Gefangen in der Wortspielhölle

Öxit, Schnexit, Cloxit: Der »Brexit« kann unserem Autor gar nicht schnell genug gehen, denn dann wäre endlich Schluss mit den vielen Sprachwitzen.

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Stolpern zum Brexit – Großbritannien, ein Referendum und eine immer näher kommende Abrechnung«. Diese Überschrift stand im Mai 2012 auf blogactiv.eu über einem Text von Peter Wilding, Gründer einer englischen Denkfabrik. So kam laut Oxford Dictionary der Brexit zur Welt – also der Begriff. Kurz dachte man: Toll, so ein eingängiges Wörtchen im sperrigen Politsprech. Aber mit den Jahren: tja.

Heute ist es denkbar, vom bevorstehenden Totalschaden der europäischen Gemeinschaft weniger genervt zu sein als davon, dass Ausstiegsszenarien in allen Lebensbereichen wortwitzig exitiert werden. Die Kanzlerin wackelt? Auf Twitter wird der #Mexit ausgerufen. Die Zeitschrift Spex verschwindet? Der Südwestrundfunk berichtet vom Spexit. Die Uhren sollen nicht mehr umgestellt werden? Ein Chronobiologe spricht der Süddeutschen Zeitung gegenüber vom Cloxit. Seehofer will zurücktreten, Sachsen soll raus aus Deutschland, macht beides Sexit, genauso der Austritt Schottlands aus der EU. Dort ist eh keiner mehr sicher vor der Ausgrenzung: Itexit, Öxit, Czexit, Nexit. Seit September gibt es Bruno Bandulets Buch Dexit, das von einem Ausstieg Deutschlands aus dem Euro handelt. Den Kollateralschaden des Hypes tragen techniknahe Firmen wie die Düsseldorfer FlexIT Consulting GmbH, die heute kaum mehr korrekt ausgesprochen werden dürften.

Brexit ist ein Kofferwort, eine Wortkreuzung wie etwa »Besserwessi« (Besserwisser - wisser + wessi). Vorn Br* für Britain, hinten *exit. Folgt man dieser Idee zu ihren Ursprüngen, landet man wie bei fast allen Ideen bei den Griechen. Nicht bei den alten, aber immerhin bei den fast schon wieder vergessenen Krisengriechen und dem Grexit, erstmals diskutiert 2009. Der ist aber genauso aus der allgemeinen Wahrnehmung verschwunden wie die Debatte um den Teuro. Heute ist nur noch das Suffix Exit in aller und damit in viel zu vieler Munde.

Im nicht-deutschsprachigen Raum mag dieses Jammern als Neid auf die geschmeidigeren Fremdsprachen gedeutet werden. Zum Teil mit Recht. »Yes we can« klingt nach Aufbruch, »Wir schaffen das« nach Arbeit. In den USA heißen Politikhoffnungen gern JFK, in Deutschland AKK (Annegret Kramp-Karrenbauer hatte genug Weitsicht, ihre Kinder nicht Frida oder Franz zu nennen). In England trägt die frühere First Lady, Samantha Cameron, den schnittigen Spitznamen Sam Cam, wir haben die Zensursula von der Leyen. Die Welt hat den Brunch, wir haben den Schnitzel-Pommes-Salat-Hybrid Schniposa. Holly­wood hatte Bennifer und Brangelina, wir beziehungsweise der FC Bayern hat Robbery. Aber klingt Brexit-Boris Johnson wirklich cooler als Strabs-Hubsi Aiwanger, Letzterer bezeichnet nach dessen Lieblingsthema, der Straßenausbaubeitragssatzung? Es klingt auf jeden Fall fieser. Irgendwas stört. Aber was?

Es ist nicht nur der inflationäre Gebrauch des Wortes. Es ist auch, wie immer in der Politik, der Ton. Man muss »Brexit« nur oft genug und schnell aufsagen, bis allein der zischende Kern übrigbleibt: das X, dieses Kreuz, das uns die Neunziger auferlegt haben. Wir hatten Max Don’t Have Sex With Your Ex im Radio zu ertragen, Kommissar Rex und Xena im Fernsehen, die Megapixel in den Werbespots und das Möbelhaus XXXLutz überall, wo Platz war. Die Sache war erst 2002 mit dem Film xXx ausgestanden, Hauptrolle: Vin Diesel, der bis heute sämtlichen gierigen Überschriftenmachern den Gefallen verwehrt hat, eine Affäre zu haben. Mit einiger Verspätung wählte der »Verein Deutsche Sprache« »X-mas« zum überflüssigsten und nervigsten Wort 2008.

Alles auch eine Frage des Geschmacks, sicher. Aber beim Klang geht es nicht nur um Ästhetik, sondern auch um Eingängigkeit, in diesem Fall: um Unterkomplexität. Denn was leicht hinzuwerfen ist, kann auch leicht aufgenommen werden. Was, wenn gerade die Einfachheit des Begriffs jene Bürger im Referendum 2016 für einen EU-Ausstieg stimmen ließ, die es nicht so mit komplizierten politischen Vorgängen haben? Brexit Ja oder Nein – einfacher Begriff, scheinbar einfache Frage.

Jedenfalls hat die Kampagne funktioniert. Es läuft schleppend an, Spiegel Online schreibt vom Schnexit, die Sun schon vom Brexshit. Der Widerstand wächst, ein zweites Referendum wird diskutiert. Aber selbst wenn die Briten den Brexit vermeiden: Vor dem Begriff gibt es kein Entkommen mehr.