Warum Deutschland mehr Alltagsfreundlichkeit braucht

Sie hat immer gute Laune und dreht für zu spät kommende Familien sogar um: Erst durch ihre Busfahrerin merkt unsere Autorin, wie sehr es sonst an Nettigkeit mangelt – vor allem gegenüber Kindern. 

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Schon am allerersten Kindergarten-Tag, einem ziemlich kalten Septembermorgen, waren wir spät dran, und sahen den Bus nur noch um die Ecke biegen, eine Runde um den Busparkplatz drehen, bis zur Straße. Verdammt, dachte ich hilflos, mit beiden kleinen Kindern am Straßenrand stehend. Da hielt der Bus schon vor unserer Nase, er hatte noch einmal umgedreht, die Türen gingen auf. »Kommt rein, kommt rein, ach wie süß, das Baby in der Trage, wie alt ist es denn, na, und du bist ja schon ein Großer, ach, die Fahrkarte muss ich nicht sehen, ich glaub Ihnen schon«, sagte die Busfahrerin. Auf einmal sah alles ganz anders aus, waren wir umgeben von Wärme und Licht, in ihrer kleinen Welt, in der alle willkommen sind und alle freundlich und freudig empfangen werden. Es war Liebe auf den ersten Blick.

Wir kennen die Busfahrerin nun schon zweieinhalb Jahre, seit unser großer Sohn in einen neuen, am Stadtwald gelegenen Kindergarten kam, und der kleine Sohn gerade erst geboren war. Eine Linie, die Nummer 52, die alle zwanzig Minuten immer dieselbe Runde dreht: von der Start- und Endhaltestelle, bei der wir einstiegen, über den Kindergarten, ein paar Straßen weiter und zurück. »Die blonde Busfahrerin«, sagen meine Kinder immer. Die nette Busfahrerin, denke ich. Jeden Morgen saß sie an ihrem Platz, rosafarbener Pulli, goldene Brille auf der Nase, goldene Kette um den Hals und ein breites Strahlen im Gesicht. Jeden Morgen hatte sie gute Laune.

Kleine Freundlichkeiten, kleine Fröhlichkeiten: Seit ich die Busfahrerin kenne, ist mir erst so richtig bewusst geworden, wie sehr diese Inseln der Wärme anderswo fehlen. In unserer regeltreuen Gesellschaft sind Fahrpläne, Haltestellen und Ordnung oft wichtiger als die Bedürfnisse von Menschen und Familien, die an den Herausforderungen des Alltags scheitern. Ich gehöre zwar nicht zu den Leuten, die Deutschland als inhärent kinderfeindlich bezeichnen. Trotzdem gibt es Situationen, und da sind Busse und Bahnen ganz vorne dabei, in denen man sich wünscht, es mögen entweder die Kinder vom Erdboden verschwinden, die grimmig blickenden Menschen außenherum oder man selbst. Denn das Schönste und zugleich Schrecklichste an Kindern ist ja, dass sie völlig unberechenbar sind. Dass man nie weiß, was sie als nächstes tun: laut brüllen, laut lachen? Irgendwas Stinkendes, irgendwas Schmutziges? Und wie werden die Menschen außenherum darauf wohl reagieren?

Wie belastend diese vielen kleinen Situationen sein können, habe ich erst gemerkt, als mir auffiel, wie entlastend es ist, wenn einem anders begegnet wird. Wenn Menschen wie unsere Busfahrerin Eltern das Gefühl vermitteln, dass ihre Kinder nicht stören und nicht nerven. Dass es in Ordnung ist, wenn sie allzu lange an ihrer Eingangstür herumstehen, in ihrem Bus auch mal allzu wild, allzu laut oder distanzlos sind. Und dass sie damit nicht nur nicht nerven, sondern sogar erfreuen. Dass sie vielleicht sogar ein Teil des Grundes sind für die ewig gute Laune der blonden Busfahrerin.

Die meisten Menschen sind erschöpft und haben das Gefühl, Gründe für strahlende Laune mit der Lupe suchen zu müssen

Jeden Tag fielen mir neue kleine Szenen auf, neue Momente, die mich rührten. Auf ihrer kleinen Runde schien die Busfahrerin jeden Menschen persönlich zu kennen. Der Platz schräg hinter ihrem Sitz war stets der beliebteste, weil man dort mit ihr plaudern konnte. Wenn jemand zur Haltestelle angehetzt kam, hielt sie noch mal an, egal, wie weit der Bus schon gefahren war. Pünktlich war sie trotzdem meistens – wie auch immer ihr das gelang. Einmal kam eine Mutter mit Kinderwagen an ihre Tür, die Busfahrerin fragte, ob sie einsteigen wollten. »Nein, nein, der Max wollte Ihnen nur mal wieder winken!« – »Ah ja, das wollen alle Kinder, wenn sie mich sehen«, erwiderte sie, im gelassenen Bewusstsein ihrer Popularität. Irgendwann stiegen wir um aufs Lastenrad, schneller, billiger, flexibler. Aber wir vermissten sie, die blonde Busfahrerin, die uns schon von weitem zuwinkte, wenn wir ihr mit dem Rad begegneten.

Zugegeben, die Voraussetzungen für Alltagsfreundlichkeit sind aktuell nicht die besten: der lange Winter, die schreckliche Nachrichtenlage und dazu eine Pandemie, die sich unendlich anfühlt und trotzdem nicht enden will – die meisten Menschen sind erschöpft und haben das Gefühl, Gründe für strahlende Laune mit der Lupe suchen zu müssen. Aber ich behaupte: Vielleicht lohnt sich diese Suche gerade darum und gerade jetzt.

Denn das Wunderbare an unserer Busfahrerin ist ja auch: Nicht nur sie selbst ist ungewöhnlich gut gelaunt, sondern um sie herum werden auch die anderen Menschen freundlicher. In ihrem Bus habe ich das erste Mal erlebt, wie eine Person, die von einem anderen Passagier auf die am Kinn baumelnde Maske angesprochen wurde, sich dafür nicht nur entschuldigte, sondern für den Hinweis auch noch bedankte. Und an der Endhaltestelle tönt der Busfahrerin stets ein mehrstimmiges »Tschüss, schönen Tag noch, bis morgen!« entgegen. Überhaupt verlässt fast niemand den Bus, ohne sich zu verabschieden und zu bedanken. Das alles will etwas heißen, wie alle wissen, die regelmäßig mit Bus oder Bahn unterwegs sind: also nicht gerade in einem Kosmos übersprudelnder Heiterkeit. Müdigkeit verwandelt sich hier schnell in Mürrischkeit, Erschöpfung kann schnell in Erzürnung umschlagen.

Was ist bloß ihr Geheimnis? »Ich wache morgens schon gut gelaunt auf«, erzählt mir die Busfahrerin, als ich sie danach frage. »Ich denke gar nicht darüber nach, ob ich heute fröhlich bin oder nicht, ich bin einfach fröhlich und bleibe es für den Rest des Tages.« Sie freue sich jeden Morgen auf ihren Job und die Leute, die sie treffe, obwohl ihr Arbeitstag schon um fünf Uhr starte, »meine Kinder wollen mich ja schließlich auch noch sehen“. Sie wundert sich: »Ich höre oft von Leuten, dass ich ja so nett sei.« Dabei sei das doch wohl völlig normal.

Kürzlich kam unser Rad länger in Reparatur und wir mussten wieder auf den Bus umsteigen. Erst war ich genervt, aber dann beobachtete ich meinen Sohn, wie er ungebührlich lange an der Bustür stehenblieb, um ungebührliche Fragen zu stellen: »Wie alt bist du, blonde Busfahrerin? Wo wohnst du? Fährst du morgen wieder Bus? Und übermorgen?« Ich beobachtete, wie sie ihm geduldig antwortete, mit ihm lachte und ihn fragte: »Na, geht’s dir heute gut?« Und ich dachte: Ja, hier geht es uns gut.