Willst du? Willst du? Willst du? Willst du? Willst du?

Männer überbieten sich mit immer aufdringlicheren und ausgefalleneren Heiratsanträgen. Kann der Quatsch bitte mal aufhören?

Mein bester Freund hat seine Freundin im Herbst mit zwei Flugtickets nach Stockholm überrascht. Dort ist er mit ihr in ein Ruderboot gestiegen, und an einer besonders schönen Stelle des Kanals hat er angehalten, erst das Boot und dann um ihre Hand. Der kleine Kahn hat bei jeder Bewegung gewackelt, aber mein Freund ist trotzdem vor ihr auf die Knie gegangen. Genau in dem Moment, als er ihre Hand nahm und die fünf entscheidenden Worte sagen wollte, hat ein Hausmeister am Ufer seinen Laubbläser angestellt. Mein Freund musste »Willst du meine Frau werden?« schreien.

Dann versuchte er ihr den Verlobungsring über den Finger zu streifen; er hätte das vorher üben sollen. Der Ring ist eine Art Kette, die man zweimal gekonnt um den Finger wickeln muss, richtig angelegt sieht er sehr elegant aus. Mein Freund hat es nicht hinbekommen, der Ring hing lasch am Finger der Freundin, so als ob er die falsche Größe gekauft hätte. So saßen sie im Zweimannboot: im Laubbläser-Lärm, mit einem verkehrt angezogenen Ring, trotzdem glücklich verlobt.

Es ist nicht einfach, einen gelungenen Heiratsantrag zu machen. Ich erzähle davon, weil ich finde, dass beim Thema Heiratsantrag gerade etwas falsch läuft. Das Problem sind Männer wie Justin Davis, der zweite Mann, von dessen Heiratsantrag ich kurz berichten möchte. Justin Davis kenne ich nur von Youtube. Sein Heiratsantrag heißt auf dem Videoportal »The best proposal ever!!« (»Der beste Antrag aller Zeiten!!«) und wurde fünfeinhalb Millionen Mal angesehen. Ich habe es dreimal probiert, aber ich kann mir den Film, der 14 Minuten dauert, nicht bis zum Ende ansehen, ohne vorzuspulen. Er ist mir peinlich.

Justins Idee: Inszeniert vom US-Fernsehsender Fox, überrascht er seine Freundin. Erst kommt eine Schauspielerin an den Tisch und schüttet ihm Wasser ins Gesicht, weil er angeblich eine Affäre mit ihr hatte. Justins Freundin weint. Dann kommen zwei falsche Polizisten und führen ihn ab. Justins Freundin weint noch mehr. Dann beginnen plötzlich um sie herum alle zu tanzen, Musik ertönt, die völlig verwirrte Freundin wird vor einen Brunnen geführt, immer mehr Leute tanzen, ihr Freund kommt im Anzug, hält um ihre Hand an, im Brunnen geht eine Wasserfontäne hoch, alle klatschen, sie weint wieder und sagt Ja. Dann sagt Justin, dass er jetzt gleich und hier heiraten will, sie weint wieder, ein Brautkleid wird herangeschafft. Zwischendurch zeigt die Kamera immer wieder eine Art Kontrollraum, in der ein ernst und gestresst wirkender Regisseur allen Beteiligten Anweisungen gibt: »Jetzt die Tänzer! Jetzt die Polizisten!«

Ich glaube, wenn Männer von Romantik überfordert sind, dann planen sie Heiratsanträge wie Justin: mit festgelegtem Zeitplan (18.45 Uhr: Freundin weint; 18.46 Uhr: Tänzer treten auf), mit Walkie-Talkies und möglichst vielen Überraschungen auf einmal. Bloß keine Sekunde Pause. Das alles soll Fantasie beweisen, aber das Ergebnis sieht aus wie ein Actionfilm.

Ein Mann täuscht vor, von einem vierstöckigen Haus zu fallen

Das Internet ist voll von solchen gefilmten Anträgen: Ein Mann täuscht vor, von einem vierstöckigen Haus zu fallen; als die Freundin hinabsieht, liegt er in einem großen Luftkissen und hält ein »Willst du mich heiraten?«-Schild hoch (6,5 Millionen Mal angeklickt). Ein anderer hat mit einem ganzen U-Bahn-Abteil ein Lied einstudiert (1,5 Millionen Mal aufgerufen). In den USA sind öffentliche Anträge in Football-, Basketball- oder Eishockeystadien so populär, dass man sie für ein paar Hundert Dollar ganz einfach kaufen kann, dann kriegt man in der Spielpause ein Mikrofon in die Hand gedrückt. Man muss nur im Zeitungsarchiv suchen, dann findet man auch bei uns in Deutschland solche Anträge: in Fußballstadien, in der S-Bahn (per Durchsage), beim Fallschirmspringen (mit dem Schriftzug »Heiraten??« auf dem Helm).

Seiner Freundin zu sagen, dass man den Rest seines Lebens mit ihr verbringen möchte, die wichtigste Frage im Leben zweier (nicht von zwei Millionen) Menschen, verkommt zu einem Jungs-Wettbewerb: Wer macht den größten, verrücktesten, gewagtesten, überraschendsten Antrag? Die Frauen tun mir leid, wie sie ihr Glück auf Großleinwänden teilen müssen, wie sie auf große Bühnen gezerrt werden, und immer ist eine Kamera dabei, die ihre Tränen filmt und dabei doch vor allem eins festhalten soll: was für ein toller Typ ihr Freund ist.

Die Fortsetzung gibt es inzwischen auch im Netz zu sehen: Sie heißt »Crazy wedding dance« oder »Greatest father and daughter wedding dance ever«, unglaublich aufwendig einstudierte Tänze, beides millionenfach geklickt. Wer der Freundin eben noch im ausverkauften Stadion das »Ja« aufgezwungen hat, der fängt am besten gleich am nächsten Morgen mit dem Einstudieren des »besten Hochzeitstanzes aller Zeiten!!« an.

Vielleicht schalten wir Männer wieder einen Gang zurück? Ein Heiratsantrag muss nicht wahnsinnig romantisch sein, um unvergesslich zu sein, romantisch reicht schon. Dafür genügt ein Laubbläser.

Illustration: Serge Bloch Foto: Getty

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