»Wenn wir nostalgisch sind, erscheint uns das Leben sinnvoll«

Warum hängen viele Menschen so sehr an alten Dingen und schwärmen von vergangenen Zeiten? Der Psychologe Tim Wildschut erklärt, warum Nostalgie auch ihr Gutes hat.

Früher und heute: Der ukrainische Künstler Alexey Kondakov montiert Figuren aus klassischen Gemälden in moderne Alltags­situationen, hier eine Frau aus einem Werk von Guillaume Seignac.

Foto-Illustration: Alexey Kondakov

SZ-Magazin: Sie sagen, Nostalgie mache glücklich. Nach landläufiger Meinung sind Nostalgiker eher Menschen, die daran leiden, dass angeblich früher alles besser war.
Tim Wildschut: Die Nostalgie hatte lange keinen guten Ruf, das ist richtig. Sie wurde mit Symptomen wie Angst, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit assoziiert und galt als Soldatenkrankheit. Das griechische Wort »nóstos« bedeutet Heimkehr, »álgos« bedeutet Schmerz. Begrifflich gesehen geht es also um den Schmerz, den die Sehnsucht nach der Heimat auslöst. Das Wort Nostalgie hat ein Schweizer Mediziner geprägt, Johannes Hofer. Er hat Ende des 17. Jahrhunderts über Nostalgie, oder Heimwehe promoviert, in der Folge waren die Begriffe noch austauschbar.

Wann hat sich das Image der Nostalgie zu wandeln begonnen?
Mit der Forschung von Gordon Allport, einem US-Psychologen. Er hat sich in den 1950er-Jahren mit Vorur­teilen zwischen Gruppen beschäftigt und angedeutet: Wenn man Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaften zusammenbringt und sie bittet, nostalgische Erinnerungen zu teilen, dann erkennen sie einander als Individuen an.

Ist das nicht das Prinzip jeder Ü-30-Party?
Ja, Nostalgie schweißt Menschen zusammen. Erinnerungen zu teilen bedeutet, Nähe zu schaffen. Gordon Allport hat das erkannt und als erster Wissenschaftler den Begriff der Nostalgie so verwendet, wie wir ihn ­heute benutzen.

Als Glücksversprechen?
Nostalgie steigert das Wohlbefinden, das haben meine Kollegen und ich in unterschiedlichen Experimenten gezeigt. Einmal haben wir 172 Studenten ein Ereignis ihrer Vergangenheit aufschreiben lassen, das eine besondere Bedeutung für sie hat und sie nostalgisch stimmt. Hinterher haben wir gefragt, wie sie sich fühlen, und dabei gaben sie doppelt so häufig positive wie negative Emotionen an. Wir haben auch gefragt, wie oft sie nostalgisch sind: Achtzig Prozent schwelgen mindestens einmal in der Woche in alten Erinnerungen – und fühlen sich dann weniger einsam oder traurig. Nostalgie macht den Menschen gute Laune, fördert empathisches Verhalten und ist ein gutes Mittel gegen Einsamkeit und Entfremdung. Sie hat therapeutisches Potenzial.

Sie meinen, sie funktioniert wie ein Anti­depressivum?
Ich meine, dass unsere Vorstellungskraft unsere Sinneswahrnehmung beeinflussen kann. In fünf Experimenten haben wir herausgefunden, dass Menschen in einem kalten Raum eher nostalgisch werden als in einem warmen – dass ihre Erinnerungen sie subjektiv wärmen. Wir baten eine Gruppe von Studenten, dreißig Tage ­lang Tagebuch zu führen, und haben die Einträge spä­ter mit den Wetterdaten verglichen. Andere haben wir ­in unterschiedlich temperierte Räume geschickt, ihnen Aufgaben zugeteilt und dabei immer wieder ihre nostalgischen Gefühle mit der gefühlten Temperatur ver­glichen.

Nostalgie nehme Menschen sogar die Angst vorm Tod, schreiben Sie.
Wenn wir nostalgisch sind, erscheint uns das Leben sinnvoll. Vielleicht fallen uns Familienfeste ein, besondere Reisen und Begegnungen. Wir haben rückblickend das Gefühl, bedeutende Erfahrungen gemacht zu haben, und das hilft uns, mit der Finalität des Lebens umzu­gehen. Die Vergänglichkeit verliert an Schrecken.

Es heißt, nostalgische Gefühle hübschen die Erinnerungen auf und sprechen Ereignissen erst nachträglich eine Bedeutung zu.
Es sind idealisierte Erinnerungen. Wir reflektieren nicht, was tatsächlich passiert ist, sondern treffen eine emotionale Auswahl. Aber die Ereignisse haben einen wahren Kern, sie sind passiert. Und mit der Zeit werden sie in unserem Kopf eben besser.

Nostalgie verführe Menschen, statt sie zu überzeugen, hat die Literaturwissenschaftlerin und Harvard-Professorin Swetlana Boym ge­schrieben.
Stimmt.

Nostalgie, auch das ist eine von Boyms Thesen, könne Monster gebären. Ich muss da an populistische Politiker und rückwärtsgewandte Parteien denken. An meine Großmutter, die in stillen Momenten sagte, sie wisse ja, Hitler sei schlecht gewesen – aber seine Autobahnen! Wie gefährlich ist Nostalgie?
Mit individueller Nostalgie verhält es sich anders. Sie will die Vergangenheit nicht glorifizieren oder heraufbeschwören. Sie will nicht zurück, sondern nach vorn: Sie hilft den Menschen, sich ihrer selbst zu vergewissern und aus dem, was war, etwas Neues zu entwickeln. Ich hätte Ihre Großmutter von Hitler befreit, indem ich gefragt hätte, was sie damals tatsächlich berührt hat: Wie war ihr Alltag? Welche Menschen hatte sie um sich? Wen von ihnen würde sie gern wiedersehen? Die nostalgischen Erinnerungen der Menschen ähneln sich, wenn man genauer nachfragt. Sie sind ungefährlich. Ich glaube, Menschen werden immer glückliche Erinnerungen haben, auch wenn die Zeiten herausfordernd sind.

Und das ist okay?
Das ist mehr als okay. Es geht dabei ums Überleben.

Was genau fasziniert Sie an Ihrem speziellen Forschungsfeld?
Als ich ein kleiner Junge war, fuhr ich mit meiner Familie mit dem Zug von den Niederlanden nach Italien. Die Nacht brach an, und ich habe aus dem Fenster geschaut und all die Lichter in den Häusern gesehen. Ich dachte, so viele Menschen, so viele Leben. Und sie sind es, die mich interessieren: Was haben die Menschen erlebt, was verbindet, was trennt sie? Nostalgie verrät uns, welche unserer unzähligen Erfahrungen identitätsbildend wirken. Warum erinnern wir uns gerade an dieses eine Erlebnis? Warum ist uns das wichtig?

Der US-Historiker Charles Maier schreibt: »Nostalgie verhält sich zur Erinnerung wie Kitsch zur Kunst.«
Es tut mir leid, dass er das so sieht.

In diesem Herbst jährt sich der deutsche Mauerfall zum dreißigsten Mal. Nicht wenige Menschen denken immer noch mit warmen Gefühlen an ihre Zeit in der DDR zurück, obwohl sie wissen, dass sie ein Unrechtsstaat war.
Menschen machen Erfahrungen, die sie rückblickend nostalgisch stimmen. Es sind ihre persönlichen Erinnerungen, die für sie identitätsstiftend sind. Kommunismus hin oder her. Es ist übrigens typisch für nostalgische Erinnerungen, dass sie sich auf etwas Schlechtes beziehen und etwas Gutes dabei herauskommt: Menschen denken vielleicht an die Stasi und eine Atmosphäre der Angst, erinnern sich aber gleichzeitig an die Freundschaft mit den Nachbarn oder Kollegen, daran, wie viel sie einander bedeutet haben in den schwierigen Zeiten.

Gibt es Erinnerungen, die ein größeres nostalgisches Potenzial haben als andere?
Ja, und zwar solche, bei denen wir das Gefühl hatten, in unserer Autonomie unterstützt zu werden. Wenn wir uns darin bestärkt sehen, eigene Entscheidungen zu treffen. Gute Ideen zu haben. Als kleiner Junge zum Beispiel habe ich auf einer Farm ausgeholfen. Mir wurden Aufgaben zugeteilt, und ich hatte das Gefühl, ernst genommen zu werden.

Wie unterscheiden sich Nostalgie und Sehnsucht voneinander?
Sie sind einander sehr ähnlich. Sehnsucht betont einen bestimmten Aspekt der Nostalgie: Sie bedeutet, etwas zurückhaben zu wollen, das man aus der Vergangenheit kennt.

Sie meinen, Sehnsucht ist restaurativer als Nostalgie?
Ja, so könnte man es sagen. Nostalgie ist zukunftsorientiert. Sie motiviert.

Wie das? Sie schöpft doch aus der Vergangenheit.
Wenn Sie an Ihre Freunde denken, möchten Sie die wiedersehen und greifen zum Telefonhörer. Nostalgie ist also handlungsorientiert. Sehnsucht kann deaktivierend wirken: Sie können sich nach etwas sehnen und wissen, dass Sie es nie wiedersehen werden.

Was triggert Nostalgie stärker: Musik oder Geruch?
Ich glaube, Geruch, auch wenn es dafür noch keine wissenschaftlichen Beweise gibt. Er stimmt uns manchmal nostalgisch, und wir wissen nicht einmal warum. Musik erinnert uns eher an bestimmte Situationen, an einen Urlaub, an ein Ereignis oder an eine Stimmung.

Welche Charaktereigenschaften machen besonders anfällig für Nostalgie?
Fantasie. Menschen, die im Kino weinen, die sich in ­Büchern verlieren und mit den Charakteren leiden, die sich winden, wenn sie lesen, dass jemand verletzt wird – denen fällt es auch leicht, nostalgische Erinnerungen zuzulassen. Fantasie ist mit Empathie verwandt, die wiederum eine Schwester der Nostalgie ist. Wer nostalgisch ist, der ist oft auch ein empathischer Mensch.

Und ein hilfsbereiter, schreiben Sie. Aber ist die Erinnerung nicht etwas Selbstbezogenes?
Schon, aber nostalgische Erinnerungen haben meistens mit anderen Menschen zu tun. Sie denken an Ihre Großeltern, Ihre Geschwister oder Freunde. Soziale Interak­tion trägt entscheidend zur Nostalgie bei, und das macht Sie hilfsbereiter. Wenn Sie sich nostalgische Erinnerungen vor Augen führen, die andere Menschen betreffen, stärkt das Ihr Vertrauen in andere. Sie denken positiver über Beziehungen, Sie werden leichter Freundschaften schließen und eine bessere Freundin sein. In dem Moment fühlen Sie sich verbunden, Sie haben eine positivere Wahrnehmung von sich selbst und anderen.

Ist das der Grund, warum Paartherapeuten bei Beziehungskrisen raten, sich an die Anfänge der Beziehung zu erinnern, an das, was einen am anderen angezogen hat?
Das ergibt Sinn. Wir haben Paare im Labor alte Konflikte ausdis­kutieren lassen und sie anschließend gebeten, an ein nostalgisch gefärbtes Ereignis zu denken. Und siehe da, das Teilen einer nostalgischen Erinnerung hat die Nähe zwischen Partnern intensiviert.

Wie lange hält diese Wirkung an?
Sie muss immer wieder aufgefrischt werden, aber immerhin wirkt sie stärkend in schwierigen Situationen: Wenn Sie sich daran erinnern, wie Sie frühere Krisen überwunden haben, auf welche Weise Sie früher Erfolg hatten, dann stimmt Sie das zuversichtlich mit Blick auf die Gegenwart.

Woran merkt man, dass man sich in der Vergangen­heit verliert, statt aus ihr zu schöpfen?
Das hängt davon ab, wie hoch die Resilienz eines Menschen ist, also seine Fähigkeit, Lebenskrisen ohne nachhaltige Schäden zu überstehen. Wir haben kürzlich eine Studie mit syrischen Flüchtlingen durchgeführt. Diejenigen, die eine hohe Resilienz haben, konnten alle positiven Effekte der Nostalgie ausschöpfen. Nur was die Zukunft betraf, waren sie weniger zuversichtlich als Menschen, die in gesicherten Verhältnissen leben. Geflüchtete mit geringer Resi­lienz haben sich in der Vergangenheit eingerichtet und meinen: So wie es früher war, wird es nie wieder. Solche Menschen können ihr Trauma nur mit professioneller Hilfe überwinden. Das mag auch erklären, warum Nostalgie in der Psychiatrie lange einen schlechten Ruf ­hatte – sie beschäftigt sich ja vor allem mit Menschen, die ihr Trauma nicht allein verarbeiten können.

Gibt es Nationen, die nostalgischer sind als andere?
Nostalgische Erinnerungen gewinnen immer dann an Bedeutung, wenn sich Menschen in einer Phase des Verlusts oder Umbruchs befinden und sich bedroht fühlen. Ganz gleich, welche Nationalität sie haben.

Das heißt, Ihre nostalgischen Gefühle als Erste-Welt-Immigrant unterscheiden sich nicht von denen Ihrer englischen Nachbarn?
Doch, am Tag nach dem Brexit-Referendum schon. In den Niederlanden, dachte ich, hätten wir anders abgestimmt. Ich hatte nationale nostalgische Gefühle.

An was außer den Niederlanden hängen Sie noch?
Ich zeige es Ihnen. (Er scrollt durch den Fotospeicher seines Telefons.) Als Kind bin ich Fahrradrennen gefahren, ich fahre bis heute. Und ich liebe Fotos von alten Fahrrad­teilen. Hier, das ist eines meiner Räder, altes Design, und hier (er zeigt auf ein Bild einer Felgenbremse), die ist von 1983. Habe ich lange gesucht. In der Konsumentenpsychologie wird das emotionaler Konsum genannt. Das heißt, ich kaufe ein Teil für mein Fahrrad und durchlebe dabei starke Gefühle. Unser Konsumverhalten wird während unserer Jugend geprägt. Und das nutzen die Marketingstrategen aus.

Aber Gegenstände im Retro-Design werden oft von Menschen gekauft, die gar nicht jugendlich waren, als das Design neu war. Der aktuelle Fiat 500 zum Beispiel, der optisch auf dem Modell von 1957 basiert, wird nun von meinen Freunden bewundert, die Mitte dreißig sind.
Re-Editionen bekannter Marken versprechen Sicherheit und Beständigkeit, sie vereinfachen unsere Kaufentscheidung, und das war schon immer so. Es ist ein Phänomen der Nostalgie, dass sie die Menschen glauben lässt, gerade jetzt sei der Retro-Trend so stark wie nie zuvor. Aber schon 1977 hat der Soziologe Fred Davis über den Nostalgietrend geschrieben. Die Retro-Begeisterung begleitet uns permanent, und trotzdem werde ich immer wieder gefragt, warum Menschen gerade jetzt so nostalgieanfällig seien. Ich glaube, die Vermarktung spielt eine immer größere Rolle und wird bewusster wahrgenommen als früher.

Bei Altbauten scheint die Begeisterung zeitlos zu sein. Sie werden seit Jahrhunderten wertgeschätzt, praktisch jeder will in ihnen wohnen. Warum?
Weil uns die alten Mauern ein Gefühl der Kontinuität vermitteln. Sie waren vor uns da, sie werden uns wahrscheinlich überdauern. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass Menschen von alten Denkmälern und prähis­torischen Gebäuden beeindruckt sind. Die Spuren aus vergangenen Zeiten versichern uns: Es löst sich nicht alles in Rauch auf.

Manche Menschen streben an, weniger zu besitzen, und dünnen im Geiste von Marie Kondo ihren Kleiderschrank aus. Spotify hat schon viele Plattensammlungen in den Keller verbannt. Was macht das mit nostalgischen Gefühlen?
Tja, gerade Spotify hat ein großes Interesse an ihnen. Ich habe mit Mitarbeitern der Firma gesprochen, als sie ihre Zeitkapsel-Playlist entwickelten: Mithilfe eines Algorithmus wird eine Liste von dreißig Songs erstellt, die man aus seiner Teenagerzeit kennt – unter Berücksichtigung der Titel, die man gerade so hört. 2017 war das ziemlich populär.

Von manchen Gegenständen des Alltags trennen wir uns nicht, obwohl wir ahnen, dass wir sie nie mehr in die Hand nehmen werden. Warum?
Weil wir sie schätzen und sie sinnvolle, nostalgische Erinnerungen wecken, die oft mit uns nahestehenden Menschen zu tun haben wie Eltern, Großeltern, Partnern, Kindern und Freunden.

Gilt das auch für Vintage-Möbel?
Alle alten Objekte einschließlich Vintage-Möbel können warme Kindheitserinnerungen auslösen und das Gefühl der Selbstkontinuität, der sozialen Verbundenheit und der Sinnhaftigkeit des Lebens verstärken.

Seit einigen Jahren werden wir dazu angehalten, möglichst achtsam, das heißt im Moment zu leben. Eben nicht in der Vergangenheit.
Diese Mechanismen sind einander ähnlicher, als Sie denken. Es geht darum, die Gedankenschleifen zu durch­brechen, Sorgen auszubremsen und sich an einen Ort zu begeben, an dem man sich wohlfühlt – und das kann auch eine wertvolle Erinnerung sein. Weder Nostalgie noch Achtsamkeit wollen die Vergangenheit bewerten oder heilen. Sie zelebrieren einen bestimmten Moment.