Was Rom einen lehrt

Der Autor Simon Strauß hat ein Buch über die ewige Stadt geschrieben. Ein Gespräch über italienische Sehnsüchte, die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart und die unterschiedlichen Lebensbedingungen in Europa.

Simon Strauß, 30, lebt als Journalist und Autor in Frankfurt.

Foto: Musaccio/lanniello/Pasqualini

SZ-Magazin: Warum übt Rom einen so großen Zauber auf uns Deutsche aus?
Simon Strauß: Auf Franzosen und Engländer doch auch. Weil in Rom nicht das dominiert, was überall sonst zentral ist: also die Wirtschaft und die Technologie, sondern die drei großen Instanzen Kunst, Religion und Philosophie beziehungsweise Wissenschaft, die hier eine wundersame Verbindung eingehen. Man muss diese Stadt nicht gelehrt betreten, man muss nichts wissen, um diesen Zauber zu verspüren, um zu erfahren, dass diese Stadt etwas bedeutet, dass diese Steine vom Forum Romanum mitten in der Stadt irgendetwas Großes bedeuten. Weil hier Vergangenheit und Gegenwart gleichzeitig spürbar sind.

Vergangenen Sommer haben Sie in Rom verbracht und eine Erzählung über die Stadt geschrieben. Haben Sie den Barkeeper kennengelernt, der Pasolini noch bedient hat?
Im Café Rosati an der Piazza del Popolo, wo Pasolini, Visconti, Morante und alle anderen saßen? Leider nein. Ist heute eher so ein Schickimicki-Ding, hat man mir erzählt.

Haben Sie »La Dolce Vita« mal gesehen?
Ja, aber »Roma« von Fellini war viel wichtiger für mich, das ist mein zentraler Rom-Film. Die Stadt hat viele Postkartenmotive, aber eben auch das völlig Übersteigerte gehört dazu: So wie die Szene aus »Roma«, in der das Pferd auf der Autobahn läuft. Rom ist schon selbst Fiktion und ein ausgetretener Fiktionsweg. So viel wurde über die Stadt geschrieben, aber man versucht trotzdem immer noch einen unbeschriebenen Grashalm zu entdecken.

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Spürt man den Zauber noch, wenn die Leute da durchrennen wie durch Disneyland?
Ich weiß nicht, ob andere etwas spüren. Ich schon. Aber es ist doch faszinierend, dass die Busse hier immer noch unaufhörlich Menschen ausspucken. In 200 Jahren wird man sich vielleicht fragen: Warum sind die alle 2019 noch nach Rom gepilgert? Warum nicht ins Silicon Valley? Ein rationaler Grund lässt sich da gar nicht so leicht benennen, das Geheimnis Roms ist nicht einfach zu beschreiben. Sigmund Freud hat die Stadt einmal ein Lebewesen genannt, in dem alle Entwicklungsstufen, die ein Körper normalerweise hintereinander durchläuft, parallel stattfinden. Junges Mädchen und zugleich alter Mann – das Bild gefällt mir. Für mich ist Rom eine Stadt, die viele Impulse gibt und Fragen aufwirft. Anderen mag das bei New York und Paris so gehen, die sagen mir nicht so viel. Ich war mal ein Austauschsemester in Poitiers, da lebte niemand in einer WG und am Wochenende sind immer alle nach Hause gefahren. Vielleicht habe ich Italien deshalb so idealisiert, weil ich Frankreich so furchtbar fand. In Rom bin ich jedenfalls durch die Straßen gegangen und habe mich ständig gefragt, was für ein Leben die Menschen hier wohl leben – daraus habe ich ein Buch der Bilder und Begegnungen entwickelt. Ich wollte den Menschen eine Geschichte geben.

Wie haben Sie den Sommer in Rom verbracht?
Ich bekam für mein erstes Buch ein dreimonatiges Stipendium in der Casa di Goethe in Rom, habe vormittags meinen Sprachunterricht besucht, und nachts in meinem Zimmer geschrieben. Die italienische Reise habe ich mir natürlich auch mitgenommen, allerdings nicht zu Ende gelesen. Am Tag bin ich viel durch die Stadt gelaufen. Ich habe so einen kleinen Tick und suche in fremden Städten immer Krankenhäuser auf. Wie dort miteinander, mit Krankheit und Tod umgegangen wird, verrät viel über eine Stadt.

Es heißt, in Rom funktioniert nichts – außer das Essen.
Kann ich so nicht sagen. Hier funktioniert schon eine Menge. Vielleicht kommen die Busse nicht unbedingt pünktlich und die Museen sind zu den Öffnungszeiten nicht geöffnet. Aber das Zusammenleben zwischen den Menschen funktioniert, anders als bei uns, weil eben vieles gleichzeitig passiert und man hier unglaublich erfindungsreich sein muss. Rom ist ja eine Stadt, die noch eine weitere Stadt in sich hat. Gestern saß ich mit einem Jesuiten am Tisch. Der ist so alt wie ich, auch dreißig. Lebt in Keuschheit, ist überzeugt vom Leben nach dem Tod. Hier in Rom trifft man die unterschiedlichsten Menschen. Das erlebt man in anderen Städten nicht so leicht. Das Leben ist hier stärker fühlbar, auch wenn es im Alltag etwas weniger gut funktioniert als in Deutschland. Ich habe mir das natürlich im Grunde nur vorstellen können, weil ich in Rom nicht wirklich gelebt habe und nicht mit der Bürokratie zu kämpfen hatte.

In vielen Facebook-Beiträgen heißt es, Rom sei inzwischen so überlaufen wie Amsterdam und Barcelona.
Ja, diesen Eindruck hat man sofort: Massen von Touristen, die alles kaputt machen. Aber ich habe die Stadt trotzdem anders wahrgenommen. Vielleicht, weil für mich Rom schon immer ein Sehnsuchtsort war – ich habe mich mit diesem Flecken Erde schon im Geschichtsstudium beschäftigt.

Viele junge Leute kommen mit ihren Eltern das erste Mal auf Bildungsurlaub nach Rom. Sie auch?
Zwei Tage war ich mal als Kind hier, ein Wochenende mit meiner Mutter, aber da ist nichts hängengeblieben.

Woher stammt Ihre Sehnsucht?
Rom hat während des Studiums und dann auch für die Dissertation für mich viel bedeutet. Ich schrieb über Konzeptionen römischer Gesellschaftsordnung im 19. und frühen 20. Jahrhundert, bei Leuten wie Mommsen, Weber, Gelzer, den Granden der fortschrittlichen deutschen Wissenschaft. Wie haben die sich vorgestellt, wie die römische Gesellschaft funktioniert hat? Es gibt einen Gedanken, der das republikanische Rom für mich immer attraktiv gemacht hat: Nämlich, dass sozialer Status und Anerkennung hier nicht von wirtschaftlichem Wohlstand abhängig war, sondern durch politische Tätigkeit und den Einsatz für das Gemeinwesen erworben wurde. Ein großer Politiker wie Cicero, der aus einfachen Verhältnissen kam, konnte so Karriere machen. Diese Formel wurde im 19. Jahrhundert wiederentdeckt.

Beruft sich Matteo Salvini, der Innenminister der neo-faschistischen Lega Nord, der auf Marktplätzen Babies über den Kopf streichelt und gefällig Dutzende von Selfies mit sich machen lässt, auch auf diese römische Tradition? Ist diese Art Populismus im alten Rom erfunden worden?
Vielleicht sähe sich Salvini gern in einer Reihe mit Cicero, aber ich glaube, er gehört eher zur düsteren Epoche der römischen Kaiserzeit. Er scheint sich in Mussolini-Tradition als ein Volkstribun zu präsentieren, der bei jeder Gelegenheit behauptet: »zwischen das Volk und mich – da passt kein Blatt dazwischen«. Im republikanischen Senat hat man hingegen disputiert und musste die Macht jedes Jahr wieder abgeben. Der Wechsel von Macht folgt einer ganz anderen Idee von Politik. Und die hat übrigens ziemlich gut funktioniert, denn das riesige Römische Reich wurde von Rom aus einige Jahrhunderte ganz ohne Twitter regiert.

Sie zitieren in Ihrer Erzählung eine Frau mit dem Satz: »Wir Italiener sind alle Faschisten.« Der erste Marsch von Mussolini fand vor einhundert Jahren statt. Die Fans des Fußballvereins Lazio Rom begrüßen sich mit dem faschistischen Gruß. Wie kann man als Deutscher für eine Stadt schwärmen, die sich so ungeniert rechtsradikal präsentiert?
Ne, die Stadt ist nicht rechtsradikal. Rom hat eher eine linke Tradition. Cinque Stelle stellt ja auch die Bürgermeisterin, natürlich weiß man auch nicht mehr, wie links diese Partei überhaupt noch ist. Salvinis Lega dagegen stammt aus dem Norden, und Salvini hat Rom lange verachtet und zum Süden gezählt, nicht zum potenten Norden. Aber natürlich ist die Frage berechtigt: Wie kommt es, dass man von so einer kaputten Stadt angezogen wird? In Catania weiter im Süden ist die Verzweiflung über das Versagen des Staates allerdings nochmal viel stärker zu spüren. Alles was uns selbstverständlich erscheint, gibt es da nur in schlechter Ausführung, zum Beispiel Rechtssicherheit oder Gesundheitsversorgung. Man kann in Rom lernen, wie unterschiedlich die Lebensbedingungen in Europa sind. Ich habe hier viele gleichaltrige Menschen kennengelernt, die trotz einer tollen Bildung überhaupt keine Zukunftschancen besitzen.

Die oft noch bei ihren Eltern zuhause leben müssen.
Ja, weil sie kein Geld verdienen, keine Eigenständigkeit haben. Dieser Riss durch Nord- und Südeuropa wird in Rom augenfällig. Aber man muss auch mal hierherkommen, um das zu sehen, statt sich in Frankfurter Hochhäusern zu versichern, wie schrecklich man diese Armut findet. Das Sich-dem-Auszusetzen kommt in meinem Buch auch vor, hoffentlich ohne, dass ich mich dabei als Leidenstourist präsentiere, der eine Geschichte über die macht, denen es nicht gut geht. Ich habe einen privilegierten Blick auf die Stadt, gar keine Frage, weil ich es mir leisten kann, mich für die Wirkungsräume zu interessieren und nicht für den Alltag. Wie meine Freundin Emma sagt: »Leb mal ein Jahr hier, dann würdest du nicht so ein Grande Bellezza-Buch schreiben.« Das Stimmt. Meine drei Monate sind kein wirkliches Leben gewesen. Die Brutalität und die Hoffnungslosigkeit in den Vororten habe ich allerdings auch kennengelernt. Oder das Flüchtlingslager Tiburtina besucht, ein illegales Zeltlager ohne fließendes Wasser und ohne Aufsicht in einem quasi rechtsfreien Raum. Da herrscht eine ganz andere Härte als in Berliner Flüchtlingslagern. Alles wirkt hier härter, unversöhnlicher. In Pietralata war ich auch, einem traditionellen Arbeiterviertel, in dem Pasolini früher viel gedreht hat. Das liegt nur eine halbe Stunde vom Zentrum entfernt, aber heute fährt da kein Bus mehr hin und der Müll wird höchstens einmal im Monat abgeholt.

Kürzlich haben Fußballfans mitten in der Stadt eine Rolltreppe zur Metro zum Einsturz gebracht, woraufhin einer Frau beide Beine amputiert werden mussten.
Krise ist ein zentrales Wort für Rom. Man hält den Staat für einen korrupten Verbrecher und hegt tiefes Misstrauen gegenüber den Politikern. Aber die Leute reagieren nicht nur mit Trauer, Defätismus oder Niedergeschlagenheit auf die Missstände in ihrer Stadt. Ich habe viele Menschen mit einer kämpferischen Einstellung erlebt. Andere wiederum träumen von einer Zukunft in Berlin so wie wir Deutsche vom Leben in Rom. Projektionen und Ideale helfen einem, sich ein Bewusstsein zu bilden. Es gibt neben dem professionellen und dem privaten Leben eben auch eines, in dem man träumt und träumerische Dinge tut, wie ich zum Beispiel dieses Rom-Buch zu schreiben.

Haben Sie Ihre Rom-Sehnsucht jetzt gestillt oder werden Sie zurückkehren?
Ich hätte nichts lieber gemacht, als hier ein Jahr zu bleiben und zu leben. Auch um den Alltag zu erfahren: Hier zum Beispiel Kinder zu haben ist wahrscheinlich der reinste Horror. Mit Kindern über Straßen zu gehen, auf denen es keine Regeln gibt, sie in die Kita zu bringen, die dann aus irgendeinem Grund doch nicht geöffnet ist. Natürlich komme ich wieder. Ich habe das Buch ja Rom gewidmet und mein erstes Exemplar im Garten der Villa Borghese vergraben.

Ein römisches Schriftstellerritual?
Nein. Habe ich erfunden. Es war spätnachts und ich nach der Buchvorstellung etwas angetrunken.

»Römische Tage« ist soeben im Tropen-Verlag erschienen.

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