Das sind Ihre Rechte im Homeoffice

Muss der Arbeitgeber alle Geräte für die Arbeit zuhause stellen? Und welche Kosten lassen sich bei der Steuer absetzen? Obwohl viele Menschen ihren Job seit über einem Jahr zuhause verrichten, sind noch immer viele Aspekte ungeklärt. Wir haben eine Expertin und einen Experten um die wichtigsten Antworten gebeten.

Arbeiten am Küchentisch, nebenher das Kind betreuen – so sieht seit einiger Zeit die Realität vieler Arbeitnehmenden aus.

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Über ein Jahr ist es jetzt her, dass viele Menschen angefangen haben, im Homeoffice zu arbeiten. Trotzdem sind noch nicht alle Fragen dazu geklärt – »Homeoffice« wurde hierzulande nie so häufig gegoogelt wie vergangenen Januar. Also haben wir zwei Fachleute um Antworten gebeten: Dr. Marta Böning, Arbeitsrechtsexpertin beim Deutschen Gewerkschaftsbund, und Stefan Heine, Buchautor und Steuerfachanwalt bei smartsteuer.

1. Den Laptop am Küchentisch, daneben lärmen die Kinder, auf dem Weg zum Supermarkt telefoniert man kurz mit der Chefin – was ist das eigentlich, was wir da seit einem Jahr hinschustern?
Das, sagt Marta Böning, sei eine gute Frage. »Der einzige Begriff, der gesetzlich festgelegt ist, ist Telearbeit – und zwar im Arbeitsschutzrecht.« Bei Telearbeit richtet der Arbeitgeber beim Arbeitnehmer zuhause einen Arbeitsplatz ein. Und für den, sagt das Arbeitsschutzrecht, gelten dieselben Vorgaben wie im Betrieb, was etwa Ergonomie oder Beleuchtung angeht. Dass die eingehalten werden, muss der Arbeitgeber prüfen. »Sämtliche andere Formen – mal zuhause am Küchentisch zu arbeiten, mal von unterwegs, mal im Café – gelten nicht als Telearbeitsplatz im Sinne des Arbeitsschutzrechts. Oft meint man mit Homeoffice einfach mobiles Arbeiten, dabei ist Homeoffice nur eine Form davon. Und rechtlich sind das alles keine klaren Begriffe.«

2. Was, wenn ich zuhause arbeiten möchte, aber nicht darf?
»Es gibt keinen gesetzlichen Rechtsanspruch auf Homeoffice«, sagt Marta Böning. Momentan ist die Situation aber eine besondere: Wegen Corona ist der Arbeitgeber verpflichtet, Homeoffice anzubieten, es sei denn, das geht aus zwingenden betrieblichen Gründen nicht. So steht es in der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung, die noch bis zum 30. April 2021 gilt. Einklagen kann der Arbeitnehmer, die Arbeitnehmerin Homeoffice trotzdem nicht: Weil es sich bei der Pflicht, Homeoffice anzubieten, um eine Regel im Bereich des Arbeitsschutzrechts handelt, kontrollieren die Arbeitsschutzbehörden die Einhaltung dieser Regel. Sie kann man kontaktieren, und sie können den Arbeitgeber gegebenenfalls auffordern, darzulegen, warum Homeoffice aus seiner Sicht nicht möglich ist.

3. Was, wenn ich zuhause arbeiten soll, aber nicht möchte?
Der Arbeitgeber kann niemanden gegen dessen Willen ins Homeoffice schicken. Das liegt am Grundgesetz: Artikel 13 schützt die Wohnung als persönlichen Rückzugsort. Nicht einmal die Polizei darf da ohne weiteres rein, der Arbeitgeber also schon gar nicht. Für Homeoffice ist immer die Einwilligung des Arbeitnehmers nötig. Die kann er schriftlich, mündlich oder durch schlüssiges Handeln erteilen (etwa allein dadurch, dass er seine Arbeitsgeräte mit nach Hause nimmt und die Arbeit dort erledigt). Am sichersten ist Böning zufolge für beide Seiten aber eine klare schriftlichen Vereinbarung.

4. Muss ich meinen eigenen Laptop und mein eigenes Handy verwenden?
Grundsätzlich müsse der Arbeitgeber die Arbeitsmittel stellen, sagt Böning. Und die müssten bestimmten Vorgaben entsprechen, um die Gesundheit der Arbeitnehmerin zu schützen. Der Arbeitgeber kann also eigentlich nicht verlangen, dass man den eigenen Laptop oder das eigene Handy verwendet. Aber Böning sagt: »Hier überlagert die Wirklichkeit oft rechtliche Grundsätze. In den Betrieben mit Interessenvertretung, wo Betriebsvereinbarungen zu Homeoffice existieren, gibt es dazu oft konkrete Regelungen – und wenn nicht, können entsprechende Vereinbarungen initiiert werden.«

5. Wenn ich schon mein eigenes Handy verwende – zahlt der Arbeitgeber wenigstens die Rechnung?
Der Arbeitgeber muss laut Böning grundsätzlich für die Kosten aufkommen, die durch die Arbeit entstehen. Nur: Dieser Grundsatz werde nicht immer umgesetzt. Und manchmal könne es schwer sein, die Kosten aufzudröseln: »Mein WLAN zuhause hat zum Beispiel für Homeoffice gereicht. Andere mussten ihres aufmotzen. Aber da sagt der Arbeitgeber vielleicht: Sie brauchen das ja auch für private Zwecke«, erklärt sie. »Oder: Wenn ich jetzt mehr Strom verbrauche als vor der Pandemie – wie soll ich zeigen, welche Mehrkosten durch meine Arbeit entstehen und welche durch das Homeschooling der Kinder?« Deswegen sei man hier mit einer schriftlichen Vereinbarung gut beraten. Darin könne man sich mit dem Arbeitgeber auf eine Pauschale einigen, zum Beispiel 50 Euro im Monat für Strom und Internet.

6. Was, wenn ich mir Verspannungen hole, weil ich mich den ganzen Tag über meinen kleinen Laptop beuge? Oder bei der Arbeit vom Küchenstuhl falle und mir den Arm breche?
Hier gelten Marta Böning zufolge grundsätzlich dieselben Regeln wie an der Arbeitsstätte. Verspannungen oder ein gebrochener Arm können eine Arbeitsunfähigkeit mit Entgeltfortzahlung (über den Arbeitgeber) und Krankengeld (über die Krankenkasse) nach sich ziehen. Besondere Maßnahmen wie Reha oder Physiotherapie zahlt – bei einem anerkannten Arbeitsunfall – die gesetzliche Unfallversicherung. Gerade bei Arbeitsunfällen ist die Lage für den Beschäftigten im Homeoffice aber unbefriedigend: Er muss im Zweifel nachweisen, dass er sich den Arm bei der Arbeit gebrochen hat. »Und das kann schwierig sein, wenn man auf dem Küchenstuhl mal für die Arbeit sitzt und mal fürs Mittagessen«, sagt Böning.

7. Was, wenn ich ein wichtiges Kundengespräch verpasse oder Dateien verschwinden, weil mein privater Laptop abstürzt? Oder gehackt wird?
Normalerweise sei der Arbeitgeber für die technische Infrastruktur verantwortlich, sagt Böning. Er müsse sie stellen, und er müsse zusehen, dass sie funktioniert. In der Praxis sehe es aber oft anders aus. Die Verantwortung für technische Pannen sollte deswegen klar geregelt werden. Genauso übrigens wie die für Szenarien, in denen zum Beispiel das Kind auf dem Arbeits-Laptop herumtrampelt: Geht der Laptop im Büro kaputt, etwa weil es einen Kurzschluss gibt, geht das laut Böning auf das Konto des Arbeitgebers. »Aber man kann ihn schlecht alle häuslichen Risiken tragen lassen. Also ist es auch wichtig, eine entsprechende Regelung zu treffen.«

8. Wann muss ich für meine Chefin oder meinen Chef erreichbar sein und wann darf ich Pausen machen?
Wenn nichts Abweichendes vereinbart ist, gälten dieselben Arbeitszeiten wie im Betrieb, sagt Böning. Die könnten im Arbeitsvertrag festgelegt sein oder in einer Betriebsvereinbarung. Daran ändere Homeoffice nichts. Außerdem gibt es übergeordnete, gesetzliche Grenzen der Arbeitszeit, für deren Einhaltung der Arbeitgeber verantwortlich ist: Das Gesetz ermöglicht grundsätzlich bis zu zehn Stunden Arbeitszeit am Tag, wenn sich das innerhalb eines halben Jahres auf durchschnittlich 48 Stunden wöchentlich, also acht Stunden werktäglich, ausgleicht. Arbeitgeber müssen Pausen einräumen, Arbeitnehmer müssen sie einhalten. Bei einem Arbeitstag von mehr als sechs, aber weniger als neun Stunden ist mindestens eine halbe Stunde Pause einzuhalten, bei einem Arbeitstag von mehr als neun Stunden eine Dreiviertelstunde. Und: Zwischen zwei Arbeitstagen muss eine Ruhezeit von mindestens elf Stunden liegen. Deswegen geht das, was gerade viele Eltern machen, eigentlich nicht: In der Morgendämmerung die E-Mails checken, Frühstück für die Familie machen, drei, vier Stunden lang arbeiten, sich am Nachmittag um die Kinder kümmern und nachts, wenn sie im Bett sind, weiterarbeiten. Denn wer beispielsweise bis zehn Uhr abends arbeitet, darf am nächsten Tag erst um neun wieder anfangen. »Die Arbeitgeber sind hier ganz klar in der Pflicht, auf die Einhaltung der gesetzlichen Grenzen der Arbeitszeit zu achten«, sagt Böning. »Erfahren die Kontrollbehörden davon, dass die Arbeitszeiten regelmäßig nicht eingehalten werden, könnten sie den Arbeitgeber zu einem Bußgeld verdonnern.“

9. Wie darf mich meine Chefin oder mein Chef im Homeoffice kontrollieren?
»Eine permanente technikgestützte Überwachung ist aus Datenschutzgründen nicht zulässig«, sagt Böning. Der Arbeitgeber dürfe also nicht ins Blaue hinein Software oder Keylogger installieren, um zu prüfen, welche Websites geöffnet werden oder was getippt wird – weder im Betrieb noch im Homeoffice. »Er hat im Homeoffice keine höhere Überwachsungsbefugnis.« Beschäftigte müssten aber darauf achten, ob und in welchem Umfang der Arbeitgeber erlaubt, Arbeitsgeräte privat zu nutzen. Bestehe der Verdacht, dass man sich daran nicht hält, dürfe der Arbeitgeber das kontrollieren und gegebenenfalls ahnden. In jedem Fall sei der Arbeitgeber verpflichtet, auch im Homeoffice die Arbeitszeit zu erfassen. Da könne er die Mitwirkung der Arbeitnehmerin, des Arbeitnehmers verlangen und sie verpflichten, etwa eine App dafür zu verwenden oder eine Tabelle auszufüllen.

10. Angenommen, ich arbeite eigentlich in München – darf ich in einem Ferienhaus im Umland, auf Mallorca oder in Indonesien Homeoffice machen, ohne meinem Arbeitgeber Bescheid zu geben?
Gesetzlich sei diese Frage nicht geregelt, sagt Marta Böning. Es komme auf die Vereinbarung zwischen dem Arbeitgeber und der Beschäftigten oder auf eine betriebliche Vereinbarung an. Grundsätzlich gehe es den Arbeitgeber nichts an, ob ich mein Homeoffice in meiner Stadtwohnung oder in meinem Ferienhaus im Umland einrichte, wenn ich an beiden Orten gleich gut arbeiten kann. Will man vom Ausland aus arbeiten, sollte man das aber mit dem Arbeitgeber vereinbaren. Denn das könne sozialversicherungsrechtliche und steuerrechtliche Konsequenzen haben. Und wenn an manchen Tagen Anwesenheit verlangt werde, müsse man an diesen Tagen im Betrieb sein können. »Wenn ich das nicht schaffe, weil auf dem Weg zur Arbeit etwas passiert, etwa der Zug oder der Flieger ausfällt, dann geht das auf meine Kappe«, sagt Böning.

11. Homeoffice machen und gleichzeitig Kinder betreuen – das funktioniert eigentlich nicht. Gibt es da keinen Ausweg?
Grundsätzlich könne der Arbeitgeber auch im Homeoffice von seinen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die Arbeit im vereinbarten Umfang verlangen, sagt Böning. Das bedeute aber nicht, dass diese die Arbeit unter allen Umständen erbringen müssten: Müssen Beschäftigte die Betreuung ihrer kleinen Kinder übernehmen, weil die Betreuungsmöglichkeiten ausfallen, hätten sie erst einmal das Recht darauf, für einige wenige Tage bezahlt von der Arbeit freigestellt zu werden. Wobei dieses Recht in einigen Arbeits- oder Tarifverträgen eingeschränkt oder ausgeschlossen sei. Sonst könnten sie sich darauf berufen, dass die Arbeit unzumutbar ist. »Dann bekommen sie aber auch kein Geld – für viele ist das keine Option.«

Um diesen Unwägbarkeiten während der Corona-Pandemie zu begegnen, hat der Gesetzgeber neue Regeln geschaffen: Zunächst wurde eine neue

Inzwischen gibt es auch eine zweite, einfachere Lösung: Bis Ende des Jahres wurde das Kinderkrankengeld erweitert. Sorgeberechtige, die

12. Wenn ich in meinen eigenen vier Wänden arbeite, die ich zahle, statt ins Büro zu fahren, das mein Arbeitgeber zahlt – habe ich davon wenigstens steuerlich etwas?
Ja, sagt Stefan Heine. Im Spannungsfeld Arbeiten im Büro/Arbeiten zuhause gebe es normalerweise drei Bereiche, in denen man Ausgaben für den Job von der Steuer absetzen kann: Arbeitsmittel, Arbeitszimmer und Arbeitswege. Arbeitsmittel könne man immer von der Steuer absetzen, sagt Heine – egal, ob sie in einem abgetrennten Arbeitszimmer stehen oder neben dem Bett, ob sie jeden Tag genutzt werden oder nur gelegentlich. Dazu gehörten zum Beispiel der Schreibtisch und der Schreibtischstuhl.

Beim Arbeitszimmer sind die Anforderungen Heine zufolge strenger: Das kann man nur von der Steuer absetzen, wenn es

Wer sein Arbeitszimmer von der Steuer absetzen will, sollte Rechnungen sammeln, einen Grundriss parat haben und Fotos machen,

13. Und was ist mit der Homeoffice-Pauschale?
Eine andere Möglichkeit, steuerlich zu profitieren, ist die Homeoffice-Pauschale, die für 2020 beschlossen wurde. Die sollte man sich ansehen, wenn man kein Arbeitszimmer absetzen kann, sagt Heine. Zusätzlich gebe es sie nämlich nicht – und meistens komme beim Arbeitszimmer mehr raus. Durch die Homeoffice-Pauschale können für jeden Tag im Homeoffice fünf Euro abgesetzt werden, maximal 120 Tage, also 600 Euro. An diesen Tagen darf man ausschließlich zuhause gearbeitet haben. An Tagen, in denen man ins Büro gefahren ist, und sei es nur, um Unterlagen zu holen, bekommt man dafür die Pendlerpauschale. Laut Heine wichtig bei der Steuererklärung: Man geht bei einer Fünf-Tage-Woche von 230 Arbeitstagen im Jahr aus – Homeoffice-Tage und Pendel-Tage sollten also zusammen nicht mehr als 230 ergeben. Und: Damit man von der Homeoffice-Pauschale wirklich etwas hat, müssen noch mehr als 400 Euro weitere Kosten dazukommen. Der Gesetzgeber glaubt nämlich, dass jeder Arbeitnehmer Geld für seinen Job ausgibt. Deswegen gibt es den Arbeitnehmerpauschbetrag: 1000 Euro werden automatisch von der Steuer abgesetzt. Nur wer höhere Kosten hat, kann darüber hinaus etwas absetzen.