Warnung: Kinder können ihre Beziehung zerstören!

Viele Paare wünschen sich nichts sehnlicher als Nachwuchs. Aber wenn er dann da ist, lassen sie sich von ihm völlig beherrschen. Und plötzlich funktionieren sie nicht mehr als Paar. Protokoll einer postnatalen Krise.


Dass ein Kind nicht automatisch die Krönung jeder Beziehung ist, sondern auch eine erhebliche Belastungsprobe darstellen kann, stellen viele junge Elternpaare fest. Zum Beispiel Max und Julia, die vor einem Jahr die kleine Johanna bekamen und seitdem nicht mehr zueinanderfinden. Wir haben uns ihre Geschichte angehört und ihre Schilderung der Ereignisse von der renommierten Paartherapeutin Olivia Wacker kommentieren lassen.

Max: Von meiner vorherigen Freundin habe ich mich getrennt, weil sie keine Kinder wollte. Ich wusste immer, dass ich nicht auf ewig zu zweit durchs Leben irren möchte, die Johanna ist ein absolutes Wunschkind. Jetzt aber frage ich mich manchmal, wenn ich abends allein am Küchentisch sitze, was eigentlich von meinem Traum geblieben ist, einmal Frau und Familie zu haben. So wie Julia, Johanna und ich zusammenleben – das ist eine Katastrophe. Ich fühle mich, als säße ich im Gefängnis. Früher habe ich mich fünfmal die Woche mit Freunden auf ein Bier getroffen, jetzt sehe ich sie fünfmal in fünf Monaten. Julia: Ich beneide den Max, dass er einfach die Tür hinter sich zuziehen und den ganzen Tag arbeiten gehen kann. Ich hätte gern mehr Zeit für mich. Einmal duschen, ohne das Gefühl zu haben, gleich steht die Johanna vor mir und will etwas! Am Abend, wenn Max nach Hause kommt, will er erst mal seine Ruhe. Er hatte ja einen anstrengenden Arbeitstag. Ich hatte aber auch einen anstrengenden Arbeitstag!

Max: Ich bin selbstständiger Schreiner, ackere bis zum Umfallen, um meine Familie ernähren zu können, und dann komme ich nach Hause und werde erst von meiner Frau angeschrien und dann von meinem Kind.

Julia: Am Anfang, als die Johanna noch kleiner war und abends schrie, hat er sie vielleicht drei Minuten geschaukelt. Und dann stand er schon in der Tür und sagte: Die will trinken, die hat Hunger. Das war einfach ein anderer Ausdruck für: Kümmere du dich um sie.

Max: Johanna hatte einen unglaublichen Hunger. Teilweise musste Julia sie alle halbe Stunde stillen, sogar nachts, das konnte ich ja wohl nicht übernehmen. Aber ich kümmere mich gern um mein Kind. Wenn ich Johanna bade, brauche ich allerdings keine Julia, die mir assistiert, das Handtuch reicht und dann noch Ratschläge erteilt. Ich lege doch keine Baby-Badeprüfung ab!

Julia: Wie er sie manchmal anfasst – beim Baden zum Beispiel! Das macht mich rasend. Es dauert ewig, bis er sie angezogen hat. Da übernehme ich das lieber selbst.

Die Therapeutin: »Da übernehme ich das lieber selbst« – ein typischer Satz von Müttern, der viel kaputt macht. Denn wie soll ein frisch gebackener Vater eine gute Beziehung zu seinem Kind aufbauen, wenn er dabei permanent beaufsichtigt und gegängelt wird? Viele Mütter bringen es nicht über sich, ihr Kind ihrem Mann zu überlassen und sich einfach mal Zeit für sich zu nehmen. Aber der Mann schafft das schon! Julia soll doch froh sein, dass Max Johanna badet. Ihre Tochter wird bestimmt keinen Schaden davontragen.

Julia: Wenn die Johanna nachts schreit, stehe ich meistens auf, sie lässt sich von mir einfach besser beruhigen. Das ist halt so, auch wenn ich an manchen Tagen vor Übermüdung wie ferngesteuert rumlaufe. Ich möchte mir dann allerdings nicht noch vorwerfen lassen, ich sei so lustlos und schlapp.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Ich denke manchmal: Bin ich jetzt nur noch der Versorger? Der Würmerpicker, der das Nest füttert und dann wieder wegfliegt?, fragt Max.)


Max:
Julia und ich sind seit vier Jahren verheiratet. In letzter Zeit erkenne ich sie kaum wieder. Sie ist launisch, ja fast aggressiv, engstirnig, nur auf sich fixiert, ständig müde.

Julia: Max versteht nicht, wie sehr eine Schwangerschaft, eine Geburt und vor allem später das Stillen eine Frau körperlich auslaugen. Das Leben ändert sich für die Mütter nach der Geburt eines Kindes sehr viel mehr als für die Väter.

Die Therapeutin: Ein Kind zu bekommen ist für Frauen tatsächlich ein größerer Einschnitt in ihr Leben. Die körperliche Veränderung und natürlich auch die Geburt an sich sind Erfahrungen, die kein Mann nachvollziehen kann. Für diese Schmerzen gibt es keinen Vergleich. Ich habe allerdings den Eindruck, als ob es Max besonders schwerfällt, die Veränderungen seiner Frau zu akzeptieren.

Max: Das kann doch nicht nur an den Hormonen liegen! Alles dreht sich um das Kind. Ich denke manchmal: Bin ich jetzt nur noch der Versorger? Der Würmerpicker, der das Nest füttert und dann wieder wegfliegt?

Julia: Man wird ja von einem Tag auf den anderen in so eine Maschinerie geworfen, die einen vollkommen gefangen hält: Kind schreit, du fütterst, Kind kackt, du wickelst, Kind schläft, du räumst schnell die Spülmaschine aus. Ich bin dann am Abend oft so platt – da ist mir wirklich nicht nach Zärtlichkeiten.

Max: Ich darf Julia noch nicht einmal anfassen. Sie schreckt schon zurück, wenn ich nur den Arm um sie legen will. Unser Sexleben liegt vollkommen darnieder.

Die Therapeutin: Hier zeigt sich wieder, wie wenig die beiden sich in den anderen hineinfühlen können. Julia spürt den ganzen Tag Johanna an ihrem Körper, sie ist satt an Berührungen, ihr ist nicht nach sexuellen Zärtlichkeiten zumute. Und Max fühlt sich zurückgestoßen. Beide Positionen kann man verstehen. Es ist schwierig für junge Eltern, die oft erschöpft und müde sind, wieder zu ihrem alten Sexualleben zu finden. Frauen brauchen eine Pause nach der Geburt – aber wie lange, ist bei jeder unterschiedlich. Wenn eine solche Situation andauert, rate ich Paaren zu vereinbaren, für einen gewissen Zeitraum nach der Geburt keinen Sex zu haben, in dieser Zeit aber sehr zärtlich miteinander umzugehen, sich zu streicheln, in den Arm zu nehmen, um sich allmählich wieder näherzukommen.

Max: Wie wir miteinander reden, so gehen manche nach 40 Jahren Ehe nicht miteinander um. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich das letzte Mal ein warmes, liebendes Wort von Julia gehört habe. Wann sie mir das letzte Mal eine Frage gestellt hat, die nicht gleichzeitig ein Vorwurf war.

Julia: So, wie es jetzt ist, empfinde ich es nicht als gerecht. Er steht einfach vom Abendtisch auf, lässt sich auf das Sofa plumpsen und macht den Fernseher an. Und der Tisch deckt sich von allein ab? Ich würde mich auch gern kurz mal ablegen. Ich würde auch gern einfach mal machen, wonach mir gerade ist.

Max: Sie ist so streitlustig. Schon am zweiten Tag, nachdem Julia mit Johanna aus dem Krankenhaus gekommen ist, ging das Gezeter los. Im Haus war ein ziemliches Chaos, wir haben in den Monaten vor der Geburt noch umgebaut, also dachte ich, ich tue etwas Gutes, und räumte die neue Küche, in die wir bis dahin nur schnell die allerwichtigsten Sachen gestellt hatten, ordentlich ein. Julia ist ausgeflippt! Sie fühle sich komplett übergangen, hat sie gesagt.

Julia: Ich hatte schon ein paar Sachen eingeräumt, und zwar so, wie ich es für sinnvoll erachte, und er stellt einfach alles um. Nur, um mir zu zeigen, wer Herr im Haus ist.

Max: Ich weiß bis heute nicht, wo das Problem liegt.

(Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die paar Stunden, die ich als Ergotherapeutin arbeite – da geht es nicht ums Geld, sondern um Bestätigung, sagt Julia.)

Julia: Max hat ja auch, bevor Johanna auf die Welt kam, hier noch alles verändert, hat Mauern versetzt, ganze Treppen rausgerissen. Aber dass es nicht so angenehm ist, hochschwanger im Zementstaub zu schlafen, ist ihm nicht eingefallen.

Die Therapeutin: Ich erlebe es immer wieder, dass Paare kurz vor oder nach der Geburt umbauen oder umziehen. Warum? Ein Kind braucht das erste Jahr nicht viel Platz, oft kommt es sogar ohne eigenes Zimmer aus. Ich kann ja den Nestbautrieb verstehen – aber man sollte sich seine Kräfte aufsparen, die ersten Monate mit einem Baby sind anstrengend genug. Der Küchenstreit und auch die Schilderung des Umbaus zeigen deutlich, wie sehr sich Julia und Max inzwischen missverstehen. Er meint es nur gut – sie fühlt sich überrannt. Er will fürsorglich sein, aber er baut während ihrer Schwangerschaft das Haus um, anstatt sich direkt um seine Frau zu kümmern.

Max: Julia hat jetzt angefangen, einen Vormittag in der Woche wieder zu arbeiten, das finde ich gut.

Julia: Die paar Stunden, die ich als Ergotherapeutin arbeite – da geht es nicht ums Geld, sondern um Bestätigung: Aha, ich kann also noch etwas anderes als wickeln, füttern, sauber machen.

Max: An diesem Vormittag ist Johanna bei mir in der Werkstatt. Da bin ich dann aber nur für sie da, spiele mit ihr, wickle sie auch, obwohl mir dabei sehr leicht schlecht wird. Aber ich halte mir ein paar frische Feuchttücher vor die Nase, und dann geht’s.

Julia: Max hat ein Lehrmädchen, die ganz verrückt nach Johanna ist und die in der Zeit oft mit ihr im Kinderwagen spazieren fährt. Ich weiß also, es geht ihr gut, und gleichzeitig bin ich glücklich, weil ich wieder in meinem alten Beruf arbeiten kann. Vielleicht brauchen wir einfach beide mehr Freiräume, mehr Zeit für uns allein.

Die Therapeutin: Ich finde es gut, dass Julia sich einen Freiraum geschaffen hat und wieder arbeitet. Aber noch besser wäre es, wenn Max und Julia sich auch einmal zusammen Zeit nehmen würden. Warum engagieren sie keinen Babysitter? Johanna ist alt genug. Die beiden sind doch noch ein Paar und nicht nur Mutter und Vater!

Max: Wir haben uns jetzt entschlossen, eine Paartherapie zu machen. Ich will mir nicht vorwerfen lassen, es nicht versucht zu haben.

Julia: Ich war erst erschrocken, als Max den Vorschlag machte, zur Therapie zu gehen. Wir? Wieso?

Max: Ich habe Julia immer bewundert für ihre Lebenslust, ihre Fröhlichkeit. Inzwischen frage ich mich manchmal: Ist das noch die Frau, der ich versprochen habe, bei ihr zu bleiben, bis der Tod uns scheidet? Ich erkenne sie kaum wieder.

Die Therapeutin: Die Entscheidung, eine Paartherapie zu machen, ist absolut richtig. Die Positionen sind verhärtet, und ich glaube fast nicht, dass Max und Julia allein aus ihrer Krise herausfinden. Eine Familie zu werden ist eine echte Bewährungsprobe – für jedes Paar. Aber die gute Nachricht: Ist das Kind erst einmal aus dem Gröbsten raus, so mit zwei, drei Jahren, dann finden auch die meisten Paare wieder zueinander; das belegen viele Studien. Wer allerdings die Bewährungsprobe nicht besteht, den wird auch ein älteres Kind nicht mehr zusammenbringen. Julia und Max, das ist meine Einschätzung, haben noch einen langen Weg vor sich.

Julia: Ich denke jetzt oft über unsere Beziehung nach. Ich versuche, mich an die schönen Momente zu erinnern, die wir gemeinsam hatten. Aber mir kommt immer ein Bild in den Sinn: Johanna ist auf die Welt gekommen, ich sehe, wie die Hebamme Max zuwinkt, das Baby auf dem Arm – und er weigert sich, sie zu nehmen. Was ist ihm in dem Moment durch den Kopf gegangen?

Max: Ich war k.o., das Blut, die Geburt, es war zu viel. Ich konnte Johanna nicht in den Arm nehmen, sie war mir vollkommen fremd. Was ist das für ein Wesen, das jetzt bei uns leben wird? Ich habe damals instinktiv geahnt: Von jetzt an wird jemand zwischen uns stehen.

Julia: Ich möchte nicht an Trennung denken. Wir haben uns ein Versprechen gegeben, das wirft man nicht einfach so weg. Vielleicht hätten wir vorher mehr darüber sprechen müssen, wie wir uns ein gemeinsames Leben mit einem Kind vorstellen.

Max: Ich glaube, so wie Julia und mir geht es Tausenden von jungen Eltern. Sie schlittern von einem Tag auf den anderen in etwas hinein und sind schlicht überfordert. Ein Kind, das ist doch das pure Glück! Das ist süß und lächelt. Aber das kann auch kotzen und schreien und auseinanderbringen, was vorher zusammen war.

Mit Dank an Charlotte Glas-Illner von der Beratungsstelle für Natürliche Geburt und Elternsein, e.V. in München

Fotos: Anja Frers

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