Mein erstes Sternburg habe ich mit zwölf in Recklinghausen getrunken, auf einer Party, die, wenn ich genauer darüber nachdenke, gar keine Party war, sondern die Krisensitzung der Cheerleading-Gruppe meiner besten Freundin. Seit den Ferien war sie Punk, schrieb antikapitalistische Schlachtrufe auf Stromkästen und adressierte nur noch Kurt Cobain in ihrem Tagebuch, sie hatte eine Agenda oder bildete sich ein, eine zu haben, ich nicht, ich hing noch immer auf dem schmalen Grat zwischen Bibi Blocksberg und der Bravo rum und kapierte ihren Entwicklungssprung nur schleppend.
Auch ihre Cheerleading-Gruppe war nicht das, was man sich unter einer Cheerleading-Gruppe vorstellt. Es war eine Ansammlung von erwachsenen, saufenden Headbangern. Ihr Boyfriend war acht Jahre älter als wir und Metalhead. Fast alle Männer in dieser Cheerleading-Gruppe waren Metalheads. Haare bis zum Arsch, Nieten und Leder und Wikingerblut in Glasflaschen, tagsüber wurden junge Mädchen durch Turnhallen geschleudert, abends wurde abwechselnd gesoffen und im Reihenhaus vor Wer wird Millionär? gechillt. Es ist kein Widerspruch, dass Metalheads Anfang der Nullerjahre die Cheerleading-Kultur des Ruhrpotts geprägt haben, im Gegenteil – es ist ein schönes Beispiel dafür, wie sich Subkulturen und Freizeitsport überraschend überlappen können. Trotzdem kam mir ihr Vorschlag, mit ihr und ihren neuen Freunden Bier zu trinken, ungefähr so gefährlich vor, als hätte sie mich zu Gruppensex mit Satanisten aufgefordert.
Die Krisensitzung, auf der ich mein erstes Bier trank, fand also im Schrebergarten der Eltern von einem dieser Metalheads statt, mitzukommen war die mutigste Entscheidung, die ich bis dato in meinem Leben getroffen hatte. Ich kriegte ein Sternburg in die Hand gedrückt und ging davon aus, dass ich mich nach dem ersten Schluck verhalten würde, als vollzöge jemand einen Exorzismus an mir. Das Gegenteil trat ein, ich war klarer und ruhiger als vorher und hörte den Debatten darüber, was es an den Vereinsstrukturen zu verbessern galt, wer zu selten zum Training kam und woran der Zusammenhalt beim vorigen Turnier gescheitert war, entsprechend gelassen zu. An Details erinnere ich mich nicht, nur an ein einziges, sehr klar: dass der Boyfriend meiner besten Freundin nach irgendeiner vorgetragenen Beschwerde mantraartig den Satz »Da platzt mir der Arsch« wiederholte, mindestens fünfmal. Und wie meine beste Freundin mir aus fünfzehn Metern Entfernung einen Blick zuwarf, den ich nicht vergessen werde, ein Blick, der sagte: Du bist kein Baby. Er ist eins. Ich liebe dich. Danach unterhielt ich mich biertrinkend mit zwei Achtzehnjährigen über Pornos, das heißt, dass ich danebenstehen durfte, während sie sich darüber unterhielten, wie viele verschiedene anatomische Varianten von Schamlippen sie in Pornos gesehen hatten. Eine Stunde später wurden wir von ihrer Mutter mit dem Auto abgeholt.
In meiner Kolumne im Januar ging es um Château Lafite, den wohl teuersten Wein der Welt. Sternburg Export, ein Bier, das lange Zeit als Symbol für Nonkonformismus funktionierte und zu den sehr wenigen Elementen gehört, die Studentenpartys mit prekarisierten Baustellenmilieus gemeinsam haben, müsste dazu der größte Kontrast sein. Es trägt seine eigene Abwertung offen vor sich her, verspricht weder Veredelung noch sozialen Aufstieg, macht seine eigene Billigkeit zum Verkaufsargument. Sternburg und Lafite stehen an entgegengesetzten Enden der Preisskala, aber sie betreiben die gleiche Strategie, sie versprechen beide: Du musst hier nichts beweisen. Und obwohl ich kein Bier trinke, zöge ich das Sternburg jederzeit dem Lafite vor. Nicht aus sentimentalen Gründen, sondern aus politischen.

