Warum ich kein Tourist mehr sein möchte

Neue Orte im UNESCO-Weltkulturerbe führen zu neuen Touristenströmen. Doch egal, wo und wie man Urlaub macht: Man ist Teil eines Problems.

Einsame Strände, beeindruckende Landschaften, authentische Städte: Das suchen alle und finden vor Ort nur Ihresgleichen.

Collage: Josefin Heitz

Ich habe einen neuen Pass, mit Biometrie-Schnickschnack und unverbeulten Ecken. Der alte war speckig und voller Stempel, ich liebte es, sie auf Reisen zu studieren, die Trophäen meines Rumgekommenseins, Südsee, Karibik, Asien. Ich glaube nicht, dass der neue Pass jemals so voll wird. Ich spüre Fernweh, fast täglich, aber ich bin reisemüde. Denn egal, wie man Urlaub macht – man kommt aus dem Dilemma nicht heraus, Teil eines Problems zu sein, das sich »Tourismus« nennt, einer der größten Wirtschaftszweige der Welt mit fatalen Folgen, für Umwelt, Klima und die Menschen vor Ort. Es gelingt mir nicht mehr, das auszublenden.

Städtereisen
In den letzten Jahren besuchte ich Porto, London und Rom. Horrende Eintrittspreise für Sehenswürdigkeiten, nervige Durchleuchtungs-Prozeduren und Selfie-Stangen-Wahnsinn – eh klar. Was mich noch mehr störte, war das leblose Drumherum. Ich sah die immergleichen Shops und Cafés, mit ihren Drahtlampen und Sichtbeton-Wänden, mit ihren witzig-beschrifteten Werbe-Aufstellern vor der Tür. »We have no Wifi, talk to each other.« In Porto – Status: Weltkulturerbe oder »wie Lissabon nur vor zehn Jahren« – gab es eine Buchhandlung, die J.K. Rowling angeblich zu einem Detail in Harry Potter inspiriert haben soll.  Die Buchhandlung kostete 5 Euro Eintritt und die Touri-Schlange war mehr als fünfzig Meter lang. Kein Witz. In Rom schoben sich Geox-besohlte Massen durch die Gassen, ein Meer aus Folgt-mir-Fähnchen, ich sah in vier Tagen praktisch keine Römer.

Der italienische Buchautor Marco d’Eramo sieht touristische Städte gar in einem »Todeskampf«, wie er in seinem kürzlich erschienenen Buch »Die Welt im Selfie« schreibt. Vor allem Orte, die sich UNESCO-Weltkulturerbe nennen dürfen, also die formelle Beglaubigung dafür haben, touristisch lohnenswert zu sein. Wer so prominent geadelt wird, stirbt wenig später, diagnostiziert d’Eramo. Die Städte erstarren in Musealität, die Mieten steigen, die Kulturszene schrumpft auf gefälligen Massengeschmack, die Restaurant-Szene versnackt. Ich kann mich d’Eramo nur anschließen. In dem Moment, wenn eine Buchhandlung zur Pilgerstädte wird, ist sie für die Bevölkerung eben unbrauchbar.

Buchtipps: Marco d'Eramo: Die Welt im Selfie. Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters. (Suhrkamp)
Roger Willemsen: Die Enden der Welt. (S. Fischer)

Fernreisen
Auch Individualreisen verursachen mir zunehmend Bauchschmerzen, vielleicht bin ich aber auch nur unfähig, sie richtig zu planen. Was ich will, wollen ja fast alle: in einer bestimmten Zeit (für einen westlichen Arbeitnehmer sind es meist zwei bis drei Wochen) und einem bestimmten Budget ein fernes Land erkunden. Doch der Wunsch, »möglichst viel sehen zu wollen«, wird zum Fluch: Er führt jedes Mal dazu, am Ende einen Parcours abzulaufen. »Du fährst nach Bali? Fahr auf die Gillies« – keine Ahnung, was die verdammten Gillies sind, aber außer mir waren alle schon da.

Das Perfide: Im selben Moment, in dem ich eine Aversion gegen das Kollektiv-Erleben äußere, werde ich schon wieder Teil einer touristischen Zielgruppe: der »off the beaten track«-Zielgruppe, also all jener, die abseits der Touristenpfade gehen möchten. Mit Slogans wie »Bei uns gibt es keine Stops an Souvenirläden« wetteifern Tagesausflug-Anbieter auf diesen Reisen um saturierte »been there-done-that«-Traveller mit dem Versprechen, den Fluchtweg aus dem Trampelpfad zu kennen.

Der Individualtourist erkauft sich also Exklusivität: Bootstouren durchs Mekong-Delta oder Romantik-Safaris durch Tansania, indem er »Guides« ganztägig »mietet«, Sherpas fürs Flachland. Zuhause haben alle Skrupel, eine Putzfrau zu beschäftigen, aber in Schwellenländern freuen sich dieselben Menschen, für 2 Euro den ganzen Tag herumgefahren zu werden. »Von einem echten Local«.

Wer aus dem Wettrennen um Individualität ausbrechen will, muss sich an die Speerspitze der Traveller-Szene setzen und sich neue Ziele suchen: Meine Bekannten fahren inzwischen in Länder wie Kirgistan, West-Papua, Albanien, und soll nicht auch Ruanda inzwischen total angesagt sein? Ich mag da irgendwie nicht mitmachen. Ich fürchte, am Ende wird es auch dort Starbuckkskaffee geben, den sich die hiesige Bevölkerung nicht leisten kann. Ein Blick auf die Kao San Road in Bangkok, den degenerierten Endpunkt dessen, wozu der westliche Massentourismus führen kann, genügt.

Tourismus ist Kapitalismus auf Rollkoffer-Rädern, und der in Schwellenländer reisende Individualtourist hängt der Hoffnung an, dass das Land von seiner Freizeitinvestition profitiert. Aber tut es das? Es fällt schwer beim Blick auf die Plastikmassen im Meer vor Bali, es fällt schwer beim Blick auf die prekären Dienstleistungsgesellschaften, bei deren Erzeugung man mithilft. Rückenmassage für fünf Dollar, und darfs noch eine Kokusnuss aufs Zimmer sein?

Pauschaltourismus
In Folge des Rimini- und Lloret-de-Mar-Zeitalters geschmäht, ist er heute vielleicht die ehrlichste Form des Tourismus. Das macht es natürlich nicht besser. Denn die Wasser-, CO2- und Ressourcenverschwendung, kurz: der ganze Umwelthorror ist bei dieser Art zu reisen genauso groß wie bei anderen, vielleicht noch größer, siehe Kreuzfahrt-Industrie. Immerhin kommt der Pauschaltourismus ohne metaphysische Überhöhung aus. Erholung bei schönem Wetter, basta. Das schlechte Gewissen, einen Landstrich nur für den eigenen Lustgewinn zu »missbrauchen«, ohne sich groß für das Land, in dem dieser Landstrich liegt, zu interessieren, verursacht selbst den schlichtesten Reisefans ein so schlechtes Gewissen, dass sie es mit der Teilnahme an organisierten Ausflügen à la »Kennenlernen eines Beduinendorfs bei Sonnenaufgang« zu kompensieren versuchen. Dabei dienen die Menschen vor Ort oder Tiere (gerne Kamele oder Orang Utans) immer nur als Staffage fürs Foto – oder als Empfänger von Hilfsleistungen. Schwierig.

Nomadisches Reisen
All das ist in der Traveller-Szene natürlich längst ein alter Hut. Die Gegenbewegung, die sich aus diesem Unbehagen gebildet hat, ist das Nomadentum. Flexible Arbeitszeitmodelle und moderne Kommunikationsformen wie Slack oder Facetime machen es möglich. Kündige deinen Job, lagere deine Möbel ein und reise um die Welt, es ist einfacher als du denkst, so lautet der Imperativ dieser Reiseart. In Form von Wohnungstausch- oder Haustausch-Aufenthalten ist das eigentlich eine gute Sache: Wer so reist, hat wirklich Gelegenheit, ein Land kennenzulernen, und zwar nicht nur die Orte, Straßen und Menschen im grellen Scheinwerferlicht des Tourismus, sondern die Normalität eines Landes, seinen, wenn man so will: wahren Kern.

Roger Willemsen hat die Geisteshaltung, die dieser Art des Reisens entspricht, in seinem Buch »Die Enden der Welt« auf den Punkt gebracht: »Der Tourist sucht den Ort in seiner Augenblicklichkeit, er sucht die Sehenswürdigkeit, den Schnappschuss, der Reisende dagegen sucht die Dauer, das Immerwährende. Man muss deshalb lange an einem Ort gewesen, immer wieder an dieselben Stellen gegangen sein, um seinen Geist zu erahnen.« Doch es haben halt schlicht nicht alle die beruflichen Freiheiten und finanziellen Mittel, alles liegen und stehen zu lassen und um die Welt zu tingeln. Es gibt Zwänge und vor allem Bindungen: eine Familie, Menschen, die einen brauchen. 

Auch schwierig ist die Art und Weise, mit der das Dauer-Reisen postuliert wird, missionarisch nämlich: Man sehe sich die Accounts der unzähligen (immer weißen, privilegierten) Reiseblogger bei Instagram oder gefeierte Reise-Dokus wie »Given« auf Netflix an.

In »Given« wird eine reisende Kleinfamilie porträtiert, alle mit langen Hippie-Haaren und sehnigen, gesunden Körpern, die in ihrem supercoolen Retro-Bus um die Welt tingeln, Mama surft, Papa surft, vorne sitzt das Kleinkind aufm Brett. Hier wird ein Achtsamkeits-Lifestyle präsentiert, den es so nicht gibt, nicht geben kann: Denn nie wird diese Familie dabei gezeigt, wie sie die Windeln für ihre Kleinkinder entsorgen muss, nie wird sie gezeigt, wie sie sich zwischen den Kontinenten bewegt – mit dem Flugzeug halt, ist anzunehmen, wie jeder rothäutige Pauschaltourist auch.

Was bleibt?
Für mich derzeit nur Europa, kleine, familienbetriebene Hotels, Ferienwohnungen oder Camping. Möglichst mit der Umgebung verschmelzen, möglichst wenig Sightseeing, möglichst wenig Tourist sein. Zwar gibt es auch bei letzterem ein paar bedauerliche Entwicklungen, etwa die Tatsache, dass sich Campingplätze immer mehr zu Plastik-Freizeitparks hochrüsten, was ich hier schon einmal aufgeschrieben habe. Dennoch ist es am Ende wahrscheinlich die umweltfreundlichste Art zu verreisen. Dieser mannigfaltige, wunderschöne, noch immer friedliche Kontinent, dessen Grenzen – kann man es wirklich glauben? – offen sind. Es wird Zeit, ihn noch besser kennenzulernen. Nur Stempel gibt’s dann keine.

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