»Die Dating-Plattformen haben zurzeit Hochkonjunktur«

Trotz Abstandsregeln sehnen sich viele Singles nach Nähe. Aber wie gelingt Online-Dating in der Pandemie? Ein Gespräch mit der Psychologin Katharina Ohana über Corona-konforme erste Treffen, ungesunde Erwartungsmuster – und die Frage, wie man Einsamkeit überwindet. 

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SZ-Magazin: Frau Ohana, Abstandsgebot, Ausgangsbeschränkungen und Mundschutz ­– hat Corona die Liebe verhindert?
Katharina Ohana: Im Gegenteil. Die Dating-Plattformen haben zurzeit Hochkonjunktur. Es ist uns selten so bewusst geworden, wie wichtig soziale Beziehungen sind.

Was würden Sie jemandem empfehlen, der Online-Dating immer noch als unromantisch oder sogar peinlich empfindet?
Einfach machen. Ich kenne niemanden, der nicht gesagt hat: Das war hochinteressant. Es geht ja nicht darum, dass wir uns zur Bewertung freigeben. Es geht darum, jemanden zu finden, mit dem wir können – wenn wir wollen.

Wenn es im Chat gut läuft, kommt irgendwann doch der Realitätscheck in Form eines ersten Dates: Entweder man trifft sich draußen, wo es kalt und ungemütlich ist, oder gleich zuhause, was sehr intim und nicht gerade Corona-konform ist.
Grundsätzlich empfehle ich, den Realitätscheck schnell anzugehen und nicht ewig herumzuschreiben oder zu telefonieren. Denn selbst wenn man sich online und über Videotelefonie gut versteht, kann es sein, dass man sich von Angesicht zu Angesicht auf einmal nicht mehr wohlfühlt. Das erste Date würde ich tagsüber im öffentlichen Raum machen – ein Spaziergang eignet sich bestens. Ein Abendessen kann auch in Nicht-Corona-Zeiten sehr lang werden, wenn es nicht passt. Außerdem sind wir tagsüber andere Menschen als abends.

Inwiefern?
Wir begegnen uns tagsüber ehrlicher, und es fällt leichter, das Date höflich abzubrechen, wenn es nicht passt.

Nehmen wir an, der Spaziergang läuft gut: Wie schafft man auf Abstand Nähe?
Das Unbewusste macht 95 Prozent unserer Denkprozesse aus. Die fünf Prozent Bewusstsein haben nicht viel Einfluss darauf, ob wir uns verlieben. Die Nähe oder der Abstand gelingen da von ganz alleine. Auf einmal geht die Zeit schneller rum, man hat das Gefühl, man kennt den anderen schon seit Jahren. Oder wir zählen eben die Minuten. Diese Dinge können wir gar nicht steuern. Dating muss auch dahingehend verstanden werden: Es geht hier nicht darum, die meisten Komplimente abzuräumen. Es geht darum, jemanden zu finden, der passt. Wir müssen unbedingt unsere Kränkbarkeit herunterfahren. Geduldig dranbleiben, ohne eine Ablehnung als Angriff auf die eigene Person zu deuten, ist der Schlüssel zum Erfolg. Das Unbewusste verliebt sich nicht so einfach.

Was können Singles tun, wenn sie in Corona-Zeiten eine bleierne Einsamkeit überkommt?
Das ist hart, das kann man auch nicht schönreden. Regelmäßiger Kontakt zu anderen Bezugspersonen hilft. Kommen Sie selbst mal wieder in die Startlöcher und rufen Sie Leute an, vielleicht auch die, die Sie schon lange nicht getroffen haben. In allen Krisen gilt: Tun Sie Dinge, die Ihnen guttun. Etwas Gutes kochen. Bewegen Sie sich. Sehen Sie sich Ihre Lieblingsserie an.

»Überlege wohl, bevor du dich der Einsamkeit ergibst, ob du auch für dich selbst ein heilsamer Umgang bist«, schrieb Marie von Ebner-Eschenbach. Wie kann man sich eine gute Zeitgenossin oder ein guter Zeitgenosse sein?
Die Wirtschaft hätte gerne, dass wir so nett zu uns sind, dass wir ständig konsumieren. Das Befriedigungsgefühl nach Konsum verblasst aber schnell wieder. Wirklich nett sind wir zu uns, wenn wir gute Beziehungen führen. Ich bin zwar Psychoanalytikerin, aber die Verhaltenstherapie hat für die Alltagsgestaltung ganz gute Tipps: Schaffen Sie Rituale. Immer dienstags putzen, jeden zweiten Tag Sport, am Donnerstag essen bestellen. Das gibt Halt und Struktur in Krisen.

Wie passt man auf, dass die Einsamkeit einen nicht dazu bringt, ungute Kontakte aufrechtzuerhalten?
Das ist relativ banal: immer dem Gefühl vertrauen. Wenn man eigentlich schon weiß, dass einem etwas nicht guttut, bitte einfach bleiben lassen. Genauso wie viele derzeit gerade ihre Wohnungen ausmisten, kann man die Zeit auch nutzen, um zu sehen, welche Beziehungen einem eigentlich nur schaden.

Zurück zum Dating: Gibt es vielleicht auch Vorteile, die der Lockdown mit sich bringt?
Corona nimmt den Druck raus, schnell körperlich zu werden, wenn man das nicht möchte – wobei man sich den Druck sowieso nie machen sollte. Außerdem haben wir etwas Zeit und Muße, unsere Profile ordentlich auszufüllen. Mir hat mal ein Mann gesagt, wenn ich noch einmal im Profil einer Frau lese, dass sie lieb und lustig ist, melde ich mich ab. Das Wichtigste ist: Nun wissen wir, wie einsam wir nicht sein wollen. Leute, die sich nur schwer auf Beziehungen einlassen konnten, wagen diesen Schritt nun vielleicht mutiger, wenn sie jemanden finden, mit dem sie gerne zusammen sind.

Neben Sex und Kuscheln fallen in der Pandemie selbst Massagen weg. Was können Menschen tun, die sich nach körperlicher Nähe sehnen?
Wegen der Ansteckungsgefahr ist hier tatsächlich Vorsicht geboten, um sich und andere nicht in Gefahr zu bringen. Halten Sie das aus. Statt das zu bedauern, hätte ich einen anderen Vorschlag: Menschen, die in Beziehungen immer und immer wieder scheitern, oder Menschen, die unerfüllbar hohe Ansprüche haben, könnten den Lockdown nutzen, sich ihrer Muster bewusst zu werden. Das tut sicher weh, aber es lohnt sich zu fragen: Wo gibt es Regelmäßigkeiten, wo gibt es Zusammenhänge? Liebe ist etwas Gelerntes. Wir lernen etwa über die Konstellationen, in die wir hineingeboren werden, die Kultur, in der wir aufwachsen, und die Erwartungen, die unsere Eltern an uns stellen. Wann, wenn nicht jetzt, lohnt es sich, einmal ausgiebig zu reflektieren, warum es in der Liebe nicht klappen will?

Aber man kann auch einfach mal einen schlechten Lauf haben, oder?
Manchmal ist einfach der Wurm drin, ja. Wenn man aber schon ein paar Beziehungen hatte, finden sich Regelmäßigkeiten: Entweder man verliebt sich immer in einen Typ oder in zwei verschiedene, die sich abwechseln. Wenn Sie Geschwister haben, fragen Sie mal nach deren Meinung – die sind knallhart in ihrem Urteil und ehrlich, wo Freundinnen es oft nicht so sind. Da wird die Schuld am Scheitern immer den anderen zugeschoben. Ganz oft haben Menschen – gerade Frauen – enorme Ansprüche, an denen sie scheitern. Fragen Sie sich: Was soll der tolle Hecht alles haben? Und dann fragen Sie sich: Was können Sie sich selber davon erfüllen?

Sie meinen, wenn man beispielsweise eine Beziehungshistorie aus leidenden Künstlern und zuverlässigen Sparkassenbeamten hat, soll man sich fragen, ob man der eigenen Kreativität genug Raum gibt, und sich selbst um die eigene Rente kümmern?
Genau, wenn Sie jemanden suchen, der Ihnen Ihre Wünsche und Ideen vom Leben erfüllen oder Ihre Probleme lösen soll, ist das immer zu viel verlangt. Nicht selten habe ich meine Klienten alleine auf Reisen geschickt, wenn sie mit dem Anspruchs-Thema gekämpft haben. Dann haben sie gesehen, wie patent sie eigentlich selbst sind – und wie wenig sie jemand anders dafür brauchen.

Woher kommt es, dass viele Menschen immer wieder nach Partnern greifen, die eigentlich gar nicht passen?
Es hat viel mit enttäuschter Erwartung aus der Kindheit zu tun. Es hat aber auch viel damit zu tun, dass sich Frauen und Männer unheimlich anstrengen, perfekt zu sein. Sie erwarten dann aber auch bitte den gleichen hohen Marktwert beim Partner. Die Vermarktwirtschaftlichung von Liebe spielt eine große Rolle. Als könnte man einen Deal eingehen: Wenn ich mein Aussehen und meinen Lebenslauf aufpoliere, kann ich dafür auch etwas fordern.

Die Marktwirtschaft folgt zumindest einer Logik, an der man sich festhalten kann. Darauf zu vertrauen, dass einen die Liebe finden wird, wenn man nur perfekt genug ist. Das lässt viele Leute in einer Hilflosigkeit zurück.
Ob Sie jemanden treffen, der zu Ihnen passt, können Sie nicht beeinflussen. Sie können aber Ihre eigenen Erwartungs-Muster durchbrechen. Um sich zu verändern, reicht es nicht zu grübeln. Erkennen ist zwar immer der erste Schritt, aber nur sogenannte korrigierende Erfahrungen können unseren Blick weiten und uns auch wieder wissen lassen, warum wir uns etwas von einer Beziehung wünschen. Das können therapeutische Erfahrungen sein. Oder wir muten uns Dinge zu, vor denen wir immer Angst hatten oder über die uns gesagt wurde: Das kannst du nicht. Wir müssen hinein ins Leben! Dadurch vernetzt sich auch unser Gehirn neu, und nur so können wir uns verändern. Achtsamkeitsübungen und positives Denken sind schön und gut, aber sie verharren im Denken – und bewirken meist gar keine Veränderung in den Handlungen, Bewertungen und Selbstbildern. Das ist in Pandemie-Zeiten natürlich schwieriger als sonst, aber vieles klappt auch online: eine neue Sprache lernen, einem Buchclub beitreten, eine neue Sportart lernen und sich mit Freunden dazu verabreden.

Wir haben zu hohe Erwartungen an die Liebe, die alles richten soll? Gerade während der Pandemie kann man sich leicht einreden, alles wäre besser zu ertragen, wenn da ein Mensch an seiner Seite wäre.
Die vermeintlich perfekte Liebe wird uns auf Instagram unter die Nase gehalten. Sieh mal, bei anderen hat es geklappt! Die leben ein perfektes Leben unter Palmen, im Dauerglück. Gerade jetzt in der Pandemie sollten wir uns von diesem Dauerstreben nach Perfektion verabschieden. Wir leben in ständiger Anstrengung, besser sein zu müssen. Es gibt mittlerweile schon Burnout-Statistiken für Grundschulen. Wir rackern uns ab, dafür erwarten wir aber auch ein besonderes Leben. Unsere ganze Kultur ist eine narzisstische, in der einem ständig erzählt wird: Du kannst der Größte sein. Das nehmen wir dann auch für die Liebe an. Das hat nur mit der Realität wenig zu tun.