»Als Paar arbeitet man viel effizienter, aber auch viel rücksichtsloser«

Lisa und Rike haben sich bei einer Theaterproduktion verliebt und dann gemeinsam einen Film gedreht – ein völliger Irrsinn, sagen sie. Hier erzählen die beiden, worauf es ankommt, wenn man Liebe und Arbeit verbindet.

Rike Huy (34) und Charlotte Friederich (37)Ihr bislang größtes gemeinsames Projekt ist der Film »Live«, der aktuell virtuell im Kino läuft.

Foto: UCM.ONE / David Stichling

Lisa: Bei uns war die Arbeit schon vor der Liebe da. Oder vielleicht war die Liebe auch direkt da und wir haben sie nur noch nicht erkannt. 2014 haben wir beide sechs Wochen lang an einer Musiktheaterproduktion mitgewirkt, so haben wir uns kennengelernt. Wir hatten nie dieses Werben umeinander, aber wir haben uns da abends immer »auf eine Zigarette« getroffen. Obwohl wir gar nicht geraucht haben. Das war nur unser Vorwand, um uns nochmal alleine zu treffen – aber dass das ein Vorwand war, das haben wir nicht mal selbst kapiert. Wir hatten nur beide dieses vage Gefühl: Irgendwie ist es schöner, wenn die andere da ist, irgendwie macht die Arbeit dann gleich noch viel mehr Spaß. Rike war damals noch in einer Beziehung und ich war vorher nur mit Männern zusammen gewesen. Durch die enge Zusammenarbeit sind wir uns nähergekommen, aber erst nach der Premiere hat es richtig gefunkt. Ich benutzte die Ausrede, mit Rike ein Missverständnis mit dem Künstlerischen Betriebsbüro klären zu müssen – was wir dann abends bei einem Cocktail taten. Das Missverständnis war schnell ausgeräumt, das Verständnis füreinander nahm mit steigendem Alkoholpegel schicksalhaft zu. Arbeit und Liebe sind für uns seitdem eins.

Rike: So war es dann auch bei unserem bislang größten gemeinsamen Projekt: unserem ersten Film »Live«, der aktuell virtuell im Kino läuft. Wir hatten vorher schon mal ein Konzert zusammen organisiert, ein paar kleinere Projekte auf die Beine gestellt. Und irgendwann saßen wir während einer Reise in Kalifornien auf einer Düne und haben gesagt: »Wir wollen einen Film zusammen drehen.«

Lisa: 2016, wir waren gerade erst zusammengezogen, habe ich ein Stipendium von einer Kunststiftung bekommen, da war uns klar: Wir machen das jetzt. Ich habe mir ein Atelier gemietet, mit nichts drin außer einem Tisch und einer Yogamatte, habe vier Wochen lang nur nachgedacht und dann in zwei Tagen die erste Fassung des Drehbuchs heruntergeschrieben. Die Idee dazu hatte ich schon lange im Kopf: eine moderne Version des Kain-und-Abel-Konflikts, eine Dystopie, die beleuchtet, was es mit Menschen macht, wenn keine persönlichen Treffen mehr möglich sind, wenn Kunst und Kultur nur noch virtuell erlaubt ist. Dass uns vier Jahre später die Realität derart einholen würde, hätte ich damals nie geahnt. Und natürlich ist es kein Zufall, dass in meinem Drehbuch die Trompete im Mittelpunkt des Geschehens steht.

Rike: Lisa war Drehbuchautorin und Regisseurin, ich habe die Filmmusik co-komponiert und eingespielt. Wir waren beide Produzentinnen. Und ich war die Realistischere, die den Überblick über alles bewahrt hat.

Lisa: Normalerweise bin ich diejenige, die alle Risiken im Blick behält. Aber während dieser Arbeit habe ich einfach mal alles verdrängt. Wenn Rike Bedenken geäußert oder Probleme aufgezählt hat, habe ich nur gesagt: »Ja, du hast Recht, aber das darf mich jetzt nicht interessieren.«

Rike: Für mich war das irritierend, weil Lisa sonst diejenige von uns beiden ist, die im normalen Leben den stärkeren Realitätssinn hat. Aber wir haben uns gegenseitig vertraut und konnten Konflikte dadurch vermeiden. Andere sagen immer: »Ich könnte mir nie vorstellen, so etwas mit meiner Partnerin zu machen!« Natürlich hat man Angst vor diesem gewaltigen Konfliktpotenzial. Dass es bei uns so gut funktioniert hat, sehen wir als Geschenk an. Aber es gab auch angespannte Momente. Man übt auf die eigene Partnerin viel mehr Druck aus, als man es sich bei anderen Menschen trauen würde.

Lisa: Als Paar arbeitet man viel schneller und effizienter, aber auch viel rücksichtsloser. Wir haben uns Sachen um die Ohren gehauen … Bei anderen wäre man höflicher, anderen mutet man viel weniger zu. Die eigene Partnerin sieht man irgendwann fast als Erweiterung des eigenen Ichs – und ist ebenso schonungslos streng mit ihr wie mit sich selbst. Einmal waren wir wahnsinnig unter Zeitdruck und Rike hat noch komponiert. Ich kam dann dazu, habe mir die Musik angeschaut …

Rike: … du hast das einmal so richtig runtergebügelt und bist wieder gegangen.

Lisa: Ich habe gesagt: »Das klingt ja wie Clubmusik.« Ich war furchtbar zu ihr und habe das noch nicht mal realisiert. Ich dachte, ich spreche doch einfach nur Tatsachen aus. Hinterher tat mir das leid. Aber umgekehrt kam das ganz genauso vor, wenn ich was für den Film geschnitten und es Rike gezeigt habe. Und sie nur gesagt hat: »Da und da und da stimmt was nicht.«

Rike: Als Musikerin musste ich erst lernen, mit Worten umzugehen. Lisa kann ihren Standpunkt besser verbalisieren.

Lisa: Ich muss aufpassen, dass ich nicht zu absolut radikal bin und auch mal Grauzonen zulasse.

Rike: Bei den Dreharbeiten haben wir dann aber perfekt zusammen harmoniert. Wir hatten nur 18 Tage Zeit dafür, da waren wir eine Einheit und waren froh, dass wir uns in diesem psychischen Stress gegenseitig unterstützen konnten. Und dass wir uns bei Erfolgen gemeinsam freuen durften. Ende letzten Jahres kam dieser unglaubliche Moment: eine Einladung zum Filmfestival. Unsere Weltpremiere! Lisa nahm den Anruf entgegen, ich musste erstmal rausrennen und bin vor Glück in Tränen ausgebrochen. Diese vier Jahre waren so intensiv gewesen und nun hatten wir endlich unsere Bestätigung: Es ist wirklich ein Film – und nicht nur irgendein Schwachsinn, den wir uns ausgedacht haben.

Lisa: Diesen Sommer haben wir uns dann ganz spontan entschieden zu heiraten, nur im engsten Familienkreis. Wir waren schon anderthalb Jahre verlobt, aber wir hatten bis dahin einfach keine Zeit für Gedanken an eine Hochzeit gehabt: Da gab es nur diesen Film. Manchmal stelle ich mir vor, wie es in einem anderen Universum wäre. Wenn Rike etwas ganz anderes machen würde, wenn die Kunst nicht so allgegenwärtig in unserem Leben wäre, wenn wir beim Frühstück einfach über Politik reden könnten oder über Corona. Bei uns ist die Kunst ein Thema, das nie aufhört – ein völliger Irrsinn. Und so schön dieses gegenseitige Verständnis füreinander ist, kann das auch belasten. Weil es einfach keinen Bereich mehr gibt, der nicht davon durchdrungen ist.

Rike: Weißt du noch, als wir zusammengekommen sind? Da habe ich mich immer geschämt, vor dir Trompete zu üben. Das kommt mir heute so absurd vor. Wir haben uns auf all diesen Schritten begleitet, wir sind gemeinsam daran gewachsen. Wir haben keine Angst mehr, voreinander zu scheitern, uns vor der anderen unperfekt zu zeigen. Für Schamgefühl ist in unserer Beziehung gar kein Raum mehr.

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