Landjugend

Julia lebt auf einem Bauernhof wie aus dem Bilderbuch. Aber sie muss auch richtig hart arbeiten.


Zuhause:
ein Bauernhof in Oberbayern
Schule/Berufswunsch: Realschule
Eltern: Landwirte
Geschwister: zwei Brüder, eine Schwester
Taschengeld: 15 Euro
Berufswunsch: Pferdewirtin
Lieblingsessen: Pizza
Lieblingsstar: Madonna
Größter Wunsch: Gesundheit für die ganze Familie
Sommerferien: mit der Familie nach Ancona

Die Eitelkeit ist neu: Julia lacht nicht mehr, wenn sie fotografiert wird, die feste Zahnspange soll niemand sehen. Ohne die Spange wäre sie sehr zufrieden mit ihrem Aussehen, wo sie doch 15 Kilo abgenommen hat im letzten halben Jahr. Niemand sprach sie an darauf: »Das ging so langsam, die in der Schule haben das nicht gemerkt.« Ihr ist das egal: Sie weiß genau, dass sie jetzt nicht mehr aussieht wie ein pummeliges Kind. Ihre Mutter hat irgendwann mal einen Diätplan in die Küche gelegt und Julia aß von da an vor allem Obst und Gemüse, wenig Süßigkeiten. Ganz einfach. Sie hat keinen Sport gemacht, nur ab und zu ist sie mit Stumpi, dem Hund, spazieren gegangen. Hinter dem Bauernhof, durch den Obstgarten, vorbei an den Walnussbäumen, runter zum Bach, durchs Dorf.

Julia lebt mit ihren drei Geschwistern, den Eltern, dreißig Milchkühen, zwei Pferden, einer Schafherde, ein paar Katzen und einem Hund auf einem Hof eine knappe Autostunde von München. Auch eine Wirtschaft und Ferienwohnungen gehören dazu. Das Dorf hat 27 Einwohner, rundherum nur Hügel, Felder und Wald. Wie im Bilderbuch. Städter träumen von so einer Idylle und mieten sich in den Gästezimmern ein: Ferien auf dem Bauernhof; hier müssen Eltern ihre Kinder nicht ständig unter Kontrolle halten. Und Stadtkinder lernen, was für Julia selbstverständlich dazugehört: Anpacken. Für Diskussionen, wer wann im Haushalt was tut, bleibt keine Zeit, wenn die Tiere Hunger haben und die Gäste auf die Getränke warten.

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Die erfolgreiche Diät war allein Julias Sache und darauf ist sie natürlich stolz. Auch als ihre Mutter neulich meinte, dass sie so gut Besteck polieren kann wie niemand sonst aus der Familie, freute sie sich: weil es mehr Spaß macht, Dinge zu tun, die sie kann ­ – ums Mithelfen kommt sie sowieso nicht herum ­ –, und weil zählt, was ihre Mutter sagt. Sich über die Eltern zu beschweren oder sich gegen die Hausarbeit aufzulehnen kommt für Julia nicht in Frage.

Nur wenn die Arbeit besonders unangenehm war, Kartoffeln zu klauben zum Beispiel, gibt es eine Belohnung. Die Familie geht dann zusammen ins Kino. Oder bis letztes Jahr ins Schwimmbad. Aber in diesem Jahr wurde ein Schwimmteich hinter dem Haus ausgehoben. »Ich sag immer: der Teich ›Familie und Co‹. Familie sind wir und Co sind die, denen wir erlauben, darin zu baden.« Mit Wortspielen hat Julia Übung: Die Jungs aus ihrer Klasse verarschen die Mädchen, indem sie deren Namen in bekannte Lieder einsetzen. Die Mädchen dichten dann »Rachelieder«. Wie die Texte lauten, hat Julia vergessen.

Ganz sicher möchte Julia immer auf dem Land leben, hier oder irgendwo in der Nähe. Einmal war sie mit ihrer Großmutter und ihrer 16-jährigen Schwester Martina eine Woche in Frankreich. Nach ihrer Heimkehr wusste sie: Sie möchte später ein Busunternehmen gründen und »Leute an schöne Orte in der Welt bringen«. So kann sie das Fernweh stillen, ohne an Heimweh zu leiden. Aber das hat ja noch Zeit. Momentan beschäftigen sie das Lamm, die Katzen und das Pferd: Die schwarze Schafmutter hat nur die beiden schwarzen Lämmer gesäugt und das weiße verstoßen. Julias Familie zieht es mit der Flasche groß. Genau wie die vier Katzenkinder ­ – die Katzenmutter wurde überfahren. Sich zu kümmern, für jemanden da zu sein gefällt Julia. Selbst wenn sie sich mit ihrer Freundin Rita trifft, passen die beiden am allerliebsten auf Ritas dreijährigen Bruder auf.

Das Pferd Keoma macht ihr Sorgen: Es lahmt. Irgendwas stimmt nicht mit dem vorderen linken Bein. Deshalb kann es nicht geritten werden. Zwar gibt es nichts, was Julia lieber macht als reiten, aber weil sie die Dinge pragmatisch sieht, »nehme ich eben in der Zwischenzeit zweimal die Woche Reitstunden«.

Die Mutter sagt, Julia habe so eine schöne Stimme, und deshalb singt sie im Schulchor. »Eigentlich würd ich lieber immer reiten gehen, aber singen ist nicht schlimm.« Entscheidungen überlässt sie gern anderen: Martina konnte nicht schlafen, weil Julia schnarcht. Die Schwester hat vor ein paar Monaten entschieden, aus dem gemeinsamen Zimmer auszuziehen. Also schläft Julia jetzt allein. Mit ihrem zehnjährigen Bruder Franzi darf sie den Fernseher im Wohnzimmer benutzen. Die Abmachung: Wer zuerst den Fernseher anschaltet, darf entscheiden, was gesehen wird. Franzi ist meistens schneller. Deshalb sieht Julia manchmal taff, öfter noch Simpsons. Inzwischen sind das auch ihre Lieblingssendungen. Mit Franzi versteht sie sich am allerbesten. Zu ihrer großen Schwester Martina fällt ihr nichts ein und über den großen Bruder, den Seppi, weiß sie, dass er gern Musik macht und dass er jetzt eine Freundin hat. »Erwachsenwerden auf dem Land geht langsamer und ruhiger als in der Stadt«, sagt Seppi, der muss es wissen, der ist 18.

Auf dem Hof helfen und in der Gaststätte, die Schule, die Pflege der Tiere, sogar das Abnehmen –­ alles kein Problem für Julia. Kein Widerwillen, keine Fragen, keine Kämpfe. Noch nicht.

Eine Arbeit gibt es allerdings, die möchte sie nicht machen, da würde sie schon meckern: Kuhstall ausmisten. »Kühe sind hässlich und schauen so bescheuert.« Manche Kühe haben keine Hörner mehr, damit sie sich nicht verletzen. »Naja«, sagt sie, »ohne Hörner schauen sie eigentlich ganz erträglich aus, die Viecher.« So, als ob sie noch nicht ganz ausgewachsen sind. Wie Kälbchen.

Foto: Konrad R. Müller

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