»Sich Geheimnisse zu bewahren, macht einen als Partner spannend«

Wie viel sollte man in einer Beziehung teilen? Ein Gespräch mit der Paar- und Sexualtherapeutin Beatrice Wagner über das richtige Verhältnis von Offenheit und Geheimnissen, heimliche Schwärmereien für andere – und Freiräume, die die Liebe größer machen.

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SZ-Magazin: Frau Wagner, wenn jemand zu Ihnen kommt und sagt: »Mein Partner hat Geheimnisse«, klingt das für Sie erstmal gut oder schlecht?
Beatrice Wagner: Eher schlecht. Wenn man Geheimnisse wittert, dann vermutet man in Beziehungen ja meistens Betrug. Der Mensch ist ein soziales Wesen, aber er musste auch immer auf der Hut sein, um zu merken, ob andere es gut oder schlecht mit ihm meinen. In unserer Stammesgeschichte war das überlebenswichtig, darum achten wir auf jedes kleine Zeichen und sind von Natur aus misstrauisch. Der Partner oder die Partnerin legt das Handy mit dem Bildschirm nach unten hin oder geht raus zum Telefonieren? Das wirkt für uns verdächtig. Das Wort »Geheimnis« ist heute noch mehr als früher negativ besetzt, weil wir in einer Zeit leben, in der man so offen ist wie nie zuvor. Wir präsentieren unser Privatleben auf Instagram und veröffentlichen auf Twitter unsere Gedanken, bevor wir überhaupt die Möglichkeit haben, da etwas Tiefgang reinzubekommen.

Ist es Zeit für eine Ehrenrettung des Geheimnisses?
Man kann sich den Begriff mal im ursprünglichen Wortsinn ansehen. Das Geheime ist erstmal nur das Verborgene, nicht das Verbotene. Geheim bedeutet: nicht für Außenstehende gedacht. Das muss ja nichts Schlimmes sein. Wenn mir eine gute Freundin etwas sehr Privates anvertraut, dann erzähle ich bewusst nicht davon. Man sagt so gerne: »Ich habe keine Geheimnisse vor meinem Partner«, das klingt gut, aber in diesem Fall würde ich eben das Vertrauensverhältnis zu meiner Freundin zerstören.

In diesem Interview soll es um gesunde Geheimnisse gehen, die einer Beziehung guttun.
Ja, die gibt es. Sich in Beziehungen noch Geheimnisse zu bewahren, macht einen als Partner ja spannend, gerade auch sexuell. Wenn man wirklich alles über den anderen weiß, gibt es nichts mehr zu entdecken, es kann sich nichts mehr entwickeln. Wenn man in Langzeitbeziehungen attraktiv bleiben möchte, darf man gern etwas Geheimnisvolles behalten. Das ist natürlich das große Dilemma: Einerseits ist Offenheit in der Partnerschaft wichtig für Vertrauen und Nähe, aber zugleich erzeugt das Geheimnisvolle die Spannung.

Wie sollte das Verhältnis zwischen geteiltem Leben und Privatsphäre in Beziehungen sein?
Es fällt mir schwer, da genaue Formeln festzulegen. Aber ganz grob gesagt, sind es vielleicht 20 Prozent Privatsphäre, die man nicht teilen muss, wenn man etwa 80 Prozent teilt, also die große Mehrheit des Alltags übereinstimmt.

Was wären Geheimnisse, die man ruhig für sich behalten darf?
Etwa das Thema, mit wem man früher, vor der aktuellen Beziehung, mal Sex hatte: Das kann ich erzählen, muss ich aber nicht, weil es meine Sache ist und ich niemanden unnötig verletzen muss, der damit nicht umgehen kann. Ich kenne eine Frau, die mal eine Affäre mit einem bekannten Politiker hatte, das muss der neue Freund vielleicht nicht unbedingt wissen. Weil diese Information auch die Privatsphäre des prominenten Ex betrifft. Oder im Alltag: Ein kurzes Anlächeln mit einem Fremden oder einer Fremden, auf der Straße oder an der Ampel – das ist eigentlich unbedenklich. So ein harmloser kurzer Alltagsflirt macht gute Laune und ist gut fürs Selbstbewusstsein, wovon der Partner sogar noch profitiert. Wenn ich mich in jemanden verlieben würde, wäre das natürlich schon kein gutes Geheimnis mehr.

Wie klar sind die Grenzen zwischen guten und schlechten Geheimnissen?
Ich denke, wir haben ein gutes Gespür dafür, wann man den anderen mit einem Geheimnis verletzen würde und wann nicht. Man kann ja auch mal sagen, ich möchte etwas lieber für mich bewahren. Aber wenn ich mich unwohl fühle mit meinem Geheimnis und wenn ich erleichtert bin, dass ich es dem anderen nicht davon erzählen muss, dann ist das kein gutes Zeichen. Oder wenn ich merke, ich erfinde Geschichten drum herum, um im Gespräch erst gar nicht in die Nähe des Themas zu kommen. Natürlich auch, wenn ich lügen muss. Ein guter Maßstab ist vermutlich: Könnten Sie ihrem Partner oder ihrer Partnerin davon erzählen, wenn Sie wollten?

Ein Kollege von mir hat mal darüber geschrieben, dass er sich im Alltag oft »blitzverliebt« in Frauen und sich dann für ein paar Sekunden ein gemeinsames Leben ausmalt. Ein akzeptables Geheimnis?
Man muss es schon aushalten können, dass der Partner auch mal andere attraktive Menschen sieht oder kennenlernt. Das Blitzverlieben, von dem Sie hier sprechen, klingt für mich wie kleine Fluchten oder Tagträumereien. Da müsste ich mehr wissen. Eine Schwärmerei scheint mir noch keine Gefahr für die Beziehung zu sein. Aber das geht ja oft weiter: Erst sieht man sich nur tief in die Augen, dann hält man nur mal Händchen, dann will man den anderen oder die andere nur mal kurz im Arm halten. Wenn ich merke, ich denke an eine gemeinsame Zukunft, dann sollte ich mich fragen: Was stimmt in meiner Beziehung nicht? 

Es gibt einige Online-Dating-Plattformen, die geradezu dazu aufrufen, Geheimnisse in der Beziehung zu haben, etwa die Fremdgeh-Webseiten wie »First Affair« oder »Secret.de«.  
Man muss das Thema »Geheimnis« durch die Digitalisierung teilweise neu definieren. Ich hatte jemanden in der Praxis, der mit seiner Partnerin wenig Sex hat, aber dauernd in Erotikchats ist und dort ganz andere Fantasien auslebt. Der Mann sagt, er sehe die Frauen dort ja nicht wirklich, er schreibe ihnen nur.

Was macht Sexting zu einem schlechteren Geheimnis verglichen mit einem Tagtraum in der U-Bahn?
Sexting bedeutet Interaktion.

Und wenn jemand dort Fantasien auslebt, die sein Partner oder seine Partnerin nicht teilt?
Ich bin Verfechterin davon, in Beziehungen auch den schweren Weg zu gehen, also darüber zu reden, statt sich zu denken: Was der andere nicht weiß, macht ihn nicht heiß. Um so eine Stunde im Erotikchat haben zu können, muss man viel Lügengerüst herumbauen. Wie viel schöner wäre es da, offen zu sagen, ich habe diese Fantasie, ich brauche das ab und zu, erlaube es mir. Dann könnte sie oder er sagen, okay, das gestehe ich dir zu – oder nicht. Man sollte einander die Chance geben, sich weiterzuentwickeln und neue Sichtweisen zu formen.

Kommen wir noch mal zur unbedenklichen Seite von Geheimnissen. Wie kann die bestenfalls aussehen?
Ich finde, man muss sexuell immer ein kleines Geheimnis in petto haben. Damit meine ich, sich zu überlegen, wie man den Partner oder die Partnerin mal überraschen kann. Gerade in der Sexualität sollte man etwas unberechenbar sein. Die immer gleiche Routine und bloß nichts Neues wagen – das ist auf Dauer nicht gut. Ein gutes Geheimnis jenseits von Sexualität wäre zum Beispiel, wenn man etwas Tolles gemacht hat, es nicht immer gleich zu erzählen. Wenn man sich nicht für jeden kleinen Erfolg feiert, sondern der Partner selbst herausfindet, dass man etwa anderen geholfen hat oder etwas beruflich geschafft hat.

Das müssen Sie genauer erklären.
Wenn Sie eine neue Sprache lernen möchten und es nicht gleich bei der ersten Vokabel verkünden, sondern ein paar Wochen für sich üben – und dann vielleicht im Urlaub das Essen auf Spanisch bestellen können. Oder wenn Sie für eine ältere Nachbarin miteinkaufen. Wenn Sie sich damit nicht brüsten, sondern die Nachbarin es erzählt, wird das noch viel selbstloser wirken. Manchmal hat eine gute Tat oder ein kleiner Erfolg mehr Wirkung, wenn der andere das alleine entdeckt.

Welche guten kleinen Geheimnisse gibt es noch?
Der Partner oder die Partnerin muss nicht unbedingt wissen, wie ich auf der Toilette aussehe, wie ich meine Beine rasiere, Hautunreinheiten loswerde oder meine Fußnägel schneide. Man muss sich auch den richtigen Zeitpunkt für ein Geheimnis überlegen: Wenn man die Eltern seiner neuen Partnerin oder seines neuen Partners nicht mag, muss man das am Anfang noch nicht sagen, aber auf lange Sicht. Und ganz wichtig: Man muss nicht jedes Problem gleich auf den anderen übertragen. Das kann man auch erstmal für sich selbst klären.

Die klassische Beziehungsfrage: »Was denkst du gerade?« Sollte ich meinem Partner oder meiner Partnerin immer ganz ehrlich sagen, wie es mir gerade geht oder kann ich das auch mal mit mir ausmachen?
Man muss dem Partner nicht jede schlechte Stimmung mitteilen. Es reicht, einfach mal zu sagen, ich bin grad nicht gut drauf, entschuldige. Wenn man merkt, dass man sich über den Partner grundlos aufregt, kleinlich ist, etwas zickig, vielleicht aus Gründen wie Bürostress, dann darf man diese Launen bitte auch mal für sich behalten. Wenn eine handfeste Krise oder ein wichtiger Grund dahinterstehen, sollte man natürlich drüber reden. Man muss den anderen auch nicht überstrapazieren, was kleine Krankheiten oder Unwohlsein angeht. Wenn man harmloses Kopfweh hat, vielleicht durch einen Wetterumschwung, kann man es auch mal überspielen, der Partner oder die Partnerin kann nichts daran ändern und muss es nicht ausbaden.

Ist Selbstbefriedigung oder Pornografie ein legitimes Geheimnis in einer Beziehung?  
Selbstbefriedigung muss in einer Beziehung erlaubt sein, sie entlastet ja auch, wenn etwa ein Partner mehr sexuelle Lust hat als der andere. Ich fände es allerdings schön, wenn man dabei bewusst an den eigenen Partner denkt. Sexualität ist so ein wichtiger Kitt in der Beziehung. Und ich merke, dass es doch etwas ausmachen kann, wenn man bei Selbstbefriedigung immer nur an Fremde denkt. Das verfestigt sich im Kopf. Beim Thema Pornographie dachte ich früher, was soll schlimm an Erotikfilmen sein, gelegentlich als Ablenkung oder Anregung? Mittlerweile habe ich so viele Patienten, die lieber Pornos anschauen, als Sex mit ihrer Partnerin zu haben. Umgekehrt gibt es das übrigens auch, allerdings seltener. Da läuft was falsch. Für mich ist der Königsweg hier, dass man versucht, gemeinsam sexuelle Phantasien zu entwickeln und sich die dann ausmalt.

Und wie viel Schnüffelei ist in einer Beziehung erlaubt?
Natürlich ist man neugierig, natürlich schaue ich mir zum Beispiel den Exfreund oder die Exfreundin bei der ersten Begegnung genauer an. Bei einem ausgewachsenen Verdacht ist Nachspionieren mal okay. Man muss aber auch aufhören können, wenn die ganze Zeit und Energie da reinfließt statt in die eigentliche Beziehung. Was gesunde und was ungesunde Geheimniskrämerei des anderen ist, fühlt man. Man muss sich gegenseitig Freiräume lassen, gerade auch in einer Pandemie wie jetzt: Wenn der andere nur noch im Büro oder Badezimmer mal fünf Minuten unbeobachtet sein kann, ist das ein Problem.

Gibt es bestimmte Typen, die eher Geheimnisse haben? Ist das auch eine Charaktersache?
Etwas allgemein gesagt: Die Introvertierten sind eher klassische Geheimniskrämer, die machen viel mit sich aus, ebenso die sehr charakterstarken Menschen. Extrovertierte wohl weniger. Und mit Geheimnissen umgehen zu können, die richtigen zu haben und die falschen nicht, ist sicher auch ein Zeichen von gutem Charakter.

Wenn ich den Partner an manchen Dingen nicht teilhaben lasse, auch aus guten Gründen, verberge ich damit nicht auch einen Teil meiner Persönlichkeit?
Das kann man auch andersherum sehen: Wenn ich alles wissen muss und jemandem keine eigenen Bereiche oder Interessen zugestehe, dann behindere ich meinen Partner oder meine Partnerin daran, die Persönlichkeit weiterzuentwickeln. Diese bewusst gegebene Freiheit ist ja eine Chance, auch in einer engen und guten Beziehung noch ein Stück nur man selbst zu sein. Man muss aufpassen, die Grenze zwischen Kennenlernen-wollen und Kontrollieren-wollen ist schnell überschritten.

Sollte man sein persönliches Verhältnis zu Geheimnissen vor einer Beziehung besprechen? Ich vermute, man unterlässt in der Kennenlernphase meistens Fragen wie: Wie viel Abstand brauchst du in einer Liebe? Wie viel Eigenleben, wie viele Geheimnisse?
Man merkt schnell, wie viel Abstand jemand braucht. Dennoch sollte man unbedingt früh darüber reden: Wie eng soll diese Beziehung sein? Wie häufig wollen wir uns sehen? Wie viel Ordnung ist dir wichtig? Wie gehst du mit Geld um? Wie hältst du es mit der Treue? Wie gehst du mit Ex-Partnern um? Damit Freiheiten, die für den einen selbstverständlich sind, für den anderen nicht verletzende Geheimnisse werden. Wenn ich nämlich nicht verstehe, warum mein Partner mir nicht alles erzählt, dann wird jedes gut gemeinte Geheimnis automatisch zum schlechten und verletzend, weil man es falsch interpretiert.