Liebe Rabenmutter

Als Mädchen wäre Jeannette Walls fast verhungert, weil ihre Mutter ihr das Essen weggegessen hat. Später wurde sie mit einem Buch über ihre Kindheit zu einer reichen Frau. Und was macht sie mit dem Geld? Baut ihrer Mutter ein Haus gleich neben ihrem eigenen.

Jeannette Walls,Schriftstellerin (Foto: John Taylor)

In ihren Familien werden Kinder oft in Rollen gezwängt, aus denen sie nur schwer wieder herauskönnen. Auch die Mutter der Schriftstellerin Jeannette Walls brandmarkte ihre Kinder fürs Leben: Lori, die Älteste, war die Schlaue. Maureen, die Jüngste, die Hübsche. Brian, der einzige Junge, der Mutige. Und Jeannette? Sie sei nichts Besonderes, nur fleißig, sagte die Mutter.

Im Jahr 2005 veröffentlichte Jeannette Walls, die Fleißige, ihre Kindheitserinnerungen: Schloss aus Glas. Sie beschreibt darin, wie ihre Eltern mit vier Kindern durch die USA vagabundierten: In den ersten fünf Jahren ihrer Ehe hatten sie 27 Adressen. Und sie gingen nicht nur immer wieder fort, weil Rex, der Vater, sich nicht unterordnen konnte, seinen Job schmiss und kein Geld für die Miete hatte, sondern weil er sich vom FBI verfolgt fühlte. Rex war Alkoholiker und wahrscheinlich bipolar, also manisch-depressiv; Rose Mary, die Mutter, wahrscheinlich auch bipolar, hielt sich für eine Künstlerin und Abenteuerin.

Die Kinder hungerten und liefen in abgerissenen Kleidern herum. Sie wurden in den Schulen fertiggemacht, weil sie so arm waren. Schließlich landete die Familie im tristen Heimatort des Vaters in den Appalachen, in Welch. Dort lebte sie mit seinen ebenfalls alkoholkranken Verwandten in einem Haus mit drei Zimmern ohne Wasser, Strom und Heizung. Es war feucht und schmutzig, es wimmelte von Ungeziefer, Schlangen und Ratten.

Schloss aus Glas
verkaufte sich 4,2 Millionen Mal und wurde in 31 Sprachen übersetzt. Die fleißige Tochter hat also Geld verdient. Genug Geld, um nicht mehr hungern zu müssen. Hollywood plant das Buch zu verfilmen. Kürzlich hieß es, Jennifer Lawrence soll Walls spielen.

Jeannette Walls, 53 Jahre alt, ist groß, schmal, rothaarig und sehr gepflegt. Bis heute träumt sie von dem gelben Eimer, sagt sie, den alle Familienmitglieder in Welch nachts benutzen mussten. Das Farmhaus in Virginia, das sie mit ihrem zweiten Ehemann John Taylor bewohnt, ist geschmackvoll renoviert: blitzsaubere Landhausdielen, Arbeitsflächen aus Stein in der Küche, Holzöfen.

Mit 17 hielt Jeannette Walls es in Welch nicht mehr aus und schlug sich durch bis nach New York. Dort wohnte sie in der Bronx, bei ihrer älteren Schwester Lori, machte ihren Schulabschluss, lieh sich von allen möglichen Leuten Geld und schob in einer Anwaltskanzlei Telefondienste, um sich das Studium auf dem New Yorker Barnard College zu finanzieren. Rex, ihr Vater, trug 950 Dollar zu ihrer Ausbildung bei – und einen Nerzmantel, den er beim Pokern gewonnen hatte. 1987, mit 27, fing Walls als Klatsch-Kolumnistin beim New York Magazine an, heiratete einen Unternehmer und lebte acht Jahre lang an der Park Avenue. Das Leben war schön – bis auf die Tatsache, dass Rex und Rose Mary ihren Kindern nach New York gefolgt waren und in besetzten Häusern lebten.

Während Jeannette Walls über die feine New Yorker Gesellschaft schrieb, verschwieg sie ihre Biografie. Und das, obwohl ihre Eltern ständig in den lokalen Nachrichten auftauchten und für die Rechte der Hausbesetzer stritten. Als Walls an einem Text über Scientology arbeitete, fand sie heraus, dass Angehörige der Kirche in ihrer Vergangenheit herumschnüffelten. Etwa zu der Zeit fuhr sie eines Abends mit dem Taxi zu einer Party und sah ihre Mutter im Müll wühlen. Sie kehrte sofort um, saß schuldbewusst zu Hause und beschloss, die Wahrheit aufzuschreiben: Schloss aus Glas. Das Buch heißt so nach dem Traumhaus, das Rex seiner Familie bauen wollte und dessen Entwurf er bis ins kleinste Detail aufgezeichnet hatte. Zu seinen Kindern sagte er, nun müssten sie nur noch Gold finden, dann könnten sie es bauen, das Schloss aus Glas.

Das Buch beginnt mit einer Szene, in der Jeannette Walls als Dreijährige auf einem Hocker am Herd des Wohnwagens der Familie steht und Würstchen ins kochende Wasser wirft, während ihre Mutter malt. Jeannettes rosa Tutu fängt Feuer, sie erleidet schwere Verbrennungen an Bauch und Brust. Nach sechs Wochen holt ihr Vater sie gegen den Rat der Ärzte aus dem Krankenhaus. Zu Hause bereitet Jeannette bald wieder Hotdogs zu. Ihre Mutter, die kaum von ihrer Malerei hochschaut, sagte nur: »Gut so. Man muss gleich wieder in den Sattel steigen, wenn das Pferd einen abgeworfen hat.«

Diese Mutter, Rose Mary, lebt heute in einem schnuckeligen Haus auf der Farm ihrer Tochter in Virginia. Gleich nebenan also. Und das, obwohl sie im Buch viel schlechter wegkommt als ihr Mann Rex, der zwar seinen Kindern die Ersparnisse stiehlt, um davon einen saufen zu gehen, aber ein großes Herz hat. Zu ihrem Vater, der 1994 mit 59 Jahren starb, hatte Jeannette eine enge, besondere Beziehung. Ihre Mutter hingegen wirkt selbstsüchtig und herzlos. Einmal versteckt sie eine Tafel Schokolade vor ihren hungernden Kindern, um sie heimlich zu essen. Das verzeiht man ihr nicht, als Leser. Und als Tochter?

»Viele Leute fragen, wie kannst du deiner Mutter vergeben? Aber ich habe ihr nicht verziehen. Ich habe sie und das, was geschehen ist, akzeptiert.« Jeannette Walls lacht, es wirkt ein bisschen angestrengt. Ständig schaut sie sich um. Die Mutter, von der die Rede ist, könnte ja jeden Moment im Zimmer stehen.

»Es ist nicht schön, sich für die eigene Familie zu schämen.«

Als das Buch veröffentlich wurde, schien es, als hätte Jeannette Walls sich von der Mutter gelöst. Doch dann brannte das Haus im East Village ab, in dem Rose Mary als Besetzerin lebte, und die Tochter nahm sie zu sich. Für ihre Geschwister wäre das unvorstellbar gewesen. Brian, der Polizist wurde, erträgt die schiere Anwesenheit seiner Mutter nicht. Maureen, die Jüngste, attackierte die Mutter vor zwanzig Jahren mit einem Messer. Heute lebt sie in Kalifornien, ist psychisch krank und behauptet, keine Mutter mehr zu haben. Lori ist Künstlerin geworden, wie die Mutter, und hat für sich selbst kaum genug zum Leben.

»Mom konnte nie für sich selbst sorgen, wie hätte sie für ihre Kinder sorgen können?«, sagt Walls. »Das ist für mich das Allerwichtigste: für mich selbst sorgen zu können. Ich bin krankhaft unabhängig. Sicher habe ich deshalb keine Kinder bekommen. Keine von uns Töchtern hat Kinder bekommen. Eine Mutter, die ihre Kinder aus Mülltonnen essen lässt, ist natürlich auch kein besonders gutes Vorbild.«

Es ist Mittag, Zeit zum Essen. Aber Walls macht keinerlei Anstalten. »Alte Gewohnheiten wird man nicht los«, sagt sie, beinahe jovial. Jahrelang war Essen für sie etwas, das nicht schmeckte, das man aber trotzdem schluckte, weil man dann keinen Hunger hatte. »Ich schäme mich fast zu essen. Es ist eine schiere Notwendigkeit für mich. Ich kann leicht einen oder zwei Tage nichts essen. John kocht für uns, Eintöpfe und scharfe Gerichte. Aber es verschafft mir kein Wohlgefühl zu essen, im Gegenteil. Einmal, als wir frisch verheiratet waren, wollte John in einem romantischen Moment etwas von meinem Teller essen. Ich bin total ausgerastet.« Essen teilen ist noch schlimmer als essen.

Sie steht auf und geht voraus, zum Haus der Mutter. Von außen sieht es hübsch aus: weiße Holzschindeln, eine Veranda, rundherum ein Blumenmeer. Drinnen stinkt es nach Katzenpisse, dreckiges Geschirr stapelt sich in der Spüle, leere Konservendosen liegen am Boden. Im Buch steht, dass Rose Mary, wenn sie mal Geld hatte, Dosen mit Dellen kaufte, weil auch die Liebe bräuchten. Rose Mary, die jetzt 78 ist, fragt nicht, ob wir uns setzen möchten, während wir reden. Es wäre auch nirgends Platz. Ihre Jacke ist vergilbt, ihr hellblaues T-Shirt voller Flecken, ihre Jeans auch. Es wirkt, als schütze sie sich mit dem Wall aus Schmutz und Müll vor der Idylle vor ihrer Tür. »Als ich noch verheiratet war«, erzählt sie im Plauderton, »bin ich viel umgezogen. Wir waren den Vermietern immer einen Schritt voraus.« Sie grinst und linst ihre Tochter von der Seite an. »Mein jetziger Vermieter wirft mich nicht raus.« Ob sie stolz ist auf ihre Tochter? »Ich bin auf alle meine Kinder stolz«, sagt sie. »Jeannette soll sich nur nicht allzu viel auf sich einbilden.« Jeannette Walls zuckt nicht mit der Wimper. »Ich meine, ich habe ihr Buch gern gelesen«, sagt Rose Mary. »Aber ich sehe die Dinge anders als Jeannette.«

Plötzlich entschuldigt sie sich für die Unordnung. »Ich bin gerade dabei auszusortieren«, erklärt sie. »Ich bin eine große Sammlerin, wie so viele Künstler. Picasso starb ja in einem Schloss mit 23 Zimmern und musste dennoch ständig Dinge wegwerfen. Das war ein Mann nach meinem Geschmack.« Sie lächelt. Walls wird unruhig. Sie soll sich nicht stören lassen, sagt sie zu ihrer Mutter und drängt zur Tür. »Der Geruch ist nichts gegen den Gestank, in dem ich aufgewachsen bin«, erklärt sie draußen. »So wie eben hat sie auch gerochen, als sie zu Oprah Winfrey in die Show gegangen ist. Ich habe sie gebeten zu duschen. Sie hat gemeckert, nichts sei mir je gut genug, ich sei eine schreckliche Perfektionistin.« Sie seufzt.

»Es ist nicht schön, sich für die eigene Familie zu schämen.« Nach dem Besuch bei ihrer Mutter ist Walls, die vorher so aufgedreht war, erschöpft. Ihr Mann, John Taylor, der selbst fünf Bücher geschrieben hat, darunter eines über das Scheitern seiner ersten Ehe, hat einen trockenen Humor und strahlt Geduld und Fürsorglichkeit aus. Er ist die Antithese zu Rose Mary. Taylor und Walls waren zwölf Jahre lang beste Freunde, bevor sie geheiratet haben. Er war es, den sie als Ersten in ihre Vergangenheit eingeweiht hat. Sie hat zu ihm gesagt: »Jetzt wirst du mich sicher nicht mehr mögen.« – »Doch, sicher«, hat er geantwortet, »aber deine Geschichte, das wäre ein gutes Buch.«

Walls hat ihr Schloss aus Glas bekommen. Nicht ihr Vater hat es gebaut, sondern sie selbst. »In meinem Haus gibt es eine Toilette, eine Heizung, warmes Wasser. Das wird für mich nie normal sein. Es kommt mir auch immer noch vor wie ein Wunder, wenn ich im Supermarkt nicht darüber nachdenken muss, was ich für drei Dollar kriege. Ich möchte natürlich nicht dahin zurück. Aber ich weiß: Ich könnte mit fast nichts überleben, wenn ich müsste.«

Ohne ihre Eltern und die Entbehrungen wäre sie nicht das, was sie ist, sagt Jeannette Walls zum Abschied. Und damit hat sie auch wieder recht.

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Nach ihrem großen Erfolg mit dem autobiografischen Roman »Schloss aus Glas« schrieb Walls, 1960 geboren, ein Buch über ihre Großmutter, eine starke, unabhänige Frau, die allein auf einer Farm lebte und Pferde zuritt: »Ein ungezähmtes Leben«. Nun gibt es keine Fami-lienangehörigen mehr, über die schreiben kann, sagt sie. Darum ist ihr neuestes Buch fiktiv, jedenfalls fast. »Die andere Seite des Himmels« erscheint im November auf Deutsch (Hoffmann und Campe) und handelt von einer Mutter, die ihre Töchter im Stich lässt.

Illustration: Danilo Agutoli

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