Schreck, lass nach

Unser Autor ist äußerst schreckhaft. Das ist lästig – und vor allem peinlich. Was soll er tun?

Natürlich ist mir das total unangenehm. Es genügt ja schon, dass ich im Büro ruhig vor mich hin arbeite, ein Kollege kommt zur Tür rein – und ich ramme vor Schreck das Knie in die Tischkante. Ich fahre mit dem Auto durch die Innenstadt, ein Wagen kommt von rechts auf die Kreuzung, ich zucke am Steuer so, dass ich mit dem Auto fast auf den Bürgersteig gerate. Zu Hause das Gleiche: Ich komme aus dem Badezimmer, meine Frau steht zufällig vor der Tür, ich fahre zusammen, als hätte der Blitz eingeschlagen. Meine Frau grinst spöttisch und sagt: »Bitte entschuldigen Sie, ich wohne hier.«

Ich erschrecke sogar, wenn ich weiß, dass gleich etwas passiert. Klassischer Fall: der Thriller. Ich sitze im Kino, die Heldin geht den langen dunklen Gang entlang, der Mörder wartet, er wird jede Sekunde hinter einer Ecke hervorspringen, ein Schrei, Orchestertusch. Ich konzentriere mich darauf, dass ich das schon weiß, ich denke, nur die Ruhe, gleich macht’s bum!, du weißt es, nicht erschrecken. Dann macht es bum!, und mein Körper verkrampft sich schlagartig in eine Art Embryonalstellung. Meistens versuche ich dann, mit etwas Rumrutschen und Räuspern so zu tun, als wäre ich nur gerade dabei, mich bequemer hinzusetzen. Mäßig glaubhaft, ich weiß.

Was passiert überhaupt im Moment des Erschreckens? Medizinisch gesagt: Das limbische System im Gehirn bewertet eine Situation als akuten Stress, daraufhin versetzt das vegetative Nervensystem den Körper in Alarmzustand, unter anderem über die Ausschüttung von Nebennierenhormonen. Der Puls steigt, der Blutdruck auch, die Muskeln spannen sich an, Bronchien und Pupillen erweitern sich. Das ganze System stellt in Millisekunden um auf Reaktion, Abwehr, Flucht. Ein Überlebensmechanismus.

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Was die psychologische Seite betrifft, gibt es erstaunlich wenig Fachliteratur über Schreckhaftigkeit. Meistens wird das Thema eher so im Vorbeigehen mitbearbeitet, weil Schreckhaftigkeit ein Symptom für schwache Nerven oder Überlastung sein kann. Eine Frage von Chemie, Hormonen – und Körperspannung: Wer zur Nervosität neigt, erschrickt leichter als ein verschlafener Typ. Klar so weit.

Schreckhaftigkeit gilt auch oft als Zeichen für psychische Traumata. Aber ich erinnere mich an keinen größeren Schreck in meiner Kindheit. Das Einzige, was mir einfällt: Ich bin ungern von Luftballons umgeben, die können knallen. Und ich meine, dass in meiner Kindheit mal einer direkt neben meinem Ohr geplatzt ist, zählt das als Trauma? Vielleicht bilde ich mir das aber auch nur ein. Eine Selbstschutzbehauptung, weil ich bei jedem Luftballon im Voraus zusammenzucke.

Das Problem ist aber gar nicht so sehr die Schreckhaftigkeit selbst, sondern ihr Image. Erschrecken gilt als unmännlich. Im Alltag, im Beruf – alle wollen immer irgendwie cool und unberührbar erscheinen. Aber wer erschrickt, zuckt eben. Quietscht vielleicht sogar. Man kann nichts dagegen machen, es ist wie Niesen. Reiz. Reaktion. Quietsch.

Außerdem wird Schreck oft mit Angst in Verbindung gebracht. In klassischen Nachschlagewerken taucht die Schreckhaftigkeit praktisch immer als unmännliche Schwäche auf. Grimms Wörterbuch zitiert Textstellen aus der Literatur, zum Beispiel Lessing: »Ein schreckhaftes Mädchen, das betäubt und mit zerrütteten Sinnen schon vor meinem Namen flieht, kann leicht fürchterliche Worte für fürchterliche Thaten halten.«

Dabei machen mir fürchterliche Thaten gar keine Angst. Auch nicht dunkle Wälder, finstere Keller, verlassene Häuser, alles im Grunde unproblematisch. Das Einzige, was mich an solchen Orten wahnsinnig macht, ist die Sorge, es könnte jeden Moment hinter einem Baum oder einer Mauer etwas hervorspringen. Ich meine damit nicht Geister oder Monster – es würde eine harmlose Ratte oder ein Uhu genügen, um mich in den Herzinfarkt zu treiben.

Ganz und gar egal sind mir zum Beispiel Geisterbahnen. Da ist die Impulsfrequenz viel zu hoch. Wenn etwas ununterbrochen auf mich einstürmt, verblasst der Schreckmoment. Es ist wie mit Lärm: Ein Knall erschreckt mich, eine Stunde Presslufthammer nicht. Kleiner Tipp für Geisterbahnbetreiber: Wenn ihr eine Bahn wollt, die Leute wie mich um den Verstand bringt, dann baut eine, in der eine unbestimmte Zeit lang überhaupt nichts passiert – und dann etwas explodiert. Genügt völlig.

Wer erschrickt, wirkt, als verliere er die Kontrolle. Und Kontrollverlust gilt als Manko, außer um sechs Uhr früh im Berghain. Mag auch die Welt in Kriegen versinken, die Demokratie sterben, das Klima durchdrehen – der moderne Mann muss unter allen Umständen kontrolliert sein, die Zügel in der Hand halten, den Wirrnissen ungerührt entgegenblicken. Schreckhaftigkeit kann da niemand brauchen. Dabei würde ich ja sagen, ich bin einigermaßen furchtlos. Soll die Bedrohung doch kommen, krieg ich schon hin. Nur soll sie halt nicht so plötzlich auftauchen oder ein Geräusch dabei machen, sonst zucke ich.

Ich würde mich damit besser fühlen, wenn unter den vielen coolen Helden der Filmgeschichte der eine oder andere schreckhaft wäre. James Bond zum Beispiel: Der könnte doch einfach mal spitz schreien, weil er überraschend einen Schuss hört. Oder vor Schreck einen kleinen Hopser machen, wenn der Killer zum Fenster hereinspringt – und ihm dann eine harte Rechte verpassen. Na ja. Ich sehe schon. Bis auf Weiteres werde ich mich in Überraschungsmomenten eher fühlen wie Drew Barrymore in einer Liebeskomödie.

Was tun? Psychologen und Nachschlagewerke haben zu all dem kaum Tipps. Meistens heißt es nur: Setzen Sie sich öfter Schrecksituationen aus. Aber außer Kino, Geisterbahn, Autofahren geht da nicht viel. Einen einzigen Rat habe ich gefunden, der mir kurz Mut gemacht hat. Schreckresistenz, hieß es da, sei durchaus trainierbar. Man müsse nur öfter schießen, dann werden auch die Schreckhaftesten mit der Zeit nicht mehr bei jedem Knall scheuen. Leider ging es dabei um Polizeipferde.

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