie Günter Baum also, könne und solle man heilen. Sie sagt, dass »der ungestillte Vaterhunger des Kindes von älteren Männern missbraucht« werde, was geradewegs in das Unglück der Homosexualität führe. Mit ihren Thesen erwarb Vonholdt zwar keine wissenschaftlichen Meriten, wurde aber im Oktober 2004 von der CDU/CSU-Fraktion als Sachverständige zu den Beratungen um die Homo-Ehe in den Bundestag geladen. »Gegen Ideologie kommt man mit Wissenschaft nicht an. Nur: Wenn diese Leute behaupten, man könne oder solle Homosexuelle therapieren, wird es ethisch bedenklich und gefährlich«, sagt Bosinski. Erstens therapiert man nur Krankheiten. Homosexualität ist aber keine Krankheit. Zweitens beweisen unzählige seriöse Studien, dass man Schwule nicht umpolen kann. Heteros übrigens auch nicht.

Dazu kommen die Nebenwirkungen solcher Therapien: Günter Baum kämpfte die ganzen zehn Jahre über gegen Selbstmordgedanken. Der englische Ex-Gay-Aktivist Jeremy Marks gab seine Arbeit nach zwölf Jahren auf, weil seine Klienten die Therapie entweder abbrachen und ihre Homosexualität akzeptierten – oder sie schwer depressiv wurden. »Ähnlich sinnlose Umerziehungsversuche gab es früher an Linkshändern, auch da mit fatalen Folgen«, sagt Bosinski. Solange man Kindern das »böse Händchen« verbot, waren sie die reinste Fundgrube für Psychiater: höhere Raten an Psychosen, an Lernstörungen und sogar an Kriminalität. »Homosexualität ist ein unveränderlicher, weil biologisch verankerter Bestandteil der Natur eines Menschen«, sagt Glenn Wilson, einer der bekanntesten Psychologen Englands. Sein Buch Born Gay sorgte im vergangenen Jahr für Furore. Darin präsentiert er nicht nur unzählige Hinweise auf genetische und hormonelle Ursachen, sondern demontiert gleichzeitig alle gängigen psychosozialen Erklärungsmuster. Die Freud’schen Thesen von »starken Müttern« und »abwesenden Vätern«, die ihre Söhne angeblich direkt in die Homosexualität führten? – »Söhne, die ohne Vater aufwachsen, werden definitiv nicht öfter schwul. Das wurde durch viele Untersuchungen bewiesen, die das Sozialisationsumfeld von Schwulen und Nichtschwulen verglichen.«

Die »Verführung« durch schwule Brüder? »Meistens erfahren jüngere Brüder erst nach der Pubertät, dass ihr Bruder schwul ist, und homosexuelle Bruderspiele sind höchst selten.« Die »Ansteckung« bei älteren Männern? »Unsinn. Bei willentlichen Sexerlebnissen mit Erwachsenen wussten die meisten Jugendlichen schon vorher, dass sie homosexuell empfanden.« Außerdem: »Wenn das erste sexuelle Erlebnis richtungsweisend wäre, müssten alle Männer des Sambia-Stammes schwul sein.« Bei dem isoliert in Neuguinea lebenden Volk ist es üblich, dass sieben- bis zehnjährige Knaben ältere Jugendliche und Männer oral befriedigen, weil die Sambia glauben, dass der Samen eine Art magischer Kraft besitzt. Trotzdem werden die Männer dort nicht öfter homosexuell als anderswo. Gerade der Vergleich mit anderen Völkern legt eine biologische Erklärung nahe. »Immerhin scheint der Anteil von Homosexuellen über die Zeit und alle Kulturen hinweg konstant«, argumentiert Bosinski.

Auch von mindestens 450 Tierarten weiß man, dass sie gleichgeschlechtlichen Sex haben, schwule Schwäne gehen sogar lebenslange Partnerschaften ein. All das spricht sehr gegen den Einfluss sozialer Faktoren wie Erziehung und sehr dafür, dass die Natur ganz einfach mehrere Variationen im Repertoire hat. Noch ist allerdings umstritten, wann die jeweilige Vorliebe endgültig festgezurrt wird. Wilsons »Schwul bei Geburt«-These ist eine Möglichkeit. Die andere besagt, dass im frühkindlichen Alter auch Umweltfaktoren noch Einfluss nehmen können. Beide münden in die Gewissheit, dass schon im Alter von etwa drei Jahren feststeht, zu welchem Geschlecht es einen später hinzieht.

»Wir fanden eine überraschend klare Verbindung zwischen Geschlechterverhalten in der Kindheit und der späteren sexuellen Orientierung«, sagt Kenneth Zucker, Psychiater aus Toronto. Vermeintliche Klischees wurden in etlichen Untersuchungen bestätigt: Schwule erinnern sich mehrheitlich daran, nur selten gerauft und an Wettkampfsportarten teilgenommen zu haben, dafür spielten sie lieber mit Mädchen oder Puppen und verkleideten sich gern. Lesbische Frauen sagen, sie hätten sich weniger für Schmuck oder »Vater-Mutter-Spiele« interessiert und dafür lieber mit Jungs herumgetobt. Eine Studie begleitete über Jahre hinweg 66 sogenannte Sissy-Boys, Jungen im Alter von vier bis zehn Jahren, die sich besonders deutlich wie Mädchen benahmen. In der Vergleichsgruppe waren 56 Jungen, die so spielten, wie es eher für Jungs typisch ist.

Das Ergebnis: 75 Prozent der »Sissy-Boys« wurden schwul, in der Vergleichsgruppe nur ein Einziger. Vermutlich findet die Entwicklung unserer sexuellen Orientierung bereits im Mutterleib statt, organisiert von Sexualhormonen wie Testosteron, Androgen und Östrogen. In Tierversuchen mit Ratten lässt sich das sogar beweisen: Weibchen, die im Mutterleib zu viel des männlichen Hormons Androgen bekommen, sind aggressiver und besteigen in der Pubertät ihre Artgenossinnen. Männchen, deren Androgenzufuhr gekappt wird, spielen weniger kämpferisch und bieten sich später anderen Männchen mit erhobenem Hinterteil an. Eine seltene Stoffwechselkrankheit zeigt, dass Hormone bei Menschen ähnlich wirken: Frauen mit Androgenitalem Syndrom sind vorgeburtlich zu vielen männlichen Hormonen ausgesetzt. Diese Frauen werden wesentlich öfter homosexuell. Und tatsächlich weiß man seit kurzem, dass lesbische Frauen im Schnitt mehr Testosteron im Blut haben als heterosexuelle Frauen.

Nur: Schwule Männer unterscheiden sich in Hormonstudien kaum von heterosexuellen. Deswegen geht man davon aus, dass der Ursprung der Homosexualität bei Männern und Frauen etwas verschieden ist. Vorgeburtliche Hormone spielen bei Frauen offensichtlich eine größere Rolle, bei Männern scheinen die Gene wichtiger zu sein. Mittlerweile weiß man, dass die sexuelle Vorliebe im Gehirn abgespeichert wird, wahrscheinlich in einem kleinen Kernbereich im Zwischenhirn, dem sogenannten INAH 3-Areal. Dieses Areal ist bei Männern etwa dreimal so groß wie bei Frauen, man nimmt an, weil Sexualhormone unser Gehirn im Mutterleib unterschiedlich beeinflussen. Erstmals trug der amerikanische Neurobiologe Simon LeVay diese Idee an die Öffentlichkeit. Er verglich schon 1991 das INAH 3-Areal von Schwulen und Heterosexuellen und stellte fest, dass der Bereich bei Homosexuellen in etwa die Größe hat, wie man sie bei Frauen erwarten würde.

Das lässt zumindest die Vermutung zu, dass »schwule« Gehirne eher weiblich organisiert sind. Bestärkt wird diese Theorie durch Tierversuche mit Ratten und Schafböcken. Letztere sind übrigens zu erstaunlichen zehn Prozent ausschließlich homosexuell interessiert. Männliche Rattenembryos konnten durch Hormonmanipulation sogar gesteuert werden: weniger männliche Hormone, kleineres INAH 3-Areal, homosexuell. Was nicht gelang – aus einer schwulen Ratte nach der Geburt wieder eine Hetero-Ratte zu machen. Abseits aller Hormone, Gene, Zwischenhirnareale und Toleranz sind schwule Schafböcke für ihren Züchter höchst ärgerlich. Immerhin weigern sie sich, für Nachwuchs zu sorgen. Die Frage drängt sich auf: Warum gibt die Natur seit Jahrtausenden eine scheinbar nutzlose Anlage weiter?

Die Wissenschaft ist sich einig: Es muss einen evolutionsbiologischen Grund geben. Bisher wurde viel über schwule altruistische Onkel spekuliert oder über Gruppenspannungen, die, wie bei den Bonobo-Affen, durch körperliche Akte befriedet werden. Ein italienischer Forscher fand nun heraus, dass Mütter von Schwulen und ihre Tanten mütterlicherseits deutlich mehr Kinder zur Welt bringen. Er vermutet, dass dieselben genetischen Eigenschaften, die bei Männern zur Homosexualität führen können, Frauen fruchtbarer machen. Das würde erklären, wie die »rosa« Gene vererbt werden: über die Mutter. Außerdem wäre der vermeintliche Evolutionsnachteil aufgehoben. Umfragen besagen, dass Menschen weniger Vorurteile gegen Schwule haben, wenn sie Homosexualität für biologisch begründet halten. Trotzdem sehen die Schwulenverbände die Suche nach den Ursachen kritisch. Axel Blumenthal vom Lesben- und Schwulenverband in Deutschland: »Was kommt denn, wenn wir genau wissen, warum Menschen homosexuell werden? Doch die Frage, wie man es verhindern kann!«

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