Im Sommer habe ich einen Schweinebauern in Oberösterreich besucht. Ein beruflicher Termin, aber weil ich kein Wirtschaftsprüfer, sondern Journalist bin, saßen wir draußen auf einer lieblichen Anhöhe unter einer mächtigen Linde, umgeben von Mais- und Weizenfeldern, neben uns gackerten Hühner. Es war um die Mittagszeit, als mein Gastgeber murmelnd aufstand, in seinen schmutzigen Arbeitsstiefeln ins Haus stapfte und mit einem Tablett zurückkam, auf dem neben zwei Gläsern eine Wasserkaraffe sowie ein Fläschchen Zitronensaft standen – »für den Geschmack«, sagte er.
Ich war augenblicklich elektrisiert, so ungewöhnlich fand ich die Kombination. Wasser plus Zitronensaft aus dem Supermarkt hatte mir noch nie jemand angeboten, und ich gestehe, im ersten Moment kam mir die Sache arg pragmatisch, ja fast lieblos vor. Ich dachte an die kunstvoll komponierten Wasserkaraffen, die in den vergangenen Jahren in Mode gekommen waren, erst in Wellnessbereichen gehobener Alpenhotels, danach in Luxusgeschäften, Fitnessstudios, Autohäusern, Agenturen aller Art und eigentlich auch, wenn man Menschen besucht, die sich für stilvoll halten und sich überhaupt auf der Höhe der Zeit wähnen. Fast immer schwimmen Orangen- und Limettenscheiben darin, oft in Kombination mit Erdbeeren, Blaubeeren oder Heidelbeeren, mitunter auch mit Minz- oder Lavendelblättern, Rosmarin- oder Thymianzweigen. Ich glaube, man spricht in diesem Zusammenhang von »Infused Water«, also von Wasser mit Geschmack, aber ohne Zucker oder künstliche Aromen.
Ich konnte mit den Dingern nie viel anfangen. Erstens finde ich nicht, dass Wasser, solange es kühl und kohlensäurehaltig ist, verbessert werden muss, es erscheint mir perfekt, wie es ist. Zweitens ist ein eitler Überbietungswettbewerb entstanden nach dem Prinzip: Je ausgefallener, desto besser. Und den Versuch ansonsten erschreckend gewöhnlicher Menschen, mit vermeintlich originellen Klamotten oder zeitgeistigen Design-Utensilien zu glänzen, finde ich reichlich albern.
Sie ahnen es, ich fand dieses Fläschchen Zitronensaft und vor allem seinen Eigentümer von Minute zu Minute stimmiger. Es ging etwas Bescheidenes von ihm aus, etwas Mönchhaftes – Maß und Mitte statt Überfluss und Firlefanz. Mich faszinierte die Einfachheit der Idee, auf die ich in tausend Jahren nicht gekommen wäre. War es möglich, dass er auch für andere, womöglich bedeutsamere Lebensfragen simple, aber überzeugende Antworten parat hatte? Je weiter der Tag voranschritt, desto mehr war ich von diesem Menschen angetan, der leise und unaufdringlich, aber auch klug und selbstbewusst war. Er interessierte sich für die Welt, wusste viel, vertrat originelle Ansichten, zugleich wirkte er auf geheimnisvolle Art stark und frei, als könnte ihm nichts und niemand etwas anhaben. Es war ein schöner Tag auf diesem Hof, friedlich und inspirierend, eine Welt, ganz anders als die, in der ich mich sonst bewege, unaufgeregter, körperlicher, naturverbundener. Wir tranken die Karaffe an diesem Nachmittag leer, mal nahm ich einen Spritzer Zitronensaft, mal ließ ich ihn weg, mein Gastgeber kommentierte es nicht einmal, er überließ die Sache mir.
Auf der Rückfahrt nach München fiel mir ein, an wen er mich erinnerte: Im Jahr 2008 besuchte ich Hilla Becher, die berühmte Fotografin, ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes Bernd, mit dem sie jahrezehntelang zusammengearbeitet hatte. Auch damals faszinierte mich die Kargheit ihrer Düsseldorfer Wohnung: Im Wohnzimmer stand ein winziger Röhrenfernseher, davor kein Sofa, sondern ein einzelner Holzstuhl. Im Badezimmer entdeckte ich kein Parfum und keine Creme, auf dem Waschbecken lag statt einem Stück Seife: eine halbe Zitrone.

