Warum blass schminken, wenn man auch leuchten kann?

Dezent ist vorbei: Rouge feiert einen Comeback auf den Backen junger Frauen. Und plötzlich sehen alle aus, als kämen sie vom Spaßhaben. Unsere Autorin mag den Trend – dabei hatte sie früher sogar Angst vor Rotbäckchensaft.

Foto: Erli Grünzweil

Wer heute in eine Bar geht, sieht Frauen, die aussehen, als hätten sie eine Schneeballschlacht hinter sich. Frauen, die nach Freude aussehen. Dass das nicht eine aktive Lässigkeit ist, sondern ein Schminktrend, musste ich erst mal kapieren. Gesichter haben sich geändert. Rouge wird nicht mehr nur zart oben auf die Wangenknochen aufgetragen, sondern unten auf die Wangen, nicht konturiert, sondern flächig, rosig statt edel dunkelrot.

In digitalen Anleitungen kann man lernen, wo man sich auf der Nasenspitze den Tupfer Blush so hinsetzt und wie man ihn verblendet, dass man aussieht, als hätte man beim Rumflitzen am See ein bisschen gefroren. Das ist der Cold Girl Glow. Es gibt aber auch das Gegenteil: den »Ich habe zu lange in der Sonne im Pool geplanscht«-Look. Wer schon mal im Urlaub die Sonnencreme vergessen hat, kennt den Look vom Blick in den Spiegel nach dem abendlichen Duschen. Alles rötlich, aber vor allem der Nasenrücken und die obere Hälfte der Wangen. Genau das war früher mein Feind. Mit Concealer in Schichten habe ich damals die Sonne aus meinem Gesicht geschminkt. Jetzt setzen sich viele Schminkende falsche Sommersprossen mit Hennafarbe ins Gesicht. Dazu: kein Mascara, keine roten Lippen, kein Lidschatten. Im Grunde ungeschminkt mit leichtem Sonnenbrand.

Ich mag die neuen Schminktrends. Einfach weil alle aussehen, als kämen sie vom Spaßhaben. Die Rapperin Shirin David tauchte neulich in einer Fernsehshow auf und glänzte an Schultern und im Dekolleté, als hätte sie sich großzügig mit Sonnenöl eingeschmiert und wäre dann zwei Stunden beim Beachvolleyball gewesen.

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Dezent ist vorbei. Desinteressiert und passiv aussehen auch. Ich würde den Schminktrend mal unter »gesund aussehen« subsumieren. Man will nicht mehr wirken, als hätte man freudlos zu Hause gehungert, sondern draußen Freude gehabt, nicht nur im Gesicht, sondern am ganzen Körper. Passt zur Wahrnehmung der aktuellen Trainingsziele, die ich so im Fitnessstudio beobachte. Kein stundenlanges Cardio mehr, dafür Sets mit Übungen für verschiedene Muskelgruppen. Training für Arme wie Miley Cyrus versprachen neulich auch viele Frauenzeitschriften.

Das war früher anders. Ich weiß noch, dass wir als Teenagermädchen darüber sprachen, wie man uns den Schwimmsport am besten nicht an den Schultern ansieht. Keine wollte eine Sportlerinnenfigur. Dünn und nicht so auffällig war das Ziel. Wir verweigerten Rotbäckchensaft aus Sorge, wie freudvolle Kinder auszusehen. Auch Möhren aß ich nicht. Ich hatte mitgekriegt, sie könnten das Gesicht einfärben.

Der ultimative Gradmesser für meine Cousinen und mich war der Kommentar unserer Oma. Wann immer man sie besuchte, gab sie unseren Müttern irgendwann Feedback über uns. »Das Kind sieht blass aus«, urteilte sie. Für unsere Mütter war das kein Lob, sie hatten etwas falsch gemacht. Aber wir freuten uns. Blass war gut. Gefürchtet war das andere der beiden möglichen Urteile: »Das Kind sieht gesund aus!« Bitter. Meine Cousine prägte die Regel: Wenn Oma findet, dass du gesund aussiehst, dann hast du ganz sicher fünf Kilo zu viel.

Dass sich vom runden Po zum geröteten Gesicht jetzt der aktive Look durchsetzt, mag ich. Warum sollten Frauen sich blass schminken, wenn sie auch leuchten können, warum schmal wirken, wenn sie stark sind, und warum passiv rüberkommen und nicht energetisch? Zwar macht eine Wange voller Blush noch keine echte Freude, aber die Richtung stimmt schon mal. Man bekommt ja auch vom künstlichen Lächeln gute Laune, heißt es. Und wenn man sich ein paarmal so geschminkt hat, als hätte man viel Spaß erlebt, ist der Weg zur Erkenntnis auch nicht mehr weit: Das könnte man lustiger haben.