Langzeitbeziehung

Es gibt Dinge, die begleiten uns über Jahre und Jahrzehnte. Manche von ihnen lieben wir, weil sie perfekt sind, andere, obwohl sie eigenwillig und abgenutzt sind. Eine Sammlung von Liebeserklärungen aus der Redaktion. Folge 32: Bjarne Overkott über Dante Alighieris »Inferno«.

    Illustration: Marvin Traber

    Folge 32: Dante Alighieris Inferno

    In der Zeit von E-Papers und digitalen Readern wirkt es antiquiert, ein Buch um die halbe Welt mit sich zu schleppen. Jedenfalls für einen Millennial. Trotzdem begleitet mich Dante Alighieris Inferno seit zehn Jahren. Von Neuseeland nach Amerika, in die Niederlande und zurück nach Deutschland. Zerknittert, voller Eselsohren und unglamourös steht es mittlerweile in meinem Regal. Erschöpft von den Reisen. Es ist das erste Buch der Göttlichen Komödie. Ein episches Gedicht über den Abstieg in die Hölle und den Aufstieg durch das Fegefeuer in das Paradies auf der Suche nach ewiger Liebe.

    Gefunden habe ich das Buch auf Englisch in einem süßen kleinen Antiquariat auf der Südinsel Neuseelands, inklusive Gespräch mit dem Inhaber, wie toll es sei. Ich gehöre zur »Generation Neuseeland« und war nach dem Abitur und einem Freiwilligen Sozialen Jahr natürlich für Work and Travel in Ozeanien. Irgendwann war ich müde vom Reisen und hatte Sehnsucht nach kognitiver Stimulation. Das Buch hat mich in seiner Komplexität begeistert, jedes Detail hat einen Zweck. Nur ein Beispiel: Die Göttliche Komödie besteht aus drei Büchern, geschrieben in Sätzen aus drei Versen – das symbolisiert die Heilige Dreifaltigkeit. Wäre die Version nicht kommentiert, ich hätte wohl nur Bahnhof verstanden bei Dantes geschichtlichen Anspielungen und religiösen Allegorien. Aber so habe ich einiges über religiöse Ethik gelernt. Wussten Sie, dass vorsätzliche Sünden besonders schwer wiegen? Am tiefsten Punkt der Hölle, eingeschlossen in ewiges Eis, quält Luzifer persönlich den Verrat in Person: Brutus und Judas. »Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren« ist am Eingang zu lesen. Die vorzeitige Entlassung bei guter Führung ist ausgeschlossen. Natürlich habe ich danach Literatur- und Kulturwissenschaften studiert – allerdings nur für zwei Semester. Es war zu viel gleichzeitig, aber ohne ein greifbares, konkretes Ziel. Trotzdem habe ich viel gelernt, es war eine erhellende Ernüchterung. Dann habe ich mich vollständig meinem Nebenfach Psychologie gewidmet, nur um schließlich doch in meinem Jugendtraum Journalismus zu enden.

    Meistgelesen diese Woche:

    Wenn ich jetzt in mein Bücherregal schaue, dann sehe ich nicht nur Dante. Es kommt Nostalgie auf, Wehmut nach einer unbeschwerten Zeit und auch die Lust, weiterhin neue Erfahrungen zu machen. Ich erinnere mich an meine Reise und daran, welche Kettenreaktion dieses Buch ausgelöst hat. Wer weiß, wo ich ohne es jetzt wäre. Bjarne Overkott

    Folge 31: Chelsea Boots Gummistiefel

    Es gibt im Leben oft eine Differenz zwischen dem, wie man eigentlich gerne wäre, und dem, was man geworden ist. Ich wäre gerne laut und mutig. Jemand, der mit großen, angstbefreiten Schritten durchs Leben schreitet. Was ich in meinem Alltag aber stattdessen mache: kleine Schritte. Um Pfützen auszuweichen, matschiger Erde, matschigem Schnee, Hundekacke, Taubenkot. All der Hässlichkeit deutscher Innenstädte.

    Das liegt zum einen daran, dass ich manches davon eklig finde (zurecht). Aber es liegt auch daran, dass ich viel zu tief verinnerlicht habe, dass es wichtig ist, sich nicht schmutzig zu machen. Und keine nassen Füße zu bekommen, weil ich in eine Pfütze getreten bin und sich graubraunes Wasser durch die Nähte meiner Schuhe gedrückt hat.

    Zum Glück habe ich zwei Menschen kennengelernt, die zwar nicht schreiten, aber zumindest ohne jede Sorge durchs Leben rennen: meine Neffen. Als ich gesehen habe, wie sie auf Waldwegen durch Matsch waten, sich in schlammige Sandkästen stellen, im Zoo in Pfützen springen, dachte ich mir: Ich kann als 33-jährige Frau vielleicht keine Matschhosen tragen. Aber ich kann mir Gummistiefel kaufen.

    Wahrscheinlich erkennen die meisten Menschen nicht einmal, wenn ich sie trage. Die Schuhe, für die ich mich entschieden habe (von der spanischen Marke »Verbenas«), sehen aus wie normale Chelsea Boots. Es gibt eigentlich nur einen Unterschied, innerlich wie äußerlich: Wenn ich sie trage, schreite ich. Dorothea Wagner

    Folge 30: Kaufmanns Kindercreme

    Es gibt viele Dinge, die unangenehm und nervig sind: zwickende Unterhosen, rutschende Socken im Schuh, eingerissene Fingernägel. Für mich das unangenehmste sind aber trockene Lippen. Zum Glück sollte noch weit vor meiner Geburt ein Mann eine Mischung aus Vaseline, gereinigter Schafswolle und Zink entwickeln, die mein Leben erleichtert. Nicht nur die Rezeptur, sondern auch das Design der runden Blechdose hat sich seit 1950 nicht verändert: türkis, mit einer Illustration eines Babys und der knallgelben Aufschrift »Kaufmanns Haut und Kindercreme«. Auf der Innenseite steht: »Was dem Kinde dient, nutzt auch dem Erwachsenen.« Und genau so ist es.

    Streng genommen hat nicht Walter Kaufmann allein mein Leben verbessert, auch meine beste Freundin hat ihren Teil beigetragen, als sie besagte Dose vor etwa zehn Jahren aus ihrer Tasche zückte. Inzwischen ist die Kaufmanns-Creme in meinem gesamten Freundeskreis bekannt, denn in jeder meiner Handtaschen ist mindestens eine Dose. Es gab nur ein Problem: Meine Handtaschen sehen so aus, wie es auch in meinem Kopf oft aussieht – voll und durcheinander. Meine geliebten Dosen verbeulten daher schnell und weil der Deckel nicht wirklich gut einrastet, litt auch der Inhalt an meinem Handtaschen-Chaos. Als ich vor ein paar Jahren dann die Wundertube (ja, sie heißt wirklich so!) mit Schraubverschluss von Kaufmanns entdeckte, mochte ich das Produkt nochmal mehr.

    2020 zog ich für das Studium nach Wien und musste feststellen, dass Walter Kaufmanns Produkte es noch nicht bis nach Österreich geschafft haben. Jeder Besuch bei meinen Eltern bedeutete nun also einen Großeinkauf bei dm. Schnell importierte ich nicht mehr nur für mich, sondern auch für meine Mitbewohnerin, die ich mit meiner Liebe zur Creme angesteckt hatte.

    Dass die Kaufmanns Creme meiner Meinung nach das beste Pflegeprodukt aller Zeiten ist, entspricht allerdings nicht dem Ergebnis des Ökotests 2023. Von allen Wundschutzcremes für Babys sind nur drei Cremes mit mangelhaft bewertet worden, darunter auch meine Wundertube. Aber das verdränge ich, bis ich eine vergleichbare Creme gefunden habe. Annelie Eckert

    Folge 29: Dobble-Kartenspiel

    »Früher wurde mehr gespielt, heute schaut man lieber faul auf dem Sofa eine Serie auf Netflix.« Versuchen Sie mal diesen Satz zu sagen, ohne entweder wie Thomas Gottschalk zu klingen oder wie ein beleidigter Erdkundelehrer auf Klassenfahrt. Aber es stimmt halt: Ein Abend mit Karten- oder Brettspielen bleibt länger im Gedächtnis und verbindet mehr als die neue »True Detective«-Staffel, so gut Jodie Foster auch spielt. Aber was spielen? Ich etwa liebe seit der Schulzeit »Risiko« sehr, meine Frau dagegen nur »Cluedo«, das Kind will immer »Mister X« spielen, die Oma schlägt gerne eine Partie Mühle vor und die Katze schläft am liebsten im »Sagaland«-Karton. Was aber alle mögen, mit denen ich es je gespielt habe: Dobble. (Auch bekannt als »Spot it!«.)

    Dobble hat mir als Zeitvertreib auf einer langen Zugfahrt Richtung Neapel geholfen, als kurzer Post-Raclette-Wachmacher an Silvester und als Eisbrecher bei einem emotional schwierigen Krankenhausbesuch. Dobble kriegt irgendwie alle. Das Spiel ist denkbar einfach, der Hersteller erklärt es so: »Dobble besteht aus 30 Karten. Jede von ihnen zeigt acht Symbole im Comic-Stil (etwa einen Clown, eine Spinne, ein Kaktus). Egal, welche beiden Karten man miteinander vergleicht, es stimmt immer genau ein Symbol überein. Wer findet es zuerst?« Der Clou daran: Es ist gar nicht so leicht, schnell zu überblicken, welche der jeweils acht Symbole doppelt sind. Mitunter könnte man schwören, dass man auf seiner Karte kein einziges gleiches Symbol hat wie auf der aufgedeckten Karte vom Stapel, so lange sucht man danach. Aber stimmt halt nicht, es gibt immer ein Bild-Pärchen.

    Das simple Spielprinzip und der Zeitdruck beim verzweifelten Suchen nach dem übereinstimmenden Motiven macht Dobble so angenehm kurzweilig. Man kann es auch nur schnell eine Runde lang spielen, was vielleicht 15 Minuten dauert, oder den halben Abend. Kinder mögen es, Erwachsene und Senioren ebenso. Und das Kartenspiel kann man notfalls auch in Bahn oder Flugzeug auf diesen Din-A4-kleinen Aufklapptischchen spielen. Super praktisch zudem: Wenn mal eine Karte verloren geht, oder auch zwei, ist nicht gleich das ganze Spiel ruiniert. Dobble ist das Schweizer Taschenmesser der Spielekiste. Marc Baumann

    Folge 28: Das Waffeleisen

    Mein Waffeleisen hat keinen Sandwich-Einsatz, keine Grillfunktion und keinen Computerchip. Es ist nicht smart, nicht selbstreinigend und nicht mit dem Internet verbunden. Es kann eigentlich nichts außer heiß werden. Und trotzdem, oder vielleicht sogar genau deshalb ist es – gerade in stressigen Zeiten – das meistgenutzte Gerät in unserer Küche. Nichts geht so schnell wie Waffeln. Nichts schmeckt den Kindern so zuverlässig gut, von einer frischen Butterbreze vielleicht mal abgesehen. Waffeln sind praktisch: Man kann sie auf den Spielplatz mitnehmen, am nächsten Tag als Bahnproviant verwenden, sogar einfrieren und eine ganze Woche lang jeden Tag nur eine essen. Und, ich muss es zugeben, nirgendwo kann man geschickter ein paar gesunde Zutaten verstecken als in Waffeln.

    In die fantastisch einfachen Bananenwaffeln (Rezept: vier Eier, sechs Esslöffel Mehl, zwei weiche Bananen, fertig) mogle ich ein bisschen Tahin oder gemahlene Kürbiskerne. In die Spinat-Feta-Waffeln kann man wunderbar unbemerkt pürierte Erbsen schmuggeln. Waffeln sind momentan auch die einzige Darreichungsform, in der mein vierjähriger Sohn Brokkoli akzeptiert. Es gibt fast nichts, was man nicht zu Waffeln backen kann. Das Prinzip ist einfach: Man nehme Eier und Mehl als Grundzutat. Danach sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Je schwerer die Gemüse-Zutat (absteigend: Kartoffeln, Karotten, Zucchini), desto eher braucht man ein bisschen Backpulver, damit’s fluffig wird.

    Es kommt vielleicht der Tag, an dem ich mit einem Thermomix abgefahrene Kreationen ausprobiere. Bestimmt schaffe ich auch bald wieder ein paar der höllisch komplizierten Ottolenghi-Rezepte, die ich so gerne gemacht habe, bevor ich angefangen habe, für Kinder zu kochen. Bis es so weit ist, bleibt mein Krups-FDK-251-Waffeleisen auf der Küchentheke stehen. Es hat bis heute nicht mal einen Platz im Schrank, wozu auch? Wolfgang Luef

    Folge 27: Die Filzsohlen

    Im deutschen Winter kann man sich noch so schöne Ablenkungen ausdenken, ins Lieblingsrestaurant gehen, das Gesicht in die Sonne halten oder sich völlig kopflos verlieben, aber es hilft alles nicht. Die kalten Füße kommen immer mit. Und kalte Füße sind der Endgegner einer schlecht durchbluteten Spezies – einmal abgekühlt, werden sie von alleine nicht mehr warm.

    Ich habe viele Mittel gegen kalte Füße ausprobiert, gefütterte Stiefel, Sockenschichten wie Druckverbände, Plateausohlen, aber nur ein einziges erwies sich als hilfreich: auf meine Mutter hören. Vor langer Zeit hatte sie mir ein flaches Paket unter den Christbaum gelegt. Als ich es öffnete, sahen mich ein Paar olle Filzeinlagen an. »Wow, was Praktisches, genau das habe ich mir erträumt«, sagte ich, so unwissend und unverschämt wie jeder Teenager. Unter kalten Füßen litt ich damals schon, aber das hieß noch lange nicht, dass ich bereit war, den Rat meiner Eltern anzunehmen. Meine Mutter war auf diese Reaktion vorbereitet. Sie zückte eine DIN-A4-Seite aus dem Familiendrucker und begann, Produktinformationen vorzutragen. Als versierte Filzsohlen-Vertreterin hatte sie die Highlights bereits mit Textmarker hervorgehoben: 100 Prozent Schurwolle. Isolierend gegen Kälte. Langlebig. Und ach, ganz wichtig, schon in der Antike wussten die Menschen die Technik des Filzens zu schätzen. »O-kay Ma-ma«, sagte ich genervt und packte das nächste Geschenk aus.

    Einige Jahre später, als ich endlich reif genug für Praktisches war, fand ich die Sohlen in einer Schublade wieder. Es stellte sich heraus, dass meine Mutter und ich beide recht hatten: Die Filzeinlagen waren – ganz unironisch – genau das, was ich mir erträumt hatte. Sie halten warm, selbst bei Minusgraden. Inzwischen liegen sie deshalb sogar bei DM im Regal, allerdings empfehle ich die Öko-Version vom Weihnachtsmarkt oder Fachgeschäft. Mein Paar trage ich schon fünf Winter. Und wenn ich ins Lieblingsrestaurant gehe, mich in die Sonne stelle oder kopflos verliebe, verschwende ich an meine Füße kaum einen Gedanken. Daniela Gassmann

    Folge 26: Die Glücksunterhose

    Mein wichtigstes Kleidungsstück ist so unersetzlich, dass ich mal einen Zug deswegen verpasst habe. Ich saß schon im Bus zum Bahnhof, als ich feststellte, dass ich meine Glücksunterhose nicht anhatte. Weil ich auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch in der Schweiz war und das auf gar keinen Fall verbocken durfte, stieg ich an der nächsten Haltestelle aus, sprintete zurück nach Hause, stopfte dieses scheinbar unbedeutend kleine Stück Stoff in meine Manteltasche und sprintete zum nächsten Bus. Half nichts, der Zug rollte aus dem Bahnhof, als ich das Gleis erreichte. Bezeichnenderweise war mir das lieber, als die Reise ohne Glücksunterhose anzutreten.

    Ich habe sie von meiner Mutter bekommen, als ich 17 war, gar nicht geschenkt, sondern geliehen. Ich brauchte damals spontan eine Unterhose, die unter einem enganliegenden Sportanzug möglichst unsichtbar war – und meine Mutter mit ihrer Profi-Garderobe hatte ein solches Exemplar als Bestandteil eines schicken Abendoutfits im Schrank. Ich dachte mir nicht viel dabei, als ich die Unterhose für den anstehenden Wettkampf, immerhin aber eine Weltmeisterschaft, zum ersten Mal unter mein Voltigier-Trikot zog; man denkt grundsätzlich ja eher selten an die Unterhose, außer sie kneift, und das tut meine Glücksunterhose wirklich nicht. Im Gegenteil: Ich merke sie gar nicht, weil sie so unauffällig ist. Und trotzdem steckt in ihr eine Superkraft. Denn ich habe nicht nur besagten Sportwettkampf mit ihr gewonnen, sondern danach auch einige weitere. Aus einer geliehenen Unterhose meiner Mutter wurde so meine Glücksunterhose, mit der ich untenrum unter anderem noch folgendes schaffte:

    - einen Führerschein
    - ein Abi
    - die unter Erstsemestern gefürchtete Gattungspoetik-Klausur,
    - einen Halbmarathon
    - eine Hochzeit
    - zwei Geburten (zumindest zeitweise)
    - oben erwähntes Vorstellungsgespräch (zu dem ich auch mit dem nächsten Zug noch pünktlich kam, Unterhose sei Dank)

    Der Hersteller lässt sich längst nicht mehr entziffern – ich meine, es ist Triumph –, ihre ursprüngliche Farbe, eine Mischung aus Rosé und Champagner, nur noch erahnen unter dem verwaschenen Mausgrau, und im hinteren Bereich ist der Stoff schon etwas durchsichtig. Aber würde ich auf einen Himalaya-Gipfel steigen, eine Rede auf der Hochzeit einer Freundin halten oder einem meiner Kinder bei einem Klaviervorspiel die Daumen drücken – ich hätte noch immer die Glücksunterhose an (oder sie wenigstens im Gepäck).

    Ich vermute, das macht mich zu einer abergläubigen Person, aber am Ende ist es egal, was zuerst da war: das Unterhosenglück an sich oder der Glaube daran, die Herausforderungen des Lebens mithilfe dieses Glücks besser bewältigen zu können. Die Unterhose macht mich furchtloser, und mit jeder gelungenen Aktion, bei der sie mich begleitet, wird ihre Superkraft stärker. Ich habe noch keinen Plan, was ich mache, wenn die Unterhose auseinanderfällt; vielleicht einen Fetzen von ihr einlaminieren und in mein Portemonnaie stecken wie diese Fotoautomatenbilder, die man früher von sich und seinen Freunden mit sich herumtrug. Wenn ich es mir genau überlege, ist meine Glücksunterhose eh vor allem das: eine sehr gute Freundin, und das schon länger als mein halbes Leben. Meine Mutter erkundigt sich übrigens ab und an danach, ob es die Unterhose noch gibt. Als ob sie sie jemals zurückbekäme! Sara Peschke

    Folge 25: Der schwarze Kalender

    Auf der Holzkommode in meinem Zimmer staubt mein Leben voll. Es liegt dort in Form von zwölf schwarzen Kalendern, aufgetürmt zwischen Aloe-Vera-Pflanze und Duftkerze. Ich verwende die Kalender seit der Schulzeit, jedes Jahr kaufe ich das gleiche Modell. Weicher Einband, 19 Zentimeter breit, 25 lang, eine Doppelseite pro Woche, links Tage, rechts Notizen. Jedes Jahr reiße ich die Plastikhülle ab, blättere zur ersten Januarwoche, und lege los.

    Ich bin eine notorische Notiererin. Auf den elfenbeinweißen Seiten habe ich letzte Uni-Kurse festgehalten und erste Begegnungen, die Beerdigung meines Großvaters und meinen Umzug ans andere Ende des Landes. To-Do-Listen. Gesprächsfetzen. Songzitate. Ausnahmslos alle Gedanken, die sich in meinem Kopf tummeln, müssen sich über die Seiten ergießen. Dort stehen sie dann wild durcheinander und doch irgendwie geordnet. Die Kalender kennen mich wahrscheinlich besser als meine besten Freunde.

    Die reißen regelmäßig die Augenbrauen hoch, wenn ich mein schwarzes Büchlein aus der Tasche ziehe. Sie sind längst auf die digitale Version umgestiegen. Aber ich will Termine nicht synchronisieren oder Push-Benachrichtigungen aktivieren. In meinen analogen Kalendern zählt schließlich nicht nur, was drinsteht. Fast noch wichtiger ist, wie es dort steht. Ich bilde mir ein, noch heute an meiner Handschrift erkennen zu können, wie ich mich beim Aufschreiben gefühlt habe. Schlingen sich die Buchstaben wild ineinander? Ich war gestresst. Sammeln sich um die Worte Kritzeleien? Abgelenkt. Sind die Kugelschreiberstriche kaum durchgedrückt? Verträumt.

    Ich finde, ich habe nicht nur zwölf Kalender, sondern auch zwölf Tagebücher, Erinnerungsalben, Notizhefte. Blättere ich sie durch, transportieren mich meine Einträge zurück in das Jahr und den Moment. Und ja, ich entstaube den Turm auf meiner Kommode auch. Bei Gelegenheit. Trisha Balster

    Folge 24: Das Beutelchen

    Es ist klein und inzwischen etwas abgewetzt, aber es hat mich schon oft gerettet. Ein Beutelchen, vielleicht zehn mal fünfzehn Zentimeter groß, mit einem Muster aus roten Elefanten. Darin bewahre ich all die Dinge auf, die sonst immer in der falschen Handtasche sind oder im Rucksack unauffindbar: Labello, Pflaster, Kabelkopfhörer, Desinfektionsgel, Minzbonbons, Haargummis, Tabletten gegen Kopfweh und Menstruationsschmerzen. Mit meinem Beutelchen ist es ein Handgriff, und ich habe umgepackt. Ein Handgriff, und ich kann meine Locken bändigen. Ein Handgriff, und ich reiche meinem Freund eine Aspirin oder der Kollegin ein Blasenpflaster.

    Mein Beutelchen ist mittlerweile schon das zweite seiner Art. Das erste hatte mir die Mutter einer guten Freundin geschenkt, mit der ich ein Jahr im westafrikanischen Benin verbracht hatte. Sie hatte es aus einem der bunten Stoffe genäht, die wir dort getragen hatten, die aber jetzt, zurück im kalten Deutschland, die meiste Zeit in unseren Schränken lagen. Ich freute mich nicht nur, weil ich das Beutelchen so praktisch fand, sondern auch, weil ich damit mehrmals am Tag eine Erinnerung an unsere Zeit dort in den Händen hielt.

    Das zweite, elefantengemusterte Beutelchen hat mir meine Schwester genäht, als das erste nicht mehr zu flicken war. Jetzt denke ich an sie, wenn ich etwas daraus brauche. Oder jemand in meiner Nähe. Auch meine Mutter, meine Oma und meine Tante haben inzwischen selbstgenähte Beutelchen. Es mag ein bisschen pathetisch klingen, aber: für mich ist mein Beutelchen nicht nur praktisch. Es ist auch eine kleine, nette Verbindung zu anderen Menschen. Agnes Striegan

    Folge 23: Das Tuch aus Kenia

    Kürzlich war ich in Italien und hatte es nicht dabei. Ich habe es auch nicht gebraucht, doch gefehlt hat es mir trotzdem. Ich nehme es auf fast allen Reisen mit, in vorauseilendem Gehorsam sozusagen: Ich weiß nie, wofür ich das Tuch verwenden werde, wenn ich es in den Koffer, die Tasche, den Rucksack schmeiße, aber das ergibt sich fast immer von selbst.

    Das Tuch ist nichts Besonderes: weiß, rechteckig, mit zwei umlaufenden mittelblauen Streifen, es reicht vom Boden bis zu meinen Schultern, ist aus Baumwolle, durchs viele Waschen über die Jahre sehr dünn geworden, ein paar kleine Löcher haben sich im Stoff eingeschlichen, egal, es ist so weich. Mein Freund hat es mir vor bestimmt 30 Jahren aus Kenia mitgebracht. Er ist schon lange nicht mehr mein Freund – das Tuch schon.

    Bin ich auf Reisen und das Bettlaken oder der Kopfkissenbezug machen einen gräulichen Eindruck, lege ich das Tuch drüber. Ich decke mich mit ihm zu, wenn es in heißen Ländern nachts um halb vier kühler wird. Ich kann es zum Rock wickeln, als dickes Halstuch verwenden, um die Schulter werfen, wenn ich eine Kirche oder Moschee besuche. Am Strand ist es mein Laken und manchmal auch mein Handtuch und wenn mir die Sonne zu sehr auf den Kopf knallt, hole ich das Tuch raus.

    Was ich damit noch tun könnte, jedoch bisher nie getan habe: fünf Kilo Äpfel heimtragen, ein Baby auf meinen Rücken hieven, das umgeschlungene Tuch hielte es fest – und vermulich hundert Sachen mehr. Sollte jetzt jemand denken: Sicher will sie das auch mal als Leichentuch verwenden, würde ich antworten: Hab zwar noch nie dran gedacht, aber vielleicht gar keine schlechte Idee. Mein Mann beneidet mich seit einigen Jahren um mein Tuch. Seither haben er und ich sicher zehn Tücher gekauft, keines ist so weich wie meines. Vielleicht, weil es noch nicht oft genug gewaschen wurde? Sogar in Kenia war ich vor zwei Jahren. Und habe auch von dort zwei Tücher mitgebracht. Sie liegen seither in der Ecke. Zwar sind sie viel schöner und bunter als mein dünnes Tuch, aber die sind kratzig. Susanne Schneider

    Folge 22: Der Apfel

    Neulich mit Freunden in der Kneipe diskutierten wir darüber, welche Obstsorte die beste ist. Während bei den meisten rote Früchte wie Erdbeeren, Kirschen und Himbeeren sowie exotische Vitaminbomben wie Mangos, Ananas oder die klassische Banane vorne lagen, wurde ich für meinen bescheidenen heimischen Spitzenreiter belächelt: den Apfel. Der Apfel war es für mich schon immer. Er wird es auch immer sein.

    Ich bin umgeben von schwäbischen Streuobstwiesen aufgewachsen. Selbstgemachtes Apfelmus war die Spezialität meiner Großmutter, bei der ich als Kind viel Zeit verbrachte. Apfelmus gab es zu jedem Gericht – zu süßen Hauptspeisen wie Milchreis oder Grießauflauf, aber auch zum Sonntagsbraten zusammen mit Kartoffelsalat, Spätzle und Soße. Ich habe es geliebt. Vom frisch gestampften, noch warmen Apfelmus bekam ich immer den ersten Teller. Ich konnte sogar rausschmecken, welche Apfelsorte meine Oma verwendet hatte. Damals wollte ich mit diesem Talent zu Wetten dass…? gehen und berühmt werden. Beworben habe ich mich dann aber doch nie. Das beste Apfelmus gibt übrigens der Jakob Fischer Apfel – säuerlich-süß und knallpink.

    Mein liebster Tupperdoseninhalt in der Schulpause: Butterbrot und Apfelschnitze. In Schnitzform schmecken Äpfel anders – vor allem, wenn sie ein vertrauter Mensch liebevoll für einen kleingeschnitten hat. Wenn ich als Kind krank war, war das die einzige Nahrung, die ich akzeptierte. Manchmal, wenn meine Mutter Muße hatte, schnitt sie mir den Apfel dann sogar in Pommes-Form. Herrlich.

    Noch heute esse ich jeden Tag einen Apfel: meistens morgens, kleingeschnitten im Müsli oder Hafermatsch. Es geht aber auch nichts über den ersten Unterwegs-Bissen in einen frischen, saftigen Apfel. Wenn ich gestresst bin, beruhigt mich das knackende Geräusch, wenn die Zähne durch die harte Schale brechen. In der Obstabteilung im Supermarkt geht mein erster Griff in Richtung Äpfel – nie die grünen, immer die roten, und ja keine künstlich-hochgezüchtete Sorte, wie die Pinken Damen (um keine Marken zu nennen).

    Man könnte meinen, ich werde irgendwann die Nase voll von Äpfeln haben, aber ich bin mir sicher: Meine Langzeitbeziehung mit dem Apfel ist für die Ewigkeit. Solange ich noch Äpfel esse, besteht kein Grund zu Sorge. Anna Maria Jaumann

    Folge 21: Der lange Löffel

    Gestern war ein guter Tag. Der erste Kaffee hatte die perfekte Temperatur und Wirkung, die Kinder haben sich protestlos die Zähne geputzt, die Bus-S-Bahn-Verbindung ins Büro hat ohne große Wartezeiten funktioniert. Und dann lag in der Schublade in der kleinen Redaktionsküche auch noch mein Lieblingslöffel: der mit dem kleinen Kopf und dem langen Stiel. Ich glaube, in der Gastrofachsprache handelt es sich dabei um einen Eislöffel, weil man mit ihm auch das letzte bisschen Vanille-Sahne-Gemisch aus einem hohen Glasbecher angeln kann.

    Nun löffle ich am Arbeitsplatz sehr selten Eisbecher, leider. Was ich aber häufig esse, ist ein mitgebrachtes Müsli. Mal mit Joghurt, mal mit Bananen, mal mit Nüssen, aber immer in einem großen Glas mit Schraubverschluss. Und wenn ich dafür den langen Löffel benutzen kann, weil er gerade gespült und bei niemandem sonst in Gebrauch ist, macht es nicht nur mein Frühstück, sondern meinen ganzen Tag besser. Denn ich kann das Müsli in meinen Mund bugsieren, ohne meine Finger am Glasrand einzusauen und dann Tastatur und Maus zu verschmieren, außerdem komme ich problemlos in jede Ecke des Glases.

    Der Löffel macht mich, bitte erlauben Sie mir das bisschen Pathos, zu einer würdevolleren, achtsameren und saubereren Esserin. Das liegt auch an der an Haltung, mit der man den langen Löffel ins Glas und dann zum Mund führt: mit einer gewissen Eleganz, so, wie man den Stiel eines Weinglases anfasst. Das ist übrigens der große Unterschied zu einem normalen Suppenlöffel, mit dem ich mein Müsli ja auch essen könnte, weil der Stiel ähnlich lang ist. Das Verhältnis von Löffelkopf zu Löffelstiel ist ein ganz anderes, es ist gröber, schaufelartiger. Dadurch gleicht auch der Essvorgang mehr einer Bagger-Arbeit, und zwar mit gekrümmtem Rücken über dem Glas kauernd. Und in die Ecken kommt man damit schon gleich gar nicht.

    Der lange Löffel hingegen sorgt für Aufrichtung, innerlich wie äußerlich. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mein Müsli mit dem langen Löffel esse und auf einmal steht der Chef im Zimmer, wäre es mir nicht unangenehm, sondern ich könnte den Löffel geschmeidig im Glas abstellen und wäre sofort gesprächsbereit, weil man mit dem langen Löffel auch nie den Mund zu voll nimmt, sondern er automatisch kleinere Bissen formt.

    Trotzdem bin ich froh, dass es nur diesen einen langen Löffel in der Redaktion gibt. Gäbe es mehrere, würde ich mich nicht an den Morgen freuen, wenn er in der Schublade auf mich wartet. Wahrscheinlich wäre er dann einfach ein Löffel unter vielen und ich könnte seine Qualitäten gar nicht richtig anerkennen. So aber kann er einen okayen Tag zu einem richtig guten machen. Danke dafür, mein Freund! Sara Peschke

    Folge 20: Der schwarze Rollkragenpullover

    Mark Zuckerberg und ich haben, soweit ich das einschätzen kann, wenig Gemeinsamkeiten. Aber eine Aussage von ihm kann ich sehr gut nachfühlen. Als er einmal gefragt wurde, warum er jeden Tag ein graues T-Shirt trage, antwortete er: »Ich möchte Unnötiges aus meinem Leben streichen, sodass ich so wenig Entscheidungen wie möglich treffen muss.« Womit wir bei meiner Liebe zu schwarzen Rollkragenpullovern wären.

    Wann immer ich meine Energie für andere Dinge brauche, greife ich zu ihm. Wenn ich ein schwieriges Gespräch führen muss. Wenn ich aufgeregt bin, weil ich jemanden treffe, von dem ich gerne hätte, dass er gut über mich denkt. Wenn ich mich verliebt fühle und einfach lieben möchte. Wenn ich das Baby einer Freundin im Arm halten werde und vermute, dass ich etwas Milchspucke abbekomme.

    Natürlich weiß ich, dass es Menschen gibt, die Rollkragenpullover bieder finden, langweilig, oder klischeehaft. Aber für mich bedeuten sie, mit kleinstmöglichem Aufwand gut angezogen zu sein. Wobei gut schon zu viel wäre: unauffällig. Sie fühlen sich für mich wie eine Rüstung an, hinter der ich ein bisschen verschwinde und die wenig Rückschlüsse auf mich zulässt. Ich glaube, dass Menschen meinen Worten mehr Gewicht geben als meiner Kleidung, wenn sie mich darin sehen.

    Und vielleicht ist das überhaupt die große Sehnsucht, die mich so oft zu ihm greifen lässt: dass ich einfach sein möchte und für nichts anderes bewertet werden möchte als für meine Worte und mein Wesen. Ich weiß nicht, ob ich das mit einem schwarzen Rollkragenpulli wirklich erreiche. Aber wie schön wäre es.
    Dorothea Wagner

    Folge 19: Das Einkaufsnetz

    Es ist ungefähr zwanzig Jahre her, dass meine Mutter durch das verwaiste Haus einer verstorbenen Frau ging, die keine Erben oder Erbinnen, dafür aber unzählige Besitztümer hinterlassen hatte. Meine Eltern hatten das Grundstück gekauft, auf dem ihr Haus stand, und bevor es abgerissen werden sollte, suchte sie darin nach Gegenständen, die sie vor der Entsorgung retten konnte. Dabei fand sie etwas, das mich heute noch begleitet: ein dunkelrotes Einkaufsnetz.

    Dieses Einkaufsnetz wohnt seither in der Tasche meiner Mutter und ist ihr bei jedem spontanen Einkauf ein treuer Helfer. Jedes Mal, wenn ich mit ihr an einer Ladentheke stehe, entwirrt sie begeistert den dunklen Netzstoff und sagt so etwas wie »Schau mal, das ist doch super, dass ich das jetzt habe!« Eine Aussage, der ich zu Beginn meiner Teenagerjahre vehement widersprach, denn es erfüllte eines der damals wichtigsten Kriterien nicht – es mangelte ihm an Coolness.

    Schließlich stand ich aber doch lieber gut ausgestattet als besonders chic an der Supermarktkasse, weshalb ich mir zum Auszug ein eigenes Netz kaufte. Es hilft mir bei Umzügen und Einkäufen, es passt leer in jede Tasche und ist gefüllt ein echtes Raumwunder, denn im Vergleich zum Jutebeutel ist das Netz elastisch und schmiegt sich behutsam um alles, was man darin verstaut.

    Wirklich um alles: Es funktioniert auch als Strandtasche, an deren Boden sich bestimmt keine hartnäckige Mischung aus dem Saft eines zerdrückten Pfirsichs und Sand festsetzt, oder als Begleiter für das nächste Flohmarkt-Wochenende. Die ganz kleinen Dinge darf man ihm zwar nicht anvertrauen, aber ich habe herausgefunden: Erinnerungen wie die an entspannte Einkaufssamstage mit meiner Mutter bleiben drin, trotz Löchern. Malin Köhler

    Folge 18: Die Teekanne

    Es gibt Gebrauchsgegenstände in meinem Schrank, die, wenn sie kaputt gehen, Raum für Neues schaffen. Sie erfüllen ihre Aufgabe für die Zeit, die sie da sind, und manchmal freue ich mich sogar darauf, sie irgendwann durch etwas Neues ersetzen zu können. Und es gibt meine Filio Teekanne von Mono. Sie war einst ein Geschenk meiner Patentante, die immer schon ein Händchen für stylische und doch praktische Gebrauchsgegenstände hatte. Ich bekam sie, kurz nachdem ich von zu Hause ausgezogen war – und benutze sie seither fast täglich. Immerhin schon an die 23 Jahre. Ich weiß nicht, wie viele Liter Tee ich schon aus ihr gegossen und getrunken habe. Grob hochgerechnet, bei durchschnittlich einem Liter pro Tag, im Laufe von 20 Jahren (schließlich trinke ich nicht jeden Tag Tee und bin manchmal auch länger nicht zu Hause) könnten es mehr als 7300 Liter gewesen sein. Ich habe immer schon viel Tee getrunken – schwarz, grün, Kräuter, mit den Kindern inzwischen oft Früchtetee – und ihn immer aus losen Blättern zubereitet. Und die schwimmen nun mal gerne, um ihr volles Aroma zu entfalten. Und das können sie nirgends besser tun, als in dem bauchigen Sieb, das nahezu das gesamte Volumen der Mono-Teekanne ausfüllt. In meinem Fall ist es die große Variante von 1,5 Litern. Ein runder Glasbehälter in einem filigranen Metallring aufgehängt. Sieht schön aus – ist aber leider auch zerbrechlich. Mein Filio-Glas ist mir inzwischen sicherlich schon drei oder viermal kaputt gegangen. Jedes Mal ein großer Schreck – denn wo bereite ich nun meinen Tee zu? Aber glücklicherweise gibt es das Glas auch einzeln nachzukaufen, was ich stets umgehend getan habe. Denn diese Teekanne hat ihren Platz im Schrank sicher – Raum für Neues wird es an dieser Stelle nicht geben. Höchstens für ein neues Glas, sollte es wieder mal kaputt gehen. Maria Sprenger

    Folge 17: Sonnencreme

    16 Handgriffe benötige ich für meine Hautpflegeroutine am Morgen. Öffnen und Schließen der Produkte mitgezählt. Dann ist mein Gesicht gewaschen, mit einem Toner hydriert, mit einem Serum geboostert und als Highlight mit Lichtschutzfaktor 50 geschützt. Ja, richtig gelesen: Highlight. Ich komme seit Jahren nicht mehr ohne Sonnencreme aus. Und das sollte eigentlich niemand. Egal, ob es bewölkt ist oder regnet. Auch egal, ob Winter ist.

    Sonnencreme gibt mir ein Gefühl von Kontrolle. Denn das Versprechen lautet: Wenn ich sie nutze, kann meiner Haut nichts passieren. Sonnenschutz ist der heilige Gral gegen Hautalterung, Sonnenbrand und Hautkrebs. Jede Bräunung der Haut ist eine Schädigung. Hautkrebs schleicht sich nicht über Nacht an, wir säen ihn mit den Jahren, in denen wir ungeschützt in der Sonne liegen. Sonnencreme ist Selfcare, auf einfachstem und höchstem Niveau zugleich. Und sie ist fester Bestandteil einer Routine – und meine Generation, die Mitte Zwanzigjährigen, liebt Routinen: Morgenroutinen, Abendroutinen, Sportroutinen.

    So viel Bewusstsein hatte ich natürlich nicht immer. Als Kind wehrte ich mich gegen die klebrige Paste, die erst als weißer Film meine Haut zierte und kurz danach als fettige Schlieren durch das Mittelmeer schwamm. Jahre später lag ich dann gemeinsam mit meiner Naivität und dem Wunsch nach gebräunter Haut am Badesee. Lichtschutzfaktor 10 war das Maximum. Gelegentlich wurde sogar Bräunungsöl ausgepackt.

    Das hat sich schon lange geändert: Meine Schwester und dann auch noch Social Media haben mich bekehrt. Jetzt freue ich mich jeden Morgen auf den kurzen Moment, in dem es nach Urlaub riecht. Ich erwische mich sogar dabei, wie ich fassungslos bin, wenn jemand gesteht, dass er keinen Sonnenschutz verwendet. Das ist wirklich nicht mehr zeitgemäß. In einer ernstzunehmenden Morgenroutine ist das Bett vielleicht nicht gemacht, aber Sonnencreme ist ein absolutes Muss. Kiana Lensch

    Folge 16: Die Hertha-Kerze

    Das Ding ist hässlich. Sehr, sehr hässlich. Eine dreißig Zentimeter hohe Kerze, von unten bis oben von reich verziertem Säulenwerk umschlungen, das aussieht, als käme es aus der Werkstatt des mittelalterlichen Meisterschnitzers Tilman Riemenschneider. Aber alles in blau-weiß, und in der Mitte prangt das Wappen von Hertha BSC. Dieses Prachtstück aus Wachs haben meine Frau und ich von meinem alten Schulfreund Martin zur Hochzeit bekommen. Gut sichtbar steht es bei uns im Küchenregal und hat schon oft für Spott und Verwunderung gesorgt. Doch immer wenn mein Blick auf die Hertha-Kerze fällt, empfinde ich eine tiefe Rührung. Warum?

    Kurze Rückblende in die Achtzigerjahre: Eines Tages kam ein neuer Schüler namens Martin in unsere 9. Klasse an einem Gymnasium in Berlin-Zehlendorf. Es dauerte nicht lange, bis ich auf seinem Federmäppchen die Aufschrift »Deutscher Meister 1930/31« entdeckte und ihn dadurch als Hertha-Fan identifizierte. Der Verein dümpelte damals in der Amateur-Oberliga herum, kaum jemand interessierte sich noch für sein trostloses Gekicke. Wir beide schon. Martin und ich wurden schnell Freunde und sind es bis heute. Die Kerze steht für mich also für unsere Freundschaft, für meine Kindheit und Schulzeit in West-Berlin, für eine verschwundene Welt, die mich geprägt hat und der ich mich stark verbunden fühle.

    Daneben steht die Kerze aber einfach, na klar, für den Fußballverein Hertha BSC. Irgendwie entspricht ihr bizarres Aussehen dabei dem höchst bizarren Schauspiel, das der Club in den letzten Jahren geboten hat, mit Klinsmann-Tagebüchern, versenkten Windhorst-Millionen und dem Absturz auf den letzten Platz der Zweiten Liga (von dem wir uns nun wieder etwas weggekämpft haben). Stets erinnert sie mich daran, dass zum Leben auch das Leiden gehört, selbiges aber leichter zu ertragen ist, wenn man alles mit Humor nimmt. Wir Hertha-Fans wissen das schon lange.

    Schließlich geht es beim Fußball immer auch um Hoffnung. Auf das nächste Spiel, das nächste Tor, den nächsten Sieg. Die Hertha-Kerze, so beschloss ich schon sehr früh, wird nur nach großen Triumphen angezündet, deshalb kann ich genau sagen, wann das zum letzten Mal der Fall war: Am 10. August 2013 nach einem 6:1-Sieg über Eintracht Frankfurt, der uns für eine Woche an die Spitze der Bundesliga-Tabelle brachte. Seitdem hat mir der Verein keine vergleichbaren Glücksmomente beschert, und ich bin skeptisch, ob das je wieder der Fall sein. Aber wenn doch, wird die Hertha-Kerze wieder brennen. Johannes Waechter

    Folge 15: Das Kuschelschwein

    Das Schwein kam aus New York angeflogen. Natürlich nicht selbst: Meine Großtante Fanny, die dort lebte und die ich nur aus Geschichten kenne, hatte das Kuscheltierschwein nach meiner Geburt bei Sak’s für mich gekauft und rüberschippen lassen. Es war rosa, sehr dick, hatte einen Ringelschwanz und eine rot karierte Schleife um den Hals. Als ich sprechen konnte, taufte ich es Gägä, eine verrückte Alliteration, die wenig mit Schweinen zu tun hat.

    In den nächsten Jahren flog Gägä mit nach Mallorca in den Urlaub, diente als provisorisches Kopfkissen bei Übernachtungen und kam im Ranzen mit in die Schule. Über die Jahre hat das Schwein seine Schleife verloren und ein selbstgemachtes Freundschaftsarmband bekommen – seine beste Freundin, eine Kuh, trägt das Pendant. Außerdem hat Gägä extrem an Gewicht verloren – die berühmte Knuddeldiät. Den Ringelschwanz hat mein Kinder-Ich so oft durch die Finger gezogen, dass er jetzt stecken-gerade ist.

    Vor einigen Jahren, bei einem Nähkurs mit meiner Oma, haben wir das Tier generalüberholt. Da lag es ausgebreitet wie ein angespülter Seestern aus Frottee, die Gliedmaßen von sich gestreckt. Mit ein paar Stoffresten und viel neuer Wolle sah es wieder ganz proper aus. Aber trotz aller Liebe, oder gerade deswegen, ist es schnell wieder geschrumpft. Der Kopf hängt mittlerweile und die Augen sind trüb, weil sie im Schleudergang der Waschmaschine nicht überklebt waren.

    Meine Mutter scherzt immer, dass das Schwein mal hinter Glas stehen wird, um sich nicht gänzlich aufzulösen. Aber ich denke, es muss geliebt werden. Also wird es in zehn Jahren vielleicht auf dem Fensterbrett meiner Tochter sitzen, den Kopf leicht gesenkt, aber mit Liebesspuren in den Nähten des alten, rosa Stoffs. Sophie Nothhaft

    Folge 14: Der Schal

    »Es zieht.« Ein Satz, den ich in meinem Leben öfter gesagt habe, als ich zugeben möchte. Ich fürchte mich vor Klimaanlagen, die ich nicht runterstellen kann. Vor Lüftungen in Flugzeugen. Vor Fahrtwind, der mir an den unbedeckten Ohren vorbeirauscht. Der Grund dafür ist, dass ich als Kind chronisch unter Mittelohrentzündungen litt. Bei jedem noch so kleinen Windchen muss ich an meine Mutter denken, die mir dann immer warmes Öl in die Ohren goss. Und obwohl ich schon lange keine Mittelohrentzündung mehr hatte, ist die Angst vor dem Zug noch immer groß. Vor allem deshalb habe ich seit Jahren fast jeden Tag einen Schal in der Tasche, den ich mir bei Luftzuggefahr sofort um den Kopf wickle.

    Der Schal ist außerdem die bessere Mütze. Das wusste auch Grace Kelly. Ein Schal klemmt mir nicht die Ohren ab und zerstört nicht meine Frisur. Er hinterlässt keine Abdrücke auf der Stirn. Und er löst vor allem nie dieses unerträgliche Jucken der Kopfhaut aus, wenn sich zwischen Schädel und Wollmütze die Hitze staut. Ich leide immer mit, wenn ich im Winter Kinder sehe, die sich mit ihren Fäustlingen die Köpfe reiben.

    Neben Wärme und Luftzugvermeidung hilft mir der Schal aber auch in anderen Situationen. Eine zweite Furcht von mir ist nämlich, in öffentlichen Verkehrsmitteln einzuschlafen und dabei beobachtet zu werden, wie mein Kopf immer und immer wieder nach vorne kippt. Oder – noch viel schlimmer – seitlich gegen eine Scheibe klatscht, an der sich noch der fettige Abdruck eines anderen Gesichtes befindet. Wenn es sich also gar nicht vermeiden lässt, einzuschlafen, wird mein Schal oft zum Kissen, das ich dann zwischen Kopf und Scheibe klemme. Für mich ist der Schal eines der wenigen Kleidungsstücke, die es schaffen, multifunktional und schön zu sein – zwei Eigenschaften, die sich für gewöhnlich ausschließen. Lea Mohr

    Folge 13: Die Salatschleuder

    Es soll Menschen geben, die ohne sie auskommen, ihre Daseinsberechtigung sogar in Frage stellen. So ein riesiges Ding, das nur unnötig Platz im Küchenschrank einnimmt. Das braucht es doch nicht? Allen Zweiflern und Skeptikerinnen möchte ich entgegenschleudern: Ihr wisst nicht, was euch entgeht! Bei der Salatschleuder handelt es sich um eine so simple wie geniale Erfindung. Ein Gerät, das Wasser von Salatblättern zentrifugiert. Das ohne Strom, aber mit Fliehkräften wirkt und das Leben so viel besser macht.

    Ich nutze sie täglich, seit Jahrzehnten. Dabei wuchs ich in einem Haushalt ohne auf. Salatblätter wusch meine Mutter im Spülbecken und ließ sie anschließend in einem Sieb abtropfen. Richtig trocken wurden sie aber nie, der Salat schmeckte wässrig. Kaum war ich ausgezogen, legte ich mir eine Salatschleuder zu – und plötzlich drehte sich alles in und um dieses Küchengerät.

    Egal ob Rucola, Eichblatt- oder Feldsalat, ob Blaubeeren, Petersilie oder Koriander, allen gönne ich nach dem Waschgang ein paar Runden im Rotor. Selbst die traurigsten und leicht welken Salatblätter erweckt so ein Schleudergang zu neuem Leben. Sie schmecken anschließend frischer, knackiger, gut getrocknet halten sie sich auch länger und nehmen Essig und Öl besser auf. Entnehme ich den Korbeinsatz, wird die Schleuder zur Salatschüssel, der Korb wiederum dient mir als Sieb, um zum Beispiel Nudeln abzugießen. Die Einsatzmöglichkeiten sind endlos. Einmal schleuderte ich sogar empfindliche Seidenunterwäsche darin trocken. Hat auch funktioniert.

    Für mich stellt sich also nicht die Frage, ob der Mensch eine Salatschleuder braucht, sondern nur, welches Modell. Ich habe bereits einige ausprobiert: Salatschleudern mit Schnur, aber auch welche mit Kurbel. Gerade bin ich wieder beim günstigen und gar nicht mal so großen Ikea-Modell angelangt. Und das passt wirklich in jeden Küchenschrank. Verena Haart Gaspar

    Folge 12: Die Gallseife

    Ich bin jetzt Anfang 30 und merke, dass mich kleine Momente der Bürgerlichkeit überraschend glücklich machen. Ich liebe es, an einem freien Samstagvormittag zum Wochenmarkt zu laufen und habe mir sogar einen Korb dafür gekauft, der so aussieht, wie Wochenmarkt-Körbe eben immer aussehen. Ich fühle mich gut, wenn die Altglas-Box in meiner Küche frisch geleert ist. Und ich pflege gerne meine Klamotten, damit sie länger halten. Was für mich vor allem bedeutet: Ich versuche ständig, Flecken wieder aus ihnen rauszukriegen.

    Denn da kommt bei mir einiges zusammen. Ich liebe ölige Tomatensauce auf Nudeln und Tahin-Dressings auf meinen Salaten. Ich schütte in viel zu viele Gerichte Mengen an Kurkuma.  Und vor allem benutze ich fast jeden Tag Sonnencreme, wie soll es auch anders sein, als Frau mit Instagram-Konto und einem Feed voller Skincare scheint das unausweichlich. Also haben meine Oberteile und Kleider schon einige Essensflecken und gelbe Sonnencreme-Ränder abbekommen.

    Bei jedem Umzug merke ich, wie viele Fleckentferner-Fläschchen ich über die vergangenen Jahre schon wieder angesammelt habe. Aber das hat seit einiger Zeit ein Ende. Denn da habe ich – ich glaube auf Instagram – die Empfehlung für einen Fleckentferner gesehen, der alle anderen hinfällig macht. Es ist ein Klassiker: Gallseife. Allerdings in einer überraschend süchtig machenden Darreichungsform.

    Denn bei DM (vermutlich gibt es sie auch bei anderen Drogerien, aber dort habe ich sie gekauft) bekommt man sie flüssig abgefüllt in einer Flasche, an deren Ende eine Bürste mit Plastikborsten ist. Damit kann man nicht nur Gallseife auftragen, sondern den Fleck auch gleich etwas ausbürsten. Und hier sind wir wieder bei den bürgerlichen Glücksmomenten. Den Fleck mit der Bürste auszuschrubben und später das meistens wieder sehr saubere Tshirt aus der Waschmaschine zu holen, ist schönste Selbstwirksamkeit. Hach, Anfang 30 sein, das ist schon was. Dorothea Wagner

    Folge 11: Die Riesentasse

    Zwei Teebeutel rein, einen halben Liter Wasser drauf, und ich starte gut hydriert in den Tag. Meine Riesentasse ist seit gut sechs Jahren fester Bestandteil meiner Morgenroutine. Einmal aufgefüllt, muss ich weder alle 20 Minuten frischen Tee kochen noch drei Tassen gleichzeitig an den Schreibtisch balancieren. Anders als in einer Thermoskanne, aus der man sich in regelmäßigen Abständen dampfend heiße Getränke gießt, kühlt der Tee in meiner Riesentasse langsam auf die ideale Trinktemperatur herunter – ohne direkt eiskalt zu werden. Und am Ende ist sie einfacher zu spülen als eine beschichtete Kanne.

    Insgesamt besitze ich drei Riesentassen, Freundinnen und Freunde haben sie mir unabhängig voneinander geschenkt, als ich 17 war. Lustigerweise das gleiche Modell, aber mit unterschiedlichem Print: Einhörner, in verschiedenen Formen und Farben. Dass meine Lieblingstiere darauf sind, war ausschlaggebend für den Kauf, denn einen Designaward würden die Tassen sicher nicht gewinnen. Sie sind bauchig und massiv, und beim Trinken verschwindet mein komplettes Gesicht darin. Sie brauchen viel Platz im Schrank und machen Umzugskisten deutlich schwerer. Sie sind aber trotzdem praktisch, wenn man mal Besuch hat, der auch gerne viel Tee trinkt. Oder Suppe essen möchte. Oder Eis. Oder eine Soße anrühren. Durch den Henkel liegen sie nämlich besser in der Hand als Schüsselchen, und der hohe Rand verhindert Kleckern.

    Dass ich sie bis heute täglich benutze, hätte während der Schulzeit niemand gedacht – allein schon, weil die Tassen aus einem Ein-Euro-Laden stammen. Was sie alles mitgemacht haben, ist erstaunlich. Vor den Abiprüfungen habe ich daraus nervös meinen Tee geext, während meines Volontariats war eine der Riesentassen fester Bestandteil meines Redaktions-Equipments, und danach habe ich sie in drei verschiedene Studi-WGs mitgenommen. Wohin es mich als nächstes verschlägt, steht noch nicht fest. Was ich als erstes in meine Umzugskiste packe, aber schon. Franziska Groll

    Folge 10: Die Kabelkopfhörer

    Eigentlich gibt es nichts, was für Kabelkopfhörer spricht: Bluetooth-Kopfhörer sind handlicher und mobiler. Und sie verursachen keinen Kabelsalat. Also kaufte ich mir vor eineinhalb Jahren (ich weiß, late to the party und so) meine ersten Bluetooth-Kopfhörer: klein, weiß, in-ear. Ein endgültiger Wechsel von Kabelkopfhörern zu kabellosen. Dachte ich jedenfalls.

    Ich hatte die neuen Kopfhörer gerade mal zwei Wochen, da stand ich am Bahngleis und wollte mit dem Zug zur Arbeit. Beim Einsteigen touchierte mich ein übermotivierter Drängler. Die Musik aus meinem linken Ohr verschwand. Der kleine weiße Ohrstöpsel dotzte auf dem Bahnsteig auf, zwei- oder dreimal, und verschwand im Spalt zwischen Bahnsteigkante und Zug. Im ersten Moment dachte ich, was soll’s, dann bleibt das Ding halt da liegen, und stieg in den Zug. Im zweiten Moment dachte ich, auf keinen Fall, die Teile kosten über 100 Euro, und stieg wieder aus. Als der Zug abgefahren war, kraxelte ich ins Gleisbett und angelte den Kopfhörer wieder heraus. Ich nahm den nächsten Zug, kam eine halbe Stunde zu spät zur Arbeit und war fortan mit einem flüsternden linken Kopfhörer unterwegs.

    Ich benutzte die Kopfhörer trotzdem weiter, aber immer wieder, wenn ich mich ruckartig bewegte, verabschiedete sich einer der beiden aus meinem Ohr. Das Gute daran: Ich trainierte meine Reaktionen, indem die herabstürzenden Kopfhörer mit akrobatischen Handbewegungen auffing. Das Schlechte: Ich erwischte sie nicht immer. Mit jedem Sturz wurden die Kopfhörer leiser.

    Es hat also eh nicht so gepasst zwischen Bluetooth-Kopfhörern und mir. Und es gibt noch etwas, was zwischen uns stand: Ich war eines dieser Kinder, zu dem die Eltern immer gesagt haben: »Kind, gut, dass dein Kopf festgewachsen ist, sonst würdest du den auch noch verlieren.« Und die Möglichkeit, etwas zu verlieren, wurde mit dem Kauf der Bluetooth-Kopfhörer (linker Ohrstöpsel, rechter Ohrstöpsel und Ladecase statt langes Kabel) verdreifacht. Es kam also, wie es kommen musste: Regelmäßig lief ich tagelang nur mit einem der beiden Stöpsel herum und fand den anderen wahlweise im Altpapier, im Badezimmeregal, auf der Dunstabzugshaube oder – dem Klassiker – in der Sofaritze wieder.

    Bluetooth-Kopfhörer waren für mich also vor allem zweierlei: flüsternd und selten verfügbar. Also bin ich nun wieder bei Kabelkopfhörern, wissend, dass meine Liebe zu ihnen an meinen eigenen Unzulänglichkeiten (Verplantheit und seltsam geformte Ohrmuscheln) liegt. Aber welche Liebe tut das eigentlich nicht? Florian Weber

    Folge 9: Der Handtuchponcho

    Gekauft habe ich den Handtuchponcho, einen Überwurf aus Frotteestoff mit Kapuze und zwei Löchern für die Arme, auf meiner ersten großen Backpackerreise in Marokko. Am Strand von Taghazout hatten ihn alle Surferinnen und Surfer, um nach dem Wellenreiten im Atlantik ihren Neoprenanzug darunter auszuziehen und sich dann eingemummelt an den Strand zu setzen.

    Dass der Poncho nicht nur fürs Surfen großartig ist, merkte ich später im Gemeinschaftsbad im Hostel. Viel Privatsphäre gibt es dort eigentlich nicht – aber jetzt hatte ich meine eigene, gemütliche Umkleidekabine zum Mit-mir-herumtragen. Schluss mit den unangenehmen Momenten nach dem Baden, in denen man sich mit der einen Hand das Handtuch um die Hüfte schlingt und mit der anderen versucht, das Bikiniunterteil gegen die Unterhose zu tauschen – in ständiger Angst, dass etwas verrutscht oder durch den Schlitz an der Seite blitzt. Seitdem verreise ich grundsätzlich nicht mehr ohne mein Lieblingshandtuch. Auch, wenn ich mit Freundinnen und Freunden am See schwimmen gehe, packe ich es ein. Nicht selten stibitzen sich die anderen den Poncho dann zum Umziehen.

    Gelegentlich werde ich von fremden Leuten gefragt, ob ich surfe, wenn ich den Poncho trage. Eigentlich ein netter Nebeneffekt. Teil der Wahrheit ist aber auch, dass meine ersten Surfversuche eher kläglich scheiterten und ich verfroren, frustriert und von den Wellen durchgespült an den Strand kroch. War aber nicht so schlimm – schließlich konnte ich mich danach in meinen Handtuchponcho kuscheln und, vor Wind und Blicken geschützt, mit der Kapuze schief im Gesicht, den Wellen zuschauen. Merle Hubert

    Folge 8: Der Toaster

    Als Kind hatte ich eine ausgeprägte Vorliebe für ungetoastetes Toastbrot. Mit Brotscheiben, die beim Reinbeißen auch nur im Ansatz knusperten, konnte ich nichts anfangen. Ich liebte das Geschmacklose: Je labbriger, desto besser. Meine Geschwister machten sich deswegen oft über mich lustig, mir war das egal, ich konnte mir auf dieser Welt nichts Besseres vorstellen als Brot, das im Mund sofort zerfällt und das jeden Tag. Mit dem Toaster hatte ich zu diesem Zeitpunkt kaum Berührungspunkte, das Gerät blieb in meiner Anwesenheit meistens kalt.

    Das änderte sich, als ich für mein Studium in eine WG zog: Ein Schalter wurde umgelegt. Es ratterte. Und machte dann mit einem Mal Klick. Auch in meinem Kopf.

    Dass ich dem von mir lange unterschätzten Toaster nun einen Toast aussprechen möchte, hat viel mit meiner damaligen Wohnsituation zu tun. Mit zwei Freundinnen teilte ich mir eine Wohnung, die sich direkt gegenüber von einem Supermarkt befand. Statt Wocheneinkäufen gab es bei uns Tageseinkäufe; wer für das Abendessen etwas brauchte, ging eben schnell runter und holte es. Mit anderen Worten: Wir wurden bequem.

    So kam es nicht selten vor, dass wir am Sonntag vor dem geöffneten Kühlschrank standen und erst einmal peinlich berührt überlegen mussten, was wir aus den Lebensmitteln, die wir aus unseren Tageseinkäufen noch hatten, kochen konnten. Meistens lautete die Antwort »nichts«, und so wurde das durch unseren Gemeinschaftstoaster geröstete Brot mit der Zeit zu so etwas wie unserem klassischen Sonntagsbraten.

    Unsere Einkäufe sind mittlerweile geplanter geworden, das Essen gesünder und wir ein Stück weit erwachsener. Getoastetes Brot gehört für mich dennoch bis heute zum Sonntag dazu – aus aromatischen Gründen, nicht mehr aus Mangel an Alternativen, zumindest in den allermeisten Fällen nicht. Der Toaster hat genau eine Aufgabe und die machte er gut: Er gibt jeder halbtrockenen Scheibe Brot eine zweite Chance und uns damit irgendwie auch. Marei Vittinghoff

    Folge 7: Die Swatch-Armbanduhr

    Dass Handys zum Telefonieren und Uhren zum Kontrollieren der Uhrzeit benutzt werden können, gerät mitunter in Vergessenheit. Wer will schon in ein Telefon sprechen, wenn er in der gleichen Zeit darauf ein paar Nachrichten schreiben, Youtube-Videos und Instagram-Fotos anschauen kann. Und wer braucht die Uhrzeit, wenn er stattdessen die Qualität des eigenen Schlafes, die Anzahl der getätigten Schritte und den Wetterbericht sehen kann. Tja. Ich. Ich möchte auf meiner Uhr ausschließlich die Zeit sehen – Ablenkung habe ich durch das Handy genug. Seit ich die Uhr lesen kann, besitze ich eine Armbanduhr von Swatch. Anfangs eines der kleinen Kindermodelle. Später eine mit kleinem Ziffernblatt, dafür aber doppelt langem neonpinken Armband. Eine der extra-dünnen hatte ich auch mal. Und zuletzt ein simples blaues Modell mit großen weißen Zahlen, Stunden-, Minuten- und Sekundenzeiger. Schritte zählen? Blutdruck messen? Nachrichten empfangen? Kann meine Armbanduhr alles nicht. Sie kann viel mehr.

    Sie springt mit mir in den Pool, ohne kaputt zu gehen. Sie nimmt es mir nicht übel, wenn ich sie auch mal wochenlang im Eckl liegen lasse. Ein paar Kratzer, weil meine Kinder sie einen Nachmittag lang trugen und damit die Wände entlangschleiften? Kann sie ab. Wenn das Armband anfängt, sich aufzulösen, bestelle ich ein neues und bin selbst in der Lage, es innerhalb weniger Minuten auszutauschen. Selbst die Batterie lässt sich ohne größere Schwierigkeiten wechseln. Kurz: Meine Swatch verleiht meinem Leben einen Hauch Unkompliziertheit, die es sonst manchmal vermissen lässt. Sie benötigt keine große Sorgfalt oder Fürsorge, kein Ladekabel und keine Schutzfolie. Sie tickt einfach weiter. Unbeirrbar. Sogar ziemlich laut. Wie viele Schritte ich gemacht habe, ist ihr egal. Und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Vor allem, wenn ich abends auf dem Sofa sitze und mein Mann gerad seine sechste Runde um den Esstisch dreht, weil ihm seine Smart Watch gerade mitgeteilt hat, dass ihm noch 400 Schritte bis zum Tagesziel fehlen. Maria Sprenger

    Folge 6: Das große Wasserglas

    Irgendwann fing es an. Die ausgespülten Senf- oder Nussnougat-Gläser meiner Kindheit wurden abgelöst. Von kleinen chicen Wassergläsern. Ich glaube, der Trend ging von diesen teuren, skandinavisch eingerichteten Restaurants mit den hellen Holztischen und den graublauen Filzkissen auf den hölzernen Sitzbänken aus. Sie stellten als Erste die flachen Schälchen zum Trinken auf den Tisch. Sowas wie eine Petrischale mit hochgezogenen Seitenwänden. Nur eben nicht besonders hochgezogen. Plötzlich gab es diese Gläser überall zu kaufen, plötzlich standen sie oft bei Freunden auf den Tischen. Gläser, aus denen man keine vier vollen Schlucke machen kann, weil sie bei Schluck drei schon wieder leer sind. Fühlt sich an wie Schwimmbewegungen abbrechen, weil der Pool zu klein ist.

    Nun könnte man vom Glas gleich auf die Flasche ausweichen, wenn man gerne Wasser trinkt. Aber für einen gedeckten Tisch sind sie nichts. Und selbst auf dem Schreibtisch sehen sie immer so nach Aufbruch aus, nicht gemütlich. Außerdem riechen Plastikflaschen oft nach dem Vorgängergetränk oder dem Spültab. Glasflaschen sind besser, aber zwingen zum gespitzten Trinkmund. Tassen sind so wuchtig an den Lippen. Bierkrüge aus Glas sind zu schwer. Das dünne Glas ist einfach das beste Trinkgefäß; es riecht neutral, bleibt kühl, lässt Mund und Nase Platz.

    Und das einzige, was einen davon abhält, das Problem zu lösen, ist diese merkwürdige Nahraum-Ergebenheit. Während Spezialausrüstung wie die perfekten Schwimmflossen für vier Einsätze im Jahr ständig auf dem Prüfstand stehen, lebt man jahrelang mit zu kleinen Gläsern, zu brüchigen Gardinenstangen, zu kurzen Ladekabeln oder halbkaputten Fernbedienungen. Die Lösung liegt unsagbar nahe: Wassergläser, die einen halben Liter fassen und trotzdem keine Humpen mit Halter sind – gibt es inzwischen wieder von Kik bis HAY. Manchmal sind es eben die großen Dinge. Lara Fritzsche

    Folge 5: Der Tangle Teezer

    In der Grundschule wollte ich Sandy von den No Angels sein. Sandy hatte blaue Augen und platinblonde, glatte Haare. Ich hatte seit jeher einen praktischen Kurzhaarschnitt, den ich langsam rauswachsen ließ. Was da entstand, hatte aber mit Sandys Haar so gar nichts zu tun. In den folgenden Jahren beschäftigten mich abgebrochene Spitzen, verknotete Haarenden, ungewollte Dreadlocks und entsetzte Friseurinnen. Ein Zitat ist mir besonders im Kopf geblieben: »Meine (Pause) liebe (Pause) Kundin. Wie siehts bei (übertriebene Betonung) Ihnen denn mit der Pflege aus?«. Mein sowieso fragiles siebzehnjähriges Selbstbewusstsein traf das hart.

    Anfang 20 ließ ich mir die Haare also wieder abschneiden und die eine Seite gleich abrasieren. Mittlerweile wusste ich, welche Spülungen alle nichts gebracht hatten, und hatte als Sozialwissenschafts-Studentin kapiert, dass ich meinen Traum von Sandys Haar und mein Leiden an meinem eigenen auch der Gesellschaft zu verdanken hatte, in der ich aufgewachsen war. Sandy stand auf fast allen Fotos in der Mitte. Auch meine Grundschulfreundinnen fanden von den fünf No Angels ausnahmslos sie am Tollsten. Dass es gleich mehrere Bandmitgliederinnen mit Locken gab, war im Deutschland der frühen 2000er ungewöhnlich. Über Menschen mit Haaren wie meinen wurden in meiner Kindheit und Pubertät vor allem Debatten geführt, ob sie zu Deutschland gehören könnten und überhaupt integrationsfähig seien, wenn sie nicht gleich wie in Mölln 1992 oder Solingen 1993 Opfer rechtsextremer Anschläge wurden.

    Mit meinen kurzen Locken handelte ich mir Momo als neuen Spitznamen ein. Ansonsten war diese Frisur jahrelang eine Erfolgsgeschichte, bis ich Paterson von Jim Jarmush im Kino sah. Golshifteh Farahani, sowieso wunderschön, in der Hauptrolle mit langen, lockigen, glänzenden, schwarzen Haaren. Könnten meine Haare so aussehen? Ich ließ sie wieder wachsen, die Spitzen brachen wieder ab, die Enden verknoteten sich, sogar die Blicke der Friseure in Hamburg ähnelten denen in der schwäbischen Kleinstadt. Aber mittlerweile gab es Youtube.

    Ich schaute viele Minuten Videos von Lockeninfluencerinnen und lernte: Niemals trocken kämmen. Selten waschen. Jede Woche Haarkur. Mit zusammengebundenen Haaren oder noch besser einer Satinmütze schlafen. Manche Maßnahmen kosteten zu viel Geld oder Zeit oder beides, aber eine war preiswert und effektiv: In einem Video lernte ich den Tangle Teezer kennen, eine Bürste mit langen, dünnen, weichen Plastikspitzen, die es in den meisten Drogerien gibt. Unauflösbare Knoten und abbrechende Spitzen beschäftigen mich beim Kämmen seither nicht mehr. Wie die von Golshifteh Farahani sehen meine Haare immer noch nicht aus. Aber mit Sandy würde ich um keinen Preis der Welt mehr tauschen. Susan Djahangard

    Folge 4: Die Taschenlampe

    Drei gute Gründe für den Kauf einer hochwertigen Taschenlampe: Ich gehe mit meinem Hund oft abends im Dunkeln spazieren, ich schaue zu viel »Aktenzeichen XY… ungelöst« und ich hatte 2021 eine unheimliche Begegnung mit einem Phantom. Zusammengefasst habe ich mir eine ordentliche Taschenlampe gekauft, weil ich im Dunkeln ein kleiner Schisser bin.

    Die LED-Lampe leuchtet mit bis zu 700 Lumen jede düstere Ecke taghell aus, aus bis zu 300 Meter Entfernung. Die 42 Zentimeter lange Taschenlampe liegt dank Alugehäuse recht massiv in der Hand, notfalls könnte man Verbrecher damit verkloppen, hoffe ich. Zudem hat meine Lampe eine Art Selbstverteidigungsfunktion, im aktivierbaren Stroboskop-Modus blendet sie andere mit Lichtblitzen.

    Ob die Lampe gegen Phantome hilft, weiß ich nicht. Und damit zur Grusel-Anekdote: Ich lief eines Abends Ende November 2021 mit einem Freund und dessen Hund am See-Ufer entlang, es war neblig, die Wege unbeleuchtet. Wir bemerkten eine Gestalt, die uns in Schwarz gekleidet in einigem Abstand folgte. Immer wenn wir uns umdrehten, stand sie regungslos da. Man konnte seltsamerweise nie ein Gesicht erkennen. »Creepy Typ«, meinte mein Freund. Als wir bei seinem Haus ankamen und uns noch mal umdrehten, stand die dunkle Gestalt wieder so seltsam reglos in der Ferne. Wir blickten uns an, blickten wieder zur Gestalt – die urplötzlich verschwunden war. Ich verabschiedete mich scherzend (»Du erbst meinen Hund, wenn ich gleich ermordet werde.«) und lief alleine weiter – auf dem Heimweg kam bei mir der große Wunsch auf, sehr bald eine gute Taschenlampe zu besitzen.

    Der Akku hält übrigens bis zu 24 Stunden, ich lade sie gerne auf, wenn ich »Aktenzeichen XY… ungelöst« sehe, fürs Gassigehen danach. Die Lampe ist zugleich eine Powerbank, an der man ein Handy zwar nicht groß aufladen kann, aber es reicht, dass der Akku nicht leerer wird. Fürs Sicherer Fühlen ist also einiges getan. Marc Baumann

    Folge 3: Der aufblasbare Pilatesball

    Um die Liebe zu meinem aufblasbaren Pilatesball zu erklären, muss ich kurz ausholen: Wir sind eine vierköpfige Familie, zwei Erwachsene, zwei Kinder, und aus pragmatischen Gründen (ein Aufgabegepäck kostet oft fast so viel wie ein ganzer Flug) haben wir beschlossen, dass wir nur noch mit einem großen Koffer reisen, egal, ob wir drei Tage oder drei Wochen unterwegs sind. Jedes Familienmitglied bekommt ein Viertel Kofferinhalt Platz für Klamotten und Kulturbeutel, dazu nehmen wir einen Rucksack für Bücher und Spielzeug und einen für wichtige Dinge wie Medikamente, Reisepässe und Ladekabel mit.

    Warum das Reisen mit kleinem Gepäck sehr zu empfehlen ist, gehört in einen eigenen Text, doch diese Platzbeschränkung hängt eng mit meiner Pilatesball-Liebe zusammen. Weil wir selten in Hotels mit Fitnessbereich einchecken, ich aber schlechte Laune und Rückenschmerzen bekomme, wenn ich mich zu wenig bewege, nehme ich meinen kleinen blauen Ball überall mit hin. Lässt man die Luft raus, ist er so kompakt wie ein Sockenbündel. Aufgeblasen so groß wie ein Volleyball, ersetzt er für mich ein Fitnessstudio: Ich benutze ihn als eine Art Wackelboard für Füße, Hände oder Knie, um das Gleichgewicht zu schulen und die tieferliegenden Muskelgruppen zu erreichen, klemme ihn zwischen die Oberschenkel oder Handflächen, um gegen seinen Widerstand zu arbeiten, lehne mich für spezielle Sit-ups an ihn an, oder kreise damit um meinen Rumpf für mehr Beweglichkeit.

    Um das Unterwegs-Workout zu komplettieren, braucht es dann eigentlich nur noch zwei Wasserflaschen als Kurzhanteln und eine Feinstrumpfhose als Gummibandersatz (falls Sie das alles verwirrend oder schwer vorstellbar finden, schreiben Sie mir gern, dann verrate ich Details). Und wenn ich dann noch ein bisschen Ausdauertraining machen möchte, spiele ich eine Runde Fuß- oder Wasserball mit meinen Kindern.

    Der Haken an dem Konzept ist allerdings auch schnell erklärt: Weil wir nur diesen einen Ball für alle dabeihaben, kommt es immer wieder vor, dass er gerade anderweitig belegt ist. Und nachdem mit ihm neulich auf einem Platz mitten in Genua ein deutsch-italienisches Nachwuchs-Fußballturnier ausgetragen worden war, musste ich ihn erstmal mit unter die Dusche nehmen. Sara Peschke

    Folge 2: Das Taschenmesser

    Ich wollte nie Superman sein. Ständig in irgendwelchen Telefonzellen die Klamotten wechseln, jessas! Zum Glück muss ich das in meinem Beruf nie. Aber wenn ich mein kleines Taschenmesser dabei habe, fühle ich mich immerhin ein bisschen, als hätte ich geheime Superkräfte. Es ist so ein Mini-Modell, hat gar nicht so viele Funktionen – aber mit ein paar Tricks auf Superman-Niveau. Ich weiß nicht mehr, wie lang ich es schon besitze, zehn Jahre, fünfzehn Jahre vielleicht. Da ist erstmal, ganz klassisch, die kleine Klinge, die reicht, um Obststücke zu schneiden. Eine Nagelfeile, an der ich vor allem das Schraubenzieher-Ende Gold wert finde, für Lampen, Batteriefächer, Regalbretter, alles, was so anfällt. Im Griff steckt eine herausnehmbare Pinzette – die schon oft Kinderhände von fiesen Splittern und Stacheln befreit hat. Und ab da gehts in die Superman-Liga: ebenfalls im Griff, ausfahrbar, eine winzige Kugelschreibermiene. Wenn man am anderen Ende die Feile ausklappt, hat man insgesamt einen erstaunlich griffigen Stift in der Hand. Wie oft der mich schon gerettet hat, wenn ich unterwegs was notieren musste! Schon bis hierhin würde ich sagen, Supermesser. Aber dann klappe ich noch den USB-Stick aus, 32 Gigabyte. Welche Unmengen von Daten dieser Stick schon transportiert hat! Unterlagen, Fotos, Recherchematerial, Musik, Filme, im Grunde alles, was sich irgendwie digital speichern lässt. Dank meinem Supermanmesser herrlich unabhängig von allen Clouds und WeTransfers und ihren Datenklau-Gefahren. Ich will nicht übertreiben, aber: Wenn ich mein Taschenmesser dabei habe, fühle ich mich für alles gewappnet. Ist es fürchterlich nerdig, sich über ein Multifunktions-Taschenmesser mit USB-Stick zu freuen? Absolut. Aber hey, es gibt sogar Nerds, die ziehen sich in Telefonzellen um und retten die Welt. Max Fellmann

    Folge 1: Die Macchinetta 

    Die Leute meinen ja, es braucht eine Siebträgermaschine für einen richtig guten Cappuccino, für einen Espresso natürlich erst recht, ohne goldbraune Crema geht es nicht. Was früher Cafés von Wohnküchen unterschied, war die Kaffeemaschine. Heute steht bei vielen Zuhause ebenfalls ein silber-metallic glänzendes Familienmitglied. Es geht nur damit, oder?

    Ich habe eine kleine Anekdote aus dem Land des guten Espresso: Italien. Ich kenne dort ein Café, da bekomme ich verlässlich einen richtig guten Cappuccino, die Milch ist cremig, das Verhältnis Milch zu Kaffee perfekt, der Kaffee nicht zu heiß, aber eben auch nicht lauwarm. In dem Café steht eine sehr große, sehr beeindruckende Siebträgermaschine, denn es werden dort jeden Tag sehr viele Kaffees getrunken, und der Mann, der den Kaffee dort macht, tut das seit 30 Jahren. Es kann aber passieren, dass er mal auf Toilette muss und sein Bruder den Kaffee macht, und dann kommt aus demselben Gerät, aus den gleichen Kaffeebohnen und aus der gleichen Milch eine fast ungenießbare Plörre heraus. Das erzähle ich, weil ein guter Cappuccino von vielen Faktoren abhängt, und eine Siebträgermaschine noch lange keine Garantie für einen guten Cappuccino ist.

    Das ist die Vorrede zu meiner Langzeitliebe: es ist eine Macchinetta. Eine kleine Espressomaschine, die aufgeschraubt wird, mit Kaffeepulver befüllt und dann auf der Herdplatte Kaffee kocht. Sie kostet 10 bis 30 Euro und wird mit den Jahren immer besser. Nämlich dann, wenn Sieb, Dichtungsgummi, und jede Stelle Edelstahl vom Kaffee durchdrungen wurde und längst selbst nach Kaffee riecht und schmeckt.

    Klar, auch meine kleine Espressomaschine kann zicken, dann habe ich sie vielleicht nicht fest genug zugeschraubt oder das Wasser war nicht ganz kalt oder sie hat einfach so einen schlechten Tag. Aber meistens schmeckt er so gut, dass ich innerlich kurz seufze vor Glück, die kleine Maschine anschaue und denke, Du hast mir den Tagesbeginn gerettet, you made my day, wieder einmal. Gabriela Herpell