These 9: Die Wirtschaftskrise hat die Kunst gerettet

Hirst? Koons? Von wegen – auch die Ära der Kunststars ist erst mal vorbei. Ein Interview mit Klaus Biesenbach, dem Direktor der New Yorker Kunsthalle P.S.1..

Herr Biesenbach, was ist geblieben von der Starkunst, die uns für einige Zeit eine neue Pop-Ära in der bildenden Kunst einbrachte?
Klaus Biesenbach: Nicht viel. Wir erleben gerade einen Paradigmenwechsel, der sich mit unheimlichem Tempo vollzieht. Noch nie haben Rezession und technologischer Fortschritt so produktiv zusammengewirkt.

Inwiefern?
Es wird weniger Kunst von niedrigem Niveau gekauft, weil der Markt schrumpft. Gleichzeitig entdecken Künstler die neuen Technologien, was zu ganz neuen Formen von Kunst führt. Würden Sie sagen, die Wirtschaftskrise hat die Kunst gerettet?
Vor drei Jahren träumte jeder Kurator davon, eine Schau mit Damien Hirst, Jeff Koons oder Takashi Murakami zu machen. Wenn ich solche Namen heute höre, denke ich: Gott sei Dank habe ich mit denen nie eine Retrospektive gemacht. Diese formal und ideell abgesicherte Kunst, die produziert und vermarktet wird wie Güter der Luxusindustrie, ist nicht das, was relevant ist heute. Meine Prognose: Lehre und Lernen ersetzt den Konsum.

Ist das Zeitalter der Superstars vorbei?
Ich würde sagen, der Wert eines Künstler bemisst sich nicht daran, wie viel Geld er verdient. Er muss auch etwas zu sagen haben.

Was raten Sie Leuten wie Koons und Hirst?
Darüber nachzudenken, was wirklich wichtig ist.

Was ist denn wirklich wichtig?
Im MoMA schießen die Besucher täglich mehr Bilder, als wir in den Beständen haben. Die Leute fotografieren sich gegenseitig vor den Exponaten und schicken das per E-Mail um die Welt. So wird das Museum zu einer Bühne für Performances, an denen jeder Gast mitwirkt. Was sollen wir da noch kuratieren?

Sie sind gerade dabei, sich selbst abzuschaffen …
Wir Kuratoren haben viele Ideen, aber auch wir müssen neu denken lernen. In den Neunzigerjahren, als ich in Berlin den Aktionsraum Kunst-Werke gründete, war es für jedermann ein Ereignis, wenn sein Bild in einem Massenmedium gedruckt wurde. Eine lächerliche Idee, seit es Facebook und YouTube gibt.

Schadet das Internet der Kunst?
Nein. Im Gegenteil: Ich halte das iPhone für eine Erfindung, die im Augenblick fast so erleuchtend auf die Menschheit zu wirken scheint wie der Buchdruck vor 500 Jahren. Smartphones sind fast so was wie ein Körperteil geworden.

Was wird das nächste große Ding in der Kunst? Einmischung, Auflehnung, Revolte?
Schwierig. Seit Joseph Beuys gelang es keinem Künstler mehr, gleichzeitig innerhalb des Kunstbetriebs und außerhalb der gesellschaftlichen Normen zu agieren.

In Hamburg haben 300 Künstler gerade acht Häuser besetzt, um sie als Ateliers zu nutzen. Eine gelungene Performance?
Ich hoffe, sie können ihre Ateliers behalten. Ihr Erfolg würde aber meine These bestätigen: Sobald Künstler protestieren, werden sie vom System für dessen Zwecke vereinnahmt.

Wie wollen Sie dieses Dilemma als neuer Direktor des P.S.1 lösen?
Wir werden es nicht lösen, eher neue Fragen stellen. Mit aus dem Rahmen fallenden Veranstaltungen, die Workshops, Konzerte, Diskussionen und Performance verbinden. Ich bin überzeugt, dass herkömmliche Ausstellungsformen nicht länger reichen, um das Geschehene oder unsere Vorstellungen davon abzubilden.

(Klaus Biesenbach war fünf Jahre lang Chefkurator im New Yorker Museum of Modern Art und ist soeben zum neuen Direktor der New Yorker Kunsthalle P.S.1. berufen worden.)