Na dann, gute Nacht

Unsere Autorin leidet unter Insomnie. Durchschlafen kann sie oft nur mithilfe einer Kombination aus drei Mitteln. Und diese Mischung sorgt regelmäßig für Empörung.

Foto: Erli Grünzweil

Das Ding ist, dass ich seit fast 20 Jahren nicht schlafen kann. Ich würde nicht so weit gehen zu sagen, dass ich an Insomnie leide, ich schlafe schon hin und wieder, aber in den meisten Nächten gelingt es mir nicht, mehr als fünf Stunden Schlaf zusammenzukratzen, und das nicht mal am Stück. Richtig gut schlafe ich nur, wenn Leute neben mir liegen, die meinem Gehirn, dem geborenen Unruhestifter, Ruhe geben, was über bedingungslose Liebe zu eben jenem Unruhestifter funktioniert, und diese Liebe schaffen nur wenige. In meinen komplett zerschos­senen Nächten schlafe ich zwei, maximal vier Stunden am Stück, dann ist mein Gehirn wieder wach und will was machen. Gebe ich ihm nichts zu tun, wird es quengelig oder beschäftigt sich ein­gehend mit sich selbst. Gebe ich ihm etwas zu tun, habe ich im Dunkeln meistens nur Sorgen und Ängste zur Hand. Beides führt dazu, dass ich mitten in der Nacht ungefähr drei Stunden lang wach liege oder vor mich hindämmere, um danach noch mal für eine Stunde in eine Art Ohnmacht zu fallen, bevor um sechs Uhr der Wecker klingelt.

Ich weiß, dass ich damit nicht allein bin, und ich weiß, dass wir, die Schlaflosen, alle nichts kennen, was dagegen hilft. Sport, Sauna, gesundes Essen, frische Luft, ausführlicher Sex, keine Genussgifte – daraus kann manchmal ein zufälliger Treffer entstehen, also eine gute Nacht. Aber mein Gehirn ist auch nach zwei Kilometern Schwimmen, drei Saunagängen, gedünstetem Gemüse, einem Spaziergang und so weiter in der Lage, die ganze Nacht weiter Reize abzufeuern. Das Einzige, was mir zuverlässig hilft, ist eine Mischung aus Alkohol, einer Schmerztablette und einem leichten Schlafmittel.

Ja, alles daran ist falsch. Ich verdiene es, für diesen Durchschlaftipp in der Luft zerrissen zu werden oder zumindest in einem Meer aus Beschwerdebriefen unterzugehen. Es gibt nichts, was meinen Trick aus der Hölle entschuldigen könnte, und ich bitte Sie, meine geneigten Leserinnen und Leser, falls Sie Kinder haben, halten Sie sie von mir fern.

Meistgelesen diese Woche:

Was bin ich dafür in Kneipen schon ausgeschimpft worden!

»Also, hör mal, eine Paracetamol zum letzten Glas Wein, hast du Kopfschmerzen?«

»Nein, nur ein nerviges Gehirn.«

Wie hochgezogen waren die Augenbrauen zu Hause!

»Moment, du hast doch Alkohol getrunken und eine Schmerztablette genommen, jetzt noch dieses Medikament obendrauf?«

»Auf einer Pille kann man nicht stehen.«

Ich kann nachvollziehen, dass die Leute das schräg und unverantwortlich von mir finden, aber manchmal, wenn ich besonders wenig geschlafen habe, macht es mich sauer. Erstens, weil die größten Klugscheißer meiner Erfahrung nach auch die besten Schläfer sind. Und zweitens wird etwas ja nicht dadurch schlimmer, dass plötzlich klar zu erkennen ist, woraus es besteht.

Der beliebte Erkältungssaft Wick Medinait zum Beispiel ist gesellschaftlich voll akzeptiert, wenn es darum geht, einen Atem-wegsinfekt zu lindern – »Mach das ruhig, aber halt nicht zu oft« – und enthält im Prinzip genau das, womit ich meine Sy­napsen ins Bett schicke. Ich könnte auch einfach Wick Medinait schlucken, um in Morpheus’ Armen zu versinken, und vermutlich würde sich niemand aufregen. Menschen im Spätkapitalismus lieben es nun mal, wenn die Dinge verpackt sind und ein Etikett tragen, das fühlt sich schön sicher an, man muss dann auch gar nicht mehr nachdenken.

Aber ein Glas Wein mit zwei Tabletten schmeckt mir eben besser, das pharmazeutisch anerkannte Produkt erinnert mich zu sehr an Erkältungsbad. Zweimal wurde es mir trotzdem aufgenötigt, als »Medizin«, und was soll ich sagen: Mein Gehirn hat die ganze Nacht eifrig versucht, die Zutaten zu entschlüsseln.