Hymne für Jungspießer

»Geiles Leben« erobert die Charts – deutscher Liebeskummer-Kitsch gepaart mit einem Lob auf die »kleinen Freuden im Leben«. Von da ist es zur »Stadl-Show« nicht mehr weit.

Ist es Zeit für eine Entschuldigung? Muss man ein Urteil nachträglich milder machen, wenn man merkt, dass alles noch viel schlimmer hätte sein können? Angesichts der neuen Nummer 4 in den Charts hätten wir jedenfalls gerne all die Tütensuppen-Hits der letzten Monate von Robin Dings und Felix Bums zurück.

Machen wir's schnell: »Geiles Leben« heißt der Song, er stammt von Glasperlenspiel und basiert auf einem relativ ramschigen Vierviertel-Beat mit Fingerschnipsern und weichem Piano. Drüber singt eine klapperdünne Männer- und eine umso geschwollenere Frauenstimme. Wobei man sich über den Gesang nur so lange ärgert, bis man mal auf den Text achtet: »Was du heute kannst besorgen / Das schiebst du ganz entspannt auf morgen«, »Villen« und »Sonnenbrillen« versus »Glück« und »eigene Wege gehen«. Ein ganzer Setzkasten an ausgeleierten Floskeln rund um die Kernaussage: Viel Spaß mit deinen großen Plänen, du Spinner – das kleine Glück ist doch am schönsten!

Eine Hymne auf das Jungspießertum also, in seltsamem Kontrast zu dem maximal prätentiösen Bandnamen (uh, die kennen Hermann Hesse!). Dazu ein Video, das aussieht wie der Beleuchtungstest für einen Nespresso-Werbeclip und in dem sicherheitshalber der Text eingeblendet ist, damit auch ja kein anderes Youtube-Video die Klicks für ein »Lyric-Video« einsammelt.

Glasperlenspiel machen das aber auch schon länger: Carolin Niemczyk und Daniel Grunenberg, so heißen die beiden, kommen aus einer Kleinstadt bei Konstanz, nannten sich früher Crazy Flowers und haben damals, wie die Lokalzeitung vermeldet, »zweimal die Woche im Musikraum der Familie Grunenberg« geprobt. Seit vergangenem Jahr ist einer ihrer Songs die offizielle Titelmusik von »Gute Zeiten, Schlechte Zeiten«, ein anderer von der Doku-Soap »Zuhause im Glück«. Und passt das? Ja, das passt. Die Musik von Glasperlenspiel folgt dem gleichen Prinzip wie eine TV-Soap: hundertfach aufgekochte Instant-Emotionen für den schnellen Konsum.

Erinnert an: Karaoke-Abend
Wer kauft das? Leute, die auch die »Stadl-Show« gucken
Was dem Song gut tun würde: ein geiler Text

Foto: Gettyimages / David Hecker

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