Eine der teuersten Flaschen Rotwein der Welt wurde 2010 versteigert. Für 230 000 Dollar bei Sotheby’s an einen anonymen Käufer. Es war ein Château Lafite Rothschild 1869. Sobald es um Alkohol geht, stoße ich beim Verfassen jedes Mal auf Ereignisse, die sich kurz nach der Finanzkrise abgespielt haben. Vielleicht, weil diese Finanzkrise mit meiner Volljährigkeit und der legalen Teilnahme an öffentlichen Besäufnissen zusammenfiel. Meine persönliche Geschichte mit Rausch begann also genau dann, als der Elite des Westens klar wurde, dass es keine Regeln mehr für sie gibt. Inzwischen herrscht die größte Bordeauxkrise seit 1930. Zu hohe Preise in den Boomjahren, US-Zölle, Klimawandel. Château Lafite ist als Spitze der höchsten Prestigeklasse wahrscheinlich weniger davon betroffen als die anderen Weingüter, schon in Versailles war man Fan und so weiter, hängt vor allem mit den geografischen Bedingungen zusammen, das Gut befindet sich auf einer acht Meter dicken Schicht aus Kies, der irgendwann zum Ende der Eiszeit aus den Pyrenäen angeschwemmt wurde.
Ich habe Château Lafite nie getrunken, aber immer wieder Loriots »Benimmschule« gesehen. Herr Blühmel übt in dem Sketch zwecks mechanischer Aneignung von Tischkultur ein Gesellschaftsessen, es wird Château Lafite nachgeschenkt, er schafft es nicht, den Namen des Weines korrekt auszusprechen. Vor einiger Zeit nahm ich an einem öffentlichen Gespräch über Kunst teil, ich war zu spät, und bevor wir auf die Bühne mussten, erzählte mein Gesprächspartner eine Geschichte über Château Lafite. Eigentlich war es eine Geschichte über den reichsten und mächtigsten Mann in unserem Bekanntenkreis. Auf einer Party dieses Mannes hätten überall ungeöffnete Flaschen Château Lafite rumgestanden – gleichzeitig habe der Rotwein, der ausgeschenkt wurde, aber grottenschlecht billig geschmeckt. Aus Lust auf Enttarnung des Klassenfeindes habe mein Gesprächspartner dann eine dieser Lafite-Flaschen vom Personal öffnen lassen, den Inhalt probiert und festgestellt, dass er korkt, dass da also eine korkende Ladung Château Lafite zwecks Dekoration stand, während den Gästen der gleiche Wein serviert wurde, den sie auch in einer Eckkneipe bekommen hätten. Ich lachte und bestätigte ihm, dass es sich bei dieser Anekdote um eine treffsichere Gegenwartsanalyse handelte.
Was mir erst jetzt wieder in aller Brutalität und Schärfe klar wird, ist der Grund für mein Zuspätkommen. Ich hatte ein Auto bestellt, kein Taxi, sondern ein Privatfahrzeug mit Fahrer, und kein Bargeld dabei. Aufgrund eines Problems mit der App funktionierte die Onlinebezahlung aber nicht, ich schrieb dem Fahrer meine Nummer auf und versicherte ihm, dass ich ihm die Fahrtkosten, 18 Euro, überweisen würde. Er verriegelte kommentarlos die Autotüren und fuhr weiter. Ich kriegte Panik. Er auch. Ich schrie ihn an, dass das Freiheitsberaubung sei, er reagierte nicht. Nach fünf Minuten eisernen Schweigens hielt er vor einem EC-Automaten. Ich hob das Geld ab, er fuhr mich zurück, presste zwischen aufeinander gepressten Zahnreihen hervor, dass er das Geld sonst selbst zahlen müsse, dass er sich das nicht leisten könne, dass er zu oft den falschen Leuten geglaubt habe. Und: dass er nicht versichert sei. Ich war aggressiv, mir zwischenzeitlich wie in einem Vergewaltigungsthriller vorgekommen und deshalb in Schockstarre. Als er anhielt, tat ich etwas, wofür ich mich jetzt so sehr schäme, dass mir beim Aufschreiben schlecht wird. Ich stieg aus, riss die Beifahrertür auf. Schmiss ihm 70 Euro in den Fußraum, knallte die Tür wieder zu. Ich demonstrierte ihm, dass er wegen einer Geldsumme, deren dreifache Menge ich ihm grundlos entgegenpfeffern konnte, einen kriminellen Akt begangen hatte. Vielleicht geht es ihm ähnlich. Vielleicht schämt er sich für das Verriegeln der Türen heute genauso.
