Ich dachte kein einziges Mal an Maria

Unsere Autorin hatte mit dem Partner ihrer besten Freundin eine Affäre. Passiert ist fast nichts - aber bis heute kann ihr niemand verzeihen.

Ich mochte sie sofort. Ihre Stimme, ihre hohe Stirn, die sie vielleicht hinter einem Pony versteckt hätte, wäre da nicht dieser Wirbel. Ihr braunes Haar in einem strengen Pferdeschwanz. Beim Sprechen öffnete sie die Hände, die Innenflächen nach oben, sie legte offen und unterstrich, was sie sagte. Sie war eins mit ihrem Körper. Du bist also Lea, sagte sie, etwas zu laut, Berliner Schnauze. Wir saßen in einem U, zwischen uns Kommilitonen, ich antwortete Ja, und damit war alles klar. Nach dem Seminar standen wir auf dem Campus rum, Maria und ich im kalten Herbst, erstes Semester Theaterwissenschaft, und verabredeten uns für den nächsten Tag, und für den übernächsten, zwei Jahre lang. An Tagen, an denen wir uns nicht trafen, telefonierten wir, auch wenn es nichts zu besprechen gab. Wir wurden beste Freundinnen. Dann verriet ich sie.

Ich tauschte unsere Freundschaft gegen eine Amour fou, im besten Fall. Vielleicht war es nur ein gutes Gefühl. Marias Freund Hinrich nannte es eine Schwärmerei, das klang harmloser, weniger konkret als die Affäre, die er und ich bald hatten. Maria liebte Hinrich. Zwei, drei Jahre hatte sie auf ihn gewartet, während er Frauen ausprobierte, die ihm zuflogen. Sie waren in Berlin zusammen zur Schule gegangen, und Maria wollte nur ihn, den lässigen Schlaks, den Feinnervigen, dem nichts entging. Seit Kurzem wohnten sie zusammen, in der Kleinstadt B., in der wir studierten. Hinrich war, wie Maria auch, acht Jahre älter als ich – und erfahren, lustig, charmant. Er machte die Menschen leicht, und dafür verehrte ich ihn sofort. Er lernte für seine Magisterprüfung und inszenierte an der Laienbühne. Ob ich mitspielen wolle? Nach einem kurzen Vorsprechen entschied er, ich sollte ihm besser bei der Regie assistieren.

Die ersten Proben waren vorbei, als ein Brief kam, er lag abends auf der Schwelle vor meiner Wohnungstür. »Für Lene« stand darauf. So nannte mich Hinrich. Ich war aufgeregt. Er schrieb von seiner Zuneigung, er sei verwirrt, schwarzer Kugelschreiber auf weißem DIN A4. Es war ein Liebesbrief, und während ich ihn las, dachte ich nicht ein einziges Mal an Maria. Ich war glücklich, in meinen Händen ein Geschenk zu halten, ein Geheimnis, niemand durfte davon erfahren. Und das verlieh meinen Gefühlen Nachdruck. Ich antwortete.

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Wenn ich Maria sah, verhielt ich mich wie immer. Sie schrieb das Programmheft für die Inszenierung, und während sie dafür in Berlin recherchierte, knipste Hinrich auf der Probebühne das Licht aus, drängte mich gegen die Wand und küsste mich. Ich küsste zurück und fand, wir seien leidenschaftlich. Am Valentinstag schenkte er mir eine gelbe Rose und sagte, sie habe sich nicht getraut, rot zu werden, und ich konnte vor Aufregung nichts mehr essen. Manchmal saß er auf der Waschmaschine in meinem Bad und schaute zu, wie ich mir die Wimpern tuschte. Das machte mich verlegen und ungeschickt, wir waren schließlich kein Paar, sondern Verliebte. Als Maria nach einer Woche zurückkam, hatten wir mindestens fast miteinander geschlafen, und mich drückte ein schlechtes Gewissen. Ob wir es nicht sagen sollten? Niemals, sagte Hinrich, dürfe Maria davon erfahren. Auch nicht, wenn er nicht mehr mit ihr zusammen sei. An dieses Verbot hielt ich mich, meine Schuld band mich.

Und mein schlechtes Gewissen schmierte mich. Ich funktionierte. Keinen Moment dachte ich daran, die Verabredung abzusagen, ein paar Tage nach der Theaterpremiere zusammen mit Maria und ihren Eltern Ostern zu feiern. Ich saß neben Maria auf dem Rücksitz eines Opels, während ihr stiller Vater, ein runder Gastarbeiter aus Mazedonien, uns durch Berlin fuhr. Die Eltern waren stolz auf ihre Tochter, die studierte. Sie hätten alles für sie getan, und das bedrohte mich, obwohl ich mir sicher war, sie würden nie von meiner Schuld erfahren. Marias Mutter kochte, und ich aß, so viel ich konnte und darüber hinaus, ich stopfte ihre Herzlichkeit in mich hinein, die ich nicht verdient hatte. Lange Tage auf dem Sofa der kleinen Wohnung in Schöneberg, Maria privat mit Brille, Gläserstärke minus acht, ihre Augen dahinter ganz klein. Es war eine hinrichfreie Zeit, jedenfalls wollte ich das, ich spaltete ab, was nicht in das Bild passte, das sich Marias Familie von mir machte.

Ein Jahr später die Wiederaufnahme des Stückes und der Affäre, als wäre sie Teil der Inszenierung. Hinrich, den ich in probenfreien Zeiten kaum sah, weil er in Berlin für seine Prüfung lernte, war wieder da und damit die versteckten Momente auf dem Weg zur Toilette, hinter der Bühne, in seinem Kleinwagen auf dem Nachhauseweg. Ich hielt mich an das Schweigegebot, aber mein schlechtes Gewissen war jetzt so stark, dass ich hässlich wurde zu Maria. Ich rief sie kaum mehr an, keine Zeit, schon was vor, nächste Woche sieht es auch schlecht aus. Und dann kam der Nachmittag, an dem ich mit Maria in einem Eiscafé auf weißen Plastikstühlen saß und sie mich fragte: Lea, magst du mich eigentlich noch? Ich reichte beide Hände über den Tisch, die Innenflächen nach oben, und sagte: Natürlich mag ich dich. Nur war nichts mehr natürlich, aber das konnte ich nicht aussprechen. Es tat mir leid.

Hinrich zog fort, nachdem er sich von Maria getrennt hatte. Nach der Zwischenprüfung verließ auch ich die Kleinstadt B., Maria blieb. Sie wohnte weiter in den Räumen, die sie sich mit Hinrich geteilt hatte. Selten telefonierten wir. Vier Jahre später besuchte sie mich. Wir lagen auf meinem Bett und tranken. Erinnerten uns, wie es damals war, das Leben. Und die Liebe. Sie sprach von Hinrich, und ich verstand: Sie wartete noch immer oder schon wieder auf ihn, es war mir gleich, es sollte nur aufhören. Das Leben musste doch weitergehen, verdammt. In einem Anfall von Aufklärungswut erzählte ich ihr alles. Ich beschrieb, wie Hinrich mich hinter der Bühne küsste, während sie mit ihren Eltern in der Vorstellung saß; wie er nach den Proben mit mir in meinem WG-Zimmer gelegen hatte, bevor er zu ihr fuhr. Ich war gründlich in meinen Schilderungen, sie sollte sich entlieben, sofort. Mit jeder Szene wurde ich leichter, bald würde nichts mehr zwischen uns stehen, und Maria würde es schon verkraften. Sie verstummte. Dass ich nicht nur das Bild eines Mannes zerstören würde, sondern auch unsere Freundschaft, begriff ich am nächsten Morgen. Sie hatte nicht geschlafen, sie brauche ein bisschen Zeit, sagte sie, und wurde von einer Freundin abgeholt.

Erst jetzt schämte ich mich. Sie würden über mich sprechen, sich empören, mich verurteilen. Ich hatte Maria verraten und meine Ehre verspielt, das war jetzt öffentlich und damit richtbar. Mir fielen ihre Eltern ein, warme, freundliche Menschen. Ich bekam Angst, sie würden es nicht verstehen, erst recht nicht verzeihen. Als ich Maria später fragte, wie sie es aufgenommen hätten, sagte sie: nicht so gut. Das war sicher die schlimmste Untertreibung, die ich je in meinem Leben gehört habe

Wir sahen uns noch vier Mal. Freundliche Treffen. Sie fragte nach Hinrich, mit dem ich keinen Kontakt hatte, das schien ihr wichtig. Dann sprachen wir darüber, wie es uns geht. Leichtes aus dem Alltag, die Nähe war noch da, das Vertrauen nicht mehr. Unsere Freundschaft wurde zur Bekanntschaft. Und Männer, traute ich mich zu fragen. Sie blieb vage.

In Küchengesprächen mit Freundinnen versuche ich manchmal, von Maria, Hinrich und mir zu erzählen. Ich betone dann meistens, dass ich erst zwanzig war, dass wir nie bis zum Äußersten … umsonst. Sie springen mir nicht bei und sagen, das kann doch mal passieren, er hat dich sicher verführt, irgendetwas, was mein Verhalten als einen Moment der Schwäche entschuldigen würde. Ich sehne mich bis heute nach Vergebung.

Illustration: Dilraj Mann

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