»Ich will nicht deine Schokolade sein«

Wie fest Rassismus gesellschaftlich verankert ist, merkt unsere afrodeutsche Autorin besonders beim Dating und in der Liebe: Wegen ihrer Hautfarbe wird sie mal abgelehnt, mal gemocht und sehr oft zum Klischee erklärt. 

 »Ich bin es leid, selbst in meinen Beziehungen wegen meiner Hautfarbe in unangenehme Situationen zu geraten.«

Foto: privat

Meinen ersten Liebeskummer hatte ich lange, bevor ich eine Beziehung einging. Es war in der achten Klasse, er hieß Philipp. Eine Freundin hatte ihm gesteckt, dass ich ihn mag – er kam kurz darauf auf mich zu, um mir zu sagen, dass ich »nicht sein Geschmack« sei. Er war verknallt in meine blonde Klassenkameradin Vanessa. Meine Mutter sagte mir, dass das mit den Jungs schon irgendwann klappen würde. Sie erzählte mir von einer Freundin, die eine Tochter hat, die wie ich afrodeutsch ist, also einen deutschen und einen afrikanischen Elternteil hat. Diese Tochter könne sich vor Verehrern kaum retten, die auf ihre hellbraune Hautfarbe abfahren würden.

Tatsächlich kamen sie dann später auf »den Geschmack«. Bei Tinder schrieben mir Männer Dinge wie: »Ich mag Schokolade« oder »gute Mischung«. Auch die anderen stellten irgendwann fast immer die Frage: »Wo kommst du her?« »Aus Berlin« zählte als Antwort oft nicht. Die Männer wollten auf meinen ghanaischen Vater hinaus, auf eine Kultur, mit der ich nicht aufgewachsen bin. Ich lernte, mich zu rechtfertigen für das, was ich bin: deutsch und Schwarz. Zwei scheinbare Gegensätze.

Mir schrieben auffällig oft Männer, die sich auf ihren Fotos als Abenteurer inszenierten. Gerne mit Surfbrett am Strand oder umringt von Kindern in Afrika. Besonders hellhörig wurde ich bei denen, die in ihr Profil Sprüche schrieben wie »Once you go black, you never go back«. Ich war ziemlich schnell genervt von der App, besonders weil ich das Gefühl hatte, dass sie mich durch ihre Oberflächlichkeit auf meine Hautfarbe reduzierte.

Vorurteile sind mir aber auch in der analogen Welt begegnet. Ich war zwar schon lange nicht auf Dates, aber ich erinnere mich noch, wie ich bei ersten Treffen völlig unvermittelt gefragt wurde, ob ich singen könne. Auf meine Frage, warum das denn so sein sollte, bekam ich zu hören: »Na, das könnt ihr doch alle.« Damals habe ich nicht realisiert, mit was für groben Vorurteilen ich konfrontiert wurde.

Schwarze Frauen wurden am schlechtesten bewertet, sie bekamen weniger Likes, weniger Unterhaltungen und weniger Verabredungen

Anders sein müssen. Einem Erwartungsdruck ausgesetzt sein, den man nicht erfüllen kann und will. Exotisiert und in Schubladen gesteckt werden, bevor man jemanden das erste Mal getroffen hat: Es ist keine leichte Aufgabe, etwas zu erklären, das für viele unsichtbar ist. Die Debatten um Rassismus in diesem Land dominieren leider Extremfälle, und jedes Mal ist die Überraschung, wie im Fall Özil, groß. In Zeitungen und Fernsehsendungen wird dann analysiert, ob und wie rassistisch Deutschland noch ist. Dann ist das Thema vom Tisch, bis wieder neue Skandale kommen. Was aber weiter ungestört vor sich hinschlummert, ist der Rassismus in seiner subtilen Form. Nicht der individuelle, laute, mit Absicht gemeine. Anders als in meiner Kindheit der 90er-Jahre erlebe ich Beleidigungen auf der Straße kaum noch. Aber Rassismus bestimmt Denken und Handeln im Alltag. Zwei Lebensbereiche, in denen diese meist unbewusste Denkweise wie unter einem Brennglas deutlich wird, sind Dating und Beziehungen.

Die Journalistin und Autorin Alice Hasters hat über dieses Thema in ihrem Buch »Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten« geschrieben: »Wir wollen gerne an der Vorstellung festhalten, dass alle gleiche Chancen haben, Partner*innen zu finden.« Als Gegenbeweis zitiert sie eine Studie der Dating-App OkCupid aus den USA, die von 2009 bis 2014 das Verhalten heterosexueller Nutzer und Nutzerinnen in Bezug auf Vorlieben bei der Partnerwahl untersuchte. Schwarze Frauen wurden den gesamten Zeitraum über am schlechtesten bewertet, sie bekamen weniger Likes, weniger Unterhaltungen und weniger Verabredungen, als die übrigen Teilnehmergruppen. »Die Daten zeigen meines Erachtens ziemlich deutlich, dass wir unsere Partner*innen nicht aus romantischen Vorlieben heraus wählen oder ablehnen, sondern aufgrund von Vorurteilen, die wir über sie haben«, schreibt Hasters. Ein bestimmter »Typ« basiere oft auf einer Anreihung von Vorurteilen oder einer Fetischisierung.

Eine Freundin mit guineischen Wurzeln erzählte mir kürzlich von jemandem, der ihr auf einer Party sagte, wie schön er sie fände. Um seinem Kompliment Nachdruck zu verleihen habe er ihr erzählt, dass auf seine Schule viele Schwarze gingen, die aber alle hässlich seien. Er schätze vor allem die Mischung aus afrikanischen und europäischen Zügen. Dann gab es da noch einen anderen, der ihr beim ersten Date besonders ausführlich von seinen Schwarzen Kumpels und Exfreundinnen erzählte. Er ging davon aus, dass sie Hip-Hop mag und kifft. Weil sie ihn ansonsten nett fand, traf sie sich zwei Monate lang mit ihm. Doch sie gewann den Eindruck, dass er sich ein Bild von ihr machte, das mit ihr selbst nur wenig zu tun hatte. 

Mein französischer Freund schenkte mir zum Geburtstag Ohrringe mit kleinen, braun-weiß gestreiften Muscheln und sagte: »Wie du und ich«

Auch bei mir kam es schon öfter vor, dass ich von meinen Partnern völlig unerwartet mit meinem vermeintlichen Anderssein konfrontiert wurde. Das waren meist Situationen, die auf den ersten Blick völlig harmlos schienen. Etwa Witze mit Bezug auf die Hautfarbe – auf die dunkle natürlich, denn Witze über helle Haut sind mir bis heute nicht eingefallen. Ein Exfreund sagte mal, ich solle aufpassen, wenn ich Schokoriegel esse. Denn es könne passieren, dass ich mir in den Finger beiße. Fand ich lustig damals. Es wurde eine Art Running Gag zwischen uns. Als ich irgendwann beschloss, statt der Echthaar-Verlängerung meine Haare das erste Mal in unserer Beziehung natürlich zu tragen, verging ihm das Lachen. Daran müsse er sich erstmal gewöhnen, hatte er mir gesagt. Ich war sehr enttäuscht. Er wahrscheinlich auch, denn wie Beyoncé sah ich nicht mehr aus.

Bemerkungen über die Hautfarbe sind natürlich kein rein deutsches Phänomen: Mein französischer Freund schenkte mir zum Geburtstag Ohrringe mit kleinen, braun-weiß gestreiften Muscheln und sagte dazu: »Wie du und ich.« Ich verkniff mir eine Antwort. Ich wollte die Situation nicht verderben. Und auch mit den Schwiegereltern kann es zu unangenehmen Situationen kommen. Ich erinnere mich noch, wie merkwürdig es sich anfühlte, als die Mutter eines Exfreundes mir bei unserer ersten Begegnung freudestrahlend von einem Dialog mit ihrem Sohn erzählte. Er hätte ihr schon vor jenem Treffen erzählt, dass ich Schwarz bin. Ihre erste Reaktion darauf sei »So ganz?« gewesen. Nur halb, habe er ihr dann zu verstehen gegeben. Auf jeden Fall habe sie nichts dagegen und sei total tolerant, sagte sie mir. Ich fragte mich, warum meine Hautfarbe dann überhaupt schon beim Kennenlernen thematisiert werden musste.

Mit Mückenstichen vergleicht die Autorin Alice Hasters diese Mikroaggressionen. Im Einzelnen erträglich, doch in ihrer Häufung kaum auszuhalten. Ich weiß nicht, wie viele ich davon schon kassiert habe. Ich kann nur sagen, wenn es vom eigenen Partner oder dessen Familie kommt, ist es besonders schwierig, damit umzugehen.

Dass all das kein Zufall ist, erklärt mir die Amerikanistin und Kulturwissenschaftlerin Dr. Jule Bönkost. Zusammen mit Josephine Apraku leitet sie das Institut für diskriminierungsfreie Bildung (IDB) in Berlin, das unter anderem Workshops zum Thema Rassismuskritik in Liebesbeziehungen anbietet. »Mit Fremdzuschreibungen an ihre Partner*innen mit Rassismuserfahrung, zum Bespiel verpackt in Form von exotisierenden ›Komplimenten‹, rassistischen Witzen oder Beleidigungen im Streit, setzen Weiße weiß-Sein als Standard und Normalität«, sagt Bönkost. Sie seien ein Machtinstrument, dem sich häufig unterbewusst bedient werde.

Diese Mechanismen gehen auf den Kolonialismus zurück. »Weiße Europäer*innen betrachteten die Bewohner*innen der damaligen Kolonien, das vermeintlich Fremde, von Anfang an auch mit Faszination. Auf sie wurden weiße Wünsche und Sehnsüchte projiziert«, sagt Bönkost. Dazu hätten Zuschreibungen sexueller Freizügigkeit und Naturverbundenheit gehört, als deren Gegenstück das zivilisierte und rationale europäische Selbstbild entworfen worden sei. Dieser Exotismus habe dazu gedient, Unterdrückung und Ausbeutung zu rechtfertigen. »Wie so viele rassistische Vorstellungen aus der Kolonialzeit, gibt es diese exotisierenden Fremdzuschreibungen bis heute. Sexualisierende Darstellungen Schwarzer Frauen, in denen sich weiße sexuelle Wünsche manifestieren, sind weit verbreitet«, sagt Jule Bönkost. Das sei unter anderem im Tourismus, in der Werbung und im Fernsehen der Fall.

Was hat es mit dem Schokoladen-Vergleich auf sich, den ich mir schon so oft anhören musste? Jule Bönkost sagt, mit solchen Bemerkungen werden unbewusste kolonialrassistische Bilder abgerufen und wiederholt: »Exotisierende rassistische Vorstellungen bringen Schwarze Menschen seit jeher auch in Verbindung mit Lebensmitteln und Konsumartikeln wie Kaffee und Schokolade, die historisch mit Kolonialismus, Ausbeutung und Versklavung von Schwarzen Menschen verknüpft sind.«

Rassismus anzusprechen, auch den subtilen und unbewussten, hat Konsequenzen. Die Debatten verderben Abende und verletzen Egos. Denn niemand will ein Rassist sein. Aber ich bin es leid, selbst in meinen Beziehungen wegen meiner Hautfarbe in unangenehme Situationen zu geraten. Deshalb habe ich beschlossen, mit dem freundlichen Lächeln aufzuhören, auch und gerade bei Menschen, die ich mag. Ich werde offen über das Thema sprechen: Es ist Teil von mir, ob ich es will, oder nicht. Und wo ist es wichtiger akzeptiert und ernst genommen zu werden, als in der eigenen Beziehung?

Zuletzt habe ich meinem Freund auf einer Geburtstagsfeier erklären müssen, warum es mich wütend macht, wenn mir Fremde in die Haare greifen. Das war an dem Abend mal wieder passiert. Aber dann hat er mich verstanden. Mir einfach zugehört, kein »das war doch nicht so gemeint« folgen lassen. Ein guter Anfang, finde ich. Als nächstes schaffen wir es hoffentlich, dass ich mich irgendwann gar nicht mehr für meine Gefühle rechtfertigen muss. Denn das tue ich eigentlich schon viel zu lange.