Du Zwilling meiner Seele

In kaum einer Sprache wird so blumig und poetisch über Liebe gesprochen wie im Arabischen. Ein Grund dafür ist auch die schwierige politische Situation in vielen arabischen Ländern.

»Tashkal assy« in arabischer Schrift: »Ach, möge ich doch vor meiner Liebe sterben, sodass sie mir eine Blume auf mein Grab legen kann.«

Tashkal assy, das sind Worte, die Damaszener durch Türritzen flüstern, intensiv und flüchtig wie ein Sonnenstrahl im Spätherbst. »Ach, möge ich doch vor meiner Liebe sterben, sodass sie mir eine Blume auf mein Grab legen kann«, bedeutet Tashkal assy. Das klingt dramatisch, ist für arabische Ohren aber Standard. Denn arabische Liebesschwüre müssen umarmen, küssen, liebkosen. Ob im dunklen Treppenhaus, in der Universität kurz vor Betreten des Hörsaals oder beim erschlichenen Treffen im Lieblingscafé: Liebende nennen einander »du Krone meines Hauptes«, »du Zwilling meiner Seele« oder »mein Augenlicht«. Sie wünschen sich gegenseitig nicht einfach nur einen »guten Morgen«, sondern einen »Morgen voll frisch aufgeschlagener Sahne« oder »voller Jasminblüten« oder voll mit etwas anderem, was eine Menge Kalorien hat und gut riecht.

Körperliche Beziehungen vor der Ehe sind in vielen Gesellschaften des Nahen Ostens immer noch ein Tabu. Die arabische Liebe muss deshalb mit jedem Wort eine Parfümwolke hinterlassen, so süßlich und schwer, dass sie noch tagelang in den Räumen hängt. Ständig und stürmisch wird über die Liebe geredet, weil sie außerhalb der Sprache kaum öffentlich existieren darf. Wahrscheinlich hat das Wort Liebe, al-hub im Arabischen, auch deshalb etwa 100 Synonyme.

Und die Liebe ist einer der letzten unverdächtigen Bereiche des arabischen Lebens. Das Sprechen über Politik und Religion wird geahndet, nur auf dem liebenden Auge sind die Diktatoren blind. Also wälzen sich auch Eltern, Kinder und Freunde im warmen Bett des arabischen Liebeswortschatzes.

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»Du Schatz meines Herzens« oder »mein teurer Augapfel«: Die Grundlage der blumigen All­tagssprache bietet die Beduinenlyrik. Das Leben in der Wüste verleihe den arabischen Poeten Weite und Fantasie, fand Johann Wolfgang von Goethe. Auch Qais, der Held in Madschnun Laila (»der von Laila Besessene«), der 1000 Jahre ältere arabische Romeo, suchte in der Wüste Zuflucht vor seinem Liebeskummer. Qais und Laila kennen einander seit Kindertagen, oder sie begegnen sich zufällig auf einem Fest – es gibt verschiedene Überlieferungen. Sie verlieben sich jedenfalls ineinander, so stürmisch, dass Lailas Eltern sie mit aller Macht trennen wollen. Also verheiraten sie ihre Tochter mit einem anderen Mann, sie wird unglücklich, schwach und krank. Qais irrt derweil in der Wüste umher, nur von wilden Tieren umgeben. Er dichtet, wird zur »Harfe seiner Liebe und Qual«. Als er hört, dass seine Geliebte an gebrochenem Herzen gestorben ist, verliert er den Verstand und stirbt an ihrem Grab.

Seine Geschichte wird bis heute erzählt, vielleicht um Liebende vor Qais Schicksal zu warnen: So sagen Frischverliebte zum Beispiel Tuqburni, mögest du mich be­graben, oder auch Toboshni, mögest du meine Augen zudrücken, wenn ich gestorben bin – beziehungsweise, wörtlich übersetzt, »meine Körperöffnungen mit Watte zudecken«, so wie es in der islami­schen Bestattungskultur üblich ist. Denn nichts gilt als schlimmer, als den Tod seines Geliebten oder seiner Geliebten zu überleben.

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