Schmutzige Angelegenheit

Schon aufgefallen? Beim Bäcker, beim Metzger, am Obststand - auf einmal werden wir überall mit Plastikhandschuhen bedient. Die führen aber nicht zu größerer Hygiene, sondern zu Hautkrankheiten.

Neulich bestellte ich bei einem dieser Italiener, wo man dem Pizzabäcker bei der Arbeit zusehen kann, eine »Margherita«. »Schön viel Käse?«, rief der Mann hinter der Theke und tauchte seine Hand in eine große Schüssel – es war der Moment, in dem mir der Appetit verging.

An der Hand, die sich in den Käse grub, trug der Mann einen Handschuh, eines dieser eng anliegenden Einmaldinger aus Plastik, die es in 100er-Packungen im Drogeriemarkt gibt, mit oder ohne Latex, mit oder ohne Puder. Seiner war schwarz. Ich konnte erkennen, dass sich Mehl und Käsebrösel in den Fältchen am Handrücken abgelagert hatten. Es sah eklig aus, klinisch, wie in einem Labor. Der Mann erinnerte mich an einen Biologen, der Bakterienkolonien auf einer Petrischale verteilt, vielleicht noch den Musterungsarzt, vor dem ich mich vor 15 Jahren bücken musste, oder einen Massenmörder, auf keinen Fall erinnerte er mich an einen Menschen, der irgendwas mit meiner Pizza zu tun haben sollte.

Der Einmalhandschuh aus Polyethylen also. Man kann schon sagen, dass er in den vergangenen Jahren aus der medizinischen in die gastronomische Sphäre rübergewandert ist. Waren es früher nur Chirurgen und ein paar Latex-Fetischisten, die ihn trugen, begegnen wir ihm heute beim Bäcker, beim Metzger, in der Hotelküche, auf dem Markt und an der Supermarkttheke. Mit ihm werden unsere Kaisersemmeln in die Tüte gepackt und Spargelstauden zu Päckchen geschnürt, mit ihm wird Serrano-Schinken in Scheiben und Bergkäse in Würfel geschnitten. Früher, als kleiner Junge, bekam ich beim Metzger manchmal eine Scheibe Gelbwurst in die Hand gedrückt. Natürlich trug die Verkäuferin keinen Handschuh. Sie hatte Gelbwurst, ich wollte Gelbwurst, sie gab mir ein Stück. Alles war ganz einfach, natürlich und irgendwie schön. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich anschließend jemals in eine Klinik gebracht worden wäre. Warum also diese Handschuhe?

Natürlich sind wir Mitteleuropäer Etepetete-Apostel und Sicherheitsfanatiker, aber ein schwarzer Plastikhandschuh in meinem Essen – irgendwas läuft da fundamental schief. Essen war doch mal etwas Lustvolles und Sinnliches, eine herzhafte Angelegenheit. Schlimm genug, dass ich von Montag bis Freitag mein Mittagessen mit einer Plastikkarte bezahlen und auf einem grauen Plastiktablett durch eine Kantine balancieren muss, jetzt wird es auch noch mit Plastikhandschuhen zubereitet, wenn ich am Samstagabend im Restaurant esse. Und deswegen wollte ich wissen, ob diese Handschuhe einen Nutzen haben oder nur unappetitlich aussehen. Ich wollte wissen, ob sie mein Essen sauberer, keimfreier, hygienischer machen, und wie die Verkäuferinnen und Verkäufer es finden, dass ihre Hände den ganzen Tag im eigenen Schweiß herumschwimmen. Im Grund wollte ich wissen, warum ich von Kernkraftwerken umzingelt bin, aber mein Frühstücksbrötchen von einem Plastikhandschuh überreicht bekomme. Ich hatte den Verdacht, dass die Handschuhe eine Mogelpackung sind, einer dieser überflüssigen Trends.

Eine kleine Umfrage ergab: Einige meiner Kollegen und Freunde halten den Plastikhandschuh für eine gute Idee. »Ist doch viel hygienischer«, sagten sie und erzählten Schauergeschichten von Verkäufern, die sich in den Haaren oder am Schritt kratzten und schließlich auch mal aufs Klo müssten. Dass man auch mit einem Plastikhandschuh herrlich Genitalien anfassen und in der Nase popeln kann, schien für sie unvorstellbar. Ich sprach mit Metzgerei- und Bäckereimitarbeitern im Umkreis meiner Wohnung: »Bei uns ist das Pflicht«, sagte der Verkäufer der Bäckerei Wimmer. »Wir wechseln den Handschuh einmal am Tag.« Er trug ein Spezialmodell namens Cleanhands, einen Plastikhandschuh mit Magnetring am Handgelenk, der sich auf einem zweiten Magneten neben der Kasse parken ließ, sodass man bequem rein- und rausschlüpfen konnte. Ein Kollege von ihm sei mal angeschnauzt worden, weil er Semmeln mit der bloßen Hand angefasst habe.

Ein paar Häuser weiter erzählt der Besitzer eines Feinkostladens: »Ich bediene hier seit sechs Jahren, von Anfang an mit Handschuh.« Gewechselt werde nach jedem Kunden, alles andere bringe ja nichts. Im Tengelmann berichtet die Verkäuferin, wie eine Kundin mal ausgerastet sei: »Was?!«, habe sie geschrien, »Sie fassen meine Wiener mit der Hand an?«, dabei verwende sie, wenn sie ehrlich sei, die Handschuhe gar nicht mehr so gern. Man müsse sie nach jedem Kunden wechseln, aber wer mache das schon, wenn die Leute Schlange stehen. Eigentlich sah ich nur im Netto keine Plastikhandschuhe, was aber daran lag, dass es Wurst und Käse dort sowieso nur in Plastik verpackt gibt.

Fazit: Der Einmalhandschuh ist praktisch flächendeckend im Einsatz, die Bevölkerung hat ihn akzeptiert, von fast allen wird er für gut befunden, von einigen sogar gefordert. Ich habe aber auch Verkäufer gesehen, die knittrige Geldscheine mit dem Handschuh entgegengenommen haben; ich habe eine Fleischereifachverkäuferin beobachtet, die den Handschuh vorbildlich über ihre rechte Hand gestreift hat, nur um anschließend den Serrano-Schinken mit der Linken aus der Frischetheke zu heben. Manche Thekenkräfte ließen ihn in der Eile einfach weg, eine Kundin berichtete sogar, wie sie in einem Fast-Food-Restaurant eine Angestellte mit Putzlappen und bloßen Händen aus dem Klo kommen und kurz darauf Burger belegen sah.

Wann genau die Handschuhe aufgekommen sind, lässt sich nicht sagen. Es gibt keinen Termin, der von oben verordnet wurde. Irgendjemand muss vor ein paar Jahren damit begonnen haben, die Kunden fanden es sehr aufmerksam, andere haben es nachgemacht. Denn auch wenn die meisten das glauben, die Handschuhe sind nicht vom Gesetzgeber vorgeschrieben: Die EU-Verordnung (EG) 852/2004 über Lebensmittelhygiene schreibt lediglich vor: »Personen, die in einem Bereich arbeiten, in dem mit Lebensmitteln umgegangen wird, müssen ein hohes Maß an persönlicher Sauberkeit halten; sie müssen geeignete und saubere Arbeitskleidung und erforderlichenfalls Schutzkleidung tragen.« Trotzdem sind die Einmalhandschuhe in den meisten Betrieben Pflicht. Denn egal, ob die Handschuhe Keime abhalten oder nicht, ein Symbol für deutsche Gründlichkeit sind sie allemal. Sie schaffen also Vertrauen – und zwar vollkommen zu Unrecht, wie Heinz Becker, Tiermediziner, Mikrobiologe und Experte für Milchhygiene an der Universität München erklärt: »Eine gesunde Haut ist der beste Schutz vor Erregern«, sagt er, »das mal vorneweg. Und diese Handschuhe bringen gar nichts, im Gegenteil, sie richten Schaden an. Wer jemals seine Hand in einen dieser Handschuhe gesteckt hat, weiß, dass sie sich nach zwei Minuten wie ein nasser Schwamm anfühlt. Es entsteht eine Art Feuchtbiotop, im Grund ideale Bedingungen für Bakterien.« Die Haut weiche auf, werde rissig, Erreger dringen ein, zum Beispiel Staphylococcus aureus, der Eitererreger. Es reiche völlig, die Hände regelmäßig zu waschen und bei Bedarf zu desinfizieren.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine vierzigseitige Studie der Berufsgenossenschaft Handel und Distribution (BGHW) mit dem Titel »Untersuchungen zur Hygiene beim Tragen von Einmalhandschuhen an Frischetheken«. Dazu wurden 68 Geschäfte und Supermärkte auf ihre bakterielle Verunreinigung untersucht, mit dem Ergebnis, dass die Einmalhandschuhe – wenn sie nicht alle fünf Minuten gewechselt werden – nicht zu größerer Hygiene führen, dafür zu Allergien und Hauterkrankungen bei ihren Trägern. Mehr als zwanzig Prozent der befragten Mitarbeiter leiden unter Hautproblemen, zum Beispiel aufgequollenen Händen, im schlimmsten Fall sogar langwierigen Ekzemen; zwei Drittel von ihnen gaben an, dass die Symptome erst nach Beginn ihrer Tätigkeit als Thekenkraft aufgetreten seien.

Ein weiteres Ergebnis der Studie zeigt: Der Kontakt mit Geldscheinen und -münzen führte nicht zu einer wesentlich höheren Bakterienkonzentration, dafür waren die Schneidebretter in den Metzgereien und die Schiebestangen der Einkaufswägen viel stärker von Keimen besiedelt als die Hände der Mitarbeiter. Auf denen wurden teils mehr Erreger gefunden als in öffentlichen Toiletten. Es gibt sogar Präventionskampagnen, die auf die vorgetäuschte Hygiene aufmerksam machen, »Mach’s ohne« heißt eine, »Haut – die wichtigsten 2 m2 deines Lebens« eine andere, aber so richtig zuhören tut keiner. Hauptsache – es sieht sauber aus.

Der urbane Mensch des 21. Jahrhunderts ist ein verlogenes Wesen: Er isst für sein Leben gern selbst gebackenes Holzofenbrot, ja am liebsten sieht er dabei zu, wie eine 85-jährige Bäuerin den Teig knetet und in einen rußigen Ziegelofen schiebt, weil er das für authentisch und romantisch hält, gleichzeitig besteht er darauf, dass es, sobald es im Laden verkauft wird, mit Plastikhandschuhen angefasst wird. Der Schmutz stört ihn gar nicht so, manchmal – beim Sex, beim Ausgehen, beim Herbstspaziergang mit der Barbourjacke – sehnt er sich sogar nach ihm; was er liebt, ist das Ritual seiner Beseitigung: Deswegen gibt er viel Geld in Wellnessbereichen aus, deswegen drückt er sich nach einem Flug so gern warme, feuchte Frotteetücher ins Gesicht, nur um fünf Minuten später in einem Dritte-Welt-Land auszusteigen und anderen Menschen beim authentischen Schmutzigsein zuzusehen. Es ist der moderne Ekel vor fast allem, der uns in den Sauberkeitswahn führt und zu immer neuen, absurderen Reinigungsritualen zwingt. Gut möglich, dass wir bald kein Reaktorunglück mehr brauchen, um Mundschutz zu tragen. Gut möglich, dass wir gewachst, gecremt und absolut sauber sein werden – oder uns zumindest so fühlen – wenn uns die Klimakatastrophe eines Tages dahinrafft.

Werke:
Caravaggio,
Der kranke Bacchus, um 1593-94, Ausschnitt: Hände mit Weintraube, Rom, Galleria Borghese
Lucas Cranach d.Ä.,
Eva, um 1528. Ausschnitt: Evas Hand mit Apfel, Galleria degli Uffizi, Florenz

Fotos: akg-images/Electa. akg-images/Rabetti-Domingie

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