»Ich kann noch Karotten schnippeln, aber für mehr reicht es nicht«

2006 verabschiedete sich Alfred Biolek vom Fernsehen. Vier Jahre später stürzte er, lag im Koma, verlor sein Gedächtnis. Heute lebt er ziemlich zurückgezogen in Köln. Ein melancholisches Gespräch mit einem großen Unterhalter.


Alfred Biolek, 82, umgibt sich ständig mit Blumen. Wenn er keine geschenkt bekommt, zieht er selbst los und kauft sich welche.

Alfred Biolek lebt in der Stadt, die zu ihm passt wie keine zweite in Deutschland, in Köln, im Belgischen Viertel gegenüber vom Stadtpark: Hier kann er zwischen Shisha-Cafés und Jugendstilfassaden alles auf einmal sein – bürgerlich, liberal, subversiv und unspießig. »Kommen Sie rein«, sagt sein Adoptivsohn Scott mit britischem Akzent, und dahinter, kleiner, fast versteckt, lugt er hervor, Alfred Biolek, ein Männchen mit dünnen Beinen im grauen Anzug.

»Alfred Biolek ist achtzig Jahre alt und wirkt keinen Tag jünger«, hat der Journalist geschrieben, der ihn zuletzt für ein ausführliches Gespräch getroffen hat. Seitdem sind drei Jahre vergangen. Biolek geht langsam, spricht langsam, aber die listigen Augen, die runden Brillengläser – das alles ist noch da, die Marke »Bio« funktioniert schon noch. Verändert hat sich seine Stimme, sie ist höher und brüchiger.

Die Wohnung ist groß, aber nicht protzig, zwei Balkone, aus dem Innenhof hört man Wasserplätschern. In den Regalen: Bildbände von Wolfgang Tillmans und Robert Mapplethorpe, an den Wänden Gegenwartskunst und Erinnerungen, ein Foto, Biolek mit Heidi Klum und Klaus Wowereit, gerahmte Karteikarten, Fragen an Karl Lagerfeld, Günter Grass, den Dalai Lama. »Na, dann wollen wir mal«, sagt er. Er könne nicht versprechen, dass er auf alle Fragen antworte, manchmal könne er sich nicht erinnern, manchmal wolle er auch einfach nicht, aber okay, mal schauen, er sei neugierig, er sei offen.

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Sz-Magazin: Früher haben Sie viel Fernsehen gemacht, aber so gut wie nie Fernsehen geschaut. »Zu passiv«, meinten Sie, lieber würden Sie Leute treffen oder ausgehen. Ist das immer noch so?
Alfred Biolek Nein, ich werde in wenigen Wochen 83, da rennt man nicht mehr jeden Abend ins Restaurant oder in die Oper, alles ist umständlicher geworden. Bis zwanzig Uhr kann ich mich gut beschäftigen, ich lese, gehe spazieren, treffe Freunde, dann schalte ich den Fernseher ein. Für das Bett ist es zu früh, für alles andere bin ich zu schwach, also zappe ich bis zehn oder elf. Ich bin froh, dass es das Fernsehen gibt.

Wo bleiben Sie hängen?
Ich schaue selten eine Sendung von Anfang bis Ende, dafür bin ich zu ungeduldig. Ich habe immer die Fernbedienung in der Hand und drücke weiter, sobald ich mich langweile. Mal bleibe ich ein paar Minuten hängen, mal ein paar Sekunden, mal bei Wer wird Millionär?, dann wieder bei einer Arte-Dokumen­tation. Neulich haben sie alte disco-Folgen aus den Siebzigerjahren mit Ilja Richter wiederholt, das mochte ich. Ich habe 300 Programme, mir wird nicht langweilig.

Da haben Sie Ihre Meinung aber ziemlich geändert. 2005 haben Sie noch gesagt: »Wenn Sie heute zu einem Sender gehen und sagen, ich habe da eine Idee, die hat mit Qualität zu tun, holen die das Kreuz heraus oder die Knoblauchknolle und strecken sie einem entgegen und sagen: Wollen Sie uns verderben?«
Das habe ich gesagt?

Ja. Und vier Jahre später: »Das Fernsehen ist eine einzige Katastrophe.«
Na ja, ich habe jahrzehntelang in Fernsehstudios herumgestanden, für mich ist der Unterschied zwischen früher und heute enorm, aber ich bin milder geworden. Das Programm hat sich geändert, aber die Menschen eben auch. Meine Devise war immer: Unterhaltung mit Haltung. Heute hat das Fernsehen eine andere Funktion. Zu meiner Zeit war es die einzige bedeutende Informationsquelle, Fernsehen war relevant, wer mitreden wollte, musste schauen. Heute ist es ein Medium von vielen, wahrscheinlich nicht mal das wichtigste. Das Fernsehen ist nicht besser oder schlechter als zu meiner Zeit, es ist anders.

Schauen Sie sich irgendwas regelmäßig an, die Tagesschau um acht, den Tatort am Sonntag?
Es gibt nichts, was ich nicht verpassen könnte.

Irgendeine Talkshow?
Na ja, Sandra Maischberger finde ich gut, Markus Lanz macht das auch okay, aber scharf bin ich nicht drauf. Und die Tagesschau schaue ich nicht, weil ich mir die Zeitungslektüre am nächsten Morgen nicht verderben will. Die läuft jeden Morgen gleich ab: Zuerst ziehe ich den Sportteil raus und werfe ihn weg, danach lese ich die Titelseite und die bunten Meldungen, anschließend das Feuilleton, ein kurzer Blick in den Wirtschaftsteil, und am Schluss das Fernsehprogramm, weil ich ja abends wieder schauen möchte. Zum Frühstück gehört bei mir immer noch die Zeitung.

Was frühstücken Sie denn?
Jeden Morgen das Gleiche: eine Tasse Kaffee und eine Vollkornschnitte mit Butter und Aprikosenmarmelade. Ich schneide sie erst längs, dann quer, sodass viele kleine Vierecke vor mir auf dem Teller liegen. Dann nehme ich einen Schluck Kaffee und esse ein Viereck, dann wieder ein Schluck Kaffee, ein Viereck und so weiter.

Was machen Sie danach?
Ab und zu gehe ich spazieren, weil ein Nachbar, der auch hier im Haus wohnt, immer sagt: »Alfred, du musst dich mehr bewegen.« Manchmal gehen wir zu zweit durch den Stadtpark, das macht schon Spaß.

Was genau gefällt Ihnen daran: die Natur, die Bewegung, die Menschen?
Ach, wissen Sie, wenn ich ehrlich bin, so viel Spaß macht es auch wieder nicht. Ich stütze mich auf meinen Rollator und laufe so die Wege entlang, na ja. Manchmal hole ich mir einen Käsekuchen beim Bäcker um die Ecke, den ich zum Nachmittagstee esse, das gefällt mir schon besser.

Sie waren als Genießer bekannt, als gebildeter, sinnlicher, kultivierter Mensch, der gern kocht, isst, reist, ins Konzert und ins Theater geht. Was genießen Sie heute?
Es ist eigenartig: Obwohl ich fast alles, was mein Leben ausgemacht hat, nicht mehr machen kann, lebe ich immer noch gern. Ich bin schon noch in der Gegenwart, aber ich lebe von den Erinnerungen. Ich kann nicht mehr ins Flugzeug steigen und nach Indien fliegen, das ist vorbei. Meine Ansprüche sind kleiner, mein Radius ist enger geworden, aber so ist der Mensch: Wenn eine Sache nicht mehr geht, sucht er sich Ersatz und freut sich über andere, kleinere Dinge, die noch möglich sind, die einem früher gar nicht aufgefallen sind.

Alfred Biolek wurde 1934 in der damaligen Tschechoslowakei geboren. Er studierte Jura, entwickelte sich aber zu einem der legendärsten Fernsehunterhalter der Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre.

Er moderierte unter anderem die Musiksendung Bio’s Bahnhof(1978–1982) und die Talkshow Boulevard Bio (1991–2003) sowie bis vor zehn Jahren die Kochshow alfredissimo!

Bioleks Markenzeichen waren sein Esprit und seine Leichtigkeit, für die er mit etlichen Fernsehpreisen ausgezeichnet wurde. Nebenbei verkaufte er vier Millionen Kochbücher. Er lebt in Köln.

Was könnte das sein?
Ein Blick aus dem Fenster auf den Park. Ich beobachte, wie sich die Jahreszeiten ablösen und die Natur sich verändert. Ich habe immer Blumen in der Wohnung. Gelegentlich bekomme ich einen Strauß geschenkt, und wenn nicht, kaufe ich im Supermarkt ein paar Rosen, die billigen in der Plastikfolie, trenne die Blüten ab und lege sie in Wassergläser. Der Anblick macht mich glücklich.

Stimmt es, dass Genuss das Vergnügen an der Langsamkeit ist?
Ich habe immer schnell gelebt und trotzdem genossen.

Wenn der Radius enger wird: Begreift man gleichzeitig mehr? Sieht man die Dinge im Rückblick klarer?
Nein, aber wenn ich Spaß haben will, denke ich zurück an die Zeit, in der die großen Dinge passiert sind. Nebenbei lebe ich weiter von Moment zu Moment.

Was macht Sie wütend?
Wenn mich jemand enttäuscht, auf den ich mich verlassen habe. Oder wenn jemand kurzfristig das Abendessen absagt. Überhaupt wenn jemand etwas anderes macht, als er vorher gesagt hat. Ich bin nicht flexibel, ich warte auch nicht gern, ich habe die Geduld einer Ameise.

Was macht Sie traurig?
Regen und schlechtes Essen.

Hören Sie noch so gern Musik?
Manchmal gehe ich sonntags in eine Matinee, aber selten, Fernsehen ist wichtiger als Musik. Neulich bin ich beim Zappen bei einem Verkaufssender hängen geblieben. Ich habe die eingeblendete Nummer gewählt, zwei Tage später lagen vier Schlager-CDs in der Post, je eine mit den größten Hits aus den Fünfzigern, Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern, die höre ich manchmal.

Wo wären Sie noch mal gern für ein paar Tage?
In New York.

Um was zu machen?
Ich kann Ihnen kein Museum oder Restaurant nennen, wo ich unbedingt hin muss, ich will einfach nur durch die Straßen laufen. Ich habe in New York so viel erlebt, Anfang der Siebziger habe ich ja sogar mal ein paar Monate da gewohnt, in einer winzigen Wohnung in Greenwich, zusammen mit Florian Langenscheidt. Ich weiß noch, dass ich mich nie in die Darkrooms der Schwulenbars getraut habe, weil ich von Deutschland gewohnt war, meine Homosexualität zu verstecken. War wahrscheinlich gesünder so. Heute haben wir kaum noch Kontakt, ab und zu schickt er mir ein Buch. Manchmal würde ich gern das Telefon in die Hand nehmen, seine Nummer wählen und sagen: Florian, komm, wir fliegen morgen nach New York und schauen, was aus unserer Wohnung von damals geworden ist. Aber es geht einfach nicht mehr.

Macht Sie das traurig?
Ich bin nicht traurig, es ist einfach so. Ich habe auch nicht mehr die Kraft, zwölf Leute zum Essen einzuladen, wie ich es früher gemacht habe. Wenn ich das Gefühl noch einmal haben möchte, muss ich an die vielen wilden Jahre in Köln und später in Berlin denken, als teilweise achtzig Menschen in meiner Wohnung standen und den Weinkeller geplündert haben. Ich habe jedes Jahr zur Berlinale ein großes Fest gegeben, es war wunderbar, es war ausschweifend, ohne dass was nach draußen gedrungen wäre, aber nein, ich bin nicht traurig und ich vermisse es nicht. Nach meinem Sturz 2010 hat sich einiges geändert.

Sie mussten damals operiert werden, lagen lange im Krankenhaus, konnten sich an nichts erinnern. Was wissen Sie heute aus dieser Zeit?
Nichts mehr, tut mir leid. Es ist alles weg.

Ein Blick genügt, und Scott übernimmt, das Thema scheint Biolek unangenehm: 2010 stürzte er bei Freunden auf einer Wendeltreppe und verletzte sich so schwer am Schädel und der Schulter, dass er operiert werden musste. Danach: Koma, Gedächtnisverlust, drei Monate Reha-Klinik. Insgesamt, sagt Scott, habe es ein Jahr gedauert, bis Biolek wieder auf den Beinen war. »Eines Tages«, sagt Scott, »hatte ich die Idee, ihm seine Autobiografie mitzubringen. Das hat geholfen.« Mit jeder gelesenen Seite habe sich Biolek sein Leben und seine Erinnerungen zurückgeholt. »Alles war neu für ihn: dass er kochen kann, dass er prominent ist, dass er ein Fernsehstar war.«

Scott besuchte ihn jeden Tag, bereitete seine Lieblingsgerichte zu, weißen Spargelsalat, Crème brûlée, und brachte sie in die Klinik. Gegessen wurde bei Kerzenschein mit Silberbesteck auf dem Klinikdach, ein Bettlaken über dem Tisch. Anschließend begannen sie gemeinsam, Bioleks Leben Stück für Stück neu zu sortieren: Was geht noch, was geht wieder, was geht nicht mehr. »Ohne Scotts Hilfe«, sagt Biolek, »hätte ich vielleicht nicht weiterleben können.«

Sie haben von 2001 bis 2011 in Berlin gelebt, in einer Wohnung, um die sich viele Gerüchte rankten, allein das Bad soll sechzig Quadratmeter groß gewesen sein. Warum sind Sie nach Ihrem Unfall zurück nach Köln gezogen?
Als es mir besser ging, saß ich in Berlin-Mitte und begriff, dass ich dort nur Menschen kenne, die ich interessant finde, mit denen ich aber nicht befreundet bin. Es waren Bekanntschaften, keine gewachsenen Bindungen. Deswegen bin ich zurück nach Köln, wo immer noch viele Menschen leben, mit denen ich seit dreißig, vierzig Jahren befreundet bin. Ich brauche eine Umgebung, die zu meinem neuen, kleineren Leben passt.

Was haben Sie in Berlin vermisst?
Das ist gar nicht so leicht zu erklären, vielleicht könnte man es Tiefe nennen. Wenn ein Mensch vor mir steht, der mir etwas bedeutet, spüre ich etwas, was ich in Berlin, egal wie unterhaltsam es war, nie gespürt habe. Kennen Sie das Ehepaar Leo Fritz und Renate Gruber?

Die Kunstsammler?
Ja, er ist leider 2005 gestorben, aber seiner Frau Renate geht es wunderbar, obwohl sie auch schon 82 ist. Wir waren vor vierzig Jahren zusammen in Indien, so was verbindet ein Leben lang. Das hat mir in Berlin gefehlt, diese Spontaneität, dass man sagt: Du, wir fahren morgen los, egal wohin, und dann trinkt man nicht eine Stunde lang Cappuccino, sondern verbringt das ganze Wochenende miteinander. Viele Leute aus meiner Generation sind krank, manche sind gestorben, aber es gibt noch eine ganze Reihe von Leuten, die ich gerne treffe, mit den Leuten aus Berlin dagegen habe ich nichts mehr zu tun. Was soll ich sagen? Die Partys, die Empfänge, die Hauskonzerte, das ist vorbei, und ich sehne mich nicht danach zurück. Ich möchte meine Ruhe haben.

Was für ein Verhältnis haben Sie zum Älterwerden?
Ein entspanntes, es gibt ja keine Alternative. Meine Freundin Alice Schwarzer sagt immer: »Besser alt werden als tot sein.« Ich bin dem lieben Gott dankbar, dass ich noch so fit bin. Ich habe keine Beschwerden, der Rücken, die inneren Organe, alles gut, mal zwickt das Knie, aber ich nehme keine Medikamente, nur Kalzium- und Vitamintabletten. Ich habe dreimal die Woche Physiotherapie. Ich werde massiert und trainiere an der Rudermaschine.

Früher haben Sie die Farbe Ihrer Karteikarten mit der Farbe Ihrer Anzüge abgestimmt.
Ja, das kann sein.

Und als Sie ein Journalist fragte, ob Sie eitel seien, sagten Sie, er frage doch auch nicht einen Sportler, ob er sportlich sei. Sind Sie noch eitel?
Na ja, mir passen heute noch die Anzüge, die ich in den Neunzigern bei Boulevard Bio getragen habe, und weil die von guter Qualität sind, ziehe ich sie an.

Sogar, wenn Sie zu Hause sind.
Natürlich. Das ist mein Outfit, so fühle ich mich wohl. Ich habe nicht mal eine Jogginghose. Es ist mir wichtig, eine gewisse Haltung auszustrahlen,gegenüber meinen Mitmen-schen, gegenüber dem Tag.

Machen Sie einen Unterschied zwischen Wochentagen und Wochenenden?
Vor ein paar Tagen habe ich meinen alten Freund Rüdiger getroffen. Als er behauptet hat, dass heute Sonntag sei, habe ich ihm nicht geglaubt. Ich hätte schwören können, dass wir Samstag haben, aber dann ist er los, hat die Sonntagszeitung gekauft und mir unter die Nase gehalten. Ich habe so getan, als würde ich ihm glauben, aber überzeugt war ich nicht. Beantwortet das Ihre Frage?

Ein Journalist hat Sie mal als »Dandy und deutsche Hausfrau« bezeichnet.
Ja, weil ich so viel gekocht habe.

Wer hat gewonnen, der Dandy oder die Hausfrau?
Keiner. Ich trage immer noch beide in mir, obwohl ich heute nicht mehr koche.

Warum nicht?
Weil ich nicht mehr fit genug bin. Beim Kochen muss man viel denken und stehen, das ist mir zu anstrengend. Ich kann schon noch Kartoffeln oder Karotten schnippeln, aber für mehr reicht es nicht.

Vermissen sie es?
Nein. Und wenn Sie mir jetzt sagen würden, dass ich heute Abend für zehn Personen kochen muss, bekäme ich eine Panikattacke.

Trinken Sie noch so gern Wein?
Nur alkoholfreien.

Nicht Ihr Ernst.
Doch, ich mag keinen anderen mehr. Scott besorgt ihn mir im Bio-Supermarkt um die Ecke. Es gibt weißen und roten, der Rotwein ist nicht so toll, aber der weiße schmeckt mir. Die Ärzte haben mir das empfohlen, ich habe das Gefühl, er tut mir gut.

Und wenn Sie in einem Restaurant sind?
Bringe ich eine Flasche mit. Die Kellner wissen und respektieren es.

Es sei eigenartig, erklärt Scott. Als ob sich Bioleks Geschmack durch den Sturz verändert hätte: Früher habe er ausnahmslos Tee, nie Kaffee getrunken, alkoholfreien Wein hätte er nicht mal angeschaut – das Zeug schmecke wie Weinschorle, aber mein Gott, es schmecke ihm, da sei nichts zu machen.

Wenn Biolek ein Wort oder einen Ausdruck sucht, schaut er zu Scott. Scott weiß Bescheid, oft schon bevor Biolek zögert oder unterbricht. Die beiden wohnen fünf Minuten auseinander und sehen sich täglich, mal zwölf Stunden, mal fünf Minuten. Bioleks zweiter Adoptivsohn Keith, mit dem er vor Jahrzehnten liiert war, lebt in New York. »Wir kennen uns seit 27 Jahren«, sagt Scott, »Alfred ist mein Vater, er und Keith sind meine Familie.« Vor vielen Jahren hätten sie bei Sonnenaufgang zu dritt auf einem Dach in London gestanden: »Du, Alfred«, hätten sie damals gesagt, »wenn du mal alt bist, schieben wir dich im Rollstuhl den Rhein entlang.« Und so ungefähr sei es gekommen – nur ohne Rollstuhl.

Ernähren Sie sich gesund, weil man im Alter besonders auf sich aufpassen muss, oder essen Sie, was Sie wollen, weil es jetzt auch schon egal ist?
Ich habe mich immer gesund ernährt, ohne eigens darauf zu achten. Viel Gemüse, frische Zutaten, das war alles selbstverständlich. Ich bin keiner, der den Koch an den Tisch holt und fragt, was er wo reingetan hat. Wenn es beim Essen ideologisch wird, steige ich aus. Ich mag Fisch und ich mag Fleisch, wenn es so weich ist, dass ich es mit meinen falschen Zähnen noch essen kann.

Bioleks Kühlschrank ist gleichzeitig ein Fotoalbum. Oben links: Shirley Bassey nach einer Sendung. Mitte: Treffen mit Mildred Scheel. Oben rechts: Hermann Hesses Gedicht Stufen, mit dem auch Bioleks Autobiografie beginnt.

Vergangenes Jahr haben Sie in der Bild am Sonntag ziemlich heftig auf veganes Essen geschimpft: »Allein schon wenn ich den Begriff höre, versuche ich, woanders hinzuhören«, haben Sie gesagt.
Die haben das ein bisschen aufgebauscht, aber es stimmt schon: Die vegane Küche ist nicht meine größte Leidenschaft. Trotzdem habe ich schon vor Jahren ein vegetarisches Kochbuch mit Eckart Witzigmann rausgebracht. Ich habe nichts gegen Gemüse, dafür was gegen künstliches Gehabe und Hypes, bei denen alle mitmachen sollen. Nach dem Interview kamen jede Menge Beschwerden, irgend-ein Veganer-Verband hat mich sogar zum Kochen eingeladen, um mich zu überzeugen. Ich bin aber nicht hin. Keine Lust.

Auch über Facebook haben Sie geschimpft: »Die Gesellschaft ist verrückt«, sagten Sie, »diese komischen Internetfreundschaften. Das ist doch krank.« Sind Sie gelegentlich im Internet?
Nein.

Warum nicht?
Wenn alle behaupten, irgendwas sei ganz toll, und da müsse man unbedingt mitmachen, denke ich, dass ich da nicht auch noch mitmischen muss.

Vielleicht fürchten Sie sich ein bisschen davor?
Ich denke nicht mal darüber nach.

Was sehen Sie heute total anders als vor fünfzig Jahren?
Früher war ich sehr konservativ. Ich war sogar mal CDU-Mitglied und bin immer mit Anzug und Krawatte durch die Gegend gelaufen. Inzwischen bin ich nach links gerückt, bin sozialer, aufgeschlossener, liberaler eingestellt. Bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen habe ich die SPD gewählt.

Sie haben zwei Adoptivsöhne, viele Freunde, aber keinen Partner. Vermissen Sie die Liebe?
Nein, ich habe mich daran gewöhnt, dass ich allein bin. Ich habe keine Liebesbeziehung mehr und ich suche auch nicht danach.

Freuen Sie sich auf die Zukunft?
Welche Zukunft?

Ihre Zukunft.
Na ja, ich freue mich noch auf ein paar Jahre, aber irgendwann, so mit Ende achtzig oder Anfang neunzig, kann es von mir aus zu Ende gehen.

Machen Sie sich Gedanken, wie die Welt sich entwickeln könnte, wenn Sie nicht mehr da sind?
Natürlich mache ich mir Sorgen wegen Donald Trump, natürlich freue ich mich, dass Marine Le Pen nicht Präsidentin geworden ist, aber das meiste geht mich nichts mehr an. Wenn ich weg bin, bin ich weg.

Ihr Freund Rudi Carrell sagte wenige Monate vor seinem Tod in einem Interview, dass er keine öffentliche Beerdigung will – aus Angst vor den Jacob Sisters, die mit ihren Pudeln jede Atmosphäre zerstören würden. Gibt es etwas, vor dem Sie mehr Angst haben als vor dem Tod?
Wenn mich jemand schlecht behandelt oder mir nicht die Wahrheit sagt, das finde ich unangenehm. Den Tod finde ich nicht unangenehm. Ich bin doch schon alt.

Er blickt auf die Uhr, es tue ihm leid, er müsse jetzt Schluss machen. In zwanzig Minuten beginnt seine Physiotherapie. Er geht in ein anderes Zimmer, wieder übernimmt Scott, schenkt nach, plaudert. Zehn Minuten später steht Biolek wieder im Zimmer, grauer Sportdress, weiße Turnschuhe, sehr schick. »Ich habe mich gefreut«, sagt er, »vielen Dank.« Beim Rausgehen passiert er ein kleines, gerahmtes Bild, eine Art Autograf, die Schrift ist krakelig, man muss genau hinsehen, um sie zu entziffern. Oben rechts steht das Datum, Köln, 10. Juli 2010: »Wer hinfällt, ist noch lang nicht weg. Schon gar nicht Alfred Biolek. Stehaufmannsart in Freud und Leid. Darauf hast du ein Copyright. Mit Recht und Fug, dein Dichter, der olle Ilja Richter.«

Noch mehr Erinnerungen: Links ein Foto von Biolek als Frau verkleidet. Rechts: Mildred-Scheel-Porträt von Andy Warhol.