Wundersame Heilung

Dieser Mann hat eine Salbe erfunden, die dem Körper helfen soll, sich selbst zu heilen. Fauler Zauber? Nein. Die Salbe wirkt.

Die Füße von Harley Sophia sind klein und schmal, die Haut an der Sohle, den Zehen und auf dem Fußrücken ist weich und geschmeidig. Nur zwischen dem dritten und vierten Zeh am rechten Fuß versteckt sich eine kleine rötliche Narbe. Und zwischen Fuß und Unterschenkel weist die Haut geringfügige Pigmentunterschiede auf, ungefähr dort, wo die Socken enden. Ansonsten unterscheidet sich der Fuß nicht von Füßen anderer dreijähriger Mädchen. Und das, so sehen es nicht nur ihre Eltern, ist ein Wunder. Ende Mai, ein heißer Tag, Harley Sophia spielt mit ihren Freunden im Garten der Eltern, die ein klosterartiges Anwesen zwischen Starnberg und Weilheim bewohnen. Die Kinder schwitzen und wollen sich im Wasser abkühlen. Die Eltern füllen die Sommerbadewanne - fatalerweise zunächst nur mit Wasser, das sie im Kocher erhitzt haben. »Die Kinder waren weit weg und spielten am anderen Ende des Grundstücks, wir sahen keine Gefahr«, erinnert sich Gerald Meier, der Vater. »Jeder von uns dachte, der andere hätte das kalte Wasser schon eingefüllt«, erinnert sich die Mutter.

Plötzlich steht Harley Sophia in dem kochend heißen Wasser und schreit. In einer Art Schreckstarre verharrt sie mindestens zehn Sekunden lang, obwohl ihre Füße fast gekocht werden. Sie schreit und schreit, aber sie bewegt sich nicht, bis der Vater sie aus der Wanne reißt. »Die Haut hing ihr in großen weißen Lappen von beiden Füßen, das sah aus wie Weißwurstpelle«, erzählt die Mutter. »Sie hat geschrien wie am Spieß, bis sie endlich Schmerzmittel bekam.« Der Notarzt fährt das kleine Mädchen auf schnellstem Wege in die Klinik nach Weilheim, der Rettungshubschrauber bringt sie von dort ins Schwabinger Krankenhaus. Schließlich hat Harley Sophia teilweise Verbrennungen dritten Grades.

Kann man wirklich von einem Wunder sprechen, um zu beschreiben, was danach geschah?

Am besten vermag das Augustinus Bader zu beurteilen, der in diesem Fall der Wunderheiler wäre. Aber der sagt gelassen: »Die Natur ist das Wunder. Wir haben nur gelernt, wie die Heilung im Körper funktioniert, mehr nicht.« Eine gewaltige Untertreibung: In Wahrheit haben Augustinus Bader und sein Team wahrscheinlich ein fundamentales Prinzip entdeckt und sind dabei, eine neue, revolutionäre Therapie zu entwickeln. Eine Heilkunde, die sich die Selbstheilungskräfte des Körpers zunutze macht und stimuliert. Augustinus Bader, ein blonder Bayer aus Augsburg, der nun als Professor Zelltechnologie in Leipzig lehrt, ist Wissenschaftler durch und durch. Deshalb geht er mit seinen spektakulären Ergebnissen erst jetzt an die Öffentlichkeit, da er sie fachlich abgesichert hat.

Die Experimente im Labor wurden dutzendfach wiederholt, die Studien in Fachmagazinen publiziert, in denen sie nur erscheinen, wenn andere Kollegen die Untersuchungen begutachtet haben. Dabei ahnt Bader, dass seine Entdeckungen die Medizin tiefgreifend verändern und Tausenden Menschen helfen könnten: Unfallopfern, Diabetikern, Verbrennungsopfern, Tumorpatienten, womöglich auch Nervenkranken und Menschen mit Infarkt oder Schlaganfall. Mehr als ein paar Dutzend Menschen hat er schon geholfen, in individuellen Heilversuchen bei verschiedenen Anwendungen, wie das in der Fachsprache heißt. Einer dieser Heilversuche betraf Harley Sophia.

Der Vater des Mädchens kennt Bader und hat von dessen neuen Heilmethoden gehört. Im Krankenhaus in Schwabing sagt er den Ärzten sofort, er wolle eine neue Therapie ausprobieren. Die Ärzte im Schwabinger Krankenhaus nehmen den Plan nicht weiter ernst und stellen sich auf das übliche medizinische Prozedere bei solch schweren Verletzungen ein: Wundreinigung mit einer Art Schmirgelpapier, ansonsten abwarten, bis das verbrühte Gewebe abstirbt und sich chirurgisch unter Vollnarkose abkratzen lässt. Bis dahin dauert es etwa zehn Tage, und diese Zeit ist für die Patienten allenfalls mit Schmerzmitteln zu ertragen. Danach wird versucht, gesunde Haut von anderen Stellen des Körpers auf die zerstörten Bereiche zu übertragen. Das ist langwierig, oft bleiben hässliche Narben zurück und Gefühl, wie Temperaturempfindung, jahrelang gestört.

Auch Harley Sophia bekommt nun Schmerzmittel verabreicht. Zusätzlich werden ihre verbrannten Füße aber mit dem von Augustinus Bader entwickelten Hydrogel behandelt. Bader ist sofort von Leipzig nach München gekommen, als der Vater ihm vom Unglück des kleinen Mädchens berichtet hatte.

Zehn Tage nach dem Unfall in der Badewanne soll die Operation stattfinden, bei der das tote Gewebe beseitigt wird. Doch nach zehn Tagen gibt es für die Ärzte nicht mehr viel zu tun. Die Füße von Harley Sophia sind komplett und ohne Komplikationen zugeheilt, nur die besagte Stelle zwischen dem dritten und dem vierten Zeh am rechten Fuß weist Narben auf. An dieser Stelle reicht der Gewebedefekt bis tief ins Fleisch - deshalb bleibt eine kleine Rötung zurück.Nach zwei Wochen wird das Mädchen aus dem Krankenhaus entlassen. Drei Wochen nach dem Unfall läuft es wieder barfuß über die Wiese und planscht im Wasser. Und die Ärzte in Schwabing? »Die waren zur Transplantation bereit«, sagt der Vater. »Aber dann haben sie ihren Augen nicht getraut.«

(Auf der nächsten Seite lesen Sie, wie das menschliche Gewebe in der Lage ist, sich selbst zu heilen.)

Was ist bei dem kleinen Mädchen anders gelaufen? Augustinus Bader nennt es das »bionische Prinzip«. Oder auch eine »soziale Technologie«, weil sie vielen kranken Menschen helfen könnte, auch in armen Ländern. »Die Therapie muss nicht so teuer sein, wie die Pharmaindustrie sie verkaufen würde; der Körper trägt ja alles Nötige in sich - im Moment sind es vielleicht noch 250 Euro, aber es geht deutlich billiger.« Während Bader über sein Wundermittel spricht, legt er immer wieder Pausen ein, um sein Gegenüber zu mustern. Sein Blick scheint dann zu fragen, ob die Erläuterungen beim Gegenüber auf Resonanz stoßen oder doch eher auf ungläubiges Staunen.

Dabei scheint die Sache so einfach: »Man muss nur versuchen, im Gewebe selbst die Reparatur auszulösen, den Rest macht der Körper selbst - wir fahren nur sein regeneratives Potenzial hoch.« Bader hat für seine Heilmittel den Begriff »Sanamander« eingeführt - das Wort setzt sich zusammen aus »sana« (für gesund) und »Salamander«, dessen Schwanz sich von allein regeneriert, wenn er verletzt wird. Aber ist es wirklich so einfach?

Bei einem Schnitt in den Finger zum Beispiel werden im Gewebe, das unmittelbar an die Wunde grenzt, Wachstumsfaktoren und Stammzellen dazu angeregt, neue Haut und neues Bindegewebe zu bilden. Botenstoffe, Gerinnungsfaktoren und Abwehrzellen tragen dazu bei, dass sich die Wunde schnell wieder verschließt. Der Körper weiß ganz genau, wie viele Zellen welcher Art an welcher Stelle nötig sind. »Wenn ich mich am linken Arm schneide, wächst mir ja nicht am rechten Arm mehr Haut nach«, sagt Bader. »Im Reagenzglas funktioniert das nicht. Das Blut und das Gewebe um die Wunde herum scheinen dagegen das Wissen mit sich zu tragen, was genau zu tun ist.«

In der Tat sind die meisten Biotechniker, die Gewebe aus dem Körper entnehmen, um es im Reagenzglas nachzuzüchten, und wieder in den Körper einsetzen, mehr oder weniger gescheitert. Im Labor wächst ein Zelltyp schneller als der andere, zudem kennen die Gewebe außerhalb des Körpers keine natürlichen Grenzen. Sie vermehren sich unkoordiniert, manche entarten und bilden sogar bösartige Tumore. »Deshalb muss ich das Gewebe an der Wunde anregen«, erklärt Bader, »und die Zellen und Wachstumsfaktoren dort rekrutieren. Dann läuft das von der Natur vorgegebene Programm ab. Gesundheit ist Regeneration.« Salopp gesagt, manipuliert der Zelltechniker Bader den menschlichen Organismus derart, dass ihm eine große Wunde viel kleiner erscheint, als sie in Wirklichkeit ist, und sich die Gewebelücke schon überbrücken lässt.

Hilfe zur Selbsthilfe nennt Bader das. Auf diese Weise hat er mit seinem Therapiemix schon untertassengroße Hautwunden und Knochendefekte vom Ausmaß eines Tischtennisballs geschlossen, die der Körper ohne Hilfe nie repariert hätte.

Die Knochenheilung bei einem seiner Patienten hat Bader besonders erstaunt: Ein ehemaliger Kraftsportler, Anfang 40, bekam plötzlich eine Hüftkopfnekrose. Dabei wird der Kopf des Oberschenkels, der in der Hüftpfanne ruht, aus unbekannter Ursache nicht mehr ausreichend mit Blut und Nährstoffen versorgt. Das Gewebe droht abzusterben oder gar zu brechen, der Patient benötigt dann umgehend eine künstliche Hüfte. Bader dagegen spritzte dem Mann sein Mittel, um die körpereigenen Heilungskräfte zu stimulieren. Nach kurzer Zeit war die Erkrankung gestoppt, und der Knochen regenerierte sich. Inzwischen stemmt der Mann wieder Gewichte und kann seine Hüfte voll belasten. Ohne weitere Therapie, ohne Operation.

Woraus besteht das Wundermittel? Bader hat die Methode und die Technik mittlerweile in etlichen Fachblättern beschrieben: Wachstumsfaktoren für das Blut sind enthalten und körpereigene Stammzellen, die aus dem Blut oder Knochenmark gewonnen werden. Andere Wachstumsfaktoren und Botenstoffe des Immunsystems, die sogenannten Zytokine, gehören auch zum Therapiemix. Zudem wird im Zuge der Therapie lokal ein Sauerstoffmangel nachgeahmt, damit der Körper sein Heilungsprogramm anwirft. Ein Kollege kritisierte Bader, er beschäftige sich mit zu vielen Geweben, das könne nicht funktionieren. »Der hat das Prinzip nicht verstanden«, erklärt Bader. »Es geht doch hier um einen grundlegenden Mechanismus der natürlichen Heilung, der für alle Gewebe im Körper gelten könnte.«

(Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie die Wundersalbe sogar einer Patientin mit Multipler Sklerose helfen konnte.)

Natürlich ist Bader sich bewusst, dass einige Einzelfälle, mögen sie auch noch so spektakulär sein, nicht ausreichen, um seine Heilmethode in der allgemeinen Medizin zu etablieren. Er hat begonnen, mit Hautkliniken zu kooperieren, mit orthopädischen Zentren, mit Diabetes-Experten und anderen Fachärzten, die seine Technologie nutzen wollen. Stuart Hosie, Kinderchirurg im Schwabinger Krankenhaus, ist von der Methode angetan, der plastische Chirurg Hans-Günther Machens von der TU München ebenso.

Mit mehr als zehn Kliniken arbeitet Bader inzwischen zusammen. An etwa tausend Patienten europaweit wird die neue Therapie demnächst ausprobiert, in München, Leipzig, London, Barcelona und anderen Städten. Auch für Diabetiker könnte es enorm hilfreich sein, wenn sich Baders Therapie weiterhin als so erfolgreich erweist. Fast 50 000 Zuckerkranken werden in Deutschland jedes Jahr die Füße amputiert, weil offene Wunden nicht heilen. Die neue Behandlung schafft zwar nicht den Diabetes aus der Welt, könnte aber eine der ärgsten Folgen heilen.

Geholfen hat die Behandlung auch einem Kind, das sich mit einer giftigen Substanz die Speiseröhre verätzt hatte. Normalerweise ist diese Verletzung tödlich, weil sich die Speiseröhre nach der Verätzung zusammenzieht und Essen wie Trinken unmöglich macht. Nur ein Transplantat kann in dieser Situation helfen, doch die Operation ist schwierig, und Komplikationen sind häufig. Das »lokale Boosting«, wie Bader die Injektion seines Mittels in die Speiseröhre nennt, funktionierte jedoch einwandfrei. Das Mädchen wurde gesund und kann wieder normal essen und trinken. Die Speiseröhre heilte narbenfrei und ohne weitere Komplikationen.

Womöglich hat dem Wundermittel sogar der Berner Sennenhund des Professors sein Leben zu verdanken. Als junger Welpe fraß er Schneckenkorn - in einer zehnfach tödlichen Dosis. Er wurde bewusstlos, hatte Schaum vor dem Maul. In der Tierklinik konnten die Ärzte der Familie nur wenig Hoffnung machen. Doch Bader spritzte dem Tier sein Mittel. Sechs Stunden später erwachte der Hund aus seinem Dämmerschlaf, zwei Tage später war er wieder zu Hause, wo er bis heute mit den Kindern spielt.

Eher beiläufig berichtet Bader von weiteren Erfolgsgeschichten und von Dankesbriefen: Mit einem Freund war er auf einem Motorboot unterwegs, eine Staustufe unter Wasser ließ das Boot kentern. Der Freund verletzte sich so schwer, dass eine Querschnittslähmung drohte. Bader ließ ihm seine Wachstumsfaktoren spritzen, der Freund bewegt sich heute völlig normal. Eine Patientin mit multipler Sklerose rief neulich begeistert bei Bader an, um ihm davon zu berichten, dass ihre große Wunde am Oberschenkel mithilfe seines Gels jetzt geheilt sei. Zwei Tage später meldete sie sich erneut. Sie könne jetzt auch ihr Bein wieder bewegen, das durch die Nervenkrankheit zuvor wie gelähmt war. »Womöglich haben die Wachstumsfaktoren die Nervenscheiden repariert, sodass die Patientin ihre Muskeln wieder steuern konnte, aber das ist ungewiss«, sagt Bader. Und wieder spricht der Wissenschaftler, der nur glaubt, was auch bewiesen ist.

Mit seiner Innovation stellt Bader ausgerechnet jenen Forschungszweig auf den Kopf, in dem er selbst jahrelang als Forscher führend war: das Züchten von Ersatzgewebe im Reagenzglas. »Aber man muss manchmal umdenken und neue Gedanken zulassen«, sagt er und erzählt von seinem Gartentor: Es ließ sich im Winter nicht nach innen öffnen, weil der Frost den Boden angehoben hatte. »Meine Frau schlug irgendwann vor, es einfach nach außen statt nach innen zu öffnen. Es funktionierte - obwohl wir es über Jahrzehnte anders gemacht hatten.«

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Ein medizinischer Durchbruch? Wenn Werner Bartens, 43, diesen Begriff hört, denkt er zunächst an einen entzündeten Wurmfortsatz. Der Arzt und Medizinredakteur der Süddeutschen Zeitung hat in der Vergangenheit selten tatsächliche Neuerungen und Therapieerfolge in der Medizin kennengelernt. Meist entpuppen sich vermeintliche Durchbrüche bei näherem Hinsehen als PR-Getöse der üblichen Marktschreier, die jeden statistischen Ausreißer als Sensation verkaufen. Bei der Recherche zu Augustinus Baders neuer Behandlung bekam Bartens einen gänzlich anderen Eindruck.

Die ersten Heilerfolge der Therapie sind wirklich spektakulär - ebenso wie das dahinter stehende Prinzip: Bader und sein Team haben der Natur abgeschaut, wie sie die Selbstheilungskräfte des Körpers aktiviert. "Das ist so einfach, dass es wirklich funktionieren könnte", sagt Bartens. Noch muss sich Baders Methode in großen klinischen Tests beweisen. Doch auch die Chefärzte, mit denen er europaweit zusammenarbeitet - manche von ihnen zählen zu den Besten ihres Fachs -, sind zuversichtlich, einige gar begeistert. Sollten die Erprobungen an Hunderten von Patienten ähnlich erfolgreich verlaufen wie die ersten Heilversuche, ist auch Bartens geneigt, von einem medizinischen Durchbruch zu sprechen - ausnahmsweise.

Für weitere Fragen zu diesem Thema hat das Team von Professor Bader eine E-Mail-Adresse eingerichtet: info@regmed.net. Vom Werner Bartens ist zuletzt das Buch Körperglück - Wie gute Gefühle gesund machen erschienen. 

Foto: Heji Shin

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