Die Macht der Masse

In Deutschland und Österreich stehen Songs zur Flüchtlingskrise auf Platz 1 der Charts – als Resultat von Guerilla-Aktionen im Netz. Hitparaden werden gerade zu Demonstrationsflächen.

Die Damen und Herren von Media Control haben in den letzten Tagen Überstunden gemacht. Und man muss sagen: Hat sich gelohnt. Zum ersten Mal überhaupt haben sie die Musikverkäufe nicht nur freitags zusammengerechnet – sondern auch nochmal einen Zwischenstand am Sonntagabend veröffentlicht. Schöner Effekt: Für das eben vergangene Wochenende, das viele »historisch« nennen, weil etwa 20.000 Flüchtlinge Deutschland erreicht haben, gibt es nun exklusive »Weekend Charts«. Und tatsächlich, auf Platz 1 steht »Schrei nach Liebe«, der Ärzte-Hit gegen Neonazis aus dem Jahr 1993.

Eine hübsche Pointe – weil es sich bei dem Comeback ja bekanntlich um das Ergebnis einer Guerilla-Aktion handelt. Ein Musiklehrer aus Niedersachsen hatte letzte Woche über Facebook dazu aufgerufen, den Song massenweise zu downloaden, als Zeichen gegen Rassismus. Die Band spendet die Erlöse an Pro Asyl. Dass es gleich für Platz 1 gereicht hat, beweist zwei Dinge. Aber dazu gleich. Die wahre Tragweite erkennt man nämlich erst, wenn man weiß, dass zur selben Zeit in Österreich etwas Ähnliches passiert ist.

Dort steht ebenfalls ein Titel auf Platz 1 der Single-Charts, der in Wahrheit ein politisches Statement ist: »Schweigeminute (Traiskirchen)« ist ein Download-Track des Künstlers Raoul Haspel und besteht aus 60 Sekunden Stille. Die Schweigeminute ist dem katastrophal überlaufenen Erstaufnahmelager Traiskirchen bei Wien gewidmet, dem Sinnbild für Österreichs Asyl-Versagen. Auch dieser, nun ja, Hit wurde über massenhafte Downloads, multipliziert über Facebook, ganz bewusst an die Spitze der Charts gedrückt. Radio Ö3 spielt ihn nun immer mal wieder kurz an und erklärt, worum es geht. Und die Sportfreunde Stiller haben ihn sogar schon gecovert:

Während die EU dieser Tage also an einem Scheidepunkt steht, sind auch die Hitparaden in Deutschland und Österreich in einer kuriosen Situation: Sie sind plötzlich Austragungsort einer politischen Demonstration. Das Phänomen kannte man bisher eher als Anarcho-Klamauk aus Großbritannien. Vor ein paar Jahren rief die Website »4chan« ihre Mitglieder dazu auf, in der Adventszeit statt den üblichen Kitsch-Songs massenhaft ein altes Lied von Rage Against The Machine zu kaufen – woraufhin »Killing in the name of« auf Platz 1 sprang, der erste Weihnachtshit aller Zeiten, in dem mehr als 20 mal das Wort »Fuck« vorkommt.

Ein anderes Mal sollte »Mrs. Robinson« von Simon & Garfunkel zurück an die Spitze geklickt werden, um den prüden nordirischen Regierungschef zu ärgern. Der hieß Robinson mit Nachnamen, und seine Frau hatte soeben eine Affäre mit einem 19-Jährigen zugegeben. Diese Aktion klappte nicht. Dass es jetzt funktioniert hat, zeigt zweierlei. Erstens, wie vergleichsweise durchlässig die Charts heute sind. In den 60er-Jahren soll der Manager der Beatles mal die gleiche Methode angewandt haben – um die Chartposition zu beeinflussen, musste er der Legende nach 10.000 Platten zusammenkaufen. Die Krise der Musikindustrie dürfte so eine Manipulation heute leichter machen: Angeblich reichen schon vierstellige Verkaufszahlen, um in den Top 20 zu landen (genaue Zahlen verrät niemand). Vor allem aber zeigen die aktuellen Charts die Macht der Konsumenten. Und wie leicht Hitparaden zur Demonstrationsfläche werden können. Sie sind ja letztlich basisdemokratische Stimmungsbarometer.

Das Prinzip ließe sich übrigens auch problemlos erweitern, zum Beispiel auf die Spiegel-Bestseller-Liste. Nur mal so laut gedacht: Wäre es nicht interessant, wenn das Pegida-Pamphlet von Udo Ulfkotte, aktuell auf Platz 17, demnächst mal verdrängt werden würde? Zum Beispiel von lauter Halal-Kochbüchern?

Erinnert an: Abistreich
Wer kauft das? iTunes-Kunden mit Herz.
Was dem Song gut tun würde: Konkurrenz - ein paar mehr politisch engagierte Songs stünden den Top Ten ganz gut.

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