Zwölf Freunde sollt ihr sein

Hitzköpfe. Kalte Herzen. Sonnige Gemüter.… warum ist uns das eigentlich nicht schon viel früher aufgefallen? Menschen sind wie Monate. Passen Sie mal auf:

Januar: Der Getriebene
Sofort nach Silvester spüren Januartypen – Frauen wie Männer – den starken Drang, die Welt zu verändern: Während sich herkömmliche Menschen noch mit Weihnachtsspeck und Neujahrskater herumschlagen, preschen Januartypen voran, im Bastelkeller, Beautysalon und im Büro. Sie wollen führen. Eine vergessene Bauernregel besagt sogar: »Paart der Bauer sich im Jänner, zeugt er wahre Su-permänner.« Ihr unbändiger Elan kann auch schwerwiegende Folgen haben: Am 18. Januar 1871 wurde das Deutsche Reich gegründet, am 12. Januar 1967 die Kommune 1. Zuletzt, am 18. Januar 1993, erschien die erste Ausgabe des Nachrichtenmagazins Focus. Zum Glück sind die meisten Januartypen aber geborene Genies. So wie Johnny Cash, der am 13. Januar 1968 sein Comeback-Live-Album im Gefängnis von Folsom aufnahm – vor einem Publikum, das nicht weglaufen konnte.

Februar: Der Gutmensch
Manch unbedarfter Zeitgenosse denkt vielleicht: Wer den Februar mag, hat sie doch nicht alle – und das zu Recht. Der Februar ist ein Außenseitermonat: grau, nass, kühl und zu kurz geraten. Schnee bleibt nicht liegen, Sonne kommt nicht heraus, und Leute mit Geld verlassen das Land. Leute mit Herz aber bleiben, denn dieser Monat ist die ideale Zeit, um amerikanische Fernsehserien zu schauen oder sich den Rücken zu wachsen. Nicht umsonst wird im Februar Fasching gefeiert, man lacht, tanzt und singt, obwohl die Erkältungsgefahr hoch und das Wetter mies ist. Doch der Februartyp kann sogar in einem Haufen Schneematsch lachende Gesichter entdecken (ohne Hilfe von Drogen). Sein Motto lautet: »Egal, und hoch die Tassen«, er glaubt fest an das Gute im Menschen. Kein Wunder, dass auch Karl Marx und Friedrich Engels ihr Kommunistisches Manifest an einem 24. Februar (1848) veröffentlichten. Das Lieblingstheaterstück aller Februartypen wurde übrigens am 4.2.1943 uraufgeführt. Es heißt: Der gute Mensch von Sezuan. März: Der Zögerliche
Schon klar, die ersten Blumen sprießen, die ersten Sonnenstrahlen scheinen, die ersten Cafés stellen ihre Stühle auf die Boulevards. Doch die Knospen können auch abfrieren, Regenwolken vor die Sonne ziehen, und dann müssen die Cafés dicht machen. So denkt der typische Märzmensch. Er ist ein Zauderer, gefangen zwischen Winterende und Frühlingsanfang. Wenn die ersten Spaziergänge anstehen, zieht es ihn an die frische Luft. Doch kaum weht der Wind kühl durch seine Jeans, rennt er zum nächsten Heizpilz. Am 28. März 1828 gab Franz Schubert in Wien sein erstes Konzert – danach trat er nie wieder öffentlich auf. Die Märzrevolution sollte 1848 einen deutschen Nationalstaat schaffen – hat nicht geklappt (man hat sich wohl mitreißen lassen). Dank der Klimakatastrophe entwickelt sich seit Kurzem ein neuer Märztyp: Er stürmt voran wie Torschützenkönig Didier Drogba (*11.3.1978), feiert wie Peter Doherty (*12.3.1979) und ist an Dummheit grenzend mutig (Jackass-Stuntman Johnny Knoxville (*11.3.1971).

April: Der Pragmatiker
Der Kinderreim »April, April, kann machen, was er will« gilt als Mantra der Apriltypen. Sie lieben ihren Monat für jede neue Herausforderung, ob Regen oder Schnee. Apriltypen sind Leute, die man anrufen kann, wenn ein Wasserrohr oder eine Fruchtblase geplatzt ist. Helden, die mit beruhigender Stimme beruhigende Worte sagen und dafür sorgen, dass alles gut wird. Selbst karierte Hemden und Multifunktionswerkzeuge können ihnen nicht die Würde nehmen. Denn für sie zählt nur die Lösung eines Problems, schnell und pragmatisch: Ärger mit der Staatsform nach dem Ersten Weltkrieg? Passt schon, am 7. April 1919 wurde die Münchner Räterepublik ausgerufen. Viel früher, am 5.4.1722, entdeckte ein Apriltyp im Südpazifik die Insel Rapa Nui. Es war ein Ostersonntag, also nannte er sie Osterinsel. Hätte er sie erst vergangenes Jahr entdeckt, etwa am 22. April, dem Tag der Verkehrssicherheit, sie hieße heute wahrscheinlich Verkehrsinsel.

Meistgelesen diese Woche:

Lesen Sie auf der nächsten Seite über die Mai- bis Augusttypen.

Mai: Der Stürmer
Manch einer, der gern Geschlechtsverkehr hat, hält sich deshalb für einen Maitypen. Irrtum. Echte Maitypen erkennt man daran, dass sie Wörter wie »Wonnemonat« oder »Blümelein« aussprechen können, ohne zu lachen. Sie sind Stürmer und Dränger, würden sich lieber eine Ohrfeige abholen als die feige Frage »Darf ich dich küssen?« zu stellen. Gutes Wetter spielt eine wichtige Rolle in ihrem Leben, denn der Maimensch möchte in sogenannten lauen Sommernächten Obdachlose von Bänken vertreiben, um dort zu knutschen. In der Partnerwahl bevorzugt er Menschen mit mentalen Problemen, da er sich in diesen Beziehungen so herrlich aufreiben kann. Bei so viel Leidenschaft überrascht es nicht, dass an einem 16. Mai (1929) erstmals die Oscars verliehen wurden, bester Film damals: Im siebten Himmel. Völlig abgehoben sind die Maitypen seit dem Jahr 2005. Da erkannten Brad Pitt und Angelina Jolie endlich, dass sie füreinander bestimmt sind.

Juni: Der Älteste
Die drei Sommermonate gleichen einander in ihrer strahlenden Erscheinung wie Geschwister. Doch ihre Charaktere sind grundverschieden. Der Junityp entspricht dem Erst-geborenen, der sich jede Freiheit erkämpfen muss. Während sich in seinem Lieblings-monat sogar Erwachsene in Schwimmbädern exponieren, arbeitet er sich diszipliniert durchs Büro zum Ziel. Er handelt ruhig und überlegt wie Albert Einstein, dessen Relativitätstheorie an einem 30. Juni (1905) veröffentlicht wurde. An dieser einzigartigen Ausdauer liegt es wohl auch, dass die französische Nationalversammlung an einem 20. Juni (1789) schwor, nicht ohne Verfassung nach Hause zu gehen. Doch der Junityp sollte unbedingt mehr auf seine Umgebung achten. Sonst sitzt er eines Tages so allein auf dem Thron wie Königin Viktoria (Besteigung am 20.6.1837), ihr Enkel Wilhelm II. (Besteigung: 15.6.1888) oder Helmut Kohl (Nominierung zum Kanzlerkandidaten: 19.6.1975).

Juli: Der Mittlere
Der Julityp, das Sandwichkind, hat es leicht. Sommer, Sonne – alles schon da. Weil im Juli aber jedermann verreist ist, leidet er unter chronischen Verlustängsten und strebt nach Aufmerksamkeit. Am 1. Juli 1855 stellte Ernst Litfass in Berlin sogar eine nach ihm benannte Säule auf. Im Sommer trifft man Julitypen mitunter als ungebetene Gäste am Rande von Freiluftpartys auf der Suche nach Liebe. Später, wenn sie erwachsen werden, versuchen sich Julitypen gern als Diplomaten und bringen durch ihr einladendes Wesen Großes zustande: Selbst der israelische Premierminister Yitzhak Rabin besuchte die Bundesrepublik Deutschland als erster israelischer Regierungschef in einem Juli (1975). Am wohlsten fühlt sich die hier genannte Sorte Mensch unter Gleichgesinnten. Dies erkannte zuerst Sir Baden-Powell und gründete an einem 29. Juli (1907) auf der englischen Brownsea-Insel das weltweit erste Pfadfinderlager und damit die wohl erste inoffizielle Julitypen-Selbsthilfegruppe.

August: Das Nesthäkchen
Der August ist der tollste Monat des Jahres, denn überall sind Ferien. Auch im Kopf der Augustfans. Ihre Masche: hohe Absätze, kurze Hauptsätze, keine Grundsätze. Sie sind die Models unter den Monatstypen, zu finden auf den Bühnen und Betten dieser Welt oder vierzigjährig mit Zöpfchen beim Technotanzen auf Ibiza. Wenn Augustmenschen es mal auf einen Dialog anlegen, zitieren sie Charlie-Chaplin-Weisheiten falsch und wirken so oft schlicht strukturiert. Doch sie können ja nichts dafür, schließlich wuchsen sie mit zwei älteren Geschwistern auf: dem Juni- und dem Julityp. Deshalb fällt diesen Nesthäkchen vieles in den Schoß, wie Amerika Kolumbus (3. August 1492) oder Griechenland Otto von Bayern (8. August 1832). Trotz des werbetauglichen Lächelns neigen August-menschen zur Schwermut. Sie wissen, dass der Sommer ebenso zur Neige geht wie ihre Schönheit. Der Tipp: Ein Tag, an dem du nur lächelst, ist ein verlorener Tag. Diesen Rat beherzigte schon Germany’s rothaariges Topmodel Barbara Meier, die im vergangenen August erstmals das Cover einer Modezeitschrift zierte. Sie wird in diesem Frühjahr ihr Mathematikstudium wieder aufnehmen.

Lesen Sie auf der nächsten Seite über die September- bis Dezembertypen.

September: Der einsame Held
Die Lieblingsgeste des Septembermenschen ist das Winken. Er liebt den Herbst, den Wandel, den Abschied der Blätter von den Bäumen. Überhaupt verabschiedet er sich leidenschaftlich gern – doch nicht etwa, weil er pervers ist. Er liebt halt das Theatralische. In seiner Selbstwahrnehmung ist er ein Held, der tut, was getan werden muss, nicht nur, um diesem Nebensatz einen Sinn zu geben. Mitte September 1830 wurde die erste Eisenbahnstrecke für den Personenbetrieb zwischen Manchester und Liverpool eröffnet, was völlig neue Aufbruchsszenarien ermöglichte. Er würde es nie zugeben, aber in Wahrheit atmet der Septembertyp auf, wenn er sich einmal verabschiedet hat – denn in Gesellschaft anderer wird ihm schnell langweilig. Zudem liebt er Unausweichliches, in das er sich voller Fatalismus fügen kann. So wie der alte Mann auf dem Meer in Hemingways Der alte Mann und das Meer (erschienen am 4.9.1952). Mittlerweile hat der Septembertyp übrigens ein neues Lieblingsbuch. Es heißt: Ich bin dann mal weg.

Oktober: Der Abschlepper
Die Stimmung im Oktober ähnelt der auf der Titanic: Es ist kalt, nass, und jeder versucht, seine Haut zu retten. Der Winter kommt unausweichlich, wer jetzt noch keinen Partner hat, muss zusehen, dass er eine physische Stütze findet. Hier zeigt sich die herausragende Eigenschaft der Oktobertypen: Sie sind bereit, ihre Ansprüche sehr, sehr weit herunterzuschrauben und sich nicht nur mit weniger idealem Wetter, sondern auch mit weniger idealen Partnern zufriedenzugeben – so wie die Ost- mit den Westdeutschen (3. Oktober 1990). Diese Kompromissbereitschaft, jene konsequente »Liebe deinen Nächsten«-Mentalität, führte dazu, dass am 24. Oktober der Westfälische Frieden (1648) den Dreißigjährigen Krieg beendete. Da der Verzicht auf jegliche Partnerprämissen das erfolgreichste Beziehungskonzept schlechthin darstellt, feiert die ganze Welt seit dem 12. Oktober 1810 in diesem Monat die größte Verkupplungsparty überhaupt: das Oktoberfest.

November: Der Nicht-immer-ganz-so-Fröhliche
Der Novembertyp will gar nicht lachen. Wenn bei Karnevalsausbruch am 11.11. zur Polonaise aufgerufen wird, geht er nach Hause. Denn jene entsicherte Fröhlichkeit macht ihn noch trauriger. Anstatt mit Bonbons nach Kindern zu schmeißen, liegt er lieber im schwarzen Kapuzenpulli auf dem Fußboden und hört Trauermärsche oder Sisters of Mercy. Das Gute daran: Danach geht es ihm besser. Denn wie heißt es so schön auf www.aphorismen.de? »Trauer ist die Erkenntnis, dass alles endlich ist.« Dass der Frühling vorbei ist, der Sommer auch, dass sogar der Herbst sich vom Acker macht. Das Wetter? So mies, dass man nicht mal darüber reden mag. Die Ereignisse? Noch schlimmer (4.11.1979 Geiselaffäre in Teheran, 30.11.1989 RAF-Attentat auf Alfred Herrhausen, 17.11. 1997 Anschlag auf Touristengruppen in Luxor…). Da bemerkt sogar der Novembertyp, dass es ihm doch gar nicht so schlecht geht. Er hat einen Fußboden, auf dem er liegen, Musik, die er hören, und Depressionen, die er pflegen kann. Also umsegelt er einfach metaphorisch das Kap der Guten Hoffnung, ohne anzuhalten, frei nach dem Vorbild von Vasco da Gama (Umseglung: 22. November 1497).

Dezember: Der Festliche
Gäbe es nicht Weihnachten, der Dezembertyp wäre wohl noch miesepetriger als sein Vorgänger. Doch zum Glück steckt in ihm ein kleiner Weihnachtsmann. Das Schimmern der Kerzen und Schaufenster spiegelt sich in seinen Augen, die Kälte lässt seine Wangen rot leuchten. Selbst im größten Geschenkestress findet er noch Zeit, eine Kerze anzuzünden oder einen Nobelpreis zu verleihen (erstmals am 10. Dezember 1901). Frieden auf Erden ist sein höchstes Ziel: An einem 18. Dezember (1865) schaffte Amerika die Sklaverei ab, an einem 8. Dezember (1987) unterzeichneten Michail Gorbatschow und Ronald Reagan den Vertrag über die Abschaffung nuklearer Mittelstreckenraketen. Gerade bei pubertierenden Dezembertypen kann allerdings auch das hitzige Silvester-Gen durchschlagen, was dazu führte, dass an einem 31. Dezember die Hardrockband AC/DC gegründet wurde (1973) und Wladimir Putin an die Macht kam (1999).

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