Stille Nacht, sehr stille Nacht

Weihnachten, das Fest der glücklichen Großfamilien? Nein – viele Menschen hat das Schicksal von ihren Liebsten getrennt. Eine Begegnung mit zwei Freundinnen, die für den 24. Dezember besondere Pläne haben.

In diesem Jahr geben Marie* und Katharina* Weihnachten noch eine Chance. Früher haben sie mit ihren Familien und Partnern gefeiert, aber seitdem ist einiges schiefgegangen.

Wenn der Dezember naht, werden viele Menschen so weich wie ihre dicken Jacken, und an Heiligabend fällt die letzte schützende Hülle von ihnen ab. Ihre Gefühle verdichten sich. Marie und Katharina sind so verschieden, wie es enge Freundinnen oft sind, doch eines verbindet sie mit Millionen von Menschen: eine leise Angst vor Weihnachten. Denn es ist nun mal das Fest der Liebe, aber an die wird nicht jeder gern erinnert. Marie ist 36 Jahre alt, mag grünen Tee und Kuchen mit Karotten, den man nicht in jeder Bäckerei bekommt. Ihre Freundin Katharina ist ein wenig älter, aber trotzdem nicht die Vernünftige von beiden. Sie weiß, wie man ein Kleid näht, aber auch, wie man Räuberleiter macht. Marie und Katharina verschenken gern selbst gemachte Pralinen in selbst gemachten Verpackungen oder basteln Christbaumschmuck mit Bildern von 50er-Jahre-Starlets.

Weihnachten haben sie früher immer herbeigesehnt, aber je älter sie wurden, umso deutlicher spiegelte sich in diesen Tagen ihr Leben wieder. Und dieses Jahr wird einiges zusammenkommen.

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Weihnachten im SZ-Magazin - Best of

Als Kind feierte Katharina mit ihren Eltern zu dritt, denn sie hatte keine Geschwister. Es waren sehr ruhige Feiertage. Zu ruhige Feiertage. Deshalb flüchtete Katharina oft ein Stockwerk nach oben, zu einer italienischen Großfamilie. Dort war immer etwas los: Ständig kamen neue Verwandte zu Besuch und auch an der Krippe standen nicht bloß Maria und Josef. Da hatten sich Ochsen, Schafe, Esel und etliche Figuren versammelt, die Katharina gar nicht kannte. Der Weg der Heiligen Drei Könige zum Stall war zwei Meter lang, und je näher Heiligabend rückte, umso näher kamen auch die Könige dem Stall. Zu dem Weihnachtskunstwerk gehörten Pappmaschee-Berge und -Täler sowie drei Tannenbäume, die mit Schokokugeln behangen waren. Dort oben, in der großen Familie mit der großen Krippe, spürte Katharina zum ersten Mal, wie sie Weihnachten am liebsten feiern würde.

Als sie ein Teenager war, trat ihr Vater aus der katholischen Kirche aus und wollte fortan gar nicht mehr an Heiligabend feiern. So verdarb er der Familie auf Jahre hinweg das Fest. Die Mutter saß zwischen den Stühlen. Von da an besorgte Katharina selbst einen Christbaum. Sie stellte eine Krippe auf, die zwar nur so groß war wie zwei Erwachsenenhände. »Aber für mich hatte sie eine viel größere Bedeutung«, erinnert sie sich heute. Aus dem Wald holte sie frisches Moos, mit dem sie das Jesuskind zudeckte, und sie zündete eine Kerze an, die alles in warmes Licht tauchte.

Ein paar Weihnachten später sagte ihr Vater: »Der Baum muss weg, der nadelt. Wir kaufen einen neuen aus Plastik, den können wir jedes Jahr zusammenstecken.« Wenig später zog Katharina aus.

Ihre Freundin Marie ist die jüngste von drei Geschwistern und durfte als Kind mit dem Opa an Heiligabend den Tannenbaum schmücken. An die Zweige hängten sie schillernde Kugeln, durchsichtig wie Seifenblasen, dazu goldene Nüsse, kleine Glanzpapier-Vögel und Lametta, wie sie es in den Weihnachtsfilmen gesehen hatten. Einer davon war Ist das Leben nicht schön? Darin geht es um einen Engel, der an Heiligabend auf die Erde kommt.

Bei Kerzenschein las ihr Vater mit leuchtenden Augen die Weihnachtsgeschichte vor und Maries Mutter kochte feine Suppen, große Braten und edle Pasteten. Aber sie war nicht nur eine bemerkenswerte Köchin, sie war die Seele von allem, ihre Schönheit und Liebe verzauberte die Menschen. Als Marie 17 war, starb ihre Mutter an Krebs. Und mit ihr starb Maries Weihnachten.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Actionfilme gegen die Traurigkeit an Heilig Abend)

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Wenn sie sich heute an die Feiertage in den Jahren danach erinnert, spricht sie nicht mehr von »feiern«. Sie sucht nach Worten wie Weihnachten »verbringen«. »Aber jeder hat funktioniert. Auch wenn es eigentlich niemand ertragen konnte.« Jedes Jahr der gleiche Ablauf wie immer. Das gleiche Würstchenessen, Christbaumschmücken – immer wieder. Und stets war es der Vater, der schließlich »zusammenbrach wie ein Kartenhaus«. So konnte es nicht weitergehen.

Nach einigen Jahren beschloss die Familie, an Weihnachten Hollywoodfilme mit viel Action und wenig Gefühlen zu sehen, um nicht in die Traurigkeit abzustürzen. Im Jahr 1993 war es Stirb langsam. »Die Welt, die in Ordnung war, hatte bei uns nichts mehr verloren. Ein Film wie Ist das Leben nicht schön? wäre unerträglich gewesen«, erinnert sich Marie. Es schien ganz so, als sollte sie nie wieder die Chance auf ein neues, unbeschwertes Fest bekommen.

Im gleichen Jahr, 1993, hatte Katharina den Kontakt zu ihrem Vater abgebrochen und kam ihrem Traum vom perfekten Weihnachtsfest zum ersten Mal näher. Sie war frisch verliebt in ihren Freund Gregor. »In seiner Familie versammelten sich Geschwister, Onkel, Cousins und Großeltern schon am Tag vor Weihnachten in dem großen Haus der Eltern«, erzählt sie. »Die einen machten letzte Besorgungen, die anderen packten Geschenke ein und mitten in der Hektik spielten auch noch Leute Karten.« Der Baum war groß und üppig, auf der Fensterbank stand eine eineinhalb Meter breite Krippe. Nur Gregor mochte den Weihnachtstrubel und den Menschenauflauf nicht so gern. Oft wollt er erst möglichst spät zu den Eltern fahren und manchmal stritten sich die beiden deshalb. Aber in der festlichen Stimmung konnten sie sich nicht lang böse sein.

An Heiligabend schlossen Gregors Eltern die Türen zum Wohnzimmer und zündeten die Kerzen am Baum an. Sie läuteten ein Glöckchen und dann versammelte sich die ganze Familie im Flur, um gemeinsam Ihr Kinderlein Kommet oder Stille Nacht, Heilige Nacht zu singen. Erst danach traten sie ein und staunten im Anblick des Weihnachtsbaums »Oh!« und »Ah!« Alle schauten zu, wie einer nach dem anderen sein Geschenk auspackte. Bald konnte man vor lauter Papier den Boden nicht mehr sehen. Einmal schenkte Gregors Mutter Katharina ein Familienerbstück: eine Kette mit einem kleinen Diamantanhänger. Katharina war sprachlos, weil sie mit so etwas nicht gerechnet hatte; und auch nicht damit, dass sie sich noch einmal so geborgen fühlen würde. Sie hatte ihr Weihnachten gefunden und nie hätte sie damit gerechnet, dass sie es eines Tages wieder verlieren würde.

Marie und Katharina begegneten sich im Jahr 1996 in einer mittelgroßen norddeutschen Stadt. Sie hatten beide Berufe, in denen sie sich verwirklichen konnten, und feste Freunde. Die beiden gingen gemeinsam in Cafés, ins Theater oder zum Schwimmen und freundeten sich an. In den nächsten Jahren besuchte Katharina mit Marie oft deren Großmutter. Im Sommer fuhren die beiden zusammen nach Griechenland, einmal sogar zu viert, mit ihren Partnern. Im Winter, kurz vor Heiligabend, trafen sich die Freundinnen immer zum Essen und tauschten Geschenke aus, damit jede von der anderen etwas mit unter den Tannenbaum nehmen konnte.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ein kleines Weihnachtswunder passiert)

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Weihnachten 2000: Marie war 29 und zum ersten Mal nicht nach Hause gefahren. Sie hatte Grippe und lag mit hohem Fieber im Bett. Marie wollte allein sein. Ihren Verlobten hatte sie zu dessen Eltern geschickt und auch ihr Vater sollte sie nicht besuchen. »Ich dachte mir, vielleicht muss ich ja mal durch diese ganze Scheiße durch«, sagt sie, »muss diese ganzen Gefühle über mir zusammenbrechen lassen.« Als es Abend wurde, überwältigte sie die Traurigkeit und Marie fühlte in jeder Faser ihres Körpers, dass sie einsam war. Sie brach zusammen.

Dann geschah ein kleines Weihnachtswunder: Es klingelte an der Tür, Marie öffnete und sah einen Mann in rotem Kostüm mit weißem Bart: Ein befreundeter Kollege stand dort, der sich zuvor als Aushilfsweihnachtsmann etwas dazuverdient hatte. Zum Feierabend hatte er einen Karpfen mitgebracht. Heute glaubt Marie, dass dieses kranke Weihnachten wohl auch das gesündeste Weihnachten für sie war. Denn sie musste keine familiären Verpflichtungen erfüllen und keine Verantwortung tragen.
Später, als ihr Vater mit seiner neuen Frau über die Feiertage nach Italien fuhr, besuchte Marie mit ihrem Verlobten ihre Oma. Diese Abende waren so ausgedünnt wie der Tannenbaum. Aber weil Ihr Verlobter dabei war, sprachen Marie und ihre Oma nicht viel von früher.

Weihnachten 2003: In Katharinas neuer Großfamilie war Heiligabend bisher immer zelebriert worden. Doch nun wurde der Kreis immer kleiner. »Die jüngeren Geschwister hatten geheiratet und feierten bei sich daheim«, erinnert sich Katharina. Sie war inzwischen 35 Jahre alt, ihr Freund auch. »Die Frage, warum wir nicht heiraten, stand im Raum. Wir waren ja schon elf Jahre zusammen.« Es war das letzte Weihnachtsfest, das Katharina und Gregor zusammen feierten. Katharina hatte in einer größeren Stadt eine neue Aufgabe gefunden, steckte voller Energie. Gregor wollte bloß seine Ruhe haben. Sie hatten sich entfremdet. So richtig spürte sie es
jedoch erst an jenem Weihnachtsfest. Die beiden trennten sich einen Monat später, Anfang 2004.

Katharina zog in die größere Stadt. Dort wohnte auch Marie. Sie half ihrer Freundin, die Kisten zu tragen und sich im neuen Leben einzurichten. Aber bereits im Spätsommer merkte Katharina, dass sie Angst vor Weihnachten hatte. »Ich habe sogar mit Gregors Mutter telefoniert. Auch für seine Eltern brach ja alles auseinander. Die hatten ja an Heiligabend nun auch nicht mehr ihre riesige Familie bei sich zu Gast. Und mich auch nicht.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Von hundert auf null)

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Kurz darauf lud Marie Katharina zu sich ein. »Zuerst dachte ich: Oh schön, dann bist du nicht so einsam«, erzählt Katharina: »Aber es ist halt schwierig, mit einem Paar zu feiern, wenn man frisch getrennt ist. Die beiden waren ja auch schon verheiratet. Ich habe oft an das alte Weihnachten denken müssen. Gregor habe ich gar nicht vermisst. Ich habe seine Familie vermisst. Diese Rituale, die Menschen, die Herzlichkeit. Für mich ging es von hundert auf null.«

Bis zum vergangenen Weihnachten 2006 wurde es aber besser und Katharina feierte jedes Jahr Heiligabend mit Marie und ihrem Mann, einmal auch bei sich zu Hause.
In diesem Jahr wird sie allerdings nicht mit den beiden feiern, denn auch sie trennten sich im März. Vor vier Monaten zog Marie aus der gemeinsamen Wohnung aus. Diesmal half Katharina ihr, die Kisten zu schleppen. Und sie fragte wenig später, ob sie diesmal einfach zu zweit feiern wollen.

Marie dachte noch einmal darüber nach, ob sie nicht lieber allein sein wollte, ohne Familie und Freunde. »Aber ich würde in meiner neuen Wohnung auf dem Zahnfleisch kriechen. Ich würde zu niemandem Kontakt haben und es
würde mir gar nicht gut gehen.« Also nahm sie Katharinas Einladung an. Es fällt ihr schwer, sich vor der Dunkelheit des Dezembers zu schützen. Die Trennung von ihrem Ehemann ist noch frisch. Wenn es ein paar Tage kalt und grau ist, dann zieht Marie sich zurück und wird traurig. »Weihnachten steht für mich heute für Vergangenes, für eine Erinnerung, ein Flirren in der Luft und ein bisschen Zauberei.«

Katharina sagt, sie möchte eine Art von Weihnachten finden, die ihr gut tut. »So wie mit der Krippe und dem Tannenbaum und dem Singen. Und dass ich einfach Freunde einlade, die ich gern habe. Dass ich mit denen probiere, Weihnachten in großem Kreis zu feiern, dass man sich anderweitig eine Familie schafft. Es gibt doch eh immer mehr Menschen, die von ihren Familien getrennt leben. Wie feiern denn die alle Weihnachten?«

Die beiden Freundinnen haben noch nicht so viel über diesen Heiligabend gesprochen. Nur, dass sie Hasenbraten essen wollen und am ersten Weihnachtstag Osso Buco, das steht fest. Vielleicht gehen sie auch mal wieder zur Christmette. Katharina würde gern ihre Krippe aufstellen, Marie möchte Schlittschuh laufen. Aber mehr haben sie sich nicht vorgenommen, dieses Weihnachten.

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